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Platz sparend: Wie in einen Setzkasten passen Falträder von Brompton in ein Wandregal.
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Portrait - Brompton

Kleines Velo, ganz groß

Heute ist Brompton einer der bekanntesten Faltrad-Hersteller überhaupt. Dabei wäre die Firma zu Beginn fast auf der Strecke geblieben. Nur durch die Sturheit ihres Gründers und die Begeisterung eines Investors konnte der Grundstein für eine Ikone der urbanen Mobilität gelegt werden.

Den Faltvelos von Brompton begegnet man in Großstädten rund um den Globus, und das in unzähligen Farben und Ausführungen. Die unverwechselbaren Falträder mit dem tief bauenden Stahlrahmen und weit ausgezogenem Sitzrohr sind mit zwei bis sechs Gängen und verschiedenen Lenkerformen, als »Superlite«-Variante mit Hinterbau und Gabel aus Titan, in diversen Farben sowie – in einer neuesten Variante – als E-Faltrad mit Akku und Nabenmotor vorne erhältlich. Insgesamt sind mehrere Millionen Varianten machbar. Diese Flexibilität ist Teil des Erfolgsrezepts des britischen Faltrad-Klassikers. Alle Brompton-Modelle bauen dabei auf demselben Faltmechanismus auf, der mit dem Modell »Mark I« 1982 erstmals in Kleinserie gefertigt wurde und seither unverändert blieb. Und sämtliche Brompton-Modelle mit gelötetem Stahlrahmen wurden oder werden von Hand im Westen Londons gefertigt.
»Eine Verlagerung der Produktion nach Fernost wurde auch bei Brompton im Lauf der 90er Jahre ernsthaft erwogen - und verworfen«, erklärt Marketing-Mann Tom Hobbs, erst vor drei Monaten vom Sportwagen-Hersteller McLaren zu Brompton gestoßen, beim Gang durch die Produktion. »Wir steigern lieber die Effizienz unserer Fertigung im Westen Londons und spielen so kurze Wege und die Nähe zu den Märkten als unsere Stärke aus. Schließlich arbeiten hier Rahmenfertigung, Lackierung, Montage, Verwaltung und Management alle unter ein und demselben Dach – was so nicht bei vielen Herstellern der Fall sein dürfte.« Eine Ausnahme gab es, als Brompton in den 90er Jahren eine Lizenz zur Fertigung von Faltvelos aus Aluminium nach Fernost vergab, um diese Region noch umfassender abdecken zu können. Weil sich der Produktionspartner aus Taiwan nicht an verbindliche Abmachungen hielt und unautorisierte Kopien auf der Eurobike ausstellen und bis nach Europa liefern wollte, endete die Sache vor Gericht.

Aller Anfang ist schwer

Diese unerfreuliche Erfahrung mit der globalen Arbeitsteilung bestärkte Brompton-Gründer Andrew Ritchie in seinem Entschluss, möglichst viel in eigener Regie und unter einem Dach zu fertigen. Doch im heimischen Großbritannien biss Ritchie in den 70er-Jahren zunächst einmal auf Granit. Nach dem Ingenieur-Studium in Cambridge und unter dem Eindruck der Ölkrise hatte er die Idee, ein hochwertiges Faltrad aus heimischer Fertigung auf den Markt zu bringen. Im Alter von 28 Jahren baute er erste Prototypen, von denen heute zwei in der Firmenzentrale ausgestellt sind. Aber Raleigh als damals größter Fahrrad-Produzent auf der Insel ging im Jahr 1977 nicht auf das Angebot von Andrew Ritchie ein, seinen Entwurf in Serie zu fertigen. Dieser sei zu kompliziert, koste in der Produktion zu viel und werde daher einen so hohen Verkaufspreis nach sich ziehen, dass man keinen Markt für dieses Produkt sehe. Auch sein Ersuchen um ein Darlehen in der Höhe von 40.000 Pfund, was heute in etwa 120.000 Pfund entspräche, fand bei verschiedenen Banken kein Gehör.
Zu diesem Zeitpunkt waren Ritchies Mittel erschöpft, und um seine laufenden Lebenskosten decken zu können, blieb ihm keine andere Wahl als als Landschaftsgärtner zu arbeiten. Aber ans Aufgeben dachte er noch lange nicht. Zunächst sammelte er im Bekanntenkreis 8000 Pfund und machte sich ab 1982 als Zweimann-Betrieb an die Fertigung des »Mark I«, quasi des Urmodells von Brompton. Mit dem typischen, gebogenen Hauptrohr mit integriertem Faltgelenk und dem um 180 Grad drehbaren Hinterbau wiesen die frühen Versionen bereits Merkmale auf, die bis heute nur in Details verändert wurden. Die Fertigung in Kleinserie durch einen Zweimann-Betrieb war zwar sehr ineffizient, aber finanziell selbsttragend. Doch als mit dem Hersteller der Faltscharniere Ende 1985 ein zentraler Zulieferer seine Fertigung einstellte, schien auch für Brompton nach nur 50 produzierten Einheiten das Ende gekommen zu sein. In dieser Situation kam Ritchie der Zufall zu Hilfe – in der Person des Unternehmers Julian Vereker. Dieser verdiente mit der Fertigung hochwertiger HiFi-Verstärker der Marke Naim so gut, dass er sich eine seetüchtige Yacht leisten konnte.

Hifi-Unternehmer als weißer Ritter

Auf einem Segeltörn bekam er im Hafen von Cherbourg erstmals ein Brompton zu sehen und war gleich hin und weg von dem praktischen, kleinen Faltvelo. So eines wollte Julian Vereker auch haben. Aber er bekam zu hören, dass die Fertigung eingestellt worden sei. Damit wollte sich Vereker nicht abfinden, und darum suchte er den direkten Kontakt zu Andrew Ritchie. Die Chemie zwischen den beiden stimmte auf Anhieb, und so ließ sich Ritchie zu einem weiteren Anlauf überreden. Auf Basis eines detaillierten Geschäftsplans sammelte Vereker unter Unternehmer-Freunden weiteres Kapital und ermöglichte so 1987 einen neuen Anlauf in Sachen Serienfertigung. Unter einem Eisenbahnviadukt im Londoner Vorort Brentford entstand auf einer Fläche von 93 Quadratmetern eine Fertigung, in welcher das in Details verbesserte Modell »Mark II« produziert wurde. Zugleich konnte mit Deutschland ein erster Exportmarkt erschlossen werden. Bald darauf expandierte die Fabrik, indem sie einen zweiten Bogen unter dem Eisenbahnviadukt in Beschlag nahm. Und mit der Schweiz konnte das Vertriebsnetz schon bald um einen kleinen, aber kaufkräftigen Markt erweitert werden.
Ein Vierteljahrhundert später sind die Falträder von Brompton zu einem modernen Klassiker geworden und in mehr als 50 Ländern und über rund 1450 Verkaufspunkten erhältlich. Dabei halten die Briten den Vertrieb in neun Ländern selbst in Händen – darunter Märkte wie die Vereinigten Staaten, China, Frankreich und die Niederlande. Dazu kommen inzwischen fünfzehn »Brompton Junctions«, wie Brompton die eigenen Flagship-Stores nennt. Diese sind in Metropolen wie New York, Tokyo, Peking, Shanghai, Singapur oder Barcelona zu finden, wo Platzmangel am Wohn- wie am Arbeitsort eher die Regel als die Ausnahme und der öffentliche Nahverkehr gut ausgebaut ist. Mit Standorten in München und Hamburg ist das »Brompton Junction«-Konzept auch in Deutschland bereits präsent. In diesen Geschäften lassen sich die Vorteile des Produkts anschaulich demonstrieren. Dank dem geringen Packmaß passen ein Dutzend Farb- und Ausstattungsvarianten locker und Platz sparend auf wenigen Quadratmetern in ein Wandregal. Und stehen dennoch binnen weniger Sekunden für eine Testfahrt bereit.

Fahren – Parken - Verstauen

Damit ist eine der großen Stärken von Brompton-Falträdern angesprochen, die sich auch im Logo des Herstellers wiederfindet: Kaum ein anderes Faltrad lässt sich so schnell und einfach in ein kompaktes Paket verwandeln, welches ohne weiteres unter Schreibtischen, im Kofferraum, in Schließfächern oder in der Eisenbahn Platz finden. Neben Yachten und Wohnmobilen ist genau diese multimodale Mobilität im urbanen Raum das angestammte Habitat der britischen Falträder. Diese spielen ihre Stärke als flexible Lösung für die letzte Meile aus, also den Weg vom Parkplatz oder Bahnhof zum eigentlichen Ziel. Dank einer breiten Auswahl an Taschen, die sich an einer Aufnahme am Steuerrohr montieren lassen, steht dabei auch trockener Stauraum zur Verfügung. Zudem bieten Brompton-Falträder eine dritte, im Alltag sehr praktische Variante: Der Hinterbau inklusive Hinterrad lässt sich ohne Werkzeug und mit nur einem Handgriff um 180 Grad nach vorne drehen. So lässt sich das Brompton-Faltrad ebenso elegant wie sicher auf dem Gepäckträger parken. Bis zum kompakten Paket, das auch in eine Transporttasche passt, sind es nochmal einige Handgriffe und Sekunden mehr.
Diese Vorteile und die fast grenzenlosen Möglichkeiten zur Individualisierung haben Brompton eine treue, weltweite Fangemeinde eingebracht. Insgesamt wurden bis heute rund 500.000 dieser Falträder gefertigt, und die Produktionskapazität der neuen, erst Ende Oktober 2016 eröffneten Fertigung in Greenford – keine zehn Kilometer vom ersten Standort in Brentford entfernt – ist beachtlich: Aktuell werden in dieser modernen, hellen und geräumigen Halle rund 50.000 Falträder pro Jahr gefertigt, aber es könnten maximal bis zu 100.000 Stück sein. Vom Löten der Stahlrahmen über deren Pulverbeschichtung bis zur Montage nach Kundenwunsch geschehen fast alle Arbeitsschritte in eigener Regie und unter einem Dach, was die Qualitätskontrolle enorm vereinfacht. Nur die Hinterbauten und Gabeln aus Titan, optional bei den »Superlite«-Varianten verbaut, werden in Sheffield geschweißt. Von den insgesamt 330 Angestellten des Unternehmens sind rund 250 im Hauptquartier im Westen von London tätig, davon rund 70 in der Administration und fast 30 im Rahmenbau. Damit bietet Brompton in Großbritannien rund siebzig Prozent der Arbeitsplätze in Sachen Löten von Stahlrahmen – und hat die meisten Rahmenbauer auch selbst aus-gebildet.

Eigene Wege – auch beim E-Faltrad

Auch die neuste Innovation von Brompton bleibt zwei Grundprinzipien des Herstellers treu: Das »Brompton Electric« geht auch als Faltrad mit elektrischem Hilfsantrieb eigene Wege. Der kompakte Motor steckt in der Vorderradnabe und wurde von den Motorsport-Experten von Williams entwickelt. Diese konnten dabei auf Wissen und Erfahrung aus der Formel-E zurückgreifen. Abgesehen von einem Tretlager-Sensor ist die gesamte Elektronik im sogenannten Controller untergebracht, einem Kunststoff-Bauteil, das am Steuerrohr montiert wird. Dazu kommt der Akku mit einer an den Zweck angepassten, etwas geringeren Kapazität von 300 Wattstunden. Dieser wiegt dafür aber auch weniger und findet in einer Tasche Platz, die sich wie gewohnt am Steuerrohr anbringen lässt. So kann Brompton auch für die E-Variante den gleichen, bewährten Stahlrahmen verwenden, und in der Montage waren ebenfalls nur geringfügige Anpassungen notwendig. Selbst der Karton für den Transport fällt fürs »Brompton Electric« kaum größer aus, was für die Logistik der Briten wichtig ist.
Angesichts der aktuellen Diskussionen um die Verkehrswende und Fahrverbote in dicht besiedelten, urbanen Gebieten braucht man sich um die Zukunft von Brompton als ausgewiesenem Spezialisten für die letzte Meile und multimodale Mobilität kaum Sorgen zu machen. Die größte Herausforderung, welcher sich der Hersteller aktuell gegenüber sieht, macht sich im Hauptquartier in Form von bis oben mit Komponenten und Anbauteilen gefüllten Schwerlastregalen bemerkbar: Um auch nach einem ungeordneten Austritt Großbritanniens aus der EU reibungslos weiter produzieren zu können, hat Brompton über den vergangenen Winter hinweg Waren im Wert von einer Million Pfund vorzeitig bezogen. Denn gut vorbereitet ist bekanntlich halb gewonnen.

1. April 2019 von Laurens van Rooijen

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