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Besonderer Messeflair im Motorwerk in Berlin
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Messe Kolektif Berlin

Willkommen zurück im Club

Vom 24. bis 26. März war das Berliner Motorenwerk wieder Austragungsort der Kolektif. Jung, dynamisch und ziemlich hip gab sich die Veranstaltung, die als Messe nur unzureichend bezeichnet ist, denn (...)

Julian Wiebke von InflabiAlexander Bisaliev von Velobirdkompaktes Cooper E-BikeMartin Augner von ZyclismNils Schoof - Schoof & JensenZyclism Rumbummeln-SockenFahrradmanufaktur Böttcher mit Premiere auf der KolektifMalte Blask von Conkey

(...) für viele junge Menschen mit Fahrrad-Hintergrund war sie wohl einfach ein Treffpunkt zum gemeinsamen Schwärmen und Bike erleben. Und erleben kann auch zusammen rumbummeln sein.

"Rumbummeln Deluxe" steht auf den Socken des Labels Zyclism, das der Hamburger Martin Augner 2015 mitbegründet hat. Die Socken sind aus Merinowolle mit einem Anteil Polyamid und Elasthan – und sie fühlen sich sehr angenehm an. Die Trikot-Kollektion von Zyclism setzt auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz: Das Rohmaterial wird als Plastikmüll von den Meeren gefischt und zertifiziert zu Polyesterfaser recycelt. Das Design ist wie die Aussage unaufgeregt und frisch. Die Kunden und Kundinnen können zwar die Optik nicht mitbestimmen, aber in puncto Ausstattung mitentscheiden, sich also eine bestimmte Art von Abschlussbündchen oder ähnliches wünschen. www.zyclism.de

Never change a Winning Team

Warum diese Kollektion am Anfang eines Beitrags über eine Fahrradmesse steht? Die Gelassenheit, die dieser Slogan ausdrückt, passt bestens zur Einstimmung auf die Veranstaltung. Sie suggeriert: Hier geht es nicht um die Höchstleistung, sondern um den Spaß, nicht um das große Geld, sondern die Leidenschaft. Und das zieht sich durch die gesamte Kolektif, die am letzten März-Wochenende im Motorwerk in Berlin-Weissensee einlud. Änderungen im Konzept? “Never change a winning Team”, so der Geschäftsführer des Veranstalters Rad Race, Ingo Engelhardt. Das galt für das gesamte Konzept, angefangen von der tatsächlich sehr gut passenden Industriekultur-Lokation über die Eintrittsgebühr – “pay what you wish” stand auf der Preisliste –, bis hin zur Beschallung, die vor allem Freitagabend von 17 bis 22 Uhr mit Nachdruck zur Stimmung beitrug. Auch in Sachen Aussteller blieb man sich treu. “Wir haben nicht professionell vermarktet”, so Engelhardt. Man passte aber auch dieses Jahr durchaus auf, dass die Aussteller zum cool angehauchten Ambiente und entsprechender Klientel auf den 1.000 Quadratmetern passten. Zum Leidwesen eines großen deutschen Händlers, der keinen Stand bekam. “Wir wollen das Club-artige beibehalten”, so der Veranstalter. Mit im Club waren zwar auch große Versender, wie das Unternehmen Canyon, das auch als Unterstützer der Koliktif fungiert, oder Rose.

Luftnummer mit Helm

Man bekommt auch Neuheiten-Knaller zu sehen: Julian Wiebke stellte auf der Messe den Inflabi vor, einen textilen, luftgefüllten Helm. Vorteile: Leicht, komfortabel, platzsparend, wenn nicht gebraucht. Der luftleere Helm passt in die Bauch- oder Hosentasche. Die Grundlage bildet ein Gewebe, dessen Poren mit thermoplastischem Material luftdicht verschlossen wurde. Über ein Ventil pumpt man diese zum Helm geformte Gewebestruktur auf zwei Bar auf und bietet, so der Mitgründer von Inflabi, den vollen Schutz eines Fahrradhelms. Die Zertifizierung nach der Helm-Norm EN 1078 läuft derzeit. Bei Inflabi macht man sich darüber keine Sorgen: Der Helm soll stärker belastbar sein als die üblichen Fahrradhelme. Um die 150 Euro dürfte der Inflabi kosten, eine kleine elektrische Pumpe wird es dazu auch geben. Www.inflabi.com

Leichtbau für Lastenfans

Eine Berliner Fahrradmesse ohne Lastenrad? Unvorstellbar. So gibt es auf der Kolektif nicht nur das traditionelle Lastenradrennen, sondern auch den ein oder anderen Newcomer des Segments zu sehen. Das Conkey Longtail wurde von Malte Blask entwickelt und gebaut und ist derzeit wohl das einzige seiner Gattung aus Kohlefaser. Das Rad ist kein Ergebnis von Basteleien, denn der Macher kommt aus dem Boots- und Flugzeugbau, dürfte also wissen, wie mit dem Material umzugehen ist. Der Monocoque-Rahmen ist für den effizienten Ablauf der Konstruktion optimiert. Der Rahmen stellt von vorne bis hinten die tragende Struktur, lediglich die Ladefläche ist separat hinzugefügt. Das große Vorderrad soll die Laufeigenschaften auf schlechtem Untergrund optimieren. Ohne E-Ausstattung und mit Nabenschaltung wiegt das Rad etwa 18 Kilogramm. Bei der Komponentenwahl ist Kunde oder Kundin frei. Das etwa 2,40 Meter lange Rad ist mit zwei verschiedenen Ladeflächen-Größen zu haben. Der Einstiegspreis liegt bei 4.800 Euro, mit Motor bei 6.000 Euro. Www.conkey.de

Cargobike für eine ganze Generation


Einen spezielles Long John konnte man von Schoof und Jensen sehen – oder ist es eher ein Bakfiets? Jedenfalls ist der Radstand nach vorne verlängert, über dem 20-Zoll-Vorderrad thront eine Ladefläche. Doch auch unter dieser Fläche können zwei Trageflächen links und rechts vor den Pedalen ausgeklappt werden, ähnlich wie beim Hase Pino. Sie können je eine Getränkekiste aufnehmen. Diese oder andere Ladung wird mit Gummibändern gesichert. Spezielle Aufbauten für die Ladefläche sind in Entwicklung. Die Geometrie hat Nils Schoof so angelegt, dass sich Menschen von 1,60 bis 1,95 Meter Körpergröße darauf wohlfühlen. Statt eines Tretlagers kann der Rahmen auch diverse Motoren-Modelle aufnehmen. Das Ganze ist etwa 30 cm länger als ein normales Fahrrad, ließ sich aber bei einem ersten Fahrtest sehr dynamisch bewegen. Es soll als “ein ganz normaler Alltagsbegleiter“ genutzt werden. Ziel sei ein Cargobike, das mindestens eine Generation lang genutzt wird. Der Einsteig liegt bei 3.900 Euro, mit Motor bei 6790 Euro, die Nullserie sei bereits verkauft. Www.Schoof-Jensen.de

Individueller Sattel aus dem Drucker

Kolektif-Premiere hatte auch Posedla mit ihrem Konzept zur Produktion eines 3D-Druck-Sattel: Wer seinen individuell an die eigene Ergonomie angepassten Sattel in Auftrag gibt, bekommt von Poselda zunächst eine etwa Din-A3 große Form zugeschickt, auf der er seinen Po-Abdruck bleibend hinterlässt – ähnlich wie man das von anderen Unternehmen mit dem Wellpappe-Abdruck kennt. “Der hier verwendete, mehrere Zentimeter dicke Schaum kann die Formen genau abbilden”, erklärt Martin Ripa von Posedla. Dieser Abdruck wird von Kundin oder Kunden anschließend aus mehreren neun verschiedenen Perspektiven fotografiert. Zudem wird eine Liste zur Art des Fahrrads, Häufigkeit und Länge der Nutzung und anderer Faktoren abgefragt. Aus diesen Daten kann Posedla in einem speziellen 3D-Druckverfahren aus TPU den individuellen Sattel herstellen. Alles in allem werden 490 Euro fällig. Www.posedla.com

Böttcher wird zum Hipster


Zu einer Zeit, in der Stahl im Fokus vieler junger Radfahrenden liegt, sind Tradtionsfirmen mit entsprechendem Rahmenmaterial auch ohne einen bewusst coolen Auftritt wieder gefragt. Böttcher aus Heide (nördlich von Hamburg) ist zum ersten Mal auf der Kolektif. Das gut 100-jährige Unternehmen präsentierte in Berlin ihren Custom-Bereich. Räder aus Stahl unter anderem für das Gravel- und Trekking-Segment. Das Evolution Gravel hat einen Rahmen aus Reynolds 853-Rohr. Vieles weitere kann online konfiguriert werden, bis hin zu den RAL-Farben. Verkauft wird nur über Händler. Etwa 10.000 Räder produziert das Unternehmen im Jahr.

Kompakt wie der Mini


Cooper, eine zu TechniBike gehörende Marke, die sich auf den Entwickler des Mini-Cooper bezieht, stellte erstmals das neue E-Kompaktrad UTY mit Kreuzrahmen aus Stahl vor. Mit 7-, 8-, oder 9-fach-Nabenschaltung und Shimano-Antrieb soll das Rad für die City prädestiniert sein und für alle Familienmitglieder zwischen 1,40 und 1,90 Meter Größe passen. In der Vertriebsstrategie sei man noch offen, so Daniel Hermann vom Vertrieb. Das UTY zielt mit 2.899 Euro auf die günstige Einstiegs-Klasse für E-Kompakträder. Www.cooperbikes.de

Ist gebraucht das neue Neu?


Der Gebrauchtmarkt floriert, so muss man annehmen, sieht man auf die wachsende Zahl von Anbieter. Auf der Kolektif vertreten war unter anderem Velobird: “Entstanden ist das Unternehmen aus einem Netzwerk für Vintage-Fahrräder”, erzählt Gründer Alexander Bisaliev. Mittlerweile geht es mehr um hochpreisige Fahrräder aus dem sportiven Sektor. Ablauf Aus dem bereits aufgebautem Händlernetzwerk werden Velobird Räder angeboten. Der Händler kann mit einem ersten technischen Check einschätzen, in welchem Zustand das jeweilige Rad ist. In der Zentrale in Berlin-Lichtenberg werden die Räder aus ganz Deutschland dann gesammelt und noch einmal durchgecheckt. Über die Internetseite Velobird.de werden sie dann angeboten.
Privatpersonen können aber ihre Räder auch direkt an Velobird verkaufen, dazu gibt es auf Velobird.com eine genaue, einfache Anleitung. Www.velobird.com

“Wir wollen lieber nicht wachsen”

Insgesamt zählte der Veranstalters Rad Race 7.700 Besucher an insgesamt zweieinhalb Tagen. Ein neuer Rekord. Wer den späten Samstag Nachmittag erlebt hat, mag diese Zahl gern glauben. Teils waren die Sitzelemente in der Hallenmitte schon deshalb voll besetzt, weil in den Gängen kein Platz mehr zum Schlendern war, zeitweise gab es Einlasssperre. Die insgesamt 7.000 Quadratmeter Fläche wurden optimal ausgenutzt. Mit 90 ausstellenden Marken waren zwei mehr als 2022 vertreten, etwa 10 davon hatten auf der Kolektif Premiere. Viel genutzt wurde, trotz des sehr durchwachsenen Wetters, die Möglichkeit, Räder direkt auf dem Gelände Test zu fahren, auch wenn der Platz dazu doch recht eingeschränkt war.

Das Rahmenprogramm war abwechslungsereich: Vom Gravel-Ride mit Extrensportler Jonas Deichmann über Vorträge zum Rahmenbau und 3D-Druck, das Cargobike-Rennen bis zu einer Reise-Diashow war für viele etwas dabei. Schon obligatorisch ist das Last Wo/Man Standing, ein Ausscheidungsrennen für Fixed Gear, das extern auf einer Kartbahn stattfand. “Wir sind keine reinen Messe-Veranstalter, sondern Eventmacher”, erklärt Ingo Engelhardt von sich und seiner hier 60-köpfigen Crew. Ein Hinweis darauf, dass das Ambiente der Lokation und das Zuhause-Fühlen des Publikums mindestens so viel zählt wie die ausgewogene Ausstellermischung. Und dazu gehört auch eine gewisse Überschaubarkeit. “Wir könnten, aber wir wollen uns lieber nicht vergrößern” erklärt Engelhardt. Und wer auf der Kolektif war, versteht das.

28. März 2023 von Georg Bleicher
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