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Report - Bikewear in Übergrößen

Kaum Platz für große Größen

Ist es eine Hassliebe? Radläden und Radbekleidung gehören eigentlich zusammen wie Outdoor und Funktionstextilien oder Ski und Skiwear. Eigentlich. Doch Radläden tun sich schwer mit der Bekleidung, traditionell. Beim Thema Übergrößen kapitulieren zudem auch die meisten Radbekleidungshersteller, obwohl das Potenzial groß wäre.

80 Prozent der Deutschen besitzen ein Fahrrad und benutzen es hauptsächlich auf Strecken unter fünf Kilometern«, stellt der Nationale Radverkehrsplan fest. Man kann getrost davon ausgehen, dass es sich dabei mehrheitlich nicht um hoch ambitionierte Radfahrer und Radfahrerinnen mit körperlich-sportlichen Idealmaßen handelt. Vielmehr werden diese 80% radelnde Bevölkerung ein repräsentativer Teil der Gesamtbevölkerung sein – und damit eher etwas besser beisammen.
Eine neue repräsentative Reihenmessung durch die Institute Hohenstein und Human Solutions unter dem Namen SizeGERMANY hat nämlich erstaunliches zutage gebracht. 13.362 Männer, Frauen und Kinder wurden in den Jahren 2007/2008 vermessen. Das Ergebnis: »Mehr Brust, mehr Taille, mehr Hüfte« titulierte die FAZ. Während der Focus noch nett umschrieb »Industrie passt sich den Pölsterchen an«, druckte das Hamburger Abendblatt Klartext: »Deutsche werden immer größer und dicker«. Durchschnittlich vier Zentimeter mehr in der Taille bei Frauen, bei Männern sogar eine noch größere Zunahme, berichtete Stefan Seidel, Geschäftsführer der beteiligten Bodyscan-Firma Human Solutions. Die durchschnittlichen Konfektionsgrößen liegen mitnichten mehr bei Konfektion 38 bei Frauen, noch bei 48 bei den Herren. Es geht mehr Richtung 44 bei Frauen und 54 bei Männern – durchschnittlich wohlgemerkt.
Legt man diese Zahlenspiele zugrunde müsste man davon ausgehen können, dass die Radbekleidung heute groß ausfällt – wie die überwiegende Käuferschicht. Tut sie aber nicht.

Radhandel setzt auf sportlich

Radbekleidung definiert sich heute meist noch über das Rennrad, also sportlich. Radtights, aerodynamisches Trikot und ebensolche Jacke. Das macht sich bei der Größenvarianz bemerkbar. »Gore Bike Wear ist nicht sehr stark im Übergrößenbereich vertreten«, verkündet die Marke. »Nicht sehr stark« bedeutet, dass Gore Bike Wear einen Größensatz von S-XXL bei Herren sowie 34-44 bei Damen führt, und das eher in einer engen Passform. Die gesetzte Zielgruppe heißt sportiver Fahrradfahrer. »Eine weitere Unterscheidung von speziellen Übergrößen-Produkten in den Kollektionen gibt es nicht«, entschuldigt sich Gore Bike Wear. Shimano und Pearl Izumi setzen bei den Größen zwar mitunter noch ein X drauf, aber das sehen sie selber nicht als ausreichend. »Wir haben einige unserer Modelle auch in größeren Größen, XXL oder XXXL, aber das sind dennoch normale Modelle und Größen und keine speziellen Übergrößen«, erklärt Michael Wild vom Pearl-Izumi-Vertreiber Paul Lange.
Auch bei einer kleinen, jungen Marke, wie Fanfiluca, sind Oversizes keine Marktnische, die es zu besetzen gilt. »Übergrößen gibt es bei Fanfiluca nicht«, berichtet Firmeninhaberin Christiane Reisinger. »Die Trikots gehen bei Herren erst bei Gr. S los und enden bei XXL. Bei den Damen geht es von XS - XXL. Das sehe ich jedoch nicht als Übergröße.« Reisinger weiß, »dafür haben wir viel zu wenig Anfragen«.

Angebot und Nachfrage

In der Regel gehen wir in unserem westlichen Wirtschaftsmodell von der Wechselbeziehung von Angebot und Nachfrage aus, die einen sich regulierenden Markt schafft. Wird etwas stark nachgefragt, steigt das Angebot. Eigentlich trifft diese Struktur kaum noch auf uns zu. In saturierten Gesellschaften ist es das Angebot, das über das Medium Werbung eher für die entsprechende Nachfrage sorgt.
Dennoch hört man bei der Frage nach Übergrößen häufig das gleiche Lamento: »Der Markt rentiert sich nicht aufgrund von Mindestbestellmengen«, so Katrin Engel, Marketing Endura. Dabei sieht sie momentan grundsätzlich sogar »einen leichten Trend zu Übergrößen«.
Die Regel von Angebot und Nachfrage greift bei den Übergrößen zu kurz. Das Potenzial ist am Markt, kauft entweder aber nicht im Fachhandel oder bekommt da schlicht nichts. Weniger sportliche Radfahrer werden von weiten Teilen der Branche weitgehend ignoriert, obwohl Radfahren als Gesundheitssport mit geringer Gelenkbelastung prädestiniert wäre als ihr Sport. Als Nordic Walking aufkam, waren Lauffirmen wie Odlo, Tao oder Rono ganz schnell mit Oversized-Kollektionen im Markt. Damals wurde festgestellt: »Wer seine Kompetenz ausbauen will, neue Kunden gewinnen will, der muss das Thema bearbeiten.« Zehn Jahre später trifft die Erkenntnis auf Gesundheits- und Freizeitradler nicht mehr zu.
Gonso sieht ein weiteres Problem, das den Abverkauf erschwert. »Bei großen Größen ist das Problem, Angebot und Nachfrage zusammenzuführen, da nicht selten eine Hemmschwelle da ist für diese Zielgruppe in ein Sport- oder Fahrradgeschäft zu gehen«, beschreibt Stephanie Müller, Marketing Managerin bei Gonso ein spezielles Hindernis.

Was sind Übergrößen?

Vereinfacht ausgedrückt sind Übergrößen Modelle für großgewachsene und besonders muskulöse Menschen. Was über Herren-XXL und Damen-XL hinausgeht, gilt häufig als Übergröße. Da die Unterscheidung bei den Übergrößen über die Anzahl der X gemacht wird, ist es üblich, über XXL hinaus von 3XL, 4XL, 5XL und 6XL zu reden. Der Begriff Übergrößen schließt unterdessen auch die Gruppe der Sondergrößen ein. Sie gelten für Menschen, die mehr Gewicht auf die Waage bringen und breitere Größen benötigen. Da sie zwischen den Standardgrößen liegen, werden sie häufig als Zwischengrößen bezeichnet. Die gängigsten Zwischengrößen sind kurze oder untersetzte Größen.
Kurzgrößen orientieren sich an den Konfektionsgrößen. Bei Jacken haben sie einen ähnlichen Brustumfang, haben aber weitere Taillen- und Hüftmaße, sowie kürzere Armlängen. Bei Hosen ist die Bauchweite größer und die Beinlänge kürzer. In der klassischen Bekleidung, der DOB (Damen­oberbekleidung) und der HAKA (HerrenAnzug KnabenAnzug) gehören Übergrößen zum Standard. Im Sport- und Outdoor-Bereich spielen Kurzgrößen bei Jacken bislang keine Rolle, bei Hosen setzen sich aber auch Zwischengrößen durch. Manche Hersteller reagieren, in dem sie Hosen mit Rohlänge machen, die dann selber umgenäht werden müssen.

Gut dabei für gut beisammen

Einige Radbekleidungsfirmen bearbeiten das Thema Übergrößen bereits seit einigen Jahren. Der frühere Gonso-Marketingleiter Ludger Tabeling erklärte: »Seit Jahren wissen wir von diesem angeblich überdurchschnittlich kaufkräftigen und interessierten Klientel, die alles ist, nur nicht pflegeleicht.« Dennoch scheiterte Gonsos erster Vorstoß eines umfangreichen Angebotes an Über- und Sondergrößen an »geringer Nachfrage und Akzeptanz«. Auch beim Wettbewerber Löffler hatte man die Genussradler früher stärker als Zielgruppe ausgemacht. »Wir versuchen in jedem Bereich den wichtigsten Artikel auszuwählen«, sprach vor etlichen Jahren Karoline Halmos, Ex-Werbeleiterin bei den Oberösterreichern. Die Basic-Radhose gab es vor fünf, sechs Jahren noch bis Größe 66.
Heute hat Löffler das Sortiment etwas »verkleinert«. Silvia Freund, Halmos Nachfolgerin bei Löffler: »Wir haben sowohl Bike-Trikots, Jacken als auch Bike-Hosen in großen Größen im Sortiment«. Allerdings reicht das Größenspektrum bei Herren nur noch bis Größe 60 und bei Damen bis Größe 50.
Der Kunde schöpft bei Gonso hinsichtlich Größen weiterhin aus dem Vollem. »Mit 32 Herren- und 25 Damengrößen bietet Gonso das umfangreichste Größenspektrum im Radsportbereich«, ist Müller überzeugt.
Gonso bietet bedarfsorientiert zahlreiche Modelle wie Radhosen, Trikots, Underwear und Jacken in großen Größen an. Bei einigen Modellen bieten die Albstädter den Herren bis Größe 6XL und bei den Damen bis Größe 54 an. Dazu sind zahlreiche legere Hosenmodelle für Damen und Herren auch in Kurz- und Langgrößen erhältlich. Wichtig dabei: »Alle Kurz- und Langgrößen sind mit einem Hangtag am Hosenbund gekennzeichnet und ermöglichen damit eine einfache, schnelle und stets passgenaue Zuordnung zur benötigten Größe«, weist Müller auf eine sinnvolle Orientierungshilfe für den Kunden hin.
Der Dritte im Bunde der Übergrößenanbieter ist Vaude. Was die Tett­nanger im Outdoormarkt schon einige Jahre anbieten, haben sie auch auf Radbekleidung übertragen. »Mit unserem Angebot an Übergrößen reagieren wir auf die Nachfrage der Kunden und den Wunsch unserer Händler. Wir wollen keine Kundengruppe ausschließen und auch Zielgruppen, die Übergrößen benötigen, technisch funktionale Radbekleidung anbieten«, erklärt Bike-Vertriebsleiter Gernot Moser. Vaude bietet im Radsortiment eine breite Produktpalette von Radhosen über Trikots bis hin zu Jacken in Übergrößen an. Moser weiter: »Was den Einsatzbereich betrifft, haben wir tendenziell mehr Produkte in Übergrößen in unserer Travel & City-Kollektion, allerdings haben wir in den letzten Jahren die Erfahrung gemacht, dass unsere Kunden auch in den Bereichen All Mountain und Race Übergrößen wünschen.«
Beim schottischen Hersteller Endura baut man langsam die Kollektion in andere Größenbereiche aus. »Unsere Standardgrößen, das heißt, die Größen, in denen alle Produkte erhältlich sind, sind Herren S-XXL und Damen XS-L. Zusätzlich bieten wir ausgewählte Produkte in Herren XS und XXXL sowie in Damen XL an«, so Katrin Engel, Marketing Koordinator bei Endura. Für März 2014 wird das Übergrößenprogramm um vier weitere Produkte ergänzt: Hummvee Short, das Hummvee SS Jersey, die Luminite II Jacket sowie die Fusion Jacket. »Wir analysieren unsere Verkaufskurve alle sechs Monate und reagieren auf den Markt, wie er sich entwickelt. Wir unterstützen das Radfahren und den Radsport auf allen Ebenen, und wir würden einen Trend zu mehr Radfahrern einem Trend zu Übergrößen bevorzugen«, erklärt Engel.
Den Markt sehen die drei »Großen« auf alle Fälle als Wachstumsmarkt: »Wir bekommen immer mehr Anfragen nach großen Größen und werden daher auch weiterhin an unserer Strategie festhalten, in unseren Bekleidungsserien Übergrößen anzubieten«, berichtet Moser, während Müller auf die Wandlungskräfte des Marktes vertraut: »Die Fahrradbranche insgesamt hat sich in den letzten 20 Jahren als sehr innovativ gezeigt und wird auch von einem Wandel innerhalb der Gesellschaft profitieren.« Ein Grund sieht Müller in der Altersstruktur der »Übergrößen«, denn das Klischee, wonach die Radübergrößen älteren Semester vorbehalten sei, wäre längst überholt. »Radfahren ist in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen angesagt und mehr denn je werden auch unförmige, nicht ›stählerne‹ Körper, alterstreuübergreifend von diesem Virus infiziert. Ganz schnell kommt dann auch die passende Bekleidung mit ihren Vorzügen in Bezug auf Komfort und Funktion ins Spiel ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht«, so Müller.

24. Februar 2014 von Markus Fritsch

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