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Marktbericht Mass Customization

Ergonomie von der Stange

Das passende Fahrrad für den Kunden oder die Kundin herauszusuchen, ist und bleibt eine der elementaren Leistungen des Fachhandels. Bislang verlassen sich die Hersteller darauf, dass geschultes Personal so viel Qualifikation mitbringt, dass dieser Prozess erfolgreich gelingt. Inzwischen gibt es Bemühungen, es den Beratern und Beraterinnen auf der Fläche einfacher zu machen und zuverlässiger und früher zu einem angepassten Rad zu kommen.

Moderne E-Bikes und Fahrräder lassen sich an praktisch jedem Kontaktpunkt verstellen.
Ob Sattelhöhe, Sattelneigung, Vorbau, Lenker- und Griffwinkel, selbst an einem Alltagsfahrrad gibt es keinen Mangel an Einstelloptionen. Das Problem? In der Praxis bleiben die Einstellmöglichkeiten meist ungenutzt. Es muss schnell gehen oder es fehlt das Vorwissen, welche Veränderung welche Auswirkungen hat.
Die Herausforderung beginnt schon sehr früh: Wenn man Kunde oder Kundin auf die Testfahrt schickt, wäre es da nicht ziemlich schick, wenn sie das auf einem schon stark auf ihre Wünsche angepassten Rad tun könnten? Statt nur mal kurz an der Sattelhöhe rumzuschrauben auch gleich die gewünschte Sitzposition, Sattel und Griff passen?
Doch in der Regel haben weder Kundin noch Verkäufer im Verkaufsgespräch die Muße, ein gerade ausgesuchtes Bike für ein Viertelstündchen zurechtzuschrauben. Erst mal wird geschaut, ob es passt, auch wenn außer der Sattelhöhe noch nichts passt. Der Aufwand muss natürlich zum erwarteten Ertrag passen. Aber genau das ist schwierig einzuschätzen: Die Frage, um wie viel höher die Abschlussquote ausfällt, wenn man die Mühe in den ersten Ergonomie-Aha-Effekt stecken würde, wurde bislang noch nie im Detail untersucht.
Am Kundeninteresse würde Ergonomie am Serienrad nicht scheitern: Laut dem vor Kurzem erschienenen Alteos-Radreport 2025 erwarten fast 40 Prozent der Kunden, dass ihr E-Bike ergonomisch korrekt eingestellt ist. Die ergonomische Anpassung sei der drittwichtigste Erwartungspunkt im Fachhandel, gleich nach Testfahrt und Beratung. Der Bedarf ist also da. Was fehlt, ist ein Weg, ihn in der Breite zu bedienen.
Um das Thema attraktiv zu finden, muss es noch gar nicht um Verkaufsoptimierung auf höchstem Niveau gehen. Es wird für viele Betriebe die Feststellung reichen, dass man im Sommer viel mit Saisonkräften arbeitet oder eine höhere Personalfluktuation hat, um auf den Gedanken zu kommen, dass man mögliche Fehlerquellen möglichst klein halten sollte.

Alex Thusbass, Geschäftsführer von Hepha, hat beobachtet, dass es vor allem die betriebswirtschaftlich denkenden Betriebe sind, die besonders an seinem neuen ErgoAdjust-Konzept interessiert sind. Es beginnt bei der Einsicht, dass man die knappe Zeit im Fahrradladen (und davor) gut nutzen muss. »Für eine ein- bis zweistündige Beratung hat in der Fläche niemand Zeit. So wird das nie funktionieren«, stellt Thusbass nüchtern fest. Der Sohn einer Fahrradhändlerfamilie hat für Hepha mit seinem Team stattdessen die Idee einer schnellen und praktikablen Lösung entwickelt.

Schnelle Präzision

Diese sieht wie folgt aus: ErgoAdjust setzt an zwei Stellen an, die ineinandergreifen. Den ersten Baustein bildet eine digitale Schritt-für-Schritt-Anleitung in der App. Der Nutzer gibt seine zentralen Körperdaten ein und wählt eine bevorzugte Sitzposition, woraufhin das System konkrete, numerische Einstellwerte ausgibt. Den zweiten Baustein bilden physische Skalen direkt am Bike. Ab Modelljahr 2026 erhalten alle ergonomierelevanten Kontaktpunkte abgestimmte Skalen, von der Sattelstütze über den verstellbaren Vorbau bis zu neu eingeführten Markierungen für Lenker- und Griffwinkel. Zusammen mit den hinterlegten Geometriedaten von Rahmen und Anbauteilen übersetzt der Algorithmus die Eingaben in komponentenspezifische Werte. Der Zwischenschritt über externe Messinstrumente entfällt vollständig.

»So einfach war es noch nie, ein Serienrad einzustellen.«

Alex Thusbass, Hepha

Entwickelt wurde das System gemeinsam mit Gebiomized, dem Münsteraner Spezialisten für Bikefitting und Ergonomie. Diese wissenschaftliche Basis ist für Hepha das zentrale Argument gegen den Vorwurf des leeren Versprechens. »Gemeinsam mit Gebiomized haben wir einen völlig neuen Algorithmus und ein extrem präzises Ergonomiemodell entwickelt«, sagt Thusbass. Nach Angaben des Partners deckt die App-Einstellung damit bereits rund 80 Prozent des Bikesizings und -fittings ab.
Der Anspruch ist entsprechend selbstbewusst. »So einfach war es noch nie, ein Serienrad einzustellen«, sagt Thusbass und ergänzt, Hepha sei »wahrscheinlich eine der wenigen Marken, die das Thema ergonomische Anpassung tatsächlich ab Werk mitliefern«.
Der eigentliche Hebel liegt nicht in der Präzision, sondern in der Skalierbarkeit. Bisher war eine fundierte ergonomische Anpassung an einen zeitintensiven Beratungsvorgang gekoppelt, den die Masse der Verkäufe schlicht nicht hergibt. Mit solchen Systemen verschiebe sich der Aufwand von der Beratungssituation in das Produkt selbst. »Wenn wir es schaffen, ein Rad in zwei Minuten so weit einzustellen, dass 80 Prozent der Ergonomie passen, bringen wir das Thema in die Fläche und in die Köpfe der Menschen«, sagt Thusbass. Ein Thema, das bislang dem Premium- und Sportsegment vorbehalten war, wird so endgültig volumentauglich.

Win-Win für Handel und Kundschaft

Die Handelsperspektive hat Thusbass dabei nicht aus dem Blick verloren. Profitieren sollen ausdrücklich auch die Händler. Das System ist nicht als Konkurrenz zum Fachhandel positioniert, sondern als dessen Türöffner. »Wir stoßen die Tür auf zu einem riesigen Umsatz-, Beratungs- und Schulungspotenzial für die Händler«, sagt Thusbass. Konkret werde im Verkaufsprozess angesetzt, an seiner schwächsten Stelle. Gibt der Kunde seine Maße auf der Website ein, erhält der Händler im Hintergrund die passenden Einstellwerte für das Testbike. »So kann beim ersten Probefahren kaum noch etwas schiefgehen«, ist Thusbass überzeugt. Aus einer fehleranfälligen Testfahrt wird ein Erfolgserlebnis.


Der Prozess der ergonomischen Anpassung ist klar strukturiert und dabei vielseitig genug, um auf individuelle Vorlieben eingehen zu können.

Und auch der Komponentenverkauf ist damit nicht ruiniert. Im Gegenteil entstehe so überhaupt die Option zum nächsten Schritt: »An der Ersteinstellung lässt sich noch nichts verdienen, aber der Kunde erwartet sie. Sagt er danach, ›das hat geholfen, aber ich bräuchte einen anderen Sattel, bessere Griffe‹, geht es in eine tiefere Analyse. Und das lässt sich sehr gut monetarisieren«, sagt Thusbass.
Über das einzelne Produkt hinaus haben solche Systeme das Potenzial, die ergonomische Kultur im Markt zu verändern. In der Folge könnte sich der spezialisierte Bikefitter zunächst übergangen fühlen. Zumindest bei Hepha will man das über Systemoffenheit entschärfen. Weil sämtliche Kontaktpunkte quantifiziert sind, lassen sich auch Werte aus externen Beratungs- und Fittingsystemen zuverlässig auf das Bike übertragen. Der Profi wird damit nicht ausgesperrt, sondern angedockt.
Bislang lautet der Befund von Thusbass schonungslos: »Momentan haben wir in der Fahrradindustrie sehr viele Einstellmöglichkeiten, aber wir lassen den Endkunden damit komplett allein.« Genau dieser Zustand soll enden. Statt eines Zweitstudiums in Ergonomie unterstützt die Technik bei Unklarheiten und offenen Fragen.

Wo Zweifel bestehen könnten

Es gibt trotzdem noch berechtigte Skepsis, und Thusbass selbst spricht sie offen an. Wer schon einmal erlebt hat, wie eine millimetergenaue Vermessung in einer Datenbank verschwindet und am Ende ein Produkt ausgibt, das überhaupt nicht passt, kennt das Misstrauen gegenüber automatisierten Ergonomielösungen. Hier soll ein iteratives Vorgehen für Abhilfe sorgen. Nach der Ersteinstellung fragt die App nach einer gewissen Zeit nach, wie das Rad passt, und verweist bei echten physischen Problemen vergleichsweise schnell an Händler oder Labor.
Die Zahl von rund 80 Prozent Ergonomie-Abdeckung wird sich ebenfalls in der Praxis erst beweisen müssen. Ob der Volumenkunde und die Kurzstreckenfahrerin die ergonomische Grundeinstellung wirklich als Mehrwert wahrnehmen oder als bloßes Detail überlesen, ist eine Wette auf das Kundenverhalten. Angesichts der absehbar verbesserten Qualität im Beratungsgespräch und konsistenteren Ergebnissen werden alle Marken sehr genau hinschauen, wie sich Ergonomie im Volumenmarkt entwickelt. Ob der Ansatz zu einem schnellen Siegeszug führt oder noch länger braucht bis zur Marktakzeptanz, ist letztlich noch gar nicht entscheidend. Ergonomie, so die Botschaft, ist ein Prozess, kein einmaliger Knopfdruck. //

16. Juli 2026 von Daniel Hrkac
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