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Kolumne - Marius Graber

Bis der letzte Fünfliber fällt

Die Sinneskrise beginnt ganz harmlos und unverdächtig: Die Dame mit ihrem schicken E-Bike und dem gepflegten, adretten Äußeren fragt nach einem Zusatzschloss. Gute Idee, kleine Sache, denke ich...

... und lege das Werkzeug hin. Den Platten am Hinterrad schaffe ich auch danach noch locker, bis der Kunde vom Kaffee zurückkommt.
Also los: Bedürfnis-Abklärung, Dreierpräsentation, schnell sind wir beim richtigen Produkt: ein solides Kettenschloss mit wertiger, textiler Ummantelung. Sicherheitslevel, Schlosstyp, Optik passen zur Kundin und ihrem Velo, meine Argumente haben überzeugt. Kurze Beratung, keine arg verruchten Preise, so bleibt was hängen.

Wir sind schon bei der Kasse, da fragt mich die Kundin, ob denn das Schloss im edlen Blau- oder dem eleganten Violett-Ton nicht doch passender wäre als das langweilige Schwarz. Aha, jetzt noch Farbberatung. Obwohl ich da über keinerlei Expertise verfüge, weiß ich auch hier souverän zur Entscheidung zu führen. Wir wägen ab, ich halte die verschiedenen Farben an das Velo, die Kundin studiert. Ich sehe durch die Extrarunde meinen Gewinn um den ersten Fünfliber (auch bekannt als 5-Franken-Stück) schmelzen, doch bei dem Schlosspreis ist schon noch etwas da, darum gehen wir sogar noch nach draußen ans Tageslicht. Dummerweise habe ich die Violett-Version nur in der extralangen Variante da. Um das Thema Schlosslänge hatte ich die Beratung abkürzen wollen, im Sinne der Kundin. Überberatung ist bekanntlich eine weitverbreitete Velomechaniker-Krankheit. Doch die Kundin beginnt zu sinnieren. Ich nehme ein Schloss aus der Verpackung, damit sie die Länge ausprobieren kann, schaffe es aber natürlich nicht, ohne dass ich sie nachher werde flicken müssen. Ich höre den nächsten Margen-Fünfliber fallen. Ein bisschen länger wäre schon gut, meint die Kundin. Ich überlege mir, wie viel Wahrheit in dem Falle hier nun zweckdienlich sei, schließlich gäbe es eine dritte, mittlere Länge, auf welche wir der Sortimentsstraffung wegen verzichtet hatten. Wie lange denn die Lieferfrist für diese mittlere Länge in den verschiedenen Farben wäre, fragt die Kundin. Während mir mein Computer die Verfügbarkeiten hervorzaubert, höre ich den nächsten Fünfliber zu Boden krachen.

Ich werde nostalgisch.

Die Nach-Corona-Zeit hat uns notgedrungen zu einigen betriebswirtschaftlichen Erkenntnissen und griffigen Kennzahlen gebracht. So weiß ich jetzt sehr gut, wie viel Umsatz ich pro Stunde machen muss, damit wir unsere finanziellen Ziele erreichen. Seither läuft nun in meinen Kopf dieser Margen-Fünfliber-Ticker und piesackt mich immer wieder, so wie jetzt hier. Vor Corona war ich da unbeschwert. Wir haben einfach tüchtig gearbeitet und fleißig verkauft, Ende des Jahres abgerechnet und waren dann mit dem zufrieden, was übrig bleib. Es scheint, als hätte die letzte Corona-Impfung mich nicht nur gegen das Virus, sondern auch gegen die Rendite-Unbeschwertheit immun gemacht. Ich verfalle in eine tiefe Nostalgie: Früher ließen mich die Margen-Fünfliber während der Beratung in Ruhe und wenn es mal etwas länger ging, war mir das einerlei. Ich schaue mit der Kundin auf die Lieferfristen und sage ihr, in welcher Farbe sie das Schloss wann abholen könne. Der nächste Fünfliber fällt. Vielleicht sollte ich mich doch mal wieder für ein Verkaufsseminar anmelden. Oder beim nächsten Schlosseinkauf mehr Marge aushandeln. Oder beides. Die Kundin nimmt dann doch das kurze Schwarze, zahlt und bedankt sich überschwänglich für die nette Beratung. Ich bin zerknirscht und ich denke, okay, immerhin gerade kein Minusgeschäft. Bis ich sehe, dass der Platten-hinten-Kunde schon frohgelaunt aus dem Café zurückkommt.

Marius Graber ist seit über 35 Jahren Fahrradhändler in Luzern und schreibt seit 25 Jahren für Fachmagazine über Fahrradtechnik, Reisen und die Branche.

20. Juli 2026 von Marius Graber
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