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Links der Draht zu End­verbrauchern, rechts inter­nationaler Umschlagplatz
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Portrait - Messingschlager

Die Ost-West-Wundertüte

Den Namen kennt fast jeder in der Branche, doch was man damit verbindet, bedarf wohl bei den meisten einer Aktualisierung: Der Import-Crack unter den Importeuren erweist sich im Portrait als vielschichtig angelegtes Unternehmen.

Ein entspanntes Café, das vielleicht ein Fünftel eines Fahrradladens einnimmt, Cappuccino auf dem Hochtisch vor sich, der Blick durch die komplett verglaste Fassade geht auf einen kleinen Bikepark und davor eine offene, hügelige Landschaft: So stellt sich doch der Radler einen guten Morgen vor. Doch wir sitzen hier nicht in einem kleinen hippen Szene-Café in München oder Düsseldorf, sondern in einem Gebäude der Messingschlager-Zentrale in Baunach, im Bike-Café des angeschlossenen Concept-Stores. Und dieses Café ist nur die erste der vielen Überraschungen, die uns bei einem Besuch der Messingschlager GmbH & Co. KG erwarten.

Der Messingschlager-Kosmos

»Traditionsfirma, altehrwürdig, guter Ruf« – diese Stichworte fallen vielen aus der Branche beim Namen Messingschlager ein. Doch zumindest für die meisten, die bislang nicht mit dem schon 1924 gegründeten Familienunternehmen zu tun hatten, bleibt der Name doch ziemlich abstrakt. Kaum jemand weiß etwa, dass Messingschlager einst die Marke Centurion innehatte und erst Mitte der Neunzigerjahre an den Vertriebsinhaber Wolfgang Renner verkaufte.
»Ja, wir müssen jetzt dringend an der Außendarstellung arbeiten«, erklärt auch der damalige Leiter Marketing-Kommunikation, Tobias Spindler, bei unserem Besuch. Der Ex-Riese-und-Müller-Sprecher war seit Jahresbeginn in Baunach und führte uns beim Besuch vor Ort durchs Unternehmen. Mittlerweile – kurz vor Redaktionsschluss von velobiz.de Magazin – hat ihn Antonia Grim als Nachfolgerin abgelöst.
Jedenfalls ist es ihm damals ergangen wie vielen, die in den »Messingschlager-Kosmos« eintauchen: »Eine ganz neue Welt tut sich auf. Das ist etwas anderes als die Branche, die ich bis jetzt gewohnt war. Da geht’s oft um Unterschiede bei Cent-Beträgen – aber auch um unglaubliche Stückzahlen«, erklärt er und erzählt dann von einem portugiesischem Handelspartner, der 1,2 Millionen Fahrrad-Einheiten pro Jahr umsetze. Dennoch: Das alles ist ja irgendwie organisch gewachsen.

Vom Mantelschutz zum E-Bike-System

Gegründet wurde das Unternehmen von Anton Messingschlager und seiner Frau Gunda – die Großeltern des heutigen Geschäftsführers Benno – in Bamberg. Zum einen fungierte man damals tatsächlich als Hersteller kompletter Fahrräder, zum anderen hatte man in einer Nische fast ein regelrechtes Monopol: Mantelnetze. Das per Metallpins an Nadelöhr-kleinen Löchern im Schutzblech befestigte Schutzgewebe verhinderte, dass Röcke oder Mäntel in die Reifen oder Speichen flatterten. Bis zu 150 Näherinnen produzierten damals bei Messingschlager.
Ende der Sechzigerjahre ist dann Antons Sohn, Rudolf Messingschlager, einer der ersten der Branche, der auf langen Reisen Geschäftskontakte nach Asien knüpft. 1969 zieht das Unternehmen vom letzten Bamberger Standort um ins benachbarte Städtchen Baunach. Geplant wurde weitsichtig: 13.500 Quadratmeter Grund standen zur Verfügung – ein Areal, das heute noch Potenzial in sich trägt. 1970 knüpft man die Bande zum Reifen­hersteller Kenda enger. Er sollte bald schon einer der wichtigsten Vertriebs­partner werden. 2007 baut Messing­schlager mit 1.160 Quadratmetern Grundfläche das größte Fahrrad­teile-Hoch­regallager Europas. Fünf Jahre später wird das Lager auf 14.000 Qua­dratmeter erweitert und teilweise automatisiert – der heutige Status Quo in Sachen Lager; der Concept Store mit Café kam 2012 hinzu – auf zwei Etagen und inklusive weiterer Büroräume.
International machte man auch schon 2008 Nägel mit Köpfen: Ein Lager in USA entstand. Wer sich jetzt wundert, dass er so wenig über diesen Vertriebsgiganten weiß, ist in guter Gesellschaft: Noch 2013 bekam das Unternehmen den Hidden Champion-Award von N-TV. Weitere Business-Preise wie der Bayerns Best 50-Award folgten. Heute ist Messingschlager nach eigenen Angaben der größte Importeur der Branche, vertreibt in 70 Länder und hat über 30 Eigen- und Vertriebsmarken – ­darunter die Komponenten-Eigenmarke M-Wave mit alleine etwa 1.000 Produkten.

Asiatische Produktionsmöglichkeiten und …

Grundsätzlich sieht sich das Unternehmen seit 60 Jahren als Brücke nach Fernost. Aber man übernimmt auch beispielsweise die Aufgabe, im Auftrag des Großhändlers oder OEMs, Komponenten zu beschaffen. In einer Welt, in der Global Sourcing einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor darstellt, ist das eine Aufgabe mit wachsenden Wettbewerbern. Dabei kann es zunächst darum gehen, etwa Komponenten, die zum Portfolio des Kunden passen, zum passenden Preis zu eruieren. In diesem Bereich dürfte kaum jemand an die Erfahrungswerte des Unternehmens herankommen. Die Möglichkeiten gehen weiter: Messingschlager kann auf einen riesigen Pool von Partnern zurückgreifen, bei denen das Unternehmen Ware in Auftrag gibt oder selbst mitentwickelt. »Wir liefern zum Beispiel für einen großen E-Bike-Hersteller Cargobike-Naben«, erklärt Spindler dazu, »die speziell für ihn von unserem Vertriebspartner und uns entwickelt wurden. Grundsätzlich gilt: Man muss uns nur sagen, was man will, und dann machen wir was Schönes«, so Spindler selbstbewusst.
Dazu kommt die komplette Logistik, die das Unternehmen übernimmt. Die vielen zwischengelagerten Teile sind der Hauptgrund für die enorme Lagerkapazität, mit denen Messingschlager auftrumpft. Wer bestellt, bekommt fast ausschließlich aus Baunach geliefert, nicht vom Hersteller in Asien – abgesehen von den Streckenpartnern Messingschlagers. Diese werden ohne Zwischenstation direkt beliefert – wobei das Baunacher Unternehmen die komplette Logistik steuert.
Seit Jahren gibt es hier ein Zollfreilager. Die dort in hinter genau definiertem Verschluss zwischengelagerten Waren werden erst verzollt, wenn die Ware das Zentrallager in Baunach verlässt. Für diese Einrichtung ist großer Aufwand nötig: In der Zollabteilung sitzen täglich vier Angestellte, die sich nur um die Formalitäten und Abschlüsse kümmern. Diese Lager müssen von den deutschen Zollbehörden zugelassen werden und unterstehen deren Kon­trolle. Das bedeutet, dass der Zoll jederzeit prüfen darf. »Wenn da ein Anfangsverdacht bestünde, dass bei irgendeiner Lieferung etwas nicht den ordentlichen Verfahren entspricht, können Kontrolleure des Zoll zu jeder Tages- und Nachtzeit hierhin kommen, und wir müssen Zutritt gewähren«, erklärt Spindler. Der Vorteil des Aufwandes eines Zollfreilagers: Schnellere Prozesse, man kann schneller agieren und Zollersparnis, wenn die Ware die EU wieder verlässt. »Dadurch sind wir deutlich besser aufgestellt als manche anderen.«

… Europäischer Service

Was macht das Unternehmen für mittlere und kleinere Unternehmen interessant? Für kleinere OEMs kann Messingschlager den Zugang zu großen Herstellern oft überhaupt erst ermöglichen, die ansonsten aufgrund von zu geringer Stückzahl abwinken – oder nur zu deutlich höheren Preisen anbieten. Über den Mittler Messingschlager kann auch der kleine und mittlere Anbieter beispielsweise an bestimmte Shimano-Komponenten in kleinen Mengen kommen.
Aber auch mit der Flexibilität, die das Unternehmen seinen Kunden ermöglicht, wirbt man: Der Kunde kann einen Teil der bestellten Ware bei Messingschlager zwischenlagern und spart damit Lagerkosten – unter anderem hiermit erklärt sich der exorbitante Bedarf an Lagerfläche – und greift erst dann darauf zurück, wenn er weitere Ware braucht. Damit verbunden ist auch die finanzielle Strukturierung des Deals: Der Kunde bezahlt nur für die jeweilige Menge, die er zugestellt bekommt. »Wir spielen praktisch auch Bank«, erklärt der Kommunikationsleiter lächelnd.

Die Familie und der klassische Manager

Nach dem Erfolg des Unternehmens in den letzten Jahrzehnten befragt, meint Benno Messingschlager gelassen: »Wenn man vernünftig wirtschaftet, kann man mitwachsen, wenn es der Branche gut geht.« Der 54-jährige, drahtige Mann mit dem grauen Haar und Dreitagebart wirkt wie ein Mensch der klaren Aussagen und schnellen Entscheidungen. Das wird bestätigt. »Wer mit dem Chef in der Besprechung sitzt, sollte gut vorbereitet sein«, erklärt Spindler bewundernd schon im Vorgespräch, »Sonst wird es schwierig, ihm zu folgen.«
Benno, Vertreter der dritten Generation des Familienunternehmens, ist seit 30 Jahren im Geschäft, seit dreieinhalb Jahren hat der CEO mit Dennis Schömburg, der unter anderem lange im Nestle-Konzern gearbeitet hat, einen Co-Chef zur Seite. Messingschlager verkörpert sicher auch Eigenschaften, die man einem klassischen Familienunternehmen nachsagt: Den langfristigen, realistischen Blick in Sachen Finanzen mit einem festen eigenen, möglichst wenig von externen Finanzierungen abhängigen Standing. Und, auch klassisch: Persönliche Beziehungen sind für den weitgereisten Chef das A und O. »Die meisten unserer Kunden waren schon zu Besuch hier«, sagt er. »Sie sollen die Atmosphäre auf sich wirken lassen, unsere Produkte in die Hand nehmen, sehen, wie wir arbeiten. Das ist wichtig für den Aufbau von langjährigen Beziehungen.« Mit dauerhaften Beziehungen kennt man sich hier aus – die schon genannte Marke Kenda, aber auch andere Unternehmen wie Kettenhersteller KMC sind langjährige Weggefährten. Eigenschaften wie ein rücksichtsvoller Umgang mit Partnern, auch in für ihn schwierigen Zeiten, gehört dazu. »Wer mit seinem Unternehmen schon einmal selbst finanzielle Durststrecken durchlebt hat und die Erfahrung von kulanten Geschäftspartnern gemacht hat, der weiß das zu schätzen. Und er sieht, dass so ein Verhalten für alle Beteiligten Vorteile bringen kann.«
Auch in einem familiengeführten Unternehmen gibt es bei aller Kontinuität Veränderung – zum Beispiel im Führungsstil: Der heutige Geschäftsführer hat nach eigenen Angaben noch mehr das Personal im Fokus. »Dass die Leute hierhin passen und sich wohlfühlen, sich mit ihrer Arbeit identifizieren können, ist für mich ganz wichtig«, erklärt er.
Und vielleicht ist das auch typisch Familienunternehmen: Messingschlager ist gern karitativ tätig. Zum Beispiel für Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder SOS Kinderdorf. Dabei schickt man nicht nur Geld, man begleitet und unterstützt darüber hinaus Projekte persönlich.

Der Charme des Understatements

Der Unterschied zwischen einem ­großen Konzern und einem mittelständischen Unternehmen? Dennis Schömburg, der beides kennt, schätzt hier vor allem die Möglichkeit der schnellen Entscheidungen und die Dynamik, mit der die Baunacher Ziele verfolgen können. »Auch wenn hier eine durchprozessierte Organisation herrscht.« Denn Übersicht und klare Pläne bringen Flexibilität und Möglichkeiten – auch für den Kunden. Und das Image der grauen Maus, das das Unternehmen bei manchem in der Branche hat? »Mal ehrlich«, so Schömburg, »unterschätzt zu werden kann auch charmant sein.«
Was die interne Entscheidungsfreudigkeit angeht: Noch in diesem Jahr soll das Hochregallager – der markant spiegelnde Bau mit dem blauen Schriftzug – vergrößert werden. Der Platz ist da – hier zeigt sich der Effekt vorausschauenden Handelns. Und den will man auch in Sachen Produkte nutzen: »Wir versuchen immer, Trends frühzeitig zu erkennen«, sagt Benno Messingschlager und erzählt vom ­ersten MTB, das Messingschlager auf der Ifma 1984 ausstellte.

Der silbern glänzende Riese wächst

Schon heute kann das Messingschlager-Wahrzeichen, das 18 Meter hohe Lager durchaus Respekt einflössen. Hinter einem Zaun bewegt sich kaum hörbar ein beleuchteter Hubwagen surrend durch die schmalen Regalwege – mit einer Geschwindigkeit von drei Metern pro Sekunde, wie Oliver Foeth, Assistent der Geschäftsleitung, erklärt. Angelieferte Ware wird per Scan ins System gespeist und so der EDV übergeben. Fehlerquote? Geht gegen Null. Gespenstisch? Nein, zeitgemäß. »Die Umstellung auf die papierlose Kommissionierung«, so Foeth lächelnd, »fand erst 2012 statt. Vorher liefen die Kommissionierer mit Papierstößen in den Händen durchs Lager.« Man kann ja nicht immer voraus gehen.
Der Einkauf ist – neben dem Sourcing – immer noch das Steckenpferd des Geschäftsleiters, der in Sachen asiatische Kaufmannskultur sicher bewandert ist wie wenige andere der Branche. Im Verkauf sitzen fast 30 Männer und Frauen, die alle multilingual unterwegs sind. Dort lernen wir auch Lukas Stasiuk kennen. Er spricht viel Russisch, aber auch tschechisch, polnisch und andere osteuropäische Sprachen bis zum Ungarischen hin. »Beim Gespräch mit unseren Ge­­schäfts­partnern geht es am Telefon ganz schön zur Sache«, meint er. »Hier wird auch um Centbeträge hart verhandelt.«
Trotzdem: »Bei uns gibt’s wirklich alles, von der Low Line bis hin zu High Quality«, erklärt Spindler beim weiteren Rundgang. Unter anderem mit der eigenen, hochwertigen Komponentenmarke M-Wave will man im Teile- und Zubehör-Bereich bekannter werden. Hier kommt man, so der Kommunikationsleiter, durchaus an die Qualität der Highend-Gruppen der bekannten Komponentenhersteller heran. Ein anderer, in der Branche bestens bekannter Image-Träger ist der Partner KMC. Der Kettenlieferant kann derzeit mit einem einzigartigen Garantie-Versprechen punkten: 10.000 Kilometer weit soll die E-Bike-Kette E101 EPT, in Verbindung mit KMC-­Kettenblättern eingesetzt, mindestens halten.

Für kleine und große E-Bike-Hersteller

Apropos Motor: Das neue Konzept Premium E-Bike Solutions, erstmals vorgestellt zur Eurobike 2017, wird gegenwärtig umgesetzt. Das allgemeine Interesse ist spätestens seit der Eurobike im Juli groß. Hintergrund: Die E-Bikes Solutions bestehen aus fünf E-Bike-Varianten (Trekkingrad Herren, Trekkingrad Unisex, Tiefeinsteiger, MTB und MTB-Fully). Bestandteile des Pakets: Rahmen, Brose-Motor, Linkage-Akku mit 504 Wattstunden und die elektronische Peripherie inklusive Display sowie die Kettenblätter mit Kurbelarmen. Der OEM kauft also vorkonfektionierte Einheiten vom E-Bike-System mit integriertem Akku und stattet sie seinem Portfolio entsprechend aus – oder lässt auch das Messingschlager machen. Nicht zu vergessen: Messingschlager ist auch Service-Partner von Brose.
Zu einem großen Teil eröffnet sich die Wundertüte Messingschlager also als Importeur und Servicedienstleister, in dessen Zentrum die Komponentenherstellung in Asien liegt. Wie steht man hier zum Thema »langfristige Rückkehr der Bike-Weltindustrie nach Europa?« »Wir glauben nicht, dass die Bike-Produktion mittel- oder langfristig wieder nach Europa umsiedeln wird«, sagt Benno Messingschlager. »Es hat ja auch so viele Vorteile – schon die Tatsache, dass in Taichung mehr oder weniger die meisten Partner der Branche alle an einem Ort sitzen. Und wenn doch, dann finden wir bei Messingschlager mit Sicherheit einen anderen Weg in der sich ständig verändernden Fahrradwelt, den wir mit unseren Kunden und Lieferanten zusammen gehen.« Der Chef der Wundertüte ist da sehr zuversichtlich.

15. Oktober 2018 von Georg Bleicher

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