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Die Niederländer zählen in Europa zu den Vorreitern bei der E-Bike-­Nutzung. Inzwischen stagniert der E-Bike-Absatz bei unseren Nachbarn. Dafür nimmt der Markt in anderen europäischen Ländern gerade Fahrt auf.
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Report - E-Bikes in Europa

Das E-Bike treibt die Märkte an

200 Jahre nach seiner Erfindung erlebt das Fahrrad als E-Bike eine Renaissance. Unternehmen und Kunden aus Europa sind heute weltweit Vorreiter und Innovationsmotoren für ein neues Freizeit- und Mobilitätszeitalter. Wir haben uns die Märkte genauer angesehen.

In der griechischen Mythologie ­reitet die unsterbliche Europa auf einem Stier, in den sich Götter­vater Zeus verwandelt hat. In der zeitgenössischen Darstellung könnte man sie heute auch auf dem E-Bike sehen. Denn in wenigen Jahren haben sich Unternehmen aus Europa, vornehmlich aus der D-A-CH-Region und den Niederlanden, zu Treibern bei Elektrorädern entwickelt. Sie setzen – inzwischen weltweit – zusammen mit den Händlern und Kunden die Benchmarks bei der Qualität und bestimmen das Tempo und die Richtung der Innovationen.

Schnell wachsender hetero­gener E-Bike-Markt

»Die Entwicklung des E-Bike-Markts ist rasant«, bestätigt Tamara Winograd, Leiterin Marketing und Kommunikation bei Bosch eBike Systems zum Markt in Europa. »E-Bikes gehören inzwischen zum Lifestyle und sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das liegt auch daran, dass immer mehr Menschen eine zeitgemäße und nachhaltige Mobilität am Herzen liegt, die Spaß bringt und noch dazu gesund ist. Dies spiegeln auch die Verkaufszahlen wider: Pedelecs sind das Wachstumssegment im Fahrradmarkt. Wir gehen davon aus, dass in zehn Jahren jedes zweite neu verkaufte Fahrrad in europäischen Kernmärkten ein E-Bike sein wird.«
Auch Michael Sommer, Sales Director EMEA der Pon.Bike-Gruppe, zu der auch Derby Cycle, einer der umsatzstärksten E-Bike-Hersteller, gehört, schaut optimistisch in die Zukunft: »Wir sehen die Entwicklung der E-Bike-Verbreitung in den europäischen Ländern weiterhin sehr positiv. Natürlich verzeichnen wir hier keine gleichmäßigen Entwicklungen. Die Trends sind in den Ländern aber nachhaltig und ungebrochen. Zudem gibt es immer neue Handlungsfelder.«
Gerade die unterschiedliche Entwicklung birgt für Pon.Bike, einem der größten Player in Europa, Vorteile: »Wir rechnen damit, dass wir in Europa ungefähr alle ein bis zwei Jahre einen neuen boomenden Markt in einem Land haben werden«, erläutert Michael Sommer seine Markteinschätzung. »Die unterschiedliche Entwicklung in den Ländern gibt uns viele Spielräume, um die Märkte systematisch zu erschließen, denn jeder hat seine besonderen Eigenheiten und Anforderungen.«

Dynamik in den Kern- und Wachstumsmärkten

»Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande und Belgien haben den am stärksten ausgeprägten Fahrradmarkt in Europa und eine besondere Fahrradkultur«, erläutert Tamara Winograd auf die Frage nach den Märkten mit den größten Wachstums­potenzialen. »Diese Länder haben das Pedelec als erste im Markt akzeptiert und weisen inzwischen einen hohen E-Bike-Anteil auf. Italien, Frankreich, Spanien, Skandinavien und Großbritannien ziehen langsam nach.«
Zu einer ganz ähnlichen Einschätzung kommt man auch beim Anbieter Riese & Müller aus Weiterstadt, der in den letzten Jahren vor allem durch die Fokussierung auf E-Bikes zu den Shootingstars der Branche gehört. »Der europäische E-Bike-Markt verzeichnet in den letzten Jahren ein starkes Wachstum. Besonders die DACH-Region, Niederlande und Belgien sind eine treibende Kraft. Das liegt nicht zuletzt an der starken Verankerung des Fahrrades in diesen Ländern«, so Heiko Müller, Gründer und Geschäftsführer von Riese & Müller. »Das Verständnis für das E-Bike als Mobilitätsalternative ist hier gesellschaftlich also von Natur aus viel größer. Aber auch in anderen europäischen Ländern, wie Italien, Skandinavien oder Großbritannien, wird die Nachfrage nach E-Bikes immer größer. Durch die ehrgeizigen Klimaziele der einzelnen Länder ist der Bedarf an alternativen Mobilitätslösungen sehr hoch.«
Tatsächlich kann man in verschiedenen Regionen und Ländern eine Steigerung der Nachfrage feststellen, sobald die Anschaffung, beziehungsweise der Umstieg vom Auto auf das E-Bike durch finanzielle Anreize gefördert wird. Hier gibt es künftig also wohl noch einiges an Potential.
Wie sich die Absatzzahlen konkret verteilen und welches Wachstum die einzelnen Länder verzeichnen, dazu liefert die Branchenvereinigung CONEBI (Confederation of the European Bicycle Industrie) Zahlen. Insgesamt wuchs der E-Bike-Markt in Europa um 22,15 Prozent von 1,36 Millionen Einheiten in 2015 auf 1,67 Millionen in 2016. Gerade in den kleineren Märkten sind die erhobenen Zahlen aber wohl durchaus mit Vorsicht zu genießen, denn letztlich beruhen sie, im Gegensatz beispielsweise zu Zulassungszahlen bei Kraftfahrzeugen, immer auf Rückmeldungen aus dem Handel, Hochrechnungen oder Schätzungen. »Exakte Zahlen gibt es nicht zu allen Ländern«, betont der Europa-Experte Michael Sommer »und hinter einigen Schätzungen schreiben wir als Experten auch gerne mal ein oder zwei Fragezeichen.« Eine gute Datenlage gibt es seiner Erfahrung nach dagegen in den etablierten Märkten. »Dazu gehört neben Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz inzwischen auch Frankreich.«

Etablierte E-Bike-Märkte

Für 2016 verzeichnet Deutschland laut CONEBI 605.000 verkaufte E-Bikes und ein Wachstum von 13,1 Prozent zu 2015. Für die Niederlande 273.000 E-Bikes (+ 1,5 Prozent), Österreich kommt auf 87.000 (+ 12 Prozent) und die Schweiz auf 76.000 (+ 14,1 Prozent). Ein neuer starker Markt ist offensichtlich Frankreich mit 134.000 verkauften E-Bikes und einem satten Plus von über 30 Prozent.
Deutschland – starkes Zugpferd im E-Bike-Markt: In der Einzelbetrachtung zeigt sich, dass der deutsche Markt mit einem Marktanteil von 36 Prozent in Europa das Zugpferd für E-Bikes bleibt. Mit ungebrochenem zweistelligen Wachstum. So schätzt der Zweirad-Industrie-Verband ZIV für das laufende Jahr hierzulande rund 680.000 verkaufte E-Bikes und damit ein Plus von rund 12 Prozent. Der Anteil am Fahrradmarkt, der stückzahlenmäßig leicht rückläufig ist, beträgt inzwischen 15 Prozent. Mittelfristig wird ein Marktanteil von 18 bis 20 Prozent erwartet, langfristig nach Schätzung des ZIV bis zu 30 Prozent. Als Gründe für den Erfolg werden vor allem die technische Weiterentwicklung und die zunehmende Systemintegration genannt sowie die zunehmend hohe Diversität bei den Modellen. Die werden vom ZIV inzwischen auch nach Kategorien erfasst: E-City/E-Urban 45 Prozent, E-Trekking 35,5 Prozent, E-MTB 15 Prozent, E-Cargobikes 2,5 Prozent, S-Pedelecs 1 Prozent – alle weiteren 1 Prozent.
Aus Sicht der deutschen Hersteller besonders erfreulich: E-Bikes made in Germany sind nicht nur in Deutschland beliebt, sondern auch ein starker Exportartikel: Im Jahr 2016 wuchs der Export um 66 Prozent auf 233.000 Einheiten.
Niederlande – hohes Niveau, aber stagnierender Markt: Mit 273.000 verkauften E-Bikes und einem Marktanteil von 16 Prozent bleiben die Niederlande ein wichtiger Absatzmarkt in Europa. Insgesamt stagniert aber der E-Bike-Markt, wenn auch auf hohem Niveau. Mit einem E-Bike-Anteil von fast 30 Prozent am Fahrradmarkt scheinen inzwischen die Grenzen erreicht. Neue Produktkategorien, die einen Boom herbeiführen könnten, sind bislang nicht auszumachen. Auch die Sparte der S-Pedelecs scheint bei lediglich rund 3.400 Einheiten (1,2 Prozent Anteil) zu verharren. Dazu kommt: Insgesamt schrumpft der Fahrradmarkt im »Fietsparadijs« Niederlande deutlich. Das E-Bike ist mit einem Umsatzanteil von inzwischen 57 Prozent inzwischen zu einem substanziellen Erfolgsfaktor für die Branche geworden.
Österreich – weiterhin sportliches Wachstum: Die Alpenrepublik verzeichnet in den letzten Jahren kontinuierliche Zuwächse bei E-Bikes. Rund 87.000 Stück waren es 2016, was einem Marktanteil in Europa von fünf Prozent entspricht. Jedes fünfte verkaufte Fahrrad ist hier inzwischen ein E-Bike. Weiterhin sehr beliebt ist die Kategorie der Mountainbikes. Rückgänge verzeichnet die Industrie dagegen bei Trekkingbikes und Crossbikes.
Schweiz – Ausnahmestellung bei S-Pedelecs: 2016 wurden in der Schweiz nach Zahlen des Verbands Velo Suisse 76.000 E-Bikes verkauft (+ 14 Prozent). Fast jedes vierte Rad ist damit ein E-Bike. Auf Schweizer Straßen sind bereits über 400.000 E-Bikes im Einsatz und ein Ende des Booms ist nicht absehbar. Nach Schätzungen des Verbands dürfte beispielsweise das E-Citybike das normale Citybike in ein bis zwei Jahren in der Käufergunst überholen. Besonderheiten: E-Mountainbikes verzeichnen (zulasten normaler Mountainbikes) ein sattes Plus von 36 Prozent und sind mit über 20.700 verkauften Einheiten die neuen Zugpferde im Markt. Einzigartig: Wohl vor allem aufgrund der besonderen Gesetzgebung in der Schweiz entschieden sich 22 Prozent für ein schnelles S-Pedelec. Damit nimmt die Schweiz hier eine Ausnahmestellung ein. »Dank der seit jeher günstigen gesetzlichen Rahmenbedingungen und der starken Schweizer Kaufkraft steigt der Absatz von Velos mit elektrischem Hilfsantrieb seit 2006 stetig an«, erklärt Dominic Redli, Chefredakteur des Cyclinfo Magazin. »Die Wachstumsrate beträgt jährlich rund zehn Prozent. Gemäß der eidgenössischen Zollstatistik importierte die Schweiz zwischen Januar und Oktober dieses Jahres insgesamt rund 115.000 E-Bikes für Straße und Gelände. Dem stehen 325.000 Velos ohne Motor gegenüber.«
Frankreich – neuer Boom-Markt: Ein sehr starkes Wachstum verzeichnet Frankreich mit über 30 Prozent Zuwachs und rund 130.000 verkauften Einheiten (Marktanteil 8 Prozent in Europa). Allein die Größe, aber auch die topografischen Gegebenheiten und der ungebrochene Fahrrad-Enthusiasmus machen das Land für die Branche hochattraktiv. Geradezu explodiert ist der Bereich der E-MTBs mit einem Zuwachs von 72 Prozent auf 15.000 Einheiten. Aber auch die Kategorien im Bereich E-Mobilität wuchsen kontinuierlich. Neu zu verzeichnen beim Zweirad ist zudem ein allgemeiner Trend hin zu mehr Qualität und zu mehr Innovation.

Allgemeine Trends und Entwicklungen außerhalb der Kernmärkte

Ebenfalls starke Märkte sind Belgien mit laut CONEBI 168.000 verkauften E-Bikes und einem Plus von rund 19 Prozent, Italien mit 124.000 E-Bikes (+ 121 Prozent) und Spanien mit 40.000 E-Bikes (+ 60 Prozent). Nach Branchenschätzungen sind diese Zahlen jedoch, ebenso wie die für Großbritannien (75.000 E-Bikes), mit einiger Vorsicht zu genießen. Trotzdem ist die Marktentwicklung, wie auch in den skandinavischen Ländern, positiv.
Michael Sommer von Pon.Bike stellt zudem in Europa eine klare Marktverschiebung zum E-Bike fest: »Bei hochwertigen Rädern Richtung der Eintausend-Euro-Schwelle legen die Kunden oft gerne noch etwas drauf und satteln direkt auf ein Pedelec um.« Das gilt vor allem bei Mountainbikes. »Ganz klar zeigt sich die Entwicklung hin zum Ersatz durch ein E-Bike vor allem bei vollgefederten Mountainbikes. Während die Absätze bei teuren Fullys teilweise um ein Drittel eingebrochen sind, haben vollgefederte E-MTBs im gleichen Umfang zugelegt.«
Auch für neue E-Bike-Märke sieht er große Chancen. Voraussetzung sei, dass Hersteller und Händler das jeweils richtige Angebot lieferten. »Länderregionen wie Spanien sind beim Fahrrad beispielsweise sehr sportiv ausgerichtet. Hier kann man im Bereich E-MTB punkten und künftig sicher auch im Bereich E-Rennräder, den wir gerade mit dem Focus Projekt Y angehen. In Italien sind beispielsweise der hochpreisige sportive Rennradbereich und der Niedrigpreissektor bei E-Bikes mit Ware aus Asien stark.«
Das E-Bike wird also immer mehr auch zum europäischen Erfolgsmodell. Wenn auch in oft noch sehr unterschiedlichen Ausprägungen.

11. Dezember 2017 von Reiner Kolberg
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