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Großer Start, kleine Hoffnung
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Report - Tour de France 2017

Großer Start, kleine Hoffnung

Düsseldorf wird 2017 als Startort der Tour de France zum Nabel der Radsportwelt – zumindest für ein paar Tage. Wird die Fahrrad-Branche davon profitieren?

Das größte Radsportereignis kehrt 2017 zurück nach Deutschland: Im kommenden Juli feiert Düsseldorf den Grand Départ der Tour de France mit einem Einzelzeitfahren sowie einem weiteren Etappenstart und einem mehrtätigen Rahmenprogramm. Die Rennradszene frohlockt: Zum ersten Mal seit 2005 ist die Tour wieder im größten Land Europas zu Besuch. Kann die Fahrradbranche von dem geplanten Fest auch Impulse für den Handel mitnehmen?
So sehr sich die Düsseldorfer Gesellschaft politisch und die Rennradszene sportlich mit dem Ereignis befasst, so wenig wirkt es sich bislang auf den allgemeinen Markt aus. Wer ein Jahr vor dem großen Start in der Industrie herumfragt, hat es schwer. Bei den meisten befragten Marktteilnehmern ist mit Blick auf die Tour 2017 bislang nichts geplant. Nur wenige Firmen scheinen sich mit dem Thema im Zuge ihrer Produkt- und Marketingplanung bereits beschäftigt zu haben. »Bislang ist der Tour-Start bei den Gesprächen mit unseren Mitgliedern kein besonderes Thema gewesen«, bestätigt Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbands ZIV. Zwar gebe es einige ZIV-Mitglieder, die sich im Radsport engagieren und daher stark an der Tour interessiert seien. »Aber das betrifft nur einen relativ kleinen Teil unserer Industrie«, erklärt Neuberger.
Firmen wie Stevens aus Hamburg agieren in der Sportnische. Aber die Erwartungshaltung im Norden ist vorsichtig. Man erhoffe sich einen »kleinen Impuls«, sagt Volker Dohrmann, Leiter Strategie, Produkt und Marketing bei Stevens. »Aber generell erwarten wir nicht allzu viel – denn auch von den Händlern bekommen wir das Signal, dass es im Rennradsegment eher Grund für eine Ernüchterung gibt.« Stevens plant dementsprechend auch keine zentralen Marketingaktivitäten zur Tour, unterstützt allein die lokalen Händler – das war etwa zur Hochzeit Jan Ullrichs anders, als die Hamburger sogar eine Cyclassics-Edition und Jugendrennräder vermarkteten.

Verlorenen Boden wieder gewinnen

Das Thema Radsport muss in der breiten Öffentlichkeit erst wieder an Glaubwürdigkeit und Attraktivität gewinnen. Zwar gibt die Tour-de-France-Organisation ASO alles, um im deutschen Markt endlich wieder Fuß zu fassen, auch gibt es nun immerhin zwei ernstzunehmende Top-Profimannschaften mit deutscher Lizenz – doch dass sich der Hobby- oder Stadtradler von diesen Geschehnissen erreichen lässt, ist kaum zu erwarten. Auch Thomas Musch, Chefredakteur der Magazine Tour und E-Bike, zeigt sich sehr vorsichtig: »Meiner Ansicht nach wird sich der Effekt für die Fahrradbranche in Grenzen halten, da der Tour-Start eine eher punktuelle Angelegenheit ist.« Damit der Markt profitieren kann, müsste es »längerfristig mehr erfolgreiche, prominente Fahrer« geben, glaubt Musch.
Man hört das häufig. Damit wirtschaftliche Impulse jenseits des lokalen Rennradfachhandels wirken können, braucht es Stars. ZIV-Geschäftsführer Neuberger sagt, ohne Identifikationsfiguren sei das nicht zu schaffen. »Erst mit solchen Superstars und dem entsprechenden Medieninteresse hätte der Radsport sicher wieder einen Einfluss auf das Kaufverhalten auch der nicht-sportiven Radfahrer.«
Überdies wäre Kontinuität nötig, um Strahlkraft für Hersteller und Handel zu entfalten. Doch Radsport ist in Deutschland kaum mehr präsent. Die ASO will das nun ändern, plant gemeinsam mit dem Bund Deutscher Radfahrer die Wiederbelebung der Deutschlandtour ab 2018. Es könnte also bergauf gehen für die Industrie. Doch Branchenkenner Musch knüpft das an viele Bedingungen: »Der Grand Départ kann ein Auftakt sein, und wenn sich beispielsweise auch die Deutschlandtour wieder etabliert, dort Top-Fahrer zu sehen sind und auch die mediale Präsenz stimmt, dann könnte sich das auf Sicht günstig auf das Konsumverhalten auswirken. Ich bin aber sehr vorsichtig, denn dafür muss Vieles zusammenkommen.«
Eines wird die Tour 2017 in Düsseldorf auf jeden Fall bringen: Medienaufmerksamkeit. Per se ist das für die Branche eine gute Sache. Eine deutsche Firma, die seit einiger Zeit erfolgreich auf den Radsport setzt, ist Abus – etwa als Helmsponsor bei Bora-Argon 18 oder seit diesem Jahr als offizieller Partner beim Frühjahrsklassiker Paris-Roubaix, den ebenfalls die Tour-Organisatoren veranstalten. Torsten Mendel, Marketing-/PR-Manager bei Abus, berichtet, dass auch ein Engagement im Zuge des deutschen Tour-Starts ein Thema für das nordrhein-westfälische Unternehmen sei. Die Planungen werde man allerdings erst in einiger Zeit vorantreiben. »Unsere Zielsetzung dabei wäre, die Marke Abus breit zu kommunizieren, national und international, um dadurch die Markenpräsenz sowie -bekanntheit zu erhöhen«, erklärt Mendel. »Dafür ist die Tour de France ein gut geeignetes Event.« Doch auch bei Abus geht es weniger um die allgemein radelnde Bevölkerung als um die sportliche Zielgruppe – und Abus denkt zudem international, wie etwa das Paris-Roubaix-Sponsoring zeigt, bei dem es um internationale Reichweite ging.

Keine Tour-Euphorie im Handel

In der nordrhein-westfälischen Hauptstadt sind derweil nicht alle Händler glücklich über das Großereignis 2017. Hart formuliert es Daniel Sehn vom Fahrradladen »Rad ab«. »Für unsere Planung ist die Tour überhaupt kein Thema.« Die Zielgruppe habe mit dem Thema Rennrad keine Überschneidungen – bei »Rad ab« gibt es Stadträder, Hollandräder, Kinder- und Lastenräder. »Wir müssen uns nicht mit im Zweifel gedopten Profisportlern beschäftigen, um unsere Produkte zu verkaufen. Natürlich kann es sein, dass wir zur Tour die Trikolore ins Schaufenster stellen. Aber wir erwarten durch den Grand Départ weder mehr Geschäft, noch werden wir unser Marketing auf ihn abstellen.«
Immerhin etwas Werbung mit Tour-de-France-Motiven plant Frank Schnurbusch, Inhaber des Radladens »Jung & Volke« – aber »mit gedämpftem Optimismus«. Schnurbusch bezweifelt nämlich ebenfalls, dass es wirtschaftlichen Erfolg als Begleiterscheinung des Tour-Starts geben wird. Sein Geschäft bietet ein Vollsortiment, und in den vergangenen zehn Jahren habe es keine Verkaufserfolge im Zeichen der Tour gegeben. Schnurbusch glaubt sogar, dass das Spektakel eher zulasten der Allgemeinheit gehen wird – wegen der nötigen Investitionen in die Infrastruktur. Geld, das so mancher seiner Kunden wohl lieber in den Erhalt und Ausbau der Fahrradwege investiert sähe.
Dennoch: Im kleinen Radius und für kurze Zeit dürfte das Rennradthema verstärktes Interesse erfahren. »Lokal könnte der Tour-Start in Düsseldorf den Handel ankurbeln«, sagt denn auch TOUR-Chefredakteur Musch. So wird es etwa eine Radsport-Messe in Düsseldorf geben, und die erhöhte Aufmerksamkeit »dürfte für den Umsatz zumindest kleinere Effekte bringen«, erwartet Musch.
Ganz sicher auf viel Geschäft einstellen dürfte sich die »Schicke Mütze«, eine Mischung aus Werkstatt, Radladen und Café mitten in Düsseldorf – ausgerichtet auf Stahl- und Titanrennräder sowie die passende Kultur. Schon seit einiger Zeit registriert Carsten Wien, einer der fünf Gründer der »Mütze«, einen Aufschwung für Rennradfahren in der Stadt, die als Radsportstandort immer im Schatten Kölns stand. Das wachsende Interesse will man im kommenden Jahr – und auch darüber hinaus – nutzen, die Tour soll »kein Tischfeuerwerk« bleiben. Deswegen veranstaltet man etwa in der Schicken Mütze gemeinsam mit dem Open Source Festival ab kommendem Jahr das Bicycle Film Festival »mit Konzerten, Partys und Filmen rund ums Rad«. Wien glaubt: »Ähnlich wie etwa London kann Düsseldorf als Fahrradstadt stark von der Tour profitieren.« Das würde dann nicht nur für seinen Szeneladen gelten, sondern für die gesamte Branche in der Region.

23. August 2016 von Tim Farin
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