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Christoph Bantle (links), hier mit Vertriebsingenieur Sven Bernhardt, setzt bei Brose auf das Zusammenwirken von Automotive- und Fahrradkompetenz.
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Interview - Brose

Gekommen, um zu bleiben

Knapp fünf Milliarden Euro Umsatz, viel Kompetenz als Autoausrüster, aber gegenwärtig noch ein Nobody im Fahrradmarkt: Mit dieser interessanten Ausgangslage macht sich Brose auf, den E-Bike-Markt zu erobern. velobiz.de Magazin sprach mit Geschäftsbereichsleiter Christoph Bantle auf der Intermot über die Pläne als E-Bike-Ausrüster.

{b}Nach dem ersten Auftritt auf der Eurobike mit einem Komplettsystem: Welche Resonanz der Fahrradbranche haben Sie erfahren?{/b}
Wir hatten eine Vielzahl von renommierten Herstellern auf dem Stand. Unser Ansatz, dazu beizutragen, ein Fahrrad bzw. E-Bike zu gestalten, das insgesamt perfekt funktioniert, wird sehr gut aufgenommen. Es gibt viele, vor allem renommierte Hersteller, die genau solche Räder aufbauen möchten und können. Insofern sind wir mit der Resonanz auf der Eurobike sehr zufrieden.

{b}Brose ist ein Unternehmen mit mehreren Milliarden Euro Jahresumsatz. Was ist für Ihr Unternehmen die Motivation in den Fahrradbereich zu investieren, wo selbst bei durchschlagendem Erfolg die erzielbaren Umsätze vergleichsweise nur Peanuts in der Bilanz darstellen können?{/b}
Brose hat sich dem Thema verschrieben , weil wir davon überzeugt sind, mit unserem Know-how einen hervorragenden E-Bike-Motor bauen zu können. Dabei spielte natürlich die große Erfahrung aus der Automobilbranche insbesondere in der Entwicklung innovativer mechatronischer Systeme mit hohem Qualitätsanspruch und in der Fertigungstechnologie eine große Rolle. Wir waren uns sicher, ein qualitativ hochwertiges Produkt zu einem attraktiven Preis auf den Markt bringen zu können.
Dazu haben wir ein eigenständiges Team gebildet und arbeiten nun in Berlin hochmotiviert an der perfekten Lösung für einen E-Bike-Antrieb. Wir wollen unsere Kunden begeistern und gehen dafür auch neue Wege. Beispielsweise haben wir in einem Jahr mehr als 120.000 km in den Bergen zu Testzwecken auf unseren E-Bikes zurückgelegt.

{b}Eine Sorge auf Herstellerseite sind die hohen Investitionskosten, die für den Einsatz eines neuen Antriebssystems notwendig sind: Wie nachhaltig sind die Absichten von Brose in Hinblick auf den Fahrradmarkt? Können Sie gewährleisten, dass Brose seinen Partnern in der Branche auch noch in einigen Jahren als Ansprechpartner zur Verfügung steht?{/b}
Wenn wir uns auf so ein Geschäftsfeld wie den E-Bike Markt einlassen, dann verfolgen wir damit ein langfristiges Ziel. Dazu gehören auch beachtliche Investitionen, beispielsweise in eine Produktionsanlage in Berlin. Dort stellen wir ein echtes Qualitätsprodukt »made in Germany« her. Mittlerweile ist ein Team entstanden aus Entwicklung, Einkauf, Produktion und Test, aber natürlich auch mit einem eigenen Vertrieb für die Betreuung der Kunden in der Fahrradindustrie. Insofern sind wir bereit für den Fahrradmarkt.

{b}Fühlen Sie sich als bisher reinrassiges Automotiv-Unternehmen in der Fahrradbranche bereits angekommen?{/b}
Wir fühlen uns in der sehr dynamischen Fahrradbranche sehr wohl. In unserem Geschäftsbereich E-Bike-Antriebe haben wir uns auf die Unterschiede der beiden Branchen eingestellt. Das Team besteht aus Mitarbeitern aus dem Automotive-Bereich – da zähle ich mich auch dazu – und Kollegen, die ihre Wurzeln in der Fahrradbranche haben. Wir verbinden damit unsere Stärken aus dem Fahrzeug-Bereich, z. B. konsequent definierte Prozesse, präzises Arbeiten von der Entwicklung bis hin zur Produktion, mit der Dynamik und Kreativität der Fahrradbranche. Diesen Weg wollen wir konsequent weitergehen.

{b}Das bisherige Brose-Antriebssystem ist sehr auf das sportliche Segment ausgerichtet. Hat man bei Brose auch den Bereich des Alltags-E-Bikes auf dem Schirm? Wie sieht es beispielsweise mit einer Rücktritts-Option aus?{/b}
Wir haben uns zu Beginn unserer Arbeit gefragt, wie der beste Einstieg in den E-Bike-Markt aussehen sollte. Einen Motor zu bauen ist das eine, das könnten wir auch im stillen Kämmerlein alleine. Unser Ziel ist aber, dass ein E-Bike entsteht, das sich wie ein Fahrrad fährt. Deshalb haben wir uns einen Entwicklungspartner aus der Fahrradindustrie gesucht, der zu uns passt. Die Entscheidung fiel dabei auf Rotwild und gemeinsam haben wir ein sehr sportliches Produkt entwickelt. Natürlich sind die Anforderungen an Technik, Qualität und Material im sportlichen Segment höher als bei einem Alltagsrad. Deshalb sind wir nun auch in der Lage, Fahrräder auszustatten, bei denen weitaus weniger Kräfte wirken, also z. B. City- oder Trekkingräder. Auch mit hochwertigen City- oder Trekkingrädern beschäftigen wir uns intensiv, was das Thema Rücktrittsbremse einschließt.

{b}Wo liegt die Problematik?{/b}
Wir haben gelernt, dass die Fahrradhersteller unseren Motor in hochwertige Fahrräder mit guten Fahrwerken einbauen. Damit steigen die Geschwindigkeiten dieser Bikes. Mit dem zusätzlichen Gewicht taucht die Grundsatzfrage auf, ob bei solchen Geschwindigkeiten und höheren Kräften eine Rücktrittbremse überhaupt noch ausreicht oder ob dafür eine Scheibenbremse notwendig ist. Also: Passt die Rücktrittbremse überhaupt in die Gesamtcharakteristik eines E-Bikes? Schließlich wollen wir ja auch an der Entwicklung sicherer E-Bikes beitragen. Aber die letzte Entscheidung in puncto Rücktrittbremse ist noch nicht gefallen.

{b}Brose hebt besonders den hohen Qualitätsanspruch hervor. Gleichzeitig werden verschiedene Teile des Brose-Systems zugekauft. Inwiefern können Sie diese Qualitätsansprüche auch für diese Teile des Antriebssystems garantieren?{/b}
Wir arbeiten hier eng mit unseren Spezialisten aus dem Fahrzeugbereich zusammen. Brose hat hervorragende Experten für die Auswahl, Betreuung und Qualifizierung von Lieferanten – auch im Ausland. Wir treffen uns regelmäßig mit Lieferanten, veranstalten gemeinsame Workshops, führen Zielerreichungsgespräche und treffen Vereinbarungen, welche Qualität gefordert ist bzw. welche Optionen zur Qualitätsverbesserungen bestehen. Hier zahlen sich die über 100 Jahre Erfahrung von Brose aus.

{b}Der Kundenservice ist für den Fachhandel ein maßgeblicher Faktor in der Zusammenarbeit mit einem Antriebshersteller von E-Bikes. Bislang war hier von seitens Brose noch wenig zu hören. Was ist hier geplant?{/b}
Das ist eine große Aufgabe, in der wir mittendrin stecken. Die ersten Motoren sind unterwegs zu den Produktionsstätten und treffen in wenigen Wochen bei den Fahrradhändlern ein – zuallererst Bulls-Räder bei der ZEG. Den Händlern werden wir nun unser Service-Konzept vorstellen. Gerade während der Systemeinführung wird es wichtig sein, dem Kunden schnell helfen zu können. Dazu haben wir zusammen mit dem Akkuhersteller BMZ ein Servicekonzept entwickelt, das nun geschult wird. Ein wichtiger Punkt für den Händler ist sicher, dass er nur einen Ansprechpartner hat, wenn es zu einem Servicefall kommt. Hinzu kommt selbstverständlich eine Diagnose-Software, mit der sich verschiedene mögliche Fehler gegebenenfalls zur sofortigen Ursachenbehebung auslesen lassen. Muss dann tatsächlich repariert oder getauscht werden, hat Schnelligkeit für uns oberste Priorität. Ein Kunde mit einem hochwertigen Fahrrad muss im Servicefall schnellstmöglich aufs Fahrrad zurück können.

{b}Im Gegensatz beispielsweise zu Bosch ist Brose bei Endkunden eine weitgehend unbekannte Marke. Was ist die Markenstrategie für Brose im Fahrradsegment? Wie soll ein Markenimage für Brose aufgebaut werden?{/b}
Wir werden kein Nachahmer von anderen Marken sein, sondern uns auf die Stärken von Brose konzentrieren. Im Vordergrund steht Premium-Qualität zu einem vernünftigen Preis. Uns ist durchaus bewusst, dass der Name Brose beim Endkunden noch nicht bekannt ist. Unser Weg über markenstarke Hersteller bringt uns Zugang zu guten Händlern, die dann geschult das Brose-System mit voller Überzeugung anbieten.

{b}Von Ihrer ersten Ankündigung und den ersten Auftritten auf Fachmessen im Jahr 2011 bis zum tatsächlichen Markteintritt ist relativ viel Zeit vergangen. Was hat einen früheren Markteintritt verhindert?{/b}
Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, erst in den Markt zu gehen, wenn das System gründlich zu Ende entwickelt ist. Vielleicht hat man zu Beginn auch die Komplexität des Produktes Fahrrad unterschätzt. Aber seit Frühjahr letzten Jahres arbeiten wir mit Hochdruck und sehr konsequent daran, unser Antriebssystem zur Marktreife zu bringen. Dazu gehörte auch die Gründung einer eigenen Firma, die voll auf den Fahrradmarkt ausgerichtet ist.

{b}Noch ein Blick in Zukunft: Wo sehen Sie den E-Bike-Markt in Deutschland und international in zehn Jahren? Und welche Stellung soll Brose dann einnehmen?{/b}
Wir haben ein klares Ziel vor Augen: 2018 wollen wir einen Anteil von 20 % am E-Bike-Markt haben. Wenn wir zehn Jahre vorausblicken, dann glaube ich persönlich, dass sich der E-Bike-Bereich deutlich wandeln wird. Heute liefern wir verstärkt in den Sport- und Freizeitbereich. Große Chancen sehe ich aber auch im Nahverkehrsbereich, in dem E-Bikes heute im Moment kaum präsent sind. Dort liegen große Chancen für Fahrradhersteller, Mobilitätslösungen zu entwickeln. Dieses Wachstumspotenzial wollen wir nutzen.

3. Oktober 2014 von Jürgen Wetzstein
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