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Portrait - Bioracer

Von Maß und Masse

Dem belgischen Unternehmen Bioracer eilt ein besonderer Ruf als Hersteller von Sportbekleidung voraus. Leistungsstark ist es vor allem in der Individualisierung seines Angebots. Doch nicht nur mit Textil möchte Bioracer in Zukunft wachsen.

Aerodynamik, optimiert mit virtuellen Hilfsmitteln. Bioracer bietet Kunden ein Analysetool für die beste Position. Tapen statt Nähen: Die weiterentwickelten Textilien ermöglichen auch neue Arten der Verarbeitung.Entwicklung und Produktion sind weiterhin am Standort Tessenderlo in Belgien vorhanden. Hier ein Blick auf die Vorstufe zum fertigen Aero-Anzug.

Der Banker Akihiro Takaoka nimmt sein Hobby ernst. So ernst, dass er dafür um die ganze Welt reist. Der Ehrgeiz treibt ihn an diesem windig-regnerischen Donnerstagmorgen Mitte Februar in ein Industriegebiet an der Autobahn Hasselt-Antwerpen. Takaoka möchte nichts dem Zufall überlassen und lässt sich von Kopf bis Fuß vermessen. Er möchte Senioren-Straßenrad-Weltmeister werden. Deshalb schreitet er vom Parkplatz in den zweigeschossigen Unternehmenssitz einer Firma, die vor allem für ihre Kleidungsstücke bekannt ist.
Es ist die Zentrale der belgischen Firma Bioracer, die seit ihrer Gründung 1986 einen guten Ruf für Bekleidung von Hochleistungssportlern aufgebaut hat. Für Rennradfahrer, aber auch Eisschnellläufer und Triathleten liefert der flämische Spezialist aerodynamische und leichte Sportkleidung. Man rühmt sich, Ausstatter bei beinahe 200 Weltmeistertiteln gewesen zu sein. Das Unternehmen ist auch über den Kundenkreis der Kaderathleten hinaus von Bedeutung. Mit einer Strategie der Massen-Individualisierung hat die Firma es inzwischen auf einen Jahresumsatz von 27 Millionen Euro gebracht. Als Spezialist für die biometrische Optimierung verfolgt Bioracer ehrgeizige Ziele.

Software für die Positionsanalyse

Das Firmenlogo deutet an, dass es bei Bioracer nicht ursprünglich um Textilprodukte geht. Vielmehr erkennt man leicht die Inspirationsquelle: Das Logo erinnert mit einem Menschen in einem Vermessungsraster an den vitruvianischen Menschen, gezeichnet vom Universalgenie Leonardo da Vinci. Der belgische Mittelständler sieht sich als Spezialist für die Anatomie des menschlichen Köpers und die Anpassung von Rad, Schuh und Kleidung an die körperlichen Eigenheiten seiner Kunden. Die Firma verkauft nicht nur Hosen, Trikots, Jacken und weitere Funktionstextilien. Sie bietet auch Soft- und Hardware für die virtuelle Sitzpositionsanalyse, steckt Kunden in virtuelle und reale Windkanäle und hat eine eigene Lösung für Schuheinlagen entwickelt.
Die Wurzeln von Bioracer liegen im Fahrradbau. Gründer Raymond van Straelen genießt in der flämischen Radsportszene den Ruf eines Genies. Er war selbst ambitionierter Rennradfahrer, danach Soigneur, doch arbeitete er über 22 Jahre hauptberuflich in einem eher entspannten Angestellten-Job bei der damaligen staatlichen Telefongesellschaft RTT. Mit etwa 40 konzentrierte sich van Straelen dann voll darauf, Erkenntnisse aus dem Rallye- und Motocross-Sport auf das Radfahren zu übertragen: Man müsste doch über die optimierte Sitzposition ein ideales Ergebnis herausholen können. Heute gilt er als Pionier des Bikefittings in seinem Heimatland. Er war unzufrieden mit den vorhandenen Geometrien und ließ deshalb Räder selbst anfertigen. Die Rahmen schweißte Jochim Aerts auf Maß, der Gründer und heutige CEO der Belgian Cycling Factory mit der Kernmarke Ridley.
Wer häufiger über belgische Autobahnen fährt und zumindest eine gewisse Affinität zum Radsport besitzt, hat mit einiger Wahrscheinlichkeit auf dem Weg nach Antwerpen beim Blick aus dem Fenster riesige aufgeblasene Trikots der nationalen Verbände Belgiens, der Niederlande und Deutschlands bemerkt. Sie stehen, wenn es nicht gerade stürmt, vor dem Firmensitz, als Erkennungszeichen. Das Geschäft mit der Radsportbekleidung startete van Straelen, als Radfahrer noch mit Woll- und Baumwollkleidung fuhren. Er setzte auf leichte und elastische Kunstfasern, die sich damals schon im Skisport durchgesetzt hatten. Er orderte zuerst eine Charge bei einem Schweizer Hersteller, dann fertigten er und seine Frau ihre erste eigene Kollektion. Auf ihren Erfahrungsschatz als Modedesignerin für
Herrenkleidung ließ sich dieses Geschäft aufbauen.

Wir haben es geschafft, Massenmarkt und Custom-Anpassung zusammenzubringen.«Danny Segers

Fünf bis zehn Minuten für ein Polster

Was mit zwei Nähmaschinen in der Garage der van Straelens begann, ist heute weltweites Business. Seit Januar 2018 führt Danny Segers das Unternehmen, der es immerhin seit 2004 kennt. Segers, ein ruhiger und aufgeschlossener Gesprächspartner ohne Allüren, zeigt jeden Winkel und jedes Muster seines Unternehmens. Er führt ins Protolab, die Fertigung für die Prototypen des Hauses. Eine Mitarbeiterin verbindet gerade zwei Textilteile mit Tape, wo man normalerweise eine Naht vermutet. Segers wechselt den Raum, in der Produktionshalle referiert er vor der Schneidemaschine über die Vorteile deutscher Lieferanten und das langfristig unlösbare Problem, in Märkten wie Belgien Textilarbeitskräfte zu finden. Drumherum sieht man sowohl computergesteuerte als auch menschliche Arbeit. Während der Apparat millimetergenau und stoffsparend Schnitte vornimmt, befestigt eine Mitarbeiterin mit Ruhe und Stecknadeln ein Sitzpolster an einer Bib-Hose, um es dann an ihrem Arbeitsplatz anzunähen. Fünf bis zehn Minuten nimmt sie sich dafür, den Finanzmanager Segers scheint das nicht zu beunruhigen. Im Gegenteil: Er macht mit der Mitarbeiterin noch einen Scherz über das Thema Effizienz.
»Wir haben es geschafft, Massenmarkt und Custom-Anpassung zusammenzubringen«, sagt Segers. Bei Textilien bietet Bioracer drei Linien. Da sind zunächst die Standard-Produkte im Bioracer-Design, wie es beispielsweise über Online-Händler vertrieben wird. Dieselben Schnitte und Qualitäten von Kleidung lassen sich aber auch vollständig im eigenen Design anfertigen. Dank digitaler Technik und Sublimationsverfahren lassen sich die Formen und Farben in hoher Qualität auf den Stoff übertragen. Dieses Geschäft mit angepassten Trikotsätzen ist bei Fahrradclubs beliebt, ebenso bei Firmen, die ihre Mitarbeiter mit einheitlicher Radkleidung ausstatten. Allein 35 Prozent des Umsatzes gehen auf dieses Geschäft mit Firmen zurück. Segers hat den Bestellprozess so anpassen lassen, dass die ordernden Unternehmen mit der Abwicklung kaum etwas zu tun haben. Die Endkunden bekommen die Kleidung direkt zugesandt. Mit Blick auf diese Zielgruppe, häufig eher Pendler als Sportler, möchte er mit seinem Team auch bei den Kollektionen Neues entwickeln, etwa zusätzliche Sicherheitsfeatures. Das Geschäft mit der Custom-Ware könne auch für Händler etwas sein, findet Segers. Es sei für Radgeschäfte auch kommerziell attraktiv und ermögliche eigene Akzente. »Das funktioniert schon mit kleinsten Stückzahlen und mit einer sehr attraktiven Marge, dazu ohne Lagerrisiko«, sagt der Geschäftsführer. Er beziffert eine mögliche Kalkulation: Einkaufspreis für ein Jersey von 25 bis 30 Euro, Verkaufspreis von 70 oder 75 Euro. Da sich über Sportklubs größere Kundengruppen ansprechen lassen, habe man allerdings dort und nicht beim Vertrieb an den Handel die Prioritäten gesetzt.
95 Prozent des Umsatzes erzielt Bioracer mit Custom-Textilien. Es gebe zwar auch Orders von 3000 oder 4000 Stück, aber die durchschnittliche Bestellgröße beträgt 25. »Wir haben ein System aufgebaut, mit dem wir das relativ einfach bewältigen können«, erklärt Segers, der persönlich die Einführung des EAP (Enterprise Application Software) und der Prozesse vorantrieb.

900 Euro für zwei Maßanzüge

Ein kleiner, aber für das Image wichtiger Geschäftsteil liegt in der vollständigen Maßanfertigung. Fahrer wie der deutsche Zeitfahr-Star Tony Martin haben sich bei Bioracer für den idealen Windwiderstand einkleiden lassen. Jeder kann das nutzen, allerdings kostet es auch: 900 Euro müssen Kunden dafür einrechnen, dafür bekommen sie zwei Trikotsätze. Die Zusammenarbeit mit den Leistungssportlern ist ein wichtiges Argument für das Unternehmen, um in der Masse ernstgenommen zu werden. Seit 2008 arbeitet Bioracer mit dem Bund Deutscher Radfahrer, in der Zusammenarbeit mit dem Institut für Forschung und Entwicklung für Sportgeräte werde man dauerhaft gefordert. Segers sieht das als belebend.
Die Produkte sind im Marktvergleich nicht besonders teuer. Das verwundert, denn hier wird viel Aufwand getrieben, um die Funktionalität dauerhaft zu steigern. Beispielsweise zeigen sie auf die Trikots, die von innen mit in einem Spinnennetzmuster mit Graphene beschichtet sind. Das Muster soll die Kühlung des Sportlers verbessern. Lange habe man, sagt Performance Manager Jelmer Jacobs, am genauen Muster und Abstand der Graphene-Stränge herumexperimentiert, um das richtige Ergebnis zu erreichen.

Neuerungen aus der Entwicklungsabteilung

Ist das alles nur Marketing oder ist es wirkliche Forschungsleistung? Bioracer-Chef Segers lässt da keinen Zweifel. Er habe überhaupt erst seit diesem Jahr einen Mitarbeiter für das Marketing im Unternehmen. »Bei uns kommen die Neuerungen aus der Entwicklungsabteilung. Es ist manchmal etwas frustrierend zu sehen, wenn neue Marken aufkommen, die große Behauptungen aufstellen, aber nicht über die Expertise oder gar die Daten aus dem Windkanal verfügen können.« Allerdings gibt es schon einen gewissen Zwang zum Nachlegen von Neuerungen. Seine Vertriebsleute, sagt der Chef, würden diese Erwartung durchaus ins Unternehmen tragen.
Segers hat Fantasien. Er möchte ein Unternehmen schaffen, das sich der Nachhaltigkeit im Sinne der UN-Entwicklungsziele weiter verpflichtet und für seine Fortschritte 2021 zertifiziert werden soll. Auch der Kern-Business-Erfolg soll kräftig zulegen. Er habe da ein Ziel, das vielleicht nicht ganz realistisch wirke: Bis 2030 möchte er es schaffen, den Umsatz auf 100 Millionen Euro zu steigern. Das werde aber kaum funktionieren, ohne entweder Unternehmen mit Zusatzgeschäft zu akquirieren oder weitere Produktionsunternehmen zu kaufen und das eigene Geschäftsmodel in Süd-, Nordamerika und Asien wie in Europa nachzubauen. Bioracer betreibt bereits, in Eigenregie und in Joint Ventures, Produktionsstätten in Tschechien, Rumänien und Nordmazedonien. Vor zwei Jahren stieg Bioracer zudem auf Vermittlung des Radstars Rigoberto Uran in Kolumbien ein. Schon im ersten Jahr erwirtschaftete man dort 1,3 Millionen Umsatz. Kolumbien gilt Segers als mögliches Sprungbrett, um auch das Geschäft in den USA und Kanada zu starten. Die Marktanbahnung laufe über ein Büro in Montreal.

Speedcenter für Fachberatungsbetriebe

Ein Aspekt, über den sie bei Bioracer derzeit viel reden, ist eng verwandt mit dem Ursprung der Firma. Es geht ums Maßnehmen, das Bikefitting und die Optimierung der Biomechanik. Mit seinem Angebot »Speedcenter« möchte das belgische Unternehmen vor allem solche Partner gewinnen, die ihren Kunden einen Rundum-Service bei der Sitzpositions- und Leistungsberatung bieten. Das aktuelle Angebot sei für den Handel vielleicht eine Nummer zu groß, die Beratung zu ausgiebig, meint Segers. Aber die platzsparende Lösung für individualisierte Sohlen (siehe separater Bericht ab Seite 48) und auch der Einsatz eines Fitting-Bikes zum Vermessen der besten Längen und Winkel könnten ambitionierte Händler interessieren. Segers richtet den Blick in die Zukunft. »Der Händler muss Mehrwert bieten, wenn jemand ein Rad vermessen möchte«, sagt er, aber übermäßig Zeit habe er dafür auch nicht. Also müsse eine handhabbare Lösung her. Daran arbeite Bioracer aktuell und bediene sich hierbei Künstlicher Intelligenz. Das Projekt sei bereits zu 95 Prozent abgeschlossen.
Natürlich gibt es nicht viele Kunden wie Akihiro Takaoka, das ist klar. Der hat sich mithilfe einer Computervisualisierung zeigen lassen, welchen Unterschied die Position auf dem Rad für die Leistung bedeutet. Aber wenn er schon einmal in Belgien ist, dann möchte er es nicht bei der Simulation belassen. In weniger als zehn Autominuten Entfernung begibt er sich in den Windkanal, wo er unter den Augen von Jelme Jacobs und einem Expertenteam seine Körperhaltung und verschiedene Kleidungsvarianten im Airstream testen lässt. Dafür ist Geduld gefragt: Takaoka muss sitzen wie eine Wachsfigur, während der Wind rauscht und die Experten messen. Wer solche Betreuung bis ins letzte Detail wünscht, findet sie auch bei Bioracer.

3. März 2020 von Tim Farin

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