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Markt - Branchenstatistiken Teil 2

Hersteller auf Wachstumskurs

Die Umsatzsteuerstatistik gibt es nicht nur für den Handel, sondern auch die Fahrradhersteller. Hier lassen sich in den letzten Jahren sehr spannende Entwicklungen und große Umsatzsprünge beobachten.

... die einen Großteil der Umsaetze auf sich vereinen konnten, einschließlich des Wachstums der vergangenen Jahre, wie die naehere Betrachtung zeigt. In den vergangenen zehn Jahren wurden Fahrraeder und Teile regelmaeßig teurer, die Steigerung entsprach aber insgesamt ziemlich genau der Inflationsrate.* So sieht die offiziell herausgegebene Umsatzsteuerstatistik aus. Auf den ersten Blick scheint es, als gäbe es keine Hersteller mit Umsätzen über 50 Millionen Euro. Tatsächlich gibt es sie sehr wohl. Die Magie dieser Statistik für Fahrradhersteller spielt sich im ausgeblendeten Bereich der großen Produzenten ab,...Kopflastige Verteilung: Die ganz großen Hersteller geben in den letzten Jahren maechtig Gas bei der Umsatzentwicklung.

Es ist nicht nur der stationäre Einzelhandel mit Fahrrädern, der sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt hat. Auch die hiesigen Hersteller können mithalten. Wie für den Fachhandel gibt es auch für die Herstellung eine eigene Umsatzsteuerstatistik. Insgesamt wurden in den letzten Jahren knapp 240 Unternehmen in der Rubrik »Herstellung von Fahrrädern und Behindertenfahrzeugen« in der Statistik geführt. Auch hier ist die Zahl der Unternehmen leicht sinkend, bei gleichzeitig immer höheren Gesamtumsätzen.
Der zahlenmäßige Verlust ist vor allem bei den sehr kleinen Manufakturen zu finden. So ruft die Statistik in Erinnerung, dass es nicht nur die großen, fachhandelsrelevanten Marken gibt, sondern auch Kleinsthersteller mit Umsätzen bis 50.000 Euro. Gerade hier hat sich die Zahl der (vermutlichen) Einzelkämpfer reduziert.
Der zahlenmäßige Großteil der Hersteller verteilt sich wie beim Handel in den Größenklassen darüber. Relativ stabil sind die Umsatzklassen besetzt und dünnen sich nach oben allmählich aus.
Das bedeutet nicht automatisch, dass sich in diesen Regionen nichts bewegen würde. Ganz im Gegenteil gibt es gravierende Verschiebungen zu sehen. So schwankt der Umsatzanteil aller Hersteller bis 50 Millionen Euro von Jahr zu Jahr sehr deutlich und hat innerhalb eines Jahres von 666 Millionen Euro auf 576 Millionen Euro in 2019 abgenommen.
Die gute Nachricht ist, dass sich diese Verschiebungen mit nur wenigen Herstellern erklären lassen. Wenn ein großer Fahrradproduzent die
50 Millionen Umsatz überschreitet, hinterlässt er ein ziemliches Loch
darunter.


* So sieht die offiziell herausgegebene Umsatzsteuerstatistik aus. Auf den ersten Blick scheint es, als gäbe es keine Hersteller mit Umsätzen über 50 Millionen Euro. Tatsächlich gibt es sie sehr wohl. Die Magie dieser Statistik für Fahrradhersteller spielt sich im ausgeblendeten Bereich der großen Produzenten ab,...

Bei flüchtiger Betrachtung der Statistik scheint es zunächst, als ob es gar keine großen Hersteller jenseits von 50 Millionen Umsatz gäbe und die größten deutschen Fahrradhersteller kleiner seien als die größten Fahrradhändler des Landes. Damit würde man sich sehr täuschen: Aussagekräftige Zahlen liefert die Umsatzsteuerstatistik bis zur Größenklasse von 25 bis 50 Millionen Euro, wo sich eine gute Handvoll Hersteller alljährlich wiederfindet. Es gibt darüber aber sehr wohl einige Hersteller, die auf dem Fahrradmarkt ganz massive Marktanteile an sich ziehen konnten und in noch viel höheren Umsatzsphären schweben. So findet sich in der Umsatzsteuerstatistik der Hersteller nur im Jahr 2016 und 2017 ein Hinweis auf die Branchenschwergewichte, wenn vier beziehungsweise drei Unternehmen mit Umsätzen jenseits der 250 Millionen Euro geführt werden.
Alleine die drei gezählten haben in 2017 zusammen 1,13 Milliarden Euro umgesetzt. Nicht exakt zugeordnet sind weitere fast zwei Milliarden Umsatz von zwölf weiteren Unternehmen. Ab 2018 sind dann alle Zahlen in der dünnen Umsatzluft ganz oben geschwärzt. Damit erschließt sich erst auf den zweiten Blick, was sich in diesem Bereich abspielt.

Massive Konzentration

Nachdem 2017 für den Gesamtmarkt noch ein Rückgang zu verbuchen war (das Branchenminus betrug knapp zwei Prozent), gab es in den anschließenden zwei Jahren vor Corona bereits massive Umsatzsteigerungen, die sich wohl auch noch 2020 fortschreiben lassen werden. 2018 lag das Plus bei satten 19,2 Prozent, im Jahr 2019 ging es noch beeindruckendere weitere 23,1 Prozent nach oben. Binnen zwei Jahren haben die Fahrradproduzenten ihre Umsätze um fast 47 Prozent gesteigert. Die durchaus überraschende Nachricht ist dabei der Umstand, dass das Branchenwachstum der vergangenen Jahre praktisch vollständig von den ganz großen Herstellern vereinnahmt wird. Der Gesamtmarkt wuchs von 2018 auf 2019 um 654 Millionen Euro, die größten Hersteller (über 50 Millionen Euro Umsatz) steigerten in diesem Jahr ihre Umsätze um 744 Millionen. Berücksichtigen muss man dabei, dass dieses Wachstum von zehn Unternehmen bewerkstelligt wurde, im Jahr zuvor bewegten sich erst sieben Hersteller in diesen Umsatzregionen.


... die einen Großteil der Umsätze auf sich vereinen konnten, einschließlich des Wachstums der vergangenen Jahre, wie die nähere Betrachtung zeigt.

Von den fast 3,5 Milliarden Euro Gesamtumsatz entfielen zuletzt über 2,9 Milliarden auf die Big Ten.

Achtzig Prozent des Umsatzes werden von vier Prozent der Hersteller erwirtschaftet.

Wenig geheime Geheimnisse

Um welche Hersteller könnte es sich dabei handeln? Die Punkte in den Klassen über 50 Millionen Umsatz stehen für »Zahlenwert unbekannt oder geheimzuhalten«. Wie im Handel werden bei zu wenigen Unternehmen in einer Größenklasse zur Wahrung des Steuergeheimnisses die genauen Zahlen nicht veröffentlicht. Zum Glück muss niemand aus der Branche allzu lange herumraten, wer diese Unternehmen wohl sein könnten. Die drei Herstellerriesen des Jahres 2017 dürften recht zuverlässig Derby Cycle, Cube und der Deutschland-Ableger von Accell gewesen sein. Ein vierter Hersteller, der noch im Jahr zuvor in diesen illustren Kreis gehörte, ist 2017 wieder unter diese Umsatzgröße gefallen. Für die Folgejahre gibt es dann gar keine aufgeschlüsselten Zahlen mehr für die Größenklassen über 50 Millionen.
Insgesamt zehn Unternehmen gehörten zuletzt in diesen Kreis, dessen Steuergeheimnis geschützt werden soll (siehe Grafik unten). Natürlich lässt sich dennoch leicht erraten, wer die glorreichen zehn wohl sein könnten. Trotzdem ist die Umsatzsteuerstatistik für den Bereich der Hersteller nicht uneingeschränkt aussagekräftig.


Kopflastige Verteilung: Die ganz großen Hersteller geben in den letzten Jahren mächtig Gas bei der Umsatzentwicklung.

In der Tabelle der großen Fahrradhersteller fehlen so illustre Namen wie Trek, Scott Sports und auch die ZEG. Trek produziert zwar in Deutschland und hat auch eine Deutschland-Niederlassung, über diese sind aber keine Umsätze zu erfahren. Auch Unternehmen wie Scott Sports mit eigener Deutschlandzentrale werden nicht in der Statistik erfasst. Ebenso wenig werden die vielen Hundert Marken aufgeführt, die von ausländischen Herstellern importiert werden. Die ZEG wiederum produziert mit Pegasus eine der am häufigsten gefahrenen Fahrradmarke des Landes, wie viel des ZEG-Umsatzes von 885 Millionen Euro in 2019 (aufgeteilt in 505 Millionen Euro Streckengeschäft und 379,5 Millionen Euro Lagerumsätze) auf die Fahrradproduktion entfällt, ist aber ebenfalls nicht zu erfahren. Die ZEG wird ohnehin nicht in dieser Statistik der Fahrradhersteller aufgeführt, sondern bei den Großhändlern. Ebenso fehlen die Hermann Hartje KG und ihre Marken in der Statistik. Als Kommanditgesellschaft mit persönlich haftendem Gesellschafter muss sie ihre Zahlen nicht veröffentlichen, wäre aber ein wahrscheinlicher Kandidat für die vorderen Ränge.


In den vergangenen zehn Jahren wurden Fahrräder und Teile regelmäßig teurer, die Steigerung entsprach aber insgesamt ziemlich genau der Inflationsrate.

Vorsprung wächst weiter

An der Spitze sind die größten Hersteller dem Rest mitunter schon weit enteilt. Für das Geschäftsjahr 2018/19 weist Cube bzw. die Pending System GmbH & Co. KG einen Umsatz von 624 Millionen Euro aus. Die Waldershofer sind damit auch aktuell der größte Fahrradhersteller in Deutschland. Platz zwei geht an Accell Germany. Dort verteilt sich das Umsatzgewicht von über 582 Millionen Euro auf die verschiedenen Konzernmarken. Rang drei geht an Derby Cycle. Die Cloppenburger nennen im Geschäftsbericht für 2019 einen Umsatz in Höhe von über 420 Millionen Euro, was allerdings ein Rückgang von den 439 Millionen Euro ein Jahr zuvor ist. Damit haben sie auch den einzigen Umsatzrückgang in besagtem Jahr zu verdauen. Mit etwas Abstand wartet dann bereits der erste Direktvertreiber. Canyon nennt für das Geschäftsjahr 2018/19 Umsatzerlöse in Höhe von über 269 Millionen Euro. Bei allen vieren darf man davon ausgehen, dass sie ihre Marktposition im so überaus turbulenten Jahr 2020 weiter stärken konnten.
Bei Cycle Union, Prophete und Stevens stehen übrigens schon die Ergebnisse für das Jahr 2020 in den Büchern.

Wie nicht anders zu erwarten, geht der Höhenflug der großen Fahrradhersteller weiter.

Cycle Union konnte den Umsatz im Geschäftsjahr 2019/2020 (bis einschließlich Oktober) um über 10 Millionen Euro Umsatz steigern, ein schönes Plus von über 18 Prozent. Prophete konnte bis Ende September 2020 noch rund sieben Umsatzmillionen draufpacken. Bei Stevens, wo die Zahlen bis Juli 2020 reichen, ergibt sich ein Plus von fast 16 Prozent, was zu Umsätzen über 90 Millionen Euro führte. Die großen Hersteller setzen also auch weiterhin ihren Lauf fort.

3. Juni 2021 von Daniel Hrkac
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