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Ein E-Bike-Antrieb nimmt langen Anstiegen den Schrecken. Dafür stellt sich das Gefühl, eine sportliche Leistung vollbracht zu haben, nur bedingt ein.
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Report - E-MTB-Sport

Kein Spaß ohne ­Erschöpfung?

Das E-Mountainbike nimmt uns am Berg die Qual. Schön. Aber wollen wir das wirklich?

Fragte sich mancher Bike-Insider vielleicht noch letztes Jahr, ob sich Sportszene und E-Mountainbike vertragen können, gibt es jetzt schon eine klare Antwort: Na klar! Eines der eindeutigen Symptome dafür ist ein offizieller E-Mountainbike-Marathon. Der wird auch noch auf dem traditionellen Bike-Festival Anfang Mai in Riva am Gardasee ausgetragen. Einer der Sponsoren: Bosch Ebike-Systems. Zugelassen sind klassische Pedelecs mit 250 Watt Leistung und maximaler Unterstützung bis 25 Stundenkilometer. Streckendetails: 28 Kilometer Länge, 700 Höhenmeter.
Auch die Szene – zumindest die organisierte – bescheinigt dem E-Mountainbiker also definitiv Sportlichkeit, auch wenn sich mancher noch fragt, wie man die oben genannten technischen Zulassungskriterien im Sinne der gleichen Ausgangsbedingungen kontrollieren wird. Hier ist ein Zeichen, das sagt: »E-Mountainbiker machen Sport! Sie gehören zu uns, in die MTB-Szene.«
Aber wie sieht die Erlebnis-Perspektive des Freizeitsportlers aus? »Das war eine richtig tolle Erfahrung«, meinte vor kurzem eine Kollegin, die von ihrer ersten langen und höhenmeterintensiven Mountainbike-Tour mit elektrischem Rückenwind berichtete. »Aber irgendwie fehlte dann doch letztendlich die Begeisterung. Das Gefühl, mit körperlich enorm großer Anstrengung etwas ganz Tolles geschafft zu haben, war nicht da.« Einfache Erklärung: Die Leistung des E-Motors reduzierte die Anstrengung. Genau diese Anstrengung ist es aber, die später für das Glücksgefühl sorgt. Sei es das viel zitierte Runners High des Langstreckenläufers oder das angenehm entspannte Hochgefühl des Rennradfahrers, der sich auf der RTF geschunden hat: Körperliche Anstrengung macht zufrieden bis wunschlos glücklich. Das ist gut. Der Umkehrschluss lautet aber: ohne intensive Anstrengung keine psychische Belohnung.

Quäl dich, du Sau!

Dieser legendären Aufforderung Uwe Bölts’ an Jan Ullrich folgen auch viele Hobbyradler. Nur, dass es bei ihnen nicht unbedingt um Sieg geht, sondern ums Durchhalten am Berg, nicht in der Geschwindigkeit nachzulassen oder und schließlich sagen zu können: »Ich hab’s geschafft!« Inklusive dieses tollen Gefühls, das die durchgestandene Anstrengung mit sich bringt. Die Qual ist hier erste Wahl. Dabei ist bis heute noch nicht völlig klar, was letzten Endes dafür sorgt, dass es uns nach einer anstrengenden Tour oft so gut geht. Lange Zeit wurde Endorphin für den Glücksboten gehalten. Doch als wahrscheinlicher wird heute angesehen, dass das sogenannte Glückshormon Serotonin und andere Botenstoffe mehr damit zu tun haben, wie Fernando Dimeo von der Berliner Charité letztes Jahr in einem Spiegel-Artikel erklärte. Seine Vermutung kommt daher, dass das Glücksgefühl im Gehirn entsteht, nicht im Körper – und besagtes Endorphin bislang nur im Blut, nicht aber im Gehirn nachgewiesen werden konnte. Was es aber auch sei: Es gibt einen medizinischen Zusammenhang zwischen der Anstrengung und dem »supergeilen Groggy-Gefühl«.

Kommt der geübte MTBer auf dem Pedelec zu kurz?

»Aber genau dieser Zusammenhang ist noch nicht genau erforscht«, erklärt auch Dr. Achim Schmidt von der Sporthochschule Köln. Klar ist: Die Hormonausschüttung und damit auch das positive Gefühl, sind Überbleibsel aus der menschlichen Frühgeschichte. Der Körper schüttet Belohnungs- und schmerzstillende Hormone aus, damit der Mensch länger durchhält – sei es auf der Flucht oder im Kampf – um seinen Fortbestand zu sichern. »Und wir wissen auch, dass sowohl die Dauer als auch die Intensität der Anstrengung für die Art und Weise der hormonellen Belohnung wesentlich ist. Intensivere Anstrengung führt zu intensiverer Belohnung als geringere, aber deutlich länger anhaltende Anstrengung.« Das bedeutet für MTB-Pedelec-Fahrer tatsächlich auf den ersten Blick, dass sie weniger Glücksgefühle ernten als Menschen ohne E-Rückenwind, die sich mit letzter Kraft den gleichen Berg hinauf schinden.«

Die Unterstützungsstufe als Feintuner

»E-Mountainbike«, ein neues Online-Magazin, nennt bei einer »Stopp-Discussion-Kampagne« für die sportliche Anerkennung des E-Mountainbikes das Argument, durch die Auswahl der Unterstützungsstufe gezielter trainieren zu können. Vielleicht scheint das gerade im MTB-Sektor eine etwas vollmundige Behauptung zu sein, da der Zusammenhang zwischen Unterstützungsstufe, jeweils aktueller Geländeformation und Krafteinsatz des Fahrers eine sehr komplexe Gleichung mit zu vielen Unbekannten darstellen dürfte. Unabhängig davon ließe sich von der Behauptung aber auch ableiten: Der E-Biker kann durch Regelung des Unterstützungsgrades auch gezielter als ein normaler Sportler seinen »Biker’s High« kreieren. Je mehr er an seine Grenzen geht, desto wilder tanzen die Glückshormone.
Das scheint in der Theorie sicher richtig. Doch: Gibt es in der Realität Biker, die sich eine geringere Fahrstufe vorgeben, nur um sich mehr zu quälen – ganz im Sinne des Bölts-Zitats? Schließlich geht’s nicht immer um den Tour-de-France-Sieg. Eher nimmt man an, dass nahezu jeder den Weg des geringern Widerstands geht, wenn der andere sehr viel Kraft kostet, und es eine einfache Möglichkeit gibt, die Anstrengung zu verringern; zumindest, wenn es nur um eine »Belohnung« im Sinne von Zufriedenheit geht, die dadurch möglicherweise geringer ausfallen könnte.
Doch so einfach ist das nicht. »Der Gedanke der steuerbaren Belohnung ist sicher nicht falsch«, so Sportwissenschaftler Schmidt. »Ob die Theorie im jeweiligen Fall aufgeht, ist wohl vor allem eine Typfrage. Ein trainierter Sportler wird beispielsweise weniger Motivation haben, eine niedrigere Unterstützung zu wählen, nur um eine etwas höhere Belohnung zu erhalten. Ein relativ untrainierter Mensch, der sein sportliches Ziel vor Augen hat, womöglich abnehmen oder Muskeln aufbauen will, hat neben der Belohnung noch mehr Gründe, in einer geringeren Unterstützung dran zu bleiben.« Mehrere Gründe – auch wenn nicht ständig präsent – könnten also durchaus einen Ausschlag geben. Doch von einer Möglichkeit der Steuerung in der Praxis will Schmidt deshalb noch lange nicht reden.

Der Einsteiger räumt ab

Einen ganz entscheidenden Grund dafür, dass die Glückshormone beim untrainierten MTBler, dem die Unterstützung über den Berg hilft, höher sein dürfte, gibt es laut Schmidt auch: »Diese Leute kommen mit Pedelecs auf einmal in Regionen, die sie sonst nie erreichen, sie schaffen Steigungen, die vorher undenkbar waren. Das bedeutet für die E-Biker noch mal eine klare Steigerung der Euphorie.«
Denkbar wäre auch, so Schmidt, dass ein Feintuning der Unterstützungsleistung automatisch dem individuellen Biker so viel Energie beisteuern könnte, wie er für sein optimales Erlebnis gerade braucht. Die herzfrequenzgesteuerte Unterstützung gibt es schließlich seit Jahren. Allerdings steht der Entwicklung noch einiges im Wege – allerdings sind das nicht nur die vorerst begrenzten technischen Möglichkeiten: »Hier geht es ja nicht um Dinge wie den Blutkreislauf im Körper. Eine psychische Ankopplung liegt einfach deshalb in ferner Zukunft, weil diese Vorgänge beim Menschen noch viel zu wenig erforscht sind.« Wer als erster den »Glückshormon-Sensor« ins elektrisch unterstützte Mountainbike einbaut, könnte jedenfalls sein Unternehmer-Glück gefunden haben.
Bis dahin gilt für MTBler: Entweder auf dem E-MTB zum Landschafts-Genießer werden und den sportlichen Aspekt in der Fahrzeugbeherrschung sehen. Oder ab und zu mal den Motor auslassen. Quäl dich ...

22. April 2015 von Georg Bleicher
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