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Mehr Grundschüler rauf aufs Rad
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Report - Radfahren an Grundschulen

Mehr Grundschüler rauf aufs Rad

Radfahren in der Grundschule ist ein heikles Thema. Obwohl die heutige Generation mit dem Laufrad aufwächst, scheitern viele Kinder bei der Fahrradprüfung. Während einige Bundesländer das Radfahren in der Grundschule gezielt fördern, versuchen manche Schulleiter, es bis zur Fahrrad­prüfung in der vierten Klasse zu verbieten.

Ein Fahrradausflug mit Picknick, das war vor 20 Jahren für Dunja Schoerrig immer der krönende Abschluss der Fahrradausbildung. Mit ihren Viertklässlern und Eltern ist sie gerne zu einer langen Fahrt ins Grüne aufgebrochen. Meist endete der Ausflug am späten Nachmittag im Biergarten. Die Tour war beliebt bei den Kindern und ihren Müttern und Vätern. Doch vor sieben Jahren hat Schoerrig mit der Tradition gebrochen: Es wurde ihr zu gefährlich. »Die Kinder sind heute wahnsinnig wenig anstrengungsfähig«, stellt die Lehrerin aus Bayern fest. Fünf Kilometer am Stück radeln und sich dabei auf das Verkehrsgeschehen zu konzentrieren, überfordere viele. Was als vergnügte Ausfahrt begann, entwickelte sich für Schoerrig immer mehr zu einer Zitterpartie.
Mit dieser Beobachtung ist die Grundschullehrerin nicht alleine. Obwohl die heutige Schülergeneration mit dem Laufrad groß geworden ist, stellen viele ihrer Kollegen und Verkehrserzieher fest: Immer mehr Kinder haben motorische Schwierigkeiten beim Radfahren. Im Lehrplan für die Grundschulen ist die Fahrradprüfung für die vierte Klasse vorgesehen. Doch die vorgesehene Vorbereitungszeit im Stundenplan reicht häufig nicht mehr aus. Den Kindern fehlt die Praxis.
Um diese zu kompensieren, benötigen die Kinder während der Schulzeit intensivere Trainingseinheiten. Aber den Lehrern mangelt es an geeigneten Übungen. »Beim Praxisteil auf dem Schulhof stehen die Kinder in der Regel herum«, berichtet Achim Schmidt von der Sporthochschule (Spoho) Köln. Der Wissenschaftler weiß, wovon er spricht. Seit Jahren ist er mit Studenten und selbst entwickelten Fahrrad-Parcours in Kindergärten und Schulen unterwegs. »In der Grundschule radeln die Kinder in 90 Minuten gerade mal zwei bis drei Minuten über den Schulhof«, sagt er. Die übrige Zeit beobachten sie ihre Klassenkameraden, die unter Aufsicht der Lehrer ihre Aufgaben absolvieren.

Neues Netzwerk will Lehrer fortbilden

Wenn es nach dem »Netzwerk Verkehrssicheres Nordrhein Westfalen” geht, soll sich das in diesem Bundesland bald ändern. Das Netzwerk, das die Zahl der Unfälle reduzieren will, ist eine Initiative des Ministeriums für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen. In jedem Regierungsbezirk entwickeln Akteure Ideen, wie sie dieses Ziel erreichen. Die Landesregierung Nordrhein Westfalen, der Verkehrsverbund Rhein-Sieg und die Sporthochschule Köln, die zu dem Netzwerk gehören, haben beschlossen, eine Lehrerfortbildung und das dazugehörige Online-Portal »Radfahren in der Grundschule« zu entwickeln. Das Portal geht im Februar 2015 online. Die ersten Lehrerfortbildungen hat Schmidt bereits im vergangenen Jahr in fünf Regierungsbezirken NRWs durchgeführt.
Sein Fazit: »Die Lehrer trauen den Kindern weniger zu, als diese eigentlich können.« Außerdem fehle vielen Lehrern das nötige Handwerkszeug, also moderne zeitgemäße Übungen. Schmidts Ideen und Trainingsvorschläge haben die Pädagogen überzeugt, obwohl sie anfangs etwas irritiert waren.
Denn nach seinem Ansatz sind die Kinder vom ersten Moment an alle gleichzeitig auf ihren Rädern unterwegs. Entweder an verschiedenen Stationen auf dem Schulhof oder im gemeinsamen Spiel. »Jeder fährt so gut wie er kann. Wer überhaupt nicht Radfahren kann, nutzt sein Fahrrad erstmal als Roller«, sagt er. Bei allen Aufgaben bezieht der Wissenschaftler Hindernisse auf dem Schulhof mit ein. Dabei macht er selbst vor Treppen nicht halt.
»Die Kinder fahren die Rampen für Rollifahrer an den Treppen hinauf und dann die Stufen hinab«, sagt er. Erst mit Hilfestellung, dann alleine. »80 Prozent der Kinder schaffen das«, sagt er. Mit derlei Übungen stärkt er bei den Schülern die Motorik, die Fahrzeugbeherrschung, die Freude am Radfahren und auch das Selbstvertrauen. »Die Kinder wollen Radfahren«, stellt er immer wieder fest. Aber sie werden häufig von Lehrern und Schulleitung ausgebremst.

Radfahren verboten

Einige Schulleiter verbieten den Jungs und Mädchen, vor der Fahrradprüfung mit dem Rad zur Grundschule zu kommen. Dabei ist das Verbot willkürlich, ihm fehlt die gesetzliche Grundlage. »Schulen können das Radfahren nicht verbieten oder an den Fahrradführerschein knüpfen«, sagt der Sprecher des Schulministerium von Nordrhein Westfalen. Selbst wenn Kinder entgegen der Empfehlung der Schule mit dem Rad zur Schule fahren, seien sie über die gesetzliche Unfallversicherung versichert. Die Aufsichtspflicht der Schule erstreckt sich nicht auf den Schulweg. Wie die Kinder zur Schule kommen, entscheiden die Eltern.
Professor Volker Briese traute Grundschülern bereits vor zehn Jahren zu, auf bestimmten, vorher geübten und vertrauten Wegen alleine mit dem Rad zur Schule zu fahren. »Sie fahren auf Gehwegen, schieben bei Straßenüberquerungen und benützen Überquerungshilfen«, sagt er. Außerdem sind die Schulen verpflichtet, sichere Wegepläne zu erstellen, die beispielsweise Hauptstraßen meiden.
Briese hat im Rahmen seiner Professur in Paderborn viele Jahre zum Thema Radfahren von Kindern geforscht und war unter anderem Ansprechpartner als Verkehrspädagoge für den ADFC. Er kritisiert, dass sich Wissenschaftler heute immer noch auf schwedische Studien aus den 1970er Jahren berufen, wenn es ums Radfahren in der Grundschule geht. Damals hatten die Wissenschaftler festgestellt, dass die Radfahrleistungen mit dem Alter zusammenhängen und bei Sieben- bis Achtjährigen sprunghaft steigen. Allerdings haben diese Studien laut Briese einen Haken. Die Bedingungen in den 70ern unterscheiden sich grundlegend von den heutigen Gegebenheiten.
Damals waren unter anderem Stützräder üblich. Heute flitzen bereits Dreijährige auf Laufrädern durch die Gegend. Im Kindergarten üben die Knirpse Rollerfahren und Fünfjährige radeln bereits souverän mit ihren Eltern zum Kindergarten. Doch mit dem Eintritt in die Schule ist das erstmal vorbei. Der Schulbeginn stellt bei einigen Kindern einen Einschnitt in ihre selbstständige Alltagsmobilität dar.
Allerdings stellen die Pädagogen und Wissenschaftler bei der Laufradgeneration auch extreme Leistungsunterschiede fest. »Die einen können sehr gut fahren, die anderen überhaupt nicht«, sagt Dunja Schoerrig. Deshalb plädieren Radfahrexperten dafür, es in der Schule konsequent zu üben und im Alltag zu praktizieren. »Mit sechs bis sieben Jahren sollten die Kinder Radfahren lernen«, sagt Axel Böse, Anbieter der Kinderradmarke S’cool.
Den momentanen Zeitpunkt der Fahrradprüfung findet er kontraproduktiv. »In vielen Schulen legen die Kinder am Ende der vierten Klasse ihre Prüfung ab und fahren dann noch ein paar Wochen mit dem Rad zur Schule.« In seinen Augen verschenken die Schulen Zeit, in der sie den Kindern das Radfahren näher bringen könnten. Schließlich sollen viele nach den Sommerferien zur weiterführenden Schule radeln. Aber ihnen fehlt nach der Fahrradprüfung die Praxis. Die Prüfung allein reiche nicht aus.

Störfaktor Mamataxi

Einige Eltern haben Angst, ihr Kind mit dem Rad zur Schule zu schicken, weil sich dort am Morgen der Verkehr staut. Die Ursache sind andere Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto bis zum Eingang kutschieren. Gehalten oder geparkt wird in zweiter Reihe, auf dem Gehweg, dem Zebrastreifen oder dem Behindertenparkplatz. Die Eltern meinen es gut. Doch gerade diese besonders besorgten Eltern gefährden die Schulkinder, die zu Fuß gehen oder mit dem Rad kommen.
Hier setzt auch die Lehrerfortbildung der Sporthochschule Köln an. Sie gibt den Lehrern Tipps zum Dialog mit den Eltern und motiviert sie, ihrem Nachwuchs mehr zuzutrauen. Der Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) unterstützt das Projekt. »Verkehrssicherheit ist für uns ein wichtiges Thema«, sagt Christoph Overs, zuständig für das Mobilitätsmanagement beim VRS. Der Verkehrsverbund sieht das Fahrrad als ebenso wichtigen Bestandteil im Mobilitätsverband wie das Car-Sharing oder das Zu-Fuß-Gehen. Aber die Kinder müssen sicher Radfahren können, damit sie es auch als Alternative erleben.
Zurzeit wird das Thema »Radfahren in der Grundschule« von Vereinen und Institutionen in Deutschland eher stiefmütterlich behandelt. Die meisten Initiativen wie »Fahr Rad« oder »Fahrradfreundliche Schule« richten sich vorrangig an Kinder in weiterführenden Schulen. Auch der VCD richtet mit seiner Kampagne »Zu Fuß zur Schule« sein Augenmerk eher allgemein auf den »autofreien« Schulweg als darauf, das Radfahren in der Schule zu fördern.
Bislang sind es vor allem private Initiativen, die zeigen, dass es auch anders geht. In Hessen wurde die Bewegungs-Initiative Langen vor zwei Jahren aktiv. Damals wurde bekannt, dass immer mehr Kinder aus der Stadt nicht an den jährlichen Fahrrad-Prüfungen teilnehmen konnten, weil sie nie Radfahren gelernt hatten. Jochen Kühl, Leiter der Bewegungs-Initiative startete daraufhin eine Sammelaktion für Kinder-Fahrräder in der Stadt. Über eine Spendensammlung kam zudem das Geld für eine Radfahrlehrerin zusammen. Seitdem tourt diese durch die dritten Klassen.
»Pro Jahrgang sind es etwa 20 bis 25 Kinder von 300, die wir schulen«, sagt Kühl. In Kleingruppen zu dritt oder viert üben sie etwa sechs Nachmittage. Dann sind die Kinder fit. Die Spendenaktion war nur eine Anschubfinanzierung. Mittlerweile wird die Radfahr-Lehrerin über die Schulvereine finanziert.
In Schleswig Holstein engagiert sich die Landesverkehrswacht mit ihrem Projekt »Frühradfahren« an den Grundschulen. Ihr Ziel ist, dass die Kinder in der dritten Klasse, wenn die Radfahrausbildung beginnt, ihr Fahrrad bereits optimal beherrschen. Bremsen, Lenken, Ausbalancieren solle dann bereits so automatisiert sein, dass sich Kinder vollkommen auf den Verkehr konzentrieren könnten, erklärt Elisabeth Pier, Vizepräsidentin der Verkehrswacht Schleswig Holstein.
Die Verkehrswacht bildet die Lehrer aus und spendiert jeder interessierten Schule einen Satz Räder mit weißen Reifen, damit die Kinder in der Turnhalle üben können. Wie bei dem Spoho-Programm trainieren sie dort spielerisch ihre motorischen Fertigkeiten. Dabei geht es darum langsam zu fahren, über Wippen zu radeln und Hindernisse wie Schienen oder Bordsteine zu bewältigen.
180 Schulen hat die Verkehrswacht Schleswig Holstein in den vergangenen 20 Jahren mit Rädern ausgestattet. Seit die Grundschulen flächendeckend Nachmittagsbetreuung anbieten, sei die Nachfrage noch mal gestiegen, erklärt Elisabeth Pier. Zurzeit liegen Anträge von 39 Schulen auf ihrem Schreibtisch, die alle Räder haben möchten.
»Wir wollen die Gefährdung der Rad fahrenden ­Kinder reduzieren«, sagt sie. Schleswig Holstein sei ein Land mit weiten Entfernungen, dort kommen die Grundschüler mit dem Rad zur Grundschule.
Gerade das Beispiel des Frühradfahrens zeigt: Die Praxis ist wichtig. Auch in Dunja Schoerrigs Grundschule werden die Kinder von der ersten Klasse bis zur vierten Klasse gründlich auf die Prüfung vorbereitet. Aber wenn die Kinder nicht regelmäßig im Schonraum und im Verkehr unter Aufsicht üben, läuft die Vorbereitung ins Leere.
Sonderfälle gibt es immer. Dunja Schoerrig erklärt, dass die Wege zu ihrer Schule für einen Teil der Kinder sehr sicher seien, dagegen für die Kinder aus einem anderen Quartier extrem gefährlich. Letzteren helfen täglich fünf Schulweghelfer beim Überqueren einer Straße.
Ihr Beispiel zeigt, die ultimative Lösung, die zu jeder Schule passt, gibt es nicht. Aber man kann das Potenzial der Kinder viel stärker nutzen. Grundschüler verhalten sich im Straßenverkehr sehr regel­konform. Sie sind empört, wenn Erwachsene gegen Regeln verstoßen und blicken, bevor sie die Straße überqueren, mehrmals in jede Richtung. In diesem Verhalten kann man sie stärken und ihre Motorik und ihre Sicherheit auf dem Rad gezielt fördern. Denn nur wenn sie sich auf ihrem Rad und im ­Verkehr sicher fühlen, werden sie es später als adäquates Fahrzeug im Alltag benutzen.

16. Februar 2015 von Andrea Reidl

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