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Markt - Bikepacking

Alles im Rahmen

Bikepacking, das roch für die Radfahrenden schnell nach Abenteuer, für den Handel zunächst nach einem kurzen Trend. Wo steht das Segment mittlerweile, ist daraus ein neuer Markt geworden und wer kann profitieren?

Wer sich auf Google Trends die Suche zum Thema Bikepacking anzeigen lässt, erkennt zwei starke Peaks im Hochsommer 2019 und 2020. Dort lässt sich zudem erkennen, dass die Suche nach dem Thema schon ab April 2020 auf hohem Niveau war. Der Lockdown und der damit verbundene Fahrradboom, die Möglichkeit, mit dem Offroad-Bike zumindest vor der Haustüre ein bisschen Urlaubsfeeling zu schnuppern, verschafften dem Thema starke Aufmerksamkeit. Das ist eine Entwicklung, die vor drei Jahren so nicht absehbar war. Das Angebot an Taschen für Rahmen, Sattel und Lenker ist unterdessen gewachsen, sowohl was die Marken- als auch was die Produktmenge angeht. Nicht selten hat ein Hersteller heute 20 oder mehr unterschiedliche Bikepacking-Modelle im Portfolio.


Bikepacking ist neben Abenteuer auch Pendeln und Alltag, sagt man bei Paul Lange und bringt mit dem Sortiment von Pro eine breite Range.

Eine interessante Entwicklung ist, dass vorhandene Produkte genauer angepasst wurden. Das kann im Einzelnen bedeuten, dass Konzepte, wie etwa die Lenkerrolle, verändert wurden oder dass bestimmte Module einen Adapter für die Flaschenhalter­ösen bekommen und in bestimmten Bereichen verstärkt werden. Rückmeldungen der Nutzerinnen und Nutzer für die Hersteller haben hier oft starken Einfluss.

Alles ist drin: Urlaub, Pendler, Mobilität

Beim deutschen Hersteller Ortlieb wurde die Bikepacking-Range sukzessive erweitert. Mit den Fork-Packs, Gabeltaschen, hat man vor einem Jahr neues Terrain betreten. Dabei stand das hauseigene QL-Adaptersystem bei der Befestigungslösung Pate. Eine Adapterschiene kann am Gabelholm mit oder ohne Lowrider-Ösen befestigt werden und eine 4-Liter-Tasche aufnehmen, die einfach per Klick entnommen werden kann. Die schnelle Abnahme ist sicher ein Punkt, warum Bikepacking auch fürs Pendeln immer interessanter wird und in den Themenbereich »Mobilität« fällt. Hier sieht Ortlieb-PR-Manager Peter Wöstmann auch deutliche Zugewinne. »Das Thema Gravelbike ist omnipräsent«, sagt er, »und auch die Pendler entdecken es für sich.« Für Bikepacking-Hersteller ist das eine Gelegenheit, ihr Portfolio in dieser Richtung noch mehr auszubauen. In diesem Sinne praktischer geworden ist auch die zweite Variante des Frame-Packs, also der klassischen Rahmentasche. Mit einem Rollverschluss statt des Zippers wird sie leichter zugänglich. In der Kategorie »hoher Nutzen« könnte das Bikepacking-Angebot in naher Zukunft also durchaus weiter ausgebaut werden.
Doch kann der stationäre Bike-Fachhandel vom Boom profitieren? »Ich glaube schon, dass der Fahrrad- oder Sportfachhändler, der das Thema ernst nimmt, damit auch sehr einfach eine Themenwelt schaffen kann«, so Wöstmann. Sicher ist die Kernzielgruppe online-affin, aber gerade über das Thema Gravelbike komme Bikepacking gut in den stationären Handel. »Wenn der Händler nur Tiefeinsteiger verkauft, ist das natürlich nicht umsetzbar, aber wer Pendler und Gravelbiker unter den Kunden hat, dem gelingt das. Der Sport- und Outdoor-Fachhandel tut sich natürlich noch leichter, hier funktioniert das beispielsweise über das Thema ›Microadventure‹ sehr gut«, so Wöstmann.

»Wir erwarten, dass sich Bikepacking weiter etabliert«

Bei Paul Lange, wo man unter der Zubehörmarke Pro auch ein Bikepacking-Sortiment anbietet, sieht man das Segment zwar als kleinen, aber durchaus festen Bestandteil des Angebots an. »Wenn man Tagestouren, Pendler, Wochenendausflügler etc. zusammennimmt, kann man von einer festen Sparte rechnen.


Viel Stauraum am Rad zu schaffen, das ist der Kern von Bikepacking. So steht auch großen Radabenteuern nichts mehr im Weg.

Wir werden auch dranbleiben, das Angebot regelmäßig an die Bedürfnisse der Zielgruppen anzupassen«, erklärt Michael Wild, Leiter Marketing und PR von Paul Lange. Auch deshalb wird bei Pro fast grundsätzlich selbst entwickelt, selten gibt es laut Wild Übernahmen von bereits vorhandenen Produkten, die ein Lieferant oder Produzent bieten kann. So sind die Bikpacking-Taschen Eigenentwicklungen »mit dem hohen Qualitätsanspruch, den Pro mit Shimano teilt.« Die Pro-Produktrange soll für Einsteigerinnen wie für Ambitionierte das Passende bieten, »der Fokus liegt aber auf Qualität, Leistung und Zuverlässigkeit«, so Wild. Eine separate Präsentation von Bikepacking-Produkten kann mangels Platz nicht jeder Händler leisten, doch ließe sie sich dieses Ziel in die Präsentation der entsprechenden Fahrräder integrieren, sodass das Platzproblem weitgehend umgangen werden kann.

Die robuste englische Art zu pendeln

Die Londoner Marke Apidura brachte schon 2014 ihr erstes Bikepacking-Set heraus und ist damit einer der ältesten Anbieter auf dem Markt. Bei aller Hipness des lifestyligen Produkts legt Apidura den Fokus auf Robustheit und Praxis, weniger auf das Design. Mittlerweile gibt es fünf Kernserien.

Auffällig ist, dass mit der City-Serie auch der Mobilitätssektor noch einmal gesondert angesprochen wird. »Der Fokus liegt in dieser Serie auf Pendeln und dem Leben in der Stadt«, so Creativ Content Lead Chris Herbert. Man sieht den Begriff weit gefächert. »Im Endeffekt ist Bikepacking für jeden relevant, der Rad fährt. Deshalb wird sich die Entwicklung, gerade durch den Bikeboom, weiter fortsetzen.« Dabei setzt man bei Apidura gezielt auf kleine Fachgeschäfte, die sehr nahe an Kunden und Kundinnen sind und sehr individuell beraten können. In Deutschland gibt es derzeit 17 Apidura-Händler. Die Tendenz zeigt sehr deutlich nach oben.

»Eine Marke reicht!«

»Wir sind über eine Kundenanfrage auf Apidura gestoßen«, sagt Carsten Wien vom Rennlenker-fokussierten Fachgeschäft Schicke Mütze in Düsseldorf über das Taschenangebot der Engländer, »und wir waren am Anfang sehr skeptisch.« Das sollte sich mit den ersten Erfahrungen der Geschäftsführer ändern. Der Qualitätsanspruch und die nachhaltige Einstellung des Unternehmens passten gut zum Image des kleinen, aber feinen Düsseldorfer Ladens. Die Taschen sind hochpreisig, doch gibt es durchaus teurere. Der feste Kundenstamm, ein Großteil Rennrad-Fans verschiedener Couleur, tendenziell aber deutlich mehr an Stahl- als Rahmenmaterial denn an Carbon orientiert, macht es dem Händler einfach.

»Die meisten haben schon Erfahrungen gesammelt und kommen, um etwas Hochwertiges zu kaufen, Nachhaltigkeit ist ihnen wichtig«Carsten Wien, Schicke Mütze Düsseldorf

Gibt es durch übermäßige Nutzung oder Sturz ein Loch in einer Tasche, wird das Produkt nach London geschickt und geflickt. Für die Präsentation der Taschen baut man in der Mütze keine große Abenteuerwelt auf. »Wir präsentieren ein voll ausgestattetes Rad, fertig. Uns reicht die eine hochwertige Marke. Das passt zu uns.«

»Bikepacking? Lohnt nicht!«

Selbe Stadt, etwas andere Klientel: Jost Henkenjohann leitet Westside, ein sportiv ausgerichtetes Fahrradfachgeschäft mitten in der City. Die Marke Specialized steht im Fokus, aber auch Edelrenner wie Basso oder Ridley und ausgewählte deutsche E-Bikes wie Coboc gibt es hier. Trotz der sportiven Ausrichtung sieht Henkenjohann keine Chance für Zubehör wie ein Bikepacking-Sortiment in seinem Laden. »Heute kaufen die Leute alles rund ums Rad beim großen Online-Händler und kommen vielleicht noch zu dir, um ein Fahrrad zu kaufen.« Außerdem schätzt er die Beratung und das Ausprobieren in diesem Bereich als recht aufwendig ein. Eine Chance sieht Henkenjohann eher bei einem speziellen Fokus auf das Gravel-Segment, in dem dann Bikepacking einen wesentlichen thematischen Anteil einnähme, »aber wir sind hier auch einfach ausgelastet mit unserem Radverkauf.« Eine Spezialisierung auf Gravel steht nicht zur Debatte.

»Bikepacking ist kein Fall für den Onlineshop!«

Anders geht man bei Radfieber, einem breit aufgestellten Fahrradshop in Köln an das Thema heran. »Wir haben hier einen halben Raum, den wir unter das allgemeine Thema Reisegepäck stellen. Dazu gibt es nebenan noch eine separate Wand, die sich ganz der Bikepacking-Präsentation widmet,« erklärt Vertriebsleiter Toby Schwabe.


Bikepacking ein gutes Thema für den stationären Handel? Hier gehen die Meinungen stark auseinander.

»Für uns ist ganz klar, dass Bikepacking kein Thema für den Online-Shop ist, weil es vor allem für Einsteiger sehr beratungsintensiv ist. Wer sich ein Rad kauft, wird anschließend in Sachen Gepäcktransport ausführlich beraten. Oft probiert er auch erst einige Zeit aus, wofür er sein Rad wirklich nutzt und kommt dann mit genauerer Vorstellung davon, welche Tasche er braucht, wieder zu uns.« Der Service-Gedanke ist dabei wichtig. »Wer sich für eine Bikepacking-Tasche entscheidet, bekommt vor Ort die Schutzfolie für den Rahmenlack auf die entsprechenden Stellen geklebt, sodass die Taschen den Lack nicht aufscheuern.« Radfieber hat sich in Sachen Bikepacking mit Topeak, Ortlieb und seit Kurzem mit Brooks (zusammen mit Klickfix) verpartnert. »Da ist für jeden etwas dabei, die Allrounder für Einsteiger und Micro-Adventure, die robusten, wasserdichten für An­­spruchsvolle und etwas für Leute, die das Besondere wollen«, erklärt Schwab die Entscheidung für die drei Marken.


Alles wasserdicht: Dem deutschen Hersteller Ortlieb passt der Bikepacking-Trend bestens ins Portfolio.

»Die Händler verschlafen den Trend!«

Ähnlich strukturiert man es beim Outdoor-Filialisten Globetrotter. »Ortlieb ist hier vom Volumen her unsere wichtigste Marke, außerdem für die Gewichts-Freaks Vaude. Wer Edles sucht, bekommt die neue Brooks-Serie, und für den praktisch veranlagten Einsteiger gibt’s die Taschen von Pro«, sagt Nico Thomas, Produktmanager für diesen Bereich. »Derzeit muss man allerdings sagen, das Geld spielt für den Kunden praktisch keine Rolle.« Natürlich haben sich die Verkäufe im Corona-Jahr 2020 ins Internet verlagert, aber Thomas sieht für den stationären Handel in Zukunft viele Möglichkeiten. »Ein großer Teil der Kunden und Kundinnen haben sich gerade ihr erstes Gravelbike gekauft und brauchen durchaus Beratung.« Deshalb will man immer eines, in den großen Stores in Köln, Frankfurt und Dresden auch mehrere, gut ausgestattete Räder bereitstehen haben, die schon erklärend wirken. »Wir haben gerade das große Glück, dass die meisten Fahrradhändler diesen Trend einfach verschlafen«, so Thomas. »Der Übergang vom Bedarf für den Kurztrip hin zum großen Urlaub ist im Bikepacking fließend, das sehen wir schon am Markt in den USA. Das Thema wird ganz sicher bleiben und noch breiter und größer werden.« Dass es auch ein echtes Lifestyle-Thema ist, zeigt die Wichtigkeit von Design und Optik. »Das Farbdesign muss zum Fahrrad passen«, so Thomas, und wagt einen Blick in die Zukunft. »Viele Textilhersteller steigen jetzt in den Bereich ein. Sie werden aber nicht bleiben, weil ihnen die Authentizität und daher auch das Storytelling fehlt.«
Fehlt vielen Fahrradhändlern tatsächlich der Mumm, um sich gewinnbringend mit dem Thema auseinanderzusetzen? Oder fehlen vielmehr aufgrund des E-Bike-Booms der Platz und die personellen Kapazitäten? Sicher scheint, dass Bikepacking keine Eintagsfliege ist. Die Entwicklungen gehen weiter und auch dieser Sommer und Herbst könnten wieder eine gute Grundlage für Kurzurlaub und manches Micro-Adventure vor der Haustür werden.

3. Juni 2021 von Georg Bleicher

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