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Griff und Sattel – darin ist Ergon Spezialist. Nach dem Besuch in ­Koblenz versteht man, wie viel Know-how in den kleinen Dingen steckt.
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Report - RTI Sports

Der sportliche Weg zur ­Ergonomie

Den Namen Ergon verbinden Freizeitsportler und Tourer heute vor allem mit Ergo­nomie in professionellem Design. Das Mutterunternehmen RTI Sports weist nicht nur eine enorme Fertigungstiefe, sondern auch eine erstaunliche Geschichte auf.

Franc Arnold, 50, ist ein Zwei-Meter-Mann mit schulterlangem, grau meliertem Haar. Man sieht ihm den Chef des international erfolgreichen Unternehmens nicht sofort an. Auch nicht mehr unbedingt den Radsportler. Mit dem Radsport fing aber alles an: »Mein älterer Bruder wollte mit 15 ein Rennrad – kein Mofa. Über Nacht war praktisch die ganze Familie vom Radsport-Virus befallen.« Ende der Siebzigerjahre war Radsport eine echte Nischen-Sportart weitab von Lifestyle. Doch der Vater war selbst so begeistert vom Hobby der Söhne, dass er für sie in Italien feine Maßrennräder mit besten Komponenten bestückt bauen ließ. Als tüchtiger Geschäftsmann versorgte er auch gleich ihren ganzen Verein mit Teilen und Zubehör und verkaufte auf Radveranstaltungen und Rennen direkt aus dem Kofferraum oder später dem Anhänger heraus feine Teile und Bekleidung.
Schnell war die Garage als Werkstatt umfunktioniert, zwei weitere Fertiggaragen in einem Dörfchen an der Untermosel dienten als Laden. Doch die Start-up-Idylle zerbrach, als der Vater 1982 unerwartet an den Folgen eines Herzinfarkts starb.
Franc, mit 17 gerade in der Oberstufe und Roman, der mit 19 das Abi in der Tasche hatte und den Traum vom Sportmedizin-Studium im Kopf, mussten entscheiden: Was passiert mit Radsport Arnold? »Nach zwei Tagen war klar: Wir machen weiter!« Mit 100 Prozent Leidenschaft, null Prozent Erfahrung: Augen zu und durch. Dabei wollten die beiden alles auf einmal: weiter Rennen fahren, das Radgeschäft weiter ausbauen – und natürlich ihre Ausbildung fertig machen. Die Mutter stand den beiden Jungs mit kaufmännischen Kenntnissen tatkräftig zur Seite.
Die Arnolds importierten und verkauften, bis das Wohnhaus der Mutter vor lauter vorwiegend italienischen Produkten rund ums Rennrad aus allen Nähten platzte. Bis die Kunden, die ja oft auch Freunde waren, nachts um zehn wegen eines Zahnkranzes anriefen. »Privatsphäre gab’s da keine mehr.« Den beiden Radfreaks war das erst mal egal: »Wir wollten einfach immer weiter«, erzählt Arnold. Die Brüder gründeten 1985 eine GmbH, der erste Laden in Koblenz entstand. Mittlerweile war das Mountainbike in Deutschland angekommen und nach Surfen der neue Trend. Das Geschäft florierte: Mit 20 Jahren hatten Franc und sein Bruder bereits 10 Angestellte.

Vom Supermarkt ins ­Geothermie-Gebäude

Wir sitzen in einem Besprechungsraum des RTI-Gebäudes. Ein dunkler zeitloser Kubus mit Blick auf die Mosel in einem Technologiepark, eine recht noble Adresse: Vis-à-vis liegt die Universität Koblenz. Das Haus bietet mit seinen rund 1.400 Quadratmetern Fläche noch Raum für Wachstum. Als RTI Sports 2010 einzog, war da allerdings noch viel mehr Freiraum. Weite, helle Räume, Büros, die teilweise die ganze Gebäudebreite einnehmen. Laut ist es trotzdem nirgends. In den letzten Jahren war das Wachstum zweistellig, man erwartet, dass auch in naher Zukunft der Trend anhält.
Nachhaltigkeit – zu diesem Thema werden wir auch in puncto Produkte kommen – war dem Macher auch hier wichtig. Beispiel: »Geheizt wird zu 100 Prozent mit Erdwärme«, erklärt Arnold, »be- und entlüftet wird mechanisch.« Hinter der ungewöhnlichen Architektur steckt also auch durchdachte Funktion.
Zurück zur Geschichte: Rad Sport Arnold war der erste Trek-Händler in Deutschland. Marken wie Scott, Specialized, Cannondale und Exoten wie Yeti und Klein kamen dazu. 1990 wurde der Laden zu klein, man zog in einen ehemaligen Supermarkt mit 1.000 Quadratmetern Gesamtfläche. Neben Mountainbikes gab es weiterhin handgemachte Rennräder aus ­Italien und Triathlonbikes – daraus sprach die Leidenschaft. »Wir waren begeistert: Immer neue Produkte kamen rein. Wir investierten alle Einnahmen wieder ins Geschäft, und mit hoher Fremdkapitalquote haben wir es immer weiter ausgebaut. Aber vergaßen dabei zu konsolidieren. Ein Fehler, der uns später einholen sollte!« Mitte der Neunzigerjahre war der Markt dann überschwemmt mit zu vielen Marken und Bikes, das Geschäft wurde rauer. »Wir waren getrieben von der Leidenschaft und dem Willen zum Wachstum und vergaßen dabei, genug Geld zu verdienen für die kommenden, härteren Zeiten«, schüttelt Arnold lächelnd den Kopf.
»Wir wollten vorwärts, suchten ständig nach neuen Marktchancen.« Deshalb gründeten sie 1990 zusätzlich einen Großhandel: RTI Sports. Die Marke RTI entstand an einem Abend beim Italiener: Radsport, Triathlon, Innovation bedeutet das Kürzel.
Die Triebfeder Leidenschaft blieb. Erste Entwicklungen für den Triathlon kamen: Eine Schaltbrücke für Aerolenker, die später an Scott verkauft wurde. »Wir hatten einfach wenig Erfahrung – aber auch wenig Angst«, so Arnold. Der dritte Mann bei RTI, Jürgen Zäck, deutsches Triathlon-Ausnahmetalent mit besonderer Stärke im Radbereich, war bereits seit 1984 Kunde. Als Vollprofi brachte er immer die neuesten Trends mit nach Koblenz, so auch das erste 26-Zoll-Triathlonbike von RTI für den neuen Sport: die Marke Quintana Roo, zusammen mit dem Triathleten Dan Empfield entwickelt. Die Marke Excite/Softride kam dazu. Und: Der Erfolg der Sportler mit den neuen Rädern gab den Arnolds recht.
Doch irgendwann wurde es eng, auch wegen der Strukturen, die sich gebildet hatten: »Als 28-Jähriger musste ich eine siebenstellige selbstschuldnerische Bürgschaft unterschreiben«, erzählt der Gründer mit Kopfschütteln. In den späten Neunzigerjahren kam die Marktsättigung auch in diesem Bereich. »Wir mussten einen Schlussstrich ziehen – zu viel Durcheinander«. Triathlon war zur Modeerscheinung geworden, Deutschland wurde überschwemmt mit Produkten, Quintana Roo USA wurde an einen Schuhhersteller verkauft. »Zeit, mich auf meine Kernkompetenzen zu besinnen – mit 30 Jahren und mit einem Abschluss als Diplom-Kaufmann, für den ich parallel an der Universität Trier studierte.«

Die Geburt der Ergonomie: Terry und Ergon

Die erste Marke, für die RTI in Deutschland stand, war Topeak, selbst noch ein ganz junges Unternehmen. Auf der Messe in Taiwan 1991 lernte man sich kennen – und schätzen. Und wurde schnell einig, was die Vertretung für Deutschland anbelangt. Damit musste man sich auch Gedanken über die Vertriebsstrategie machen. »Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Handel war und ist uns wichtig. Er muss seine angemessene Marge bekommen – ich bin schließlich selbst lange genug Händler gewesen und weiß, wie es läuft. Und ich wollte keine Allerweltsprodukte vertreiben«, so Arnold »das war mir schon immer wichtig.«
Auch die Marke Terry nahm RTI ins Programm, mit dem ersten spezifischen Frauensattel und dem ersten mit einer Entlastungsöffnung, erdacht von der amerikanischen Ingenieurin Georgina Terry. Deren Sättel waren als Problemlöser ein Erfolg – wo nichts ist, kann schließlich auch nichts drücken. Als vor 20 Jahren ein amerikanischer Urologe behauptete, dass Fahrradfahren Männer impotent machen könnte, schlug die Stunde für die Sattelergonomen. Body-Geometry-Erfinder Specialized entwickelte einen Sattel für Männer mit Aussparung. Franc Arnold folgte diesem Beispiel und stieg in die wissenschaftliche Sattelentwicklung ein. Er arbeitete mit der Deutschen Sporthochschule Köln unter der Leitung von Prof. Froböse und Dr. Kim Tofaute zusammen. Tofaute, mittlerweile ein gefragter Bikefitter, leitet seit Jahren das Ergonomielabor von Ergon und Terry in Koblenz.
Der Terry Liberator erscheint 1995: der erste Sattel von Terry, der als Männer- und Frauenversion angeboten wird. Terry – die Marke gehört inzwischen RTI – hat rund 1.000 Händler in Deutschland und bietet von City bis Race mittlerweile mehr als 40 Sattel‑
modelle für beide Geschlechter an. Ergon, bislang auf Mountainbikesättel fokussiert, baut derzeit das Angebot in Richtung Fitness und Touring aus.

CNC für den perfekten Sitz

Die Sattelentwicklung für die beiden Marken findet heute komplett inhouse statt, erklärt später Lothar Schiffner, PR-Manager bei RTI Sports – und präsentiert die CNC-gesteuerte Fräse, die gerade aus einem Quader Spezialschaum eine Satteldecke formt. Wie kommt man zu dieser Form? Sie ist das Ergebnis von vielen Jahren Erfahrung und intensiver Arbeit im Ergonomie­labor und Fahrtests. Neben Dr. Tofaute und der Sportwissenschaftlerin Janina Haas arbeiten auch Physiotherapeutin Hedda zu Putlitz – ehemalige Profi-Mountainbikerin und Olympiateilnehmerin – in der Sattelentwicklung mit. Der Urologe Dr. Uwe Nierkerken, selbst Ex-Rennfahrer, berät das Entwicklungsteam. Jede neue Sattelform wird intensiv im Team diskutiert und auf dem Rad getestet; die Ergebnisse der Probandentests aus dem Labor und der Praxis werden gemeinsam analysiert. Das Ergonomielabor in Koblenz ist mit Sensormesssystemen für sämtliche Kontaktpunkte ausgestattet.
Egal, ob es um Griffe, Sättel oder Rücksäcke geht: Hier arbeiten alle Hand in Hand. Von der ersten Idee bis zum Produktionsstart. Aber nicht nur intern: Ein fester Bestand an Profi-Fahrern – und natürlich die eigenen Leute – sind mit Prototypen unterwegs. »Unsere Produkte entstehen beim Radfahren« sagt einer aus dem Team. Rad gefahren wird bei RTI nicht nur einmal die Woche gemeinsam: RTI beschäftigt insgesamt rund 50 Mitarbeiter, und die meisten haben einen Bike-Hintergrund. Das sieht man, wenn man das »Fahrradparkhaus« gleich neben dem Eingang betritt: Hier stehen Räder, mit denen die Mitarbeiter unterwegs sind. Darunter ist keine Gurke, die man unbesorgt am Bahnhof stehen lassen würde. Daneben gibt es noch die Topeak Ergon-Teams – erfolgreiche ­Profiteams, die weltweit als Markenbotschafter unterwegs sind – natürlich auch mit Ergon-Griffen und Sätteln.

Design mit ergonomischer Funktion

Die Marke Ergon entstand nicht nebenher, doch die Eckdaten standen. Und der Zugang des Kunden zum Produkt sollte nicht Ergonomie-klassisch erfolgen: »Unsere Kunden sollen nicht über Angst vor Schmerzen zu uns kommen. Das Produkt selbst muss positiv bewertet werden. Das Design muss ein großer Faktor für die Wahl des Produkts sein«, so Arnold, der seit 2000 Alleingesellschafter ist. Im Gegensatz zu Terry, wo das Design der Produkte anfangs eher Mainstream war und die Funktion im Vordergrund stand, sollte Ergon immer schon eine Premium-Marke sein und wurde gleich weltweit angemeldet.
Anfang 2002 stieß Arnold auf eine Designagentur aus Stockholm, die sich intensiv mit der Ergonomie der Hände beschäftigt hatte. »Sie konnten erstmals genau erklären, woher Taubheitsgefühle kommen, warum die Hände einschlafen und was das mit dem Ulnarnerv zu tun hat.« Die Zusammenarbeit begann.
Heute sitzen im Entwicklungsbüro die Designer neben den Ergonomen und den Ingenieuren. Nach den Anfangsjahren mit vielen externen Mitarbeitern ist Arnold von dem Konzept der vertikalen Integration überzeugt. »Alles wird im Haus gemacht – und das ist gut so.« Er hat gern die Übersicht darüber, was passiert. Da sind Verfahrenstechniker, Maschinenbau-Ingenieure, der CAD-Ingenieur, fünf Industriedesigner, ein Textilingenieur, der sich um die Gestaltung der Ergon-Rucksäcke kümmert – von der ersten Idee bis hin zur Begleitung in der Serienproduktion kann man bei Ergon und Terry alles selbst realisieren.
»Das wichtigste Benefit des ergonomischen Produkts muss sein: Schmerzvermeidung. Dann kommt Funktionsverbesserung, dann das Schneller‑
sein!«, so Arnold.
Während die Griffe für Touren-Räder große Flächen zur Stützung der Handballen haben, sind diese bei den Griffen für Mountainbikes deutlich reduziert, und noch mehr dann bei Produkten für den Renneinsatz. Ist die richtige Montage bei ersteren selbsterklärend, ist das ein Problem bei Griffen, die eher das Feintuning in der Handstellung fokussieren: »Wie sage ich dem Fahrer wie er unsere Produkte richtig greift – also auch richtig montiert – um den vollen ergonomischen Nutzwert daraus zu ziehen?« Die Lösung bei den Downhill-Griffen: Eine kleine Nase im Querschnitt des Griffs, jeweils am inneren Ende. Das erste Fingergelenk des Zeigefingers fühlt sich an dieser Nase pudelwohl. Der Biker sucht sich also selbst diese Haltung – und greift damit richtig! Mittlerweile hat RTI mehr als zehn Patente allein auf Details der Griffe angemeldet. Patentschutz ist ein großes Thema bei RTI und leider deshalb ein hoher Kostenfaktor, so Arnold.

Nachhaltigkeit aus ­Überzeugung

»Wir wollen einfach etwas Gutes machen – und keinen Sondermüll produzieren«, so die Devise bei RTI. Nachhaltigkeit spiegelt sich auch in den verwendeten Materialien wider. Die BioKork-Reihe der GP-Tourengriffe spricht hier für sich. Aber auch, dass RTI 2015 die Nobel-Firma Brooks für ihr Vertriebs-Portfolio gewinnen konnte, die schon immer auf natürliche Materialien wie Leder setzte.
Nachhaltigkeit zählt auch bei der Verpackung: »Möglichst kein Kunststoffmüll – und überhaupt möglichst wenig Verpackung,« so ist die Devise. Griffe von Ergon kommen in recyclebarer Pappe auf den Regalhänger. Und ein erster »Test« im Laden ist auch möglich: Dass der Kunde die »verpackten« Griffe im Regal sogar in die Hand nehmen und spüren kann, ist enorm verkaufsfördernd. Zuständig dafür ist mit Christian Neu ein eigener Verpackungsdesigner. Er sorgt dafür, dass die Verpackung möglichst nachhaltig sein kann, sympathisch und erklärend auftritt und Tricks wie einen ersten Handling-Test zulässt. Die Marketingabteilung ist gerade aufgestockt worden. Ergon bekam einen komplett neuen Online-Auftritt, produziert von der 5-köpfigen Online-Marketing-Mannschaft, und einen eigenen Blog. Social-Media-Experte Andy Eyring – selbst bis vor kurzem MTB-Profi – will authentische Storys ins Netz stellen, die darstellen, wie viel schöner das Erlebnis Fahrrad mit Produkten von RTI sein kann.
Produziert wird in Asien, in enger Zusammenarbeit mit dem langjährigen Partner Topeak. Aber auch hier herrscht der Gedanke der Qualität und Perfektionierung des deutschen Auftraggebers. Der Griffgummi-Compound beispielsweise wird in Deutschland hergestellt. Insgesamt mehr als 100 Tonnen werden jährlich per Container nach Taiwan verschifft. Vom firmeneigenen Logistik-Umschlagplatz im zwölf Kilometer entfernten Urmitz geht die RTI-Produktpalette in die ganze Welt – bis zu 400 Pakete am Tag, etwa 7.000 Produkte! 5.200 Quadratmeter Fläche hat der Umschlagplatz insgesamt – wer denkt da noch an die Doppelgarage neben dem Elternhaus?

27. Juni 2016 von Georg Bleicher

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