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Die roten Jump-Räder ­wirken etwas pummelig, haben aber einen hohen Wiedererkennungswert
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Report - Bikesharing

Kommt Jump schon im April?

Jump ist der E-Bike-­Verleiher von Uber. Im November startete ein Pilottest in Berlin. Die Zeichen mehren sich, dass daraus in Kürze ein dauerhaftes ­Angebot wird. Zu Kampfpreisen?

Seit drei Monaten fahren die knallroten Jump-E-Bikes in Berlin. 100 Räder stehen registrierten Nutzern zum Testen zur Verfügung, wobei das Angebot bislang nicht ausgeschöpft zu sein scheint. Eine Onlineregistrierung zum Test wurde innerhalb von einer Stunde bestätigt – die geplanten 300 Testplätze sind offenbar noch nicht vergeben.
Im ersten Schritt wurden die Räder in Prenzlauer Berg stationiert. Inzwischen sind sie auch in Kreuzberg, Mitte, Wedding und Pankow zu finden. Das Stationierungsgebiet ist klar begrenzt, aber abstellen können die Berliner die Räder so ziemlich überall. Dadurch will Jump herausfinden, wo die Berliner am liebsten mit dem E-Bike unterwegs sind, wie lange sie fahren und ob die Nutzung eher in der Freizeit oder für die Pendelei zwischen S-Bahn und Arbeits- oder Wohnort erfolgt. Spannend ist natürlich auch, wie sich die Elektroräder im Berliner Winter schlagen. Datensammeln heißt die Devise, denn diese Daten sind entscheidend für die Preisgestaltung und die Menge und Standorte der Räder, wenn Jump in den Vollbetrieb geht. Und das, so sagt Jump-Sprecher Oliver Kluge, soll »in jedem Fall« noch ­dieses Jahr erfolgen.
Möglicherweise sogar schon ganz bald. Auf Anfrage von velobiz.de wollte man sich nicht zu den technischen Details der gegenwärtig verwendeten Bikes äußern, weil dies für den Vollbetrieb keine große Rolle spiele. Will sagen: Eine neue Generation von Jump-Bikes steht bereits in den Startlöchern. Abgesehen von »normalen« Updates könnte eine wichtige technische Änderung hier zum Tragen kommen. Die Test-Bikes in Berlin haben fest verbaute Batterien. Jump will aber ein »stationsloses« Netzwerk aufbauen, so ist es auf der Website zu lesen. Und die ökonomisch einfachste Variante zum Wiederbefüllen der Akkus wäre ein System mit Wechselbatterien.
Auch in Sachen Preisgestaltung will sich die Berliner Niederlassung noch nicht in die Karten schauen lassen. Aktuell freut sich der Tester über einen Kampfpreis von einem Euro für die ersten zwanzig Minuten. In Lissabon, wo Jump-Bikes im Zentrum schon nahezu flächendeckend verfügbar sind, kostet der gleiche Zeitraum 3,00 Euro, wobei die Bezahlphase im Moment der Reservierung beginnt. Damit liegt man klar über klassischen Leihrädern, aber kalkulatorisch noch im defizitären Bereich. In New York und San Francisco kosten Jump-Räder sogar nur zwei Dollar für die erste halbe Stunde. Das ergibt durchaus Sinn, denn für Uber ist Jump viel mehr als ein Radverleih, es ist der sprichwörtliche »Fuß in der Tür« für den Aufbau von Reichweite und für einen Neustart der diplomatischen Beziehungen zu Berlin.

Uber und Berlin: eine Beziehung mit Hindernissen

Uber hatte wahrlich keinen leichten Start in Deutschland. In zahlreichen Gemeinden landauf, landab wehren sich die Taxi-Unternehmen und Transportdienstleister gegen das Vordringen des US-amerikanischen Riesen. Erst Mitte März streikten in München die Taxifahrer. Ausgerechnet an einem Tag, als drei Messen gleichzeitig auf dem Münchner Messegelände stattfanden.
Der Streik richtete sich gegen ein Eckpunktepapier von Verkehrsminister Scheuer. Demnach soll die bestehende Pflicht aufgehoben werden, dass Fahrer von Limousinen- und Vermietungsservices nach jeder Fahrt an den Haupt­standort zurückkehren müssen. In Zeiten von Smartphones, Stand­ort­er­kennung sowie Vermietungsplattformen und entsprechenden Apps bereitet das den Boden für disruptive Geschäftsmodelle im Transportgewerbe. Uber bietet ja nicht nur das »Jedermann-Taxi« UberPop an, bei dem potenziell jeder Autobesitzer zum Chauffeur werden kann, sondern auch UberBlack als klassischen Limousinenservice und UberPool als organisierte Mitfahrgelegenheit sowie UberX, ein Dienst, der Fahrten von professionellen Vermietern und Dienstleistern vermittelt. Also solchen, die über einen Personenbeförderungsschein verfügen. Alle Systeme außer UberPop operieren mit professionellen Fahrern und würden folglich unmittelbar von einer solchen Deregulierung profitieren. Der Verkehrsminister reagiert damit auf ein BGH-Urteil vom Herbst letzten Jahres, in dem das Geschäftsmodell von UberBlack für unzulässig erklärt wurde.
Es ist einiges an Porzellan zerschlagen worden, seit Uber erstmals Angebote für den deutschen Markt gemacht hat. 2014 startete man mit Fahrtvermittlung in deutschen Großstädten und kurz hintereinander verboten erst Hamburg und dann Berlin die Vermittlung zu Privatfahrern. Uber setzte sich zunächst darüber hinweg, weil man das Argument des mangelnden Versicherungsschutzes nicht gelten lassen wollte. Die Gerichte sollten das klären.

Uber mit neuer Rolle

Das hat der Bundesgerichtshof letztes Jahr getan und somit ist Uber gezwungen, sein Geschäftsmodell zu modifizieren, zumindest so lange, bis Scheuers Papier zum Gesetz geworden ist. Aber die Modifikation fällt dem populären US-Unternehmen nicht besonders schwer, sie sorgt nur dafür, dass das Wachstum langsamer voran geht, als geplant.
Das Lieblingswort der Amerikaner ist derzeit die Multi-Modalität. Jeder Mensch soll zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort das für ihn beste Verkehrsmittel wählen können. Und damit die Zahnrädchen der neu-gedachten Mobilität bestens ineinandergreifen, braucht es eine Plattform. In der Diktion von Uber am Liebsten die Uber-App. Erreicht diese eine kritische Größe auf der Nutzerseite, dann erhält Uber die Möglichkeit, entweder eigene Services dort zu verkaufen oder Aufträge an Fremdfirmen zu vermitteln. Kommt bekannt vor? Klar: Amazon lebt das gleiche Geschäftsmodell im Handel und ist inzwischen so groß, dass man aus dem Verkauf von Produkten gar keinen Gewinn mehr erwirtschaften muss. Der kommt zum Beispiel aus der Online-Werbung.
Und da passt Jump präzise hinein. Das Ausleihen von E-Bikes ist nicht nur für den Routinefahrer interessant, sondern auch für den Gelegenheitsradler oder den, der einfach schon immer mal ein E-Bike ausprobieren wollte. Die Pedelecs fahren maximal 25 Km/h schnell, haben eine maximale Motorleistung von 250 Watt und entfalten diese Kraft nur dann, wenn der Fahrer auch in die Pedale tritt. Damit erfüllen die Räder die Kriterien, um führerscheinfrei, helmfrei und ohne zusätzliche Versicherung angeboten zu werden. Fahren mit Helm wird zwar empfohlen und Jump-Sprecher Klug sagt, man würde da »noch überlegen«. Wahrscheinlich ist eine Helmpflicht aber eher nicht.

Berlin freut sich

»Meines Wissens haben wir schon jetzt die besten E-Bikes im Verleih«, sagt Oliver Klug und geht davon aus, dass die neue Generation noch besser werden wird. Die roten Elektroflitzer wirken optisch etwas »kräftig«. Aus Sicht von Jump ist das ein einzigartiges »ikonisches« Design. Es hat auf jeden Fall klaren Wiedererkennungswert, ähnlich wie das auffällige Orange von DonkeyRepublic oder Hamburgs Stadtrad-Rot.
Für die Berliner sind sie nichts anderes als eine Abrundung der Verleihflotte im Segment zwischen Fahrrad und E-Roller. Wenn die Berliner »durchschnittlich« mit den Jump-Rädern unterwegs sind, dann fahren sie Strecken von etwa vier Kilometern Länge. Das sagen die Zahlen von Jump insgesamt. Auf die fünf bis sechs Fahrten pro Tag, die im Durchschnitt in anderen Städten erreicht werden, kommen die Berliner mit Sicherheit noch nicht, weil die Verfügbarkeit der Räder noch nicht hoch genug ist. Insgesamt hat Jump eine registrierte Nutzerbasis von einer halben Million Fahrern in den 17 US-Städten, Lissabon und Berlin. Expansionen nach Prag, Paris und Zürich sind bereits angekündigt.
Die Berliner dürfen sich freuen, dass die Jump-Bikes aller Voraussicht nach nicht nur über die Uber-App buchbar sind, sondern auch in der neuen App der BVG zu finden sein werden. Anfang des Jahres gaben die Berliner Verkehrsbetriebe bekannt, eine universelle (multimodale) Verkehrsapp zu entwickeln und suchten per Ausschreibung nach Partnern. Jump bewarb sich und erhielt den Zuschlag.
Tatsächlich bastelt gerade alles an derartigen Ideen, was auch nur ansatzweise Berührung zum Thema Verkehr hat. Die großen Automobil-Hersteller wollen Mobilitäts-Vermittler werden, die Verkehrsbetriebe, die Bahn, ehrgeizige Startups und natürlich auch die Vermieter. Sixt hat am Rande der Content Marketing Conference durchblicken lassen, dass es zur Abrundung der neuen »Verleih-Flatrate« auch ein E-Bike-Angebot geben könnte.
Der Kampf um Berlin (und alle anderen Metropolen Europas) ist voll entbrannt. Bleibt zu hoffen, dass die Betreiber von Fahrradrikschas nicht fürchten, ihr Geschäft zu verlieren und ihre Gefährte unter dem Brandenburger Tor zu Demonstrationszwecken anzünden, wie das Pariser Taxifahrer vor drei Jahren getan haben.
Aber Spaß beiseite: Hersteller und Handel sind dringend aufgefordert, ihre eigenen Claims im Verleihgeschäft abzustecken. Sei es als Lieferant, als Servicepartner oder im Verbund als Verleiher. Mit Jump und der Marketingpower von Uber dahinter betritt ein kraftvoller Anbieter die deutsche Bühne. Alle Nutzer der Uber-App – zum Beispiel ein Gutteil der Berliner Digitalszene, die ja auch gerne international unterwegs ist – wird mit einem Schlag zum potentiellen E-Bike-Mieter.

1. April 2019 von Frank Puscher
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