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Das nicht nur das Fortbewegungsmittel, sondern auch die Bekleidung nachhaltig ist, sollen bestimmte Standards sicherstellen.
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Handel - Öko-Label

Das ist öko – oder?

Bluesign, GreenShape, Fairtrade, Ökotex – es gibt viele Nachhaltigkeits-Label für Textilien. Und es werden immer mehr. Klingt gut. Aber wie aussagekräftig sind solche Label überhaupt?

»Sportmode: wenig umweltfreundlich« titelte die Wochenzeitung »Die Zeit« bereits im Jahr 1995. In dem Artikel ging es um eine Untersuchung im Auftrag des Bundesumweltministeriums, die beleuchten sollte, welchen Beitrag Hersteller von Sportbekleidung und -geräten zum Umweltschutz leisten. Das ernüchternde Fazit: »Bei vielen Artikeln sind Umweltaspekte bei der Produktion, von Ausnahmen abgesehen, höchstens von nachgeordneter Bedeutung.« Kunstfasern und Hightech-Materialien entsprachen den steigenden Ansprüchen an die Funktion von Sportbekleidung eben mehr als natürliche Materialien. Knapp ein Vierteljahrhundert später haben nun Wissenschaftler der Universität von Florida festgestellt, dass 82 Prozent der Mikroplastikverschmutzung im Golf von Mexiko auf Produkte wie Yoga-Hosen und andere Sportbekleidung zurückzuführen ist – und auch andere Wasserproben zeigten eine besorgniserregende Konzentration. Der Grund: Moderne Sportbekleidung besteht immer noch meist aus Fasern wie Nylon, Acryl oder Polyester. Diese lösen sich beim Waschen in der Maschine und werden übers Abwasser in die Flüsse und Meere dieser Erde geschwemmt. Genauere Zahlen liefert die University of California im Auftrag von Outdoor-Bekleider Patagonia: 1,7 Gramm Mikrofasern lösen sich jedes Mal, wenn man eine synthetische Fleecejacke wäscht, 40 Prozent davon landen im Gewässer.

Standard ist nicht gleich Standard

Fakten, die sich kaum mit dem nachhaltigen Image des Radfahrens vereinen lassen. Als umwelt- und sozialpolitisch interessierter Einzelhändler könnte man nun sagen: »Kein Problem, nehme ich eben nur noch Marken mit Nachhaltigkeits-Label ins Sortiment auf.« Tatsächlich hat er dabei einige Auswahl, sowohl bei Marken als auch bei Öko-Labels. Aber was sagen solche Siegel tatsächlich aus? Aufschluss können Online-Portale wie siegelklarheit.de oder label-online.de geben, letzteres ein Angebot der Verbraucher Initiative e.V. und nach eigener Angabe Europas umfangreichstes Label-Portal. Die Webseite klassifiziert nach einer einheitlichen Matrix von zwölf Punkten, die für sie ein glaubwürdiges Label ausmachen. Diese Matrix ist auf der Seite einsehbar. Und auch Greenpeace bewertet regelmäßig die Aussagekraft von Textil-Ökosiegeln, zuletzt im Report »Textil-Label im Greenpeace-Check«. Darin kamen die Umweltschützer beispielsweise zu dem Schluss, dass die Textilindustrie in puncto Chemikalien »entgiften« müsse. Textil-Labels könnten zwar in diesem Punkt Orientierung bieten, jedes verspreche jedoch etwas anderes und werde regelmäßig überarbeitet. Noch recht neu, aber bereits weit vorn mit dabei sei das Oeko-Tex-Programm »Detox to Zero«. Das ist allerdings kein Label, sondern eine umfassende jährliche Chemikalien-Bewertung mit Statusreport nach den Detox-Zielen von Greenpeace. Dem Bluesign-Standard, den unter anderem Schöffel, Adidas, Nike oder Vaude an ihrer Bekleidung anbringen dürfen, bescheinigt Greenpeace immerhin eine »sehr umfassende Regelung der Chemikalienrisiken für die gesamte Herstellungskette, beginnend bei der Chemieindustrie«. Weiterer Pluspunkt: Es gibt eine Positivliste, den Bluesign »bluefinder«, mit Alternativen zu den schädlichen Chemikalien. Das am weitesten verbreitete Siegel, der Öko-Tex-Standard 100, sei dagegen ein reines Verbraucherschutzsiegel. Es prüfe lediglich die Rückstände im Endprodukt, nicht die Herstellungsbedingungen. Der Nutzen des Öko-Tex-Standards für die Umwelt sei gering, auch wenn die Anforderungen von Jahr zu Jahr überarbeitet würden.

Vertrauen ist gut, nachfragen ist besser

»Wir kennen natürlich alle relevanten Label, die bezüglich Nachhaltigkeit am Markt sind. Egal ob GOTS, Bluesign oder RWS. Und wir schauen, sofern wir das können, auch ins ›Kleingedruckte‹, um zu erfahren was wirklich hinter den Labels steht«, sagt Matthias Dreuw, Gründer der Radbekleidungsmarke Triple 2. Allerdings genügt es seiner Erfahrung nach oft nicht, sich nur auf Label zu verlassen. »Der Kontakt zu unseren Lieferanten ist uns sehr wichtig. Im Gespräch erfährt man meist mehr, als ein Label von außen erkennen lässt.« Bei der Auswahl der Materialien ist ihnen deshalb unter anderem generell und labelunabhängig wichtig zu wissen, ob das Material aus Europa kommt, es natürlich ist oder zumindest aus recycelten Rohstoffen (z. B. alten Fischernetzen) besteht und wie es gefärbt wird. All diese und viele weitere Fragen beschäftigten auch den Tettnanger Outdoor-Ausrüster Vaude, als der 2009 anfing, seine Produktentwicklung konsequent Richtung Nachhaltigkeit umzusteuern. »Damals war das Bewusstsein für ökologische und soziale Aspekte von Bekleidung gerade erst am Entstehen. Doch von allen Seiten wurde der Wunsch an uns herangetragen, nicht nur ›bessere‹, weil umweltfreundlichere, Produkte herzustellen – im Laden sollte man sie auch als solche erkennen können«, beschreibt Anna Rechtern, Presseverantwortliche für den Bereich Bike Sports, die Situation vor zehn Jahren. Das Problem: »Wir haben recherchiert und gesucht, aber kein Siegel gefunden, das auf all unsere verschiedenen Produktbereiche anwendbar wäre und gleichzeitig international funktioniert.« Deshalb erarbeitete Vaude sein eigenes Konzept »Green Shape«, das es seit 2010 gibt und sich inzwischen im Markt etabliert hat. Damit liegen die Tettnanger im Trend: In einer aktuellen Studie der Stiftung von Changing Markets und der Clean Clothes Campaign gaben 71 Prozent der Befragten an, dass die Hersteller für das, was in ihren Lieferketten geschieht, verantwortlich sein sollten und dafür sorgen müssten, dass Kleidung umweltfreundlich hergestellt wird. Allerdings glauben nur 15 Prozent, dass die Textilindustrie ihre Kunden ausreichend über die Auswirkungen der Bekleidungsherstellung auf Mensch und Natur aufklärt, 79 Prozent wünschen sich mehr Informationen in Sachen Umweltengagement und Maßnahmen zur Senkung der Umweltbelastung.

Grüner Knopf vom Staat

Damit (firmeneigene) Öko-Siegel, wie es speziell bei großen Fast-Fashion-Marken oft der Fall ist, »nicht nur ein Feigenblatt bleiben und lediglich einzelne Kollektionen nach strengeren Richtlinien produziert und stark beworben werden, während das restliche Sortiment konventionell bleibt«, wie Greenpeace in seinem Textil-Report 2018 schreibt, gibt es seit September das erste staatliche Siegel: den Grünen Knopf des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der Grüne Knopf beschränkt sich nicht nur auf ökologische, sondern auch auf soziale Aspekte. Sprich: Wie sind die Arbeitsbedingungen vor Ort, wie werden die Arbeiter bezahlt etc.? Insgesamt müssen die Unternehmen, die den Grünen Knopf auf ihrer Bekleidung anbringen wollen, 46 Kriterien erfüllen. Die Zertifizierung erfolgt auf Basis von internationalen, harmonisierten ISO-Normen. Unabhängige Prüfer wie der TÜV kontrollieren die Einhaltung der Kriterien und die staatliche Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) soll glaubwürdige Prüfungen sicherstellen. »Bislang haben mehrere Dutzend Unternehmen eine Prüfung beantragt. Dies zeigt uns, dass es auf Unternehmensseite eine Nachfrage nach einem staatlichen Siegel gibt«, sagt Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. »Unser Ziel ist es, Mensch und Natur in den Produktionsländern zu schützen. Denn letztlich müssen gleiche Spielregeln für alle Unternehmen gelten. Umwelt- und Sozialstandards einzuhalten, darf kein Wettbewerbsnachteil sein«, so Müller weiter. Aus der Radszene höre man, dass auch ein namhafter Sportartikelhersteller den Grünen-Knopf beantragt habe. Das Siegel könnte also bald auch an nachhaltig hergestellten Radtaschen und Fahrradbekleidung zu finden sein.
Schön und gut, doch Georg Abel, Bundesgeschäftsführer der Verbraucher Initiative e.V. hat folgendes beobachtet: »Es werden zwar verstärkt gelabelte Öko-Textilien angeboten und Labels bieten dabei aus Verbrauchersicht den Vorteil eines schnellen, manchmal vielleicht auch nur gefühlten, Rates. Voraussetzung ist aber, dass das Label zumindest grundsätzlich bei Verbrauchern wie beim Verkaufspersonal bekannt ist.« Und das ist wohl oft nicht der Fall. »Das Dilemma für Verbraucher liegt darin, sich im Siegeldschungel mit über 40 Textilsiegeln zu orientieren. Siegel sind aus Verbraucherschutzperspektive derzeit die beste Möglichkeit, etwas über die Produktionsbedingungen in Erfahrung zu bringen, denn es handelt sich bei Nachhaltigkeit um eine Vertrauenseigenschaft, die der Verbraucher alleine nicht beurteilen kann. Verbraucher müssten streng genommen bei allen Siegeln, auch die dahinterliegenden Kriterien und deren Grenzwerte kennen, denn nur diese machen eine Aussage darüber, wofür das Siegel steht. Diese sind aber schwer alleine zu beurteilen, schließlich hat nicht jeder von uns ein Grundstudium der Chemie absolviert, um zum Beispiel Grenzwerte beurteilen zu können«, sagt Kathrin Krause, Referentin Nachhaltiger Konsum beim Verbraucherzentrale Bundesverband e. V. (vzbv). Dieser fordert deshalb, gesetzliche Mindestkriterien für eine sozial und ökologisch verantwortungsvolle Produktion zu etablieren, an denen sich Produzenten orientieren müssen.
Auch Triple-2-Chef Matthias Dreuw hat die Erfahrung gemacht, dass »die allermeisten Öko-Label dem Verbraucher unbekannt sind oder er aufgrund der Inflation in diesem Gebiet, zum Beispiel auch bei den Nahrungsmitteln, dieser ganzen Label überdrüssig ist«. Eine Greenpeace-Studie aus dem Jahr 2015 bekräftigt diesen Eindruck: Ein Textilsiegel oder die Herstellungsbedingungen des jeweiligen Kleidungsstücks waren nur für 13 beziehungsweise elf Prozent der Befragten entscheidend für den Kauf. Nur etwa jeder vierte Konsument kaufte laut GfK-Angaben aus demselben Jahr überhaupt ein Kleidungsstück mit einem Öko-Label.

Kleines, aber wichtiges Argument

Allerdings hat Vaude in den vergangenen fünf Jahren festgestellt, dass sich die Einstellung der Verbraucher und auch der Handelspartner extrem geändert hat: »Nachhaltigkeit ist definitiv ein Verkaufsargument. Wir merken diesen Effekt sehr stark sowohl auf Handels- als auch auf Endverbraucherseite. Unsere Gesellschaft befindet sich im Wandel. Spätestens seitdem Greta Thunberg mit Fridays for Future eine globale Schüler- und Studierendenbewegung losgetreten hat, kommt niemand mehr am Thema Nachhaltigkeit vorbei«, ist Gernot Moser, Head of Sales Bike Sports, überzeugt. Dem stimmt Matthias Dreuw von Triple 2 zu, bezweifelt aber, ob es ein plakatives Label braucht, um als nachhaltige Marke wahrgenommen zu werden. »Wir erfüllen oder übererfüllen sehr viele der Anforderungen bekannter Öko-Labels, heften uns diese aber aufgrund des oft großen zusätzlichen Kosten- oder Zeitfaktors nicht ans Revers.« Seiner Erfahrung nach kostet nachhaltige Produktion an sich schon meist mehr als die herkömmliche Produktion bzw. herkömmliche Materialien, daher mache einem dann ein Öko-Label zumindest kostenmäßig manchmal noch zusätzlich das Leben schwer. Fazit? Ökologische und soziale Nachhaltigkeit wird – wenn auch in geringerem Maße als bei Nahrungs- oder Fortbewegungsmitteln – auch bei Bekleidung wichtiger und entsprechend als Verkaufsargument relevanter. Möchte man als Einzelhändler nachhaltige Sportbekleidung anbieten, genügt es aber oft nicht, sich lediglich auf entsprechende Labels zu verlassen, ohne sich zumindest grundlegend mit den dahinter liegenden Standards zu befassen. Wer wirklich wissen möchte, woher die Bekleidung kommt, die er ins Sortiment nimmt, und wie sie produziert wird, muss sehr wahrscheinlich auch (unbequeme) Fragen stellen und das Gespräch mit den Herstellern suchen. Dann jedoch ist das Sortiment ein Alleinstellungsmerkmal, das – entsprechend kommuniziert – eine wachsende und treue Kundengruppe bescheren kann.

27. August 2019 von Carola Felchner

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