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Portrait - Ku-Bikes

KU-le Idee

Ja, das Allgäu ist idyllisch und an vielen Stellen traditionell. Im kleinen Örtchen Stötten am Auerberg geht es aber ziemlich innovativ zu: Dort haben die Brüder Jonas und Hannes Kuisle ihr Unternehmen KUbikes gegründet, das besonders leichte Kinderräder produziert.

Die Brüder Jonas (li.) und Hannes Kuisle haben den Anspruch, gute und leichte Kinderräder zu bauen.Kurze Wege, helle Räumlichkeiten - und eine Fläche, die bald schon zu klein sein wird.Die Pappkartons warten aufs Recycling. Nachhaltigkeit ist bei KUbikes wichtig - egal, ob es um die Mitarbeiterzufriedenheit geht oder darum, Dinge wieder- oder anders zu verwenden.Designer-Ausstatung im Chefbüro? Fehlanzeige. Investiert wird lieber in die Bikes, die Mitarbeiter und Klimaschutzprojekte.

Der Landkreis Ostallgäu im Südosten des bayerischen Regierungsbezirks Schwaben ist rund 1.400 km2 groß und umfasst 45 Gemeinden. Eine davon oder besser: eine der Verwaltungsgemeinschaften ist Stötten am Auerberg. Auch wenn beim Einfahren in den 900-Seelen-Ort als erstes der Auerberg auffällt, der sich hinter den Häusern erhebt, lohnt es sich, den Blick und das Fahrzeug abzuwenden von der 1.055-Meter hohen Erhebung und den Blinker zu setzen. Ins Gewerbegebiet. Zweimal ums Eck und man steht vor einem Gebäude aus hellem Holz mit einladender Fensterfront. Hinter selbiger: reihenweise bunte Fahrräder, klein, noch kleiner, ganz klein. Es ist der Sitz von KUbikes, einem Hersteller von Kinderrädern. Das an sich ist noch nicht bemerkenswert, laut Zweirad-Industrie-Verband waren 2017 rund drei Prozent aller in Deutschland verkauften E-Bikes und Fahrräder Kinderräder. Nur ein Bruchteil davon stammt aus Stötten. Bei wenigen dürfte jedoch ein ähnlich durchdachter und konsequenter Ansatz hinter der Marke stehen. Sowohl, was die Konzeption der Bikes als auch, was die Firmenphilosophie betrifft.

Die Bikes: (fast) alles selbst gemacht

Die Gründungsgeschichte des Unternehmens ist geradezu prototypisch für die aktuell angesagten Kinderrad-Marken. Die Idee zu KUbikes hatten die Brüder Jonas und Hannes Kuisle, als Jonas Tochter ins fahrradfähige Alter kam. Heute ist sie zehn Jahre alt und noch immer eine kritische Testfahrerin, die sich diesen Job mittlerweile mit vier anderen Kuisle-Kindern zwischen fünf und neun Jahren teilt. Die damals, vor sechs Jahren, auf dem Markt befindlichen Kinderräder waren allesamt schwer, manche sogar schwerer als Erwachsenenräder, erinnern sich die beiden Firmengründer, die damals hauptberuflich noch Hausdächer mit Solarpanelen ausstatteten. »Die einzigen Kinderräder, die unseren Vorstellungen entsprachen, gab es in England. Wir haben eins bestellt, aber es hat mehrere Monate gedauert, bis wir es hier hatten, sodass wir, gleich als es da war, das nächstgrößere bestellt haben, damit es geliefert wird, bevor die Kleine aus dem ersten Bike rausgewachsen ist«, erzählt Jonas Kuisle. Das gab den Ausschlag, sich daran zu versuchen, selbst gute, leichte Kinderbikes zu entwickeln und zu bauen. Der erste Rahmen entstand noch in der Garage ihres Solaranlagen-Unternehmens, das mittlerweile der Radwerkstatt und den KUbike-Büros weichen musste. Inzwischen gibt es elf Rahmenformen vom Laufrad bis zum Fatbike, von 12 bis 26 Zoll, mit verschiedenen Ausstattungsvarianten.
Bis auf wenige Ausnahmen wie zum Beispiel die Kette, sind alle Anbauteile ebenfalls Eigenkreationen: »Ein Kind braucht andere Griffe, die Bremshebel müssen eine geringere Griffweite haben, die Kurbel muss die passende Länge haben. Die Geometrie muss kindgerecht sein, alle Teile dabei aber robust, stabil und superleicht. Das gibt es kaum fertig zu kaufen«, begründet Hannes Kuisle die Entscheidung, kaum auf Standardprodukte zurückzugreifen. Inzwischen gehen die Brüder sogar so weit, den potenziellen Kunden die Möglichkeit zu geben, die Bikes für den Nachwuchs individuell zusammenzustellen. Kein Wunder, dass der Lagerraum aus allen Nähten platzt und den Firmengründern angesichts der Bestell-, Lager- und Versandlogistik oft der Kopf raucht. Aber hier hat der absolute Wille, die besten Kinderfahrräder zu bauen, die sie bauen können, Vorrang vor möglichst geringem Aufwand – ebenso wie vor maximal möglichem Gewinn.
Zwei Drittel der KUbikes verkauft der Fahrradeinzelhandel, hauptsächlich in Deutschland. Ein Drittel geht im firmeneigenen Online-Shop über die virtuelle Ladentheke. Dieser ist auch die einzige Möglichkeit, KUbikes im Internet zu ordern. Der Grund: »Wir möchten nicht, dass jemand die Preise drückt«, erklärt Jonas Kuisle. »Wir haben unseren Händlern das Versprechen gegeben, dass es keine Rabattaktionen geben wird. Und dieses Versprechen können wir nicht halten, wenn jemand auch nur ohne Versandkosten verschickt.« Die Händler haben für gewöhnlich eine Auswahl an KUbikes im Laden stehen, die auch testgefahren werden können. Wenn der Kunde eine der vielen möglichen Varianten möchte, die der Händler nicht vorrätig hält, bestellt dieser das betreffende Rad auf Kundenwunsch und innerhalb von fünf Tagen wird es zur Abholung zum jeweiligen Händler geliefert. Ein Engagement sowie eine Service- und Produkt-Qualität, die die Händler zu schätzen wissen: »Wir mussten noch keine Akquise oder Werbung machen, die Händler sind auf uns zugekommen. Es geht viel über Empfehlung.« Und das Konzept scheint aufzugehen: Seit der Firmengründung ist die Unternehmensfläche von Garagengröße auf 2.000 Quadratmeter gewachsen – weitere Gebäude sind in Planung. Die Mitarbeiterzahl hat sich von zwei auf 30 vervielfacht.

Die Firmenphilosophie: sozial und nachhaltig

Und diese Mitarbeiter sollen sich pudelwohl im Unternehmen fühlen. Denn sie werden nicht nur vor jeder Neuanstellung gefragt, ob sie mit einem potenziellen neuen Kollegen zusammenarbeiten möchten (»Die beste Qualifikation bringt nichts, wenn man nicht miteinander auskommt.«). Es gibt auch kostenloses Bio-Obst, Teilzeit-Modelle oder den persönlichen Bedürfnissen angepasste Arbeitszeiten. Bald soll es auch wieder gemeinsame Radtouren auf den Auerberg geben. Im vergangenen Jahr »war einfach zu viel los«. Bei der Teile-Montage hilft den festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Förderstätte St. Georgshof, die sich um Menschen mit seelischer Beeinträchtigung kümmert. Im neuen Gebäude soll die Einrichtung eine komplette Etage als dauerhafte Werkstatt bekommen. Und dass die Familie mit anpackt – Jonas Kuisles Frau macht unter anderem die Buchhaltung, der Onkel fotografiert – ist bei so viel gelebtem Zusammenhalt quasi Ehrensache.
Neben dem Sozialen liegt Jonas und Hannes Kuisle, beides studierte Umwelttechniker, auch die Nachhaltigkeit ihres Unternehmens und ihrer Produkte am Herzen. So werden Kartonverpackungen und Papier gesammelt und im nur 20 Kilometer entfernten Kaufbeuren recycelt. Müll versuchen die beiden Firmenchefs so weit möglich zu vermeiden oder zu reduzieren: »Wir sagen unseren Zulieferern, wie sie die Teile, die sie für uns fertigen, verpacken sollen, sodass wir die Kartons und Verpackungen wiederverwenden können. Plastik und Schaumstoff zum Schutz der Rahmen werden ersetzt durch Pappkartonschichten und diese Fixierungsbänder um die Kartons haben wir auch weitestgehend abgeschafft«, erzählt Hannes Kuisle.
Da kann es schon einmal passieren, dass ein Rad in einem ungelabelten Zulieferer-Karton ankommt, der leichte Gebrauchsspuren aufweist. Aber warum etwas wegwerfen, das man noch gebrauchen kann? So kam es auch zur Rubrik »Sonderangebote« auf der KUbikes-Webseite. Dahinter verbergen sich nicht etwa Räder der Vorsaison – die Modelle und Farben laufen so gut wie alle mit kontinuierlichen Detailanpassungen über mehrere Jahre durch. Es handelt sich vielmehr um Bikes mit Komponenten, die kleine, nicht sicherheitsrelevante Blessuren aufweisen: ein leichter Kratzer am Vorbau, eine winzige Delle im Alurahmen ... »Das kostet uns richtig Marge, weil wir einen höheren Aufwand haben, als wenn wir die Teile einfach wegwerfen würden«, räumt Jonas Kuisle ein. »Aber wir können nicht einfach ein gutes Bauteil wegschmeißen, nur weil es nicht ganz perfekt ist.« Gespart wird dann lieber an der Ausstattung des Chefbüros: da gibt es nackte Holzbalken statt glänzender Verblendungen, einen schlichten Schreibtisch mit lichtgrauer Resopal-Oberfläche statt polierter Eiche massiv und wenn Besuch kommt, kann es durchaus sein, dass einer der Chefs noch schnell selbst zum Besen greift, um den nackten Betonboden sauberzufegen.
Die Rahmen und Anbauteile kommen aus China, aber um die Klimabelastung durch den Transport zumindest ein wenig auszugleichen, spenden Jonas und Hannes Kuisle einen Teil des Firmenumsatzes an Atmosfair für Klimaschutzprojekte. Und machen für die Non-Profit-Organisation gern und viel Werbung im Mitarbeiter-, Freundes- und Bekanntenkreis. Wenn Auto gefahren wird, zum Beispiel, um einen Händler zu besuchen, stehen drei E-Autos als Geschäftswagen bereit. Lieber nehmen die Brüder aber das Fahrrad.
So oft, wie sie gern würden, kommen die beiden Brüder aber nicht mehr dazu, sich in den Sattel zu schwingen. Mit dem Unternehmen wachsen eben auch die Aufgaben. Das wissen die Kuisles und sind dankbar dafür, dass sie von etwas leben können, für das sie brennen. Um jeden Preis immer noch weiter wachsen, immer noch mehr Umsatz machen, wollen beide aber nicht. »Klar, es muss sich rentieren«, sagt Jonas Kuisle. »Es muss jetzt aber nicht auf Teufel komm raus alles noch größer werden.« Manchmal reicht es eben auch, einfach zufrieden zu sein, mit dem was ist. Das ist auf Dauer vermutlich auch irgendwie nachhaltiger.

10. Februar 2020 von Carola Felchner

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