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Interview - Claus Ruhe Madsen

"Der schnellste Weg muss der Radweg sein"

Claus Ruhe Madsen ist der amtierende Oberbürgermeister von Rostock und bekennender Fahrradfreund. Nur wenige haben einen genaueren Einblick, woran es hapert, wenn man in den Städten eine bessere Infrastruktur für das Fahrrad erreichen will. Ein Gespräch aus dem Nähkästchen.

Herr Madsen, wie geht es voran es mit der Mobilitätswende in Rostock?

Also ich würde sagen, global betrachtet viel zu langsam. Ich glaube, dass wir ganz stark am Mindset insgesamt arbeiten müssen. Wenn Sie die Menschen fragen, wollen alle gerne eine andere Mobilität. Wenn Sie Maßnahmen diskutieren, finden alle das gut und wenn Sie dann sagen, »jetzt machen wir das in ihrer Straße«, dann sagen alle »nee, bloß nicht bei mir, aber da hinten wäre es gut«. Eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt ist daher die Bürgerbeteiligung. Es geht nicht darum, dass der Bürgermeister einen Radweg baut und dann hat sich das Thema von allein erledigt. Am Ende des Tages ist es eine Frage des Mindsets innerhalb einer Verwaltung, innerhalb der Planung, aber auch bei den Bürgerinnen und Bürgern, damit es ein Erfolg wird.

Das führt nahtlos zu der Frage, wie man das macht. Wie stärkt, wie gewinnt man Mehrheiten für Fahrradmobilität? Wie überzeugt man die Menschen?
Wo setzen Sie da an in Rostock?

Man muss hin und wieder als Grenzgänger unterwegs sein. Wir werden Straßen umwidmen zu Fahrradwegen, hin und wieder einfach als Pilotprojekt. In den meisten Städten besteht ein großes Problem darin, dass wir keine besonders gute Infrastruktur haben. Wenn Sie Fahrrad fahren sollen, dann verlangen Sie von mir einen sicheren, barrierefreien und lückenlosen Radweg. Wenn ich den nicht bieten kann und ein Auto nach dem anderen an mir vorbeizieht, dann ist das etwas, was wir moralisch nicht lange durchhalten. Wir müssen deutlich mehr Mut haben. Der schnellste und flüssigste Weg muss der Radweg sein. Das ist übrigens auch alternativlos, die Stadt von morgen hat deutlich mehr Fahrräder als die von gestern. Bis dahin ist es aber ein langer Weg. Selbst wenn man das Mindset hat und etwas für das Rad bewegen will, selbst wenn man politische Mehrheiten hat, selbst wenn man Bürgermeister wird, hat man zu wenig Planer. Und selbst wenn man Planer hat und es heute Geld regnet, dann hat man am Ende keine Firmen, die diese Pläne ausführen. Der Weg zu besserer Infrastruktur ist viel zu bürokratisch, viel zu lang, viel zu umständlich.
Dazu kommt noch der Witz an dem Ganzen: Wenn man sehr, sehr erfolgreich ist mit Fahrradwegen, dann hat man praktisch verloren, weil im gleichen Moment zu viele Radfahrer auf diesen Wegen unterwegs sind. Das ist ganz interessant. Der Radweg wird automatisch zu klein, wenn er gut ist. Er ist dann so voll, dass man ohnehin spätestens dann die ganze Straße umwidmen muss. Das heißt konsequenterweise, wir müssen in Deutschland jetzt schon den Mut haben, das Ganze neu zu denken.
Wir müssen schon jetzt weg von dem Gedanken, dass wir neben der Straße einen Radweg schaffen wollen. Wir müssen auf der Straße mehr Raum einfordern. Wir haben so viele Fahrradtypen in Deutschland, dass Radwege alleine nicht genügen werden. Wenn wir wirklich erfolgreich sein wollen, müssen wir uns fragen, ob wir die Evolutionsstufe Radweg überspringen können.

Wo ist denn aus Ihrer Sicht die größte Bremse im Moment für mehr und besseren Radverkehr?

Die Bürokratie. Selbst das beste Vorhaben, der schönste Radweg an der am besten geeigneten Stelle, auf den sich alle bereits verständigt haben, braucht viele Jahre, bis das Resultat zu sehen ist. Es kann kein Ansatz sein, dass wir jetzt eine Mobilitätswende wollen, aber dann jahrelang an einem einzigen Radweg herumplanen. Deswegen ist mein Ansatz, dass wir neu denken müssen, dass wir radikal denken müssen. Man muss dazu bereit sein, Diskussionen zu führen und Durchhaltevermögen zu zeigen. Die wichtigste Botschaft lautet: Wir machen und probieren etwas aus, denn niemand kann die Welt von morgen für die nächsten 1000 Jahre planen. Lieber setzen wir jetzt etwas um, was in Reichweite liegt. Und wenn wir feststellen, dass etwas nicht so gut ist, können wir es bei Bedarf auch wieder korrigieren. Es ist naiv zu denken, dass die Autos morgen weg sein werden. Es wird dauerhaften Gesprächsbedarf und Widerstände geben.

Wo können andere Städte ansetzen, um schnell zu sichtbaren Ergebnissen beim Radverkehr zu kommen?

Die erste Maßnahme, die alle Städte ergreifen könnten, ist erst einmal füreinander und miteinander zu lernen. Jede Stadt macht ihre Erfahrungen, ob es in Essen die Rüttenscheider Straße ist, die dann eine Fahrradstraße geworden ist, oder die Breite Straße in Berlin oder ein Projekt in Münster. Da kann man hinfahren und fragen, wie habt ihr das gemacht? Was für einen Belag macht ihr da drauf? Was hat welchen Effekt gehabt? Wo haben wir einen wirklichen Nutzen? Wo haben wir sagen müssen, das funktioniert so nicht? Ich habe gelernt, das Einzige, was man braucht, ist eine Markierungsmaschine und den Willen, sie einzusetzen.
Der entscheidende Punkt ist jetzt, dass wir den Mut haben, miteinander zu reden. Dass die Amtsleiter, die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister an einen Tisch kommen und miteinander reden, denn Berlin wird das nicht für uns regeln. Wir müssen das miteinander in unseren Kommunen und Gemeinden ausdiskutieren.

30. August 2021 von Daniel Hrkac
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