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Gelegenheit macht Diebe
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Schulung - Ladendiebstahl

Gelegenheit macht Diebe

Mitte letzten Jahres veröffentlichte das Forschungs- und Beratungsinstitut für den Handel EHI die Zahlen zu den Inventurdifferenzen im Einzelhandel. Demnach stieg die Differenz im Jahr 2015 von zuletzt 3,9 auf 4 Mrd. Euro. 2,24 Mrd. Euro gehen laut Studie auf das Konto von Ladendieben. Gleichzeitig investierte der Handel durchschnittlich rund 0,3 Prozent des Umsatzes (1,3 Mrd. Euro) in Präventiv- und Sicherheitsmaßnahmen.

Gelegenheit macht DiebeEines der wirksamsten Rezepte gegen Ladendiebstahl lautet Nähe zum Kunden.

»Mitarbeiter, die erkennbar präsent und aufmerksam sowie im Umgang mit Ladendieben ausgebildet sind, haben sich als wirksamste ›Waffe‹ gegen Langfinger erwiesen«, berichtet Kriminaloberrat Harald Schmidt von der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) in Stuttgart. »Sicherungstechnik kann die Aufmerksamkeit des Personals immer nur ergänzen, niemals ersetzen, zumal selbst eine aufwendige technische ›Aufrüstung‹ professionelle Ladendiebe kaum abschreckt.«

Präventives Verhalten von Mitarbeitern

Mitarbeiter können gegenüber verdächtigen Personen eine Reihe präventiver Maßnahmen einleiten. Wird ein Kunde des Ladendiebstahls verdächtigt, ist die persönliche Ansprache ein wirksames Mittel, um ihm zu signalisieren, dass man auf ihn aufmerksam wurde. Kunden, die mit größeren, offen stehenden Taschen in den Laden kommen, sollte man darauf hinweisen, dass sie diese zum eigenen Schutz besser schließen. Verschwindet ein Produkt im mitgebrachten Rucksack, muss die Ansage des Verkäufers eindeutig sein: »Vergessen Sie bitte nicht, das Schloss an der Kasse zu bezahlen.« Umkleidekabinen sind Orte, wo Diebesgut umgepackt und versteckt wird. Deshalb sollten Händler und Verkäufer die Anzahl der Ware, die mit hineingenommen wird, vorab kontrollieren.
Neben der persönlichen Ansprache wirken auch organisatorische Maßnahmen präventiv. Warenpräsentationen sollten so gestaltet sein, dass man die Produkte gut überblicken kann. In den Gängen abgestellte Lieferungen nutzen Diebe gerne als Sichtschutz. Sie sollten deshalb möglichst schnell aus dem Verkaufsraum entfernt werden. Setzt ein Händler auf Überwachungsspiegel, wirken diese nur dann abschreckend, wenn sie sauber und/oder nicht zugestellt sind. Von Dieben begehrte Produkte sind in Kassennähe besser als beim Ausgang aufgehoben.
Beim Auszeichnen der Ware können Händler und Verkäufer dem Betrug und der Urkundenfälschung vorbeugen. Sind noch selbstklebende Etiketten im Einsatz, sollten diese auch den Geschäftsnamen tragen, damit die Polizei sichergestelltes Diebesgut einwandfrei zuordnen kann. Vorgestanzte Etiketten lassen sich schwerer entfernen. Beim Anbringen der Preisschilder sollten Verkäufer darauf achten, dass sie es nicht auf Produktteile kleben, die abmontiert werden können. Ein zusätzliches Preisschild an einer verborgenen Stelle kann einen Täter leichter überführen. Werden elektronische Produktsicherungen benutzt und schlagen diese Alarm, muss das Personal wissen, wie es adäquat zu reagieren hat.
Die Kasse ist einer der neuralgischsten Punkte im Laden. Dort entscheidet sich oft, ob ein Ladendiebstahl gelingt oder nicht. Konsequentes Handeln sollte deshalb hier die Handlungsmaxime sein. In Kartons verpackte Ware muss vom Personal ausnahmslos geprüft werden, denn Diebesgut in eine Verpackung »dazu zu packen«, ist eine beliebte Form des Warenbetrugs. Auch der Austausch der Ware – hochpreisig gegen billig – ist ein beliebter Trick. An der Kasse liegengebliebene Kassenbons sollten sofort entfernt werden, damit sie nicht für einen vermeintlichen Umtausch missbraucht werden. Dass die Kasse nach jedem Zahlvorgang geschlossen werden muss, versteht sich von selbst.

Präventive bauliche Maßnahmen

»Im Ladeninneren kann mithilfe baulicher Maßnahmen potenziellen Ladendieben das Gefühl ständiger Beobachtung gegeben werden, z. B. durch helle, gut ausgeleuchtete Verkaufsräume, möglichst ohne unübersichtliche Ecken, Winkel oder Pfeiler«, rät Kriminaloberrat Schmidt. Niedrige Regale ermöglichen darüber hinaus aufmerksamen Mitarbeitern die Sicht, die durch einen leicht erhöhten Tresen noch verbessert wird. Verspiegelte Fenster oder Schaufensterdekorationen, die den Blick in den Verkaufsraum von außen verstellen, wirken ebenfalls präventiv.

Beliebte Tricks der Ladendiebe

Ladendiebe sind oft Einzeltäter. Davon fallen insbesondere Ersttäter schnell auf: Sie blicken sich oft um, bewegen sich eher hektisch. Außerdem verweilen sie lange vor einem Regal und wechseln in größeren Geschäften oftmals die Abteilungen. Ihr Diebesgut lassen sie – wie bereits erwähnt – gerne in größeren Taschen oder Rucksäcken verschwinden. Eine zusammengerollte Zeitung, ein weit geschnittener Mantel, ein Stockregenschirm, ein Kinderwagen, ein Paket mit offenem Boden oder eine sogenannte »Klautüte«, die einer handelsüblichen Einkaufstüte ähnelt, aber mit Alufolie präpariert ist, um die elektronische Artikelsicherung auszuhebeln, übernehmen ebenfalls diese Funktion.
Herumliegende Auszeichnungsgeräte laden dagegen zur Urkundenfälschung ein. Der Betrüger zeichnet »sein Produkt der Begierde« dann mit einem niedrigeren Preis selbst aus.
Beim Reklamationstrick erwirbt der Dieb zuerst auf legalem Weg ein Produkt, kommt dann aber mit dem Kassenbon zurück, nimmt das gleiche Produkt erneut aus dem Regal und versucht dieses dann umzutauschen. Kassenbons mit dem Aufdruck des Namens des Verkäufers können ihn entlarven. Mit dem Hinweis, den entsprechenden Kollegen holen zu wollen, gibt der Betrüger in der Regel schnell auf.
»Neben den Einzeltätern gibt es auch gewohnheits- bzw. gewerbemäßige Ladendiebe«, erzählt Harald Schmidt von ProPK. »Diese treten häufig in Gruppen auf und wenden ausgeklügelte Taktiken bzw. Tricks an: Sie suchen bewusst günstige Tatgelegenheiten oder schaffen diese selbst, z. B. indem das Personal durch besondere Kaufwünsche, Gespräche oder Auskunftsersuchen abgelenkt wird, während Komplizen den Täter beim Diebstahl abdecken.«
Ausgesprochen dreist handelte ein Ladendieb, der die Polizei 2014 in München beschäftigte: Er meldete sich schriftlich an, kam – weil englischsprachig – mit einer Dolmetscherin, kleidete sich im Fahrradladen hochpreisig ein und machte mit einem ebenfalls sündhaft teuren Bike eine Probefahrt. Nachdem sein Anzug und die Dolmetscherin im Fahrradgeschäft zurückblieben, schöpfte der Händler zunächst keinen Verdacht. Dieser Fall zeigt, ein Kunde muss vor einer Probefahrt ausnahmslos seinen Ausweis oder einen Wertgegenstand als »Pfand« hinterlegen.
Und ein letzter Trick: In sehr großen Fahrrad- und Sportgeschäften geben sich Ladendiebe mitunter auch als Dekorateure oder Lieferanten aus. Dagegen hilft nur eine dezidierte Absprache zwischen der Geschäfts-
leitung und den Abteilungen: Wer nicht angekündigt ist und sich nicht ausweisen kann, bekommt auch keine Ware ausgeliefert!

Nachts kommen Einbrecherbanden

Organisierte Einbrecherbanden kennen sich meist gut aus und packen vor allem hochpreisige Rennräder, Mountainbikes und E-Bikes ein. Eckhardt Rothauge, der in Homberg einen Fahrradladen führt, kann ein Lied davon singen. Bei ihm wurde vor zwei Jahren innerhalb von sechs Monaten dreimal eingebrochen. Seine Fahrräder wurden in großem Stil abtransportiert. Die installierte Videokamera zeichnete zwar einen Tathergang auf, geholfen hat sie aber nicht. »Videoüberwachung ist auch nur mit erheblichem Personalaufwand sinnvoll zu betreiben und zudem teuer. Solche Systeme müssen offen und verdeckt angebrachte Kameras sowie eine Beobachtungs- und Bildaufzeichnungszentrale umfassen«, gibt Harald Schmidt von ProPK zu bedenken. Und: »Kameraattrappen sind bei professionellen Dieben bekannt und nur in Verbindung mit einem funktionierenden getarnten Videosystem sinnvoll.«
Doch zurück zum leidgeprüften Homberger Bike-Händler. Die Diebe des ersten Einbruchs gingen zwar der Polizei bei einer Routinekontrolle ins Netz, die Täter des dritten Einbruchs hinterließen DNA-Spuren, von den Einbrechern des zweiten Einbruchs fehlt nach wie vor jede Spur. Besuch von organisierten Banden bekam er nicht mehr. »Ich habe inzwischen aber auch in eine Alarmanlage und speziell gesicherte Türen und Fenster aus Sicherheitsglas investiert«, erzählt Rothauge.

Vorgehensweise bei der Feststellung von Diebstählen

Egal ob Diebstahl oder Einbruch, Händler sollten immer die Polizei informieren und eine Anzeige aufgeben. Wird ein Dieb auf frischer Tat erwischt, »ist eine vorläufige Festnahme nach dem sogenannten ›Jedermannsrecht‹ zulässig, sofern die Voraussetzungen von § 127 StPO vorliegen«, erklärt Kriminaloberrat Schmidt. Erfüllt sind diese, wenn Fluchtgefahr besteht oder die Identität des Diebes nicht festzustellen ist. Für die Durchsuchung der Kleidung des Täters ist dann aber wieder die Polizei zuständig. Bezüglich des selbst Eingreifens rät diese: Eigen-
sicherung geht immer vor Warensicherung!

Solidarisch handeln nach dem Diebstahl!

Niemand will Opfer eines Ladendiebstahls werden. Wer Kollegen – auch branchenferne – im Viertel nach einem Diebstahl oder Einbruch warnt, kann darauf hoffen, in einem ähnlichen Fall selbst gewarnt zu werden. Eine Nachricht über einschlägige Internetforen an Kollegen geht in dieselbe Richtung. Wer dann noch vorbeugende Maßnahmen ergreifen will, sollte bei der Polizei vorstellig werden. »Die Polizei bietet bundesweit bei den (Kriminal-)Polizeilichen Beratungsstellen einen besonderen Beratungsservice für Einbruchschutz an«, erklärt Harald Schmidt von der ProPK.

10. April 2017 von Dorothea Weniger
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