
Porträt - Mäx & Mäleon
Eins für alles
Der Satz ist schon fast raus, da hält sie ihn noch einen Moment auf der Zunge zurück. Zu groß, ja fast schon monströs erscheint er ihr im Angesicht des Reporters, der mit gezücktem Kugelschreiber vor ihr sitzt. Kurzes Grübeln. Dann spricht sie den Satz aus. Er hat die Wucht einer Abrissbirne, doch es ist nun mal exakt so.
»Ja, wir greifen das Auto an.« Kurze Pause. Dann präzisiert sie: »Wir wollen dazu beitragen das Auto in der Stadt zu ersetzen. Das ist das langfristige Ziel.«

Dass bei Mäx & Mäleion sehr genau auf die Details geschaut wird, zeigt sich an vielen Stellen im Betrieb.
Franziska Bosselmann (37) weiß um die Wirkung kerniger Sätze. Bevor sie mit ihrem Mann und dessen Bruder Mäx & Mäleon gründete, war sie als Medienpädagogin tätig. Nun ist sie Geschäftsführerin, Personalchefin, Vertriebsleiterin und nebenbei auch für das Marketing der Marke zuständig. Eine herausfordernde Aufgabe. Schließlich sind die Bikes der Manufaktur so außergewöhnlich, dass viele beim ersten Anblick erst einmal überfordert sind. Alles scheint in ihnen zusammenzufließen. Trekkingbike, Lastenfahrrad, E-Flitzer, Rikscha, Kettcar. Die Front mit den zwei federnd gelagerten Rädern duckt sich windschnittig über den Boden, während das Heck dem eines normalen Fahrrads entspricht. In der Mitte ein E-Motor. Über dem Ganzen ein durchgestylter Aufbau mit der Raffinesse eines Tiny House, inklusive gemütlicher Sitzecke. Ein Bike für vieles, das wird ohne große Erklärung klar. Doch was für ein Universalgenie dieses Gerät ist, das ist unmöglich auf einen Blick zu erfassen. Man steht davor und grübelt: Ist das noch ein Fahrrad oder schon ein Auto? Eins zum Treten.
Unverhofft zum Fahrradhersteller
Franziska sitzt zusammen mit Ehemann Emanuel (37) und dessen Bruder Andreas Stein (32) auf einer Bierbank-Garnitur im Hof eines Industriehallen-Komplexes, der sich am Stadtrand von Ostfildern befindet. Vom Nachbargelände aus glotzt ein riesiges Gruselgespenst herüber. Die Firma fertigt Kulissen für Vergnügungsparks. Die Mäx & Mäleon-Crew nutzt die Bierbank-Garnitur oft für Meetings. Zu besprechen gibt es viel. Die Marke ist noch jung und wächst. Eigentlich wollten die drei nur ein praktisches Bike für den Eigenbedarf bauen. Dass sie jetzt Fahrradhersteller sind und aktiv an der Verkehrswende mitwirken, hätten sie sich bis vor Kurzem nicht im Traum vorstellen können.

Die Produktion der High-End-Lastenräder erfolgt in Ostfildern und ist möglichst regional aufgestellt.


Der Urknall war 2020. Der Corona-Lockdown hatte die Welt gerade zum Stillstand gebracht. Millionen Menschen hatte plötzlich sehr viel Zeit. Alle wollten an die frische Luft. So auch die Bosselmanns. Um mit ihrem Sohn, damals 8 Jahre alt, Ausflüge zu unternehmen und Alltags-Dinge zu erledigen, dachten sie über ein Lastenrad nach. Ein Bekannter lieh ihnen seins für eine Probefahrt. Der erste Fahreindruck überzeugte. Doch ein paar Dinge fielen negativ auf.
Der Eigenbedarf als Innovationstreiber
»Unser Kleiner saß zwischen Milch und Krempel. Das fanden wir nur so semi«, erinnert sich Emanuel. So reifte die Idee, selbst ein perfektes Bike zu bauen. Für den Eigenbedarf. Zwei Räder vorne, eins hinten. Wegen der Fahrstabilität. Doch was simpel schien, entpuppte sich bald als große Herausforderung. Ein Bike dieser Art brauchte ein spezielles Fahrwerk mit Neigetechnik, um sich in die Kurve legen zu können. Gut, dass Bruder Andreas für eine Autofirma arbeitete. Zufällig auch noch im Bereich Fahrwerke in der DTM-Rennwagen-Sparte.
»Viele kommen aus der Fahrrad-industrie und wollen mit der eigenen Firma coole Fahrräder bauen. Unser Ansatz ist ein anderer. Wir wollen Probleme lösen.«Emanuel Bosselmann, Mäx & Mäleon
»Viele kommen aus der Fahrradindustrie und wollen mit der eigenen Firma coole Fahrräder bauen. Unser Ansatz ist ein anderer. Wir wollen Probleme lösen«, so Emanuel.
An Problemen mangelt es der Welt nicht. Das Thema Fortbewegung ist eins davon. Wie groß das Problem ist, lässt sich tagtäglich in den Innenstädten beobachten. Verkehrsadern, verstopft von Thromben aus Blech. In den Fahrzeugen gestresste Menschen, die in Schrittgeschwindigkeit von Ampel zu Ampel rollen. Über allem, wie eine finstere Wolke, das große Thema Erderwärmung. Schmelzende Gletscher, Stürme, Hochwasser. Es wäre zu schön, wenn der Umstieg auf ein Lastenrad diesen Horror aufhalten könnte. Es ist klar, dass das allein nicht reichen wird. Das wäre so, wie einen außer Kontrolle geratenen Zug mit einem Kieselstein zu stoppen. Der Umstieg auf ein Lastenrad ist aber immerhin ein Molekül der Lösung. Vielleicht sogar mehr. Der Zustand der Welt liegt dem Trio am Herzen. Das wird im Gespräch sofort klar. Hinter Mäx & Mäleon steckt ein ehrliches Anliegen. Kein kühler Businessplan, der sich den grünen Trend zunutze machen will. Um einen möglichst großen Effekt in Sachen Nachhaltigkeit zu erzielen, dachte das Trio schon bei den ersten Überlegungen über eine eigene Firma nach. Die Bikes müssten lokal produziert werden. Das war von Anfang an gesetzt.

Team-Kultur statt Chef-Ansagen sind das Konzept bei Mäx & Mäleon.
»Wenn man den CO2-Fußabdruck eines Produkts von A bis Z zusammenrechnet, dann wird der absurd hoch, wenn alles aus Fernost kommt«, weiß Franziska, die in ihrem vorherigen Berufsleben viele Studien zu Nachhaltigkeit erstellt hat. Emanuel nickt. Er habe ausgerechnet, wie hoch der CO2-Fußabdruck wäre, wenn sie alle Metallteile aus Fernost importieren würden. Das entspräche dem der Batterie, dem Teil mit der schlechtesten Öko-Bilanz am Bike.
»Das hat mich total geschockt«, sagt Emanuel. Bei Mäx & Mäleon kommen 50 Prozent aller Teile aus einem Umkreis von 300 Kilometern.
Es gibt viele Cargobikes. Auch mit drei Rädern und Frontladefläche. Das Konzept von Mäx & Mäleon aber ist anders und umfassender als das von anderen Herstellern. Obwohl die Serienfertigung erst vor Kurzem angelaufen ist, hat Mäx & Mäleon schon viele Preise gewonnen. Unter anderem den »Schwarzen Löwen 2024«, den Gründerpreis von Baden-Württemberg. Wirklich sichtbar ist die Marke auf den Straßen aber noch nicht. Die aktuellen Produktionskapazitäten lassen nur 18 Bikes pro Monat zu. Der mittelfristige Plan ist allerdings, den Output auf 1000 Bikes im Jahr zu steigern. Auch das Firmengebäude entzieht sich zunächst dem Blick. Die Produktionshalle befindet sich in dritter Gebäudereihe. Wer zum ersten Mal hier ist, hat Schwierigkeiten, sie zu finden. Keine Leuchtreklame, keine prangenden Logos. Eine Art Lagerbereich ist der Eingang. Dahinter befindet sich die Rahmenfertigung. Drehbänke, Rohre, ein Regal mit Frästeilen. Die grellen Lichtblitze einer Schweißnadel zucken ins Neonlicht. Es riecht nach verbranntem Metall. Die Montagehalle befindet sich nebenan. Im winzigen Zwischenraum steht ein Ikea-Regal. Jedes Fach ist mit dem Namen eines Mitarbeiters beschriftet. Auch die Namen von Franziska, Emanuel und Andreas stehen auf den Schildchen.
»Wir sehen uns nicht als Chefs, sondern als Teil des Teams«, sagt Franziska. Das sei Teil ihrer Philosophie. Wer sich wohlfühlt, ist kreativer und produktiver, führt sie aus. Arbeit sei schließlich auch Lebenszeit. Deshalb müsse sie Spaß machen.
»Frei von Hierarchien«
»Es war unser Ziel, eine Firma frei von Hierarchien und mit hoher Wertschöpfungstiefe aufzubauen, die trotzdem wirtschaftlich ist«, fasst Franziska die Idee von Mäx & Mäleon zusammen. Klimarettung, Mobilitätswende und nun auch noch die Perfektionierung der Arbeitswelt? Ist das nicht alles eine Spur zu groß? Hohle Worte sind es jedenfalls nicht. Das wird beim Betreten der Montagehalle klar. Aus einer Musikbox perlt souliger Beat in Cocktailbar-Lautstärke. Alles ist offen und freundlich gestaltet. Ein Hochregal teilt die Halle in Produktion und Bürobereich. Wände im klassischen Sinn gibt es nicht. Der Schreibtisch der Geschäftsführung steht offen im Raum. Daneben ein Sofa. Im angrenzenden Küchenbereich schnipselt ein Mitarbeiter Gurken, Möhren und Tomaten. Auf dem Tisch stehen Brotkörbe und Humus bereit. Emanuel huscht zum Geschirrschrank und holt Teller. Gleich ist Mittagspause. Gekocht und gegessen wird fast immer zusammen. Die Szenerie erinnert mehr an eine Biker-WG als an eine Fahrradproduktion.

Alles ist offen: Der Montagebetrieb kommt ohne Wände aus, Büro und Produktion sind nur durch ein Hochregal getrennt, die Wege entsprechend kurz, die Kommunikation direkt.
Motivation, die tief aus dem tiefen Inneren kommt, gilt als die stärkste Energie. Intrinsische Motivation nennen das Verhaltenspsychologen. Das erklärt, wie aus einer spontanen Idee in so kurzer Zeit eine innovative Manufaktur werden konnte. Gerade einmal fünf Jahre ist es her, als Franziska das Lasten-Bike ihres Bekannten ausprobiert hatte, weil sie Alltagsbesorgungen nicht mehr im Auto, sondern per Fahrrad absolvieren wollte. Die schmerzenden Unterarme, die das wenig komfortable Gefährt verursachte, und das unausgereifte Verstausystem waren der Startschuss für eine Eigenentwicklung. 2021 war der Prototyp fertig. Ein maximal wandelbares Lastenbike mit niedrigem Schwerpunkt und hohem Spaßfaktor. 50 Kilometer Akku-Reichweite. 110 Kilo Zuladung. Nutzbar für den Personentransport. Auch für Erwachsene. Familienmobil und Sportgerät in einem.
Franziska, Emanuel und Andreas waren begeistert. So sehr, dass sie beschlossen ihre Jobs zu kündigten, um Mäx & Mäleon zu gründen. Der Name, abgeleitet von Chamäleon, ist eine Anspielung auf die Wandlungsfähigkeit des Bikes. Das Stausystem ist variabel und kann auf jede erdenkliche Nutzung angepasst werden. Auch Spezialaufbauten für die gewerbliche Nutzung sind möglich. Für mobile Kaffeetheken oder Handwerker-Services. Das Trio beantragte Start-up-Förderung und besuchte Firmengründungs-Seminare. Im März 2022 wurde das erste Serienexemplar ausgeliefert. Seitdem ist nichts mehr, wie es vorher war. Die Firma wächst und wächst. Unzähliges muss koordiniert und organisiert werden. Im Moment sind sie zu zehnt. Was die größte Herausforderung ist? Emanuel überlegt. »Alles«, antwortet er schließlich und grinst.
Das neue Berufsleben ist aufregend, aber es verschlingt deutlich mehr Zeit als das alte. Freizeit ist knapp geworden. Wochenenden und Urlaube werden deshalb umso intensiver genutzt. Neulich kurbelten Franziska, Emanuel und ihr Sohn in zwei Tagen von Frankfurt nach Stuttgart. Die ganze Familie auf einem Bike. Inklusive Gepäck. Ein Kurztrip, verglichen mit der Alpenüberquerung, die sie im Sommer zuvor durchgezogen hatten. Die Tagesetappen waren mit jeweils 100 Kilometern und 1000 Höhenmetern so lang wie die bei klassischen Alpenüberquerungen. Die Bosselmanns posteten Fotos auf Instagram. Die Fotos zeigten wolkenumtanzte Pässe, erklommen zu dritt mit einem vollbepackten Lastenrad. Eine glückliche Familie, die eine unbeschwerte Zeit in einer Traumkulisse hat. Die Posts gingen viral. Die Art zu reisen schien viele zu begeistern.
»Viele sagen, für den Preis unseres Rades könne man auch ein Auto kaufen. Mag sein. Aber mit der Zeit erkennen die Leute den Nutzwert.«, sagt Franziska, Emanuel lächelt und fügt hinzu: »Easy Mind ist vielleicht der passendste Begriff. Die Fahrt zum Einkauf entspannt und macht Spaß. Im Gegensatz zum Auto. Das ist meist purer Stress.« //
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