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Unverkennbar Nextbike – aber im Design eines modernen E-Bikes. Auch wenn die Räder gut genutzt werden: Sie werden die analogen nicht ersetzen.
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Report - E-Bike-Sharing

Mit Spannung erwartet

Trotz des 2018er Leihrad-Chaos durch die asiatischen Anbieter: Pionier Nextbike ist weiter auf der Überholspur und etabliert in ausgesuchten Regionen jetzt auch den Verleih von E-Bikes.

»Nein, das E-Bike wird das analoge Fahrrad auch in der Leihe definitiv nicht verdrängen«, sagt Mareike Rauchhaus gleich zu anfangs nachdrücklich. Sie ist Leiterin der Marketing- und PR-Abteilung von Nextbike – dem deutschen Pionier in der Leihradbranche (siehe auch das Unternehmensporträt in velobiz.de Magazin 2/14). Das analoge Fahrrad sei für die meisten Bedürfnisse der Nutzer und Nutzerinnen voll und ganz ausreichend. »Vor allem in der City geht es mit dem E-Bike auf der Kurzstrecke kaum schneller«, sagt sie. Lediglich für hügelige Gegenden bietet sich Motorunterstützung auch im Verleihsektor an.
Deshalb ist Nextbike nach einer fünfjährigen Planungsphase 2018 in eine auf bestimmte Regionen eingeschränkte E-Bike-Leihe eingestiegen. Für das Unternehmen geht es darum, die Bedürfnisse eines möglichst breiten Nutzerkreises abzudecken. »Wir wollen das Fahrradfahren weiter im urbanen Verkehr etablieren. Hierbei setzen wir nun auch auf eine Ausdifferenzierung mit E-Bikes vor allem in topografisch anspruchsvollem Gelände wie in Bilbao, wo wir Bilbaobizi betreiben, oder in ländlichen Gebieten wie der Region Bonn, wo wir das RVK-Rad anbieten«, erklärt Geschäftsführer und Gründer Ralf Kalupner. So gibt es in der spanischen Stadt mit ihren vielen Hügeln ein kleines, aber laut Unternehmen unglaublich stark genutztes E-Bike-Angebot von Nextbike.
Die neuen Nextbike-E-Bikes in der deutschen Rhein-Voreifel-Region dagegen werden vor allem von Studenten genutzt – und oft im Zusammenhang mit dem öffentlichen Nahverkehr. Nextbike baut hier eines der ersten Überland-E-Bike-Verleihsysteme in Deutschland aus. Es wird im regionalen Umweltverbund betrieben. Und im flachen Köln gibt es derzeit zusätzlich zehn E-Nextbikes zum Testen.

Partnerschaften und Vernetzung als Erfolgsrezept

Erinnern wir uns: Ralf Kalupner hatte Nextbike 2004 gegründet und durch die Kooperation mit Städten und Gemeinden einerseits und Sponsorpartnern andererseits schnell eines der größten Verleihsysteme aufgebaut. Im Gegensatz zu vielen Systemen, die in den letzten Jahren die Welt eroberten und dann in oder neben Großstädten riesige Bike-Friedhöfe zurückließen, kostet die Partnerschaft die Region oder die Stadt einiges. Doch dafür ist eine gemeinsame Planung der Partner gegeben – und vor allem ein gesicherter Rundum-Service für die Räder, sprich: Nachhaltigkeit statt administrativem Stress für die Gemeinden. Von der Wartung über die Instandhaltung bis zum Transport der Räder an die geplanten Standorte geht der Service von Nextbike. Vorteil: Die Städte, so meint Rauchhaus, haben aus der Obike-Katastrophe gelernt und wissen diese Vorteile nun umso mehr zu schätzen.
Nextbike ist vielfach und auch auf vielen Ebenen vernetzt. Gerade erst startete beispielsweise die Berliner Mobilitäts-App Jelbi. Damit lässt sich Mobilität multi-modal mit ÖPNV und Fahrrad planen, auch über diese App hat man Zugriff auf Nextbike-Räder. Und für die Kunden bedeutet Nextbike mehr Datenschutz. Auch dieser war in Bezug auf die asiatischen Systeme teils sehr umstritten.
Derzeit gibt es auch Kooperationen mit Universitäten und Hochschulen. So gibt es E-Bike-Leihmodelle bei Nextbike, in denen ein Teil des Semesterbeitrags von Studenten die Nextbike-Leihgebühr abdeckt – für die Studis entstehen also bei der Ausleihe keine Kosten mehr. Es gibt auch zahlreiche regionale Tarife. Die klassischen günstigen Tarife gibt’s bei den Bilbaobizi. 450 E-Bikes von Nextbike sind derzeit an 40 Stationen verfügbar.
Übrigens wird das E-Bike auch bei anderen in die Leihe integriert. Das ungewöhnlichste Angebot gibt’s vielleicht vom jungen, vor allem bei Studenten sehr erfolgreichen Abo-Leihradsystem Swapfiets (siehe auch Velobiz Magazin 1/2-2019). Es wird in Kürze in Deutschland ihre E-Bike-»Abos« starten – für 75 Euro im Monat.

Brose statt Bosch

Das Leih-E-Bike der Leipziger ist natürlich nicht einfach ein Leihrad mit Motor. Es ist völlig neu in der Nextbike-Entwicklungsabteilung konzipiert worden. Zunächst waren Räder mit Bosch-Motoren geplant, letztendlich stellte sich aber Brose als der passendere Partner heraus. Insgesamt hat man etwa zwei Jahre selbst an der Entwicklung des E-Bikes gearbeitet, erklärte uns Clemens Kircher, der das Projekt leitete. Weitere Anpassungen oder Überarbeitungen gehen deutlich schneller. Einer der Schwerpunkte – neben dem Fokus auf Robustheit, die Leihräder immer brauchen: »Es muss viel mehr auf Komponenten-Diebstahlschutz geachtet werden«, so Clemens Kircher. Aber auch die Motoreneinstellungen und die Software müssen speziell auf die Funktion als Leih-E-Bike ausgerichtet werden.
Ein heikler Punkt bei Leihrädern: die Rahmengeometrie. Sie muss so angelegt sein, dass ein Rahmen für eine möglichst große Fahrerklientel passt, beziehungsweise einfach und gut anpassbar ist. Aber auch das Handling des Rads muss möglichst für alle Fahrertypen praktikabel sein – schließlich wird es vor allem für die City genutzt, muss aber auch für Überland-Pendler die nötige Laufruhe haben. Auch eine Fleißaufgabe, die die Entwickler eines normalen E-Bikes nicht haben: die besondere Ladeinfrastruktur. Hier sollte eine Möglichkeit zum Laden in der Station gefunden werden. So entwickelte man bei Nextbike eine Abstellanlage mit integrierter Ladestation. Dieser E-Smartdock ist Ladegerät und Leihstation-Ständer in einem. Ein Zapfen in der Gabel wird in die dazu gehörige Buchse im Ständer geschoben und schon kann über einen Einfachstecker geladen werden. Gleichzeitig ist das E-Bike hier automatisch an- und abgeschlossen. Aufgeschlossen wird per Ausleihfunktion mit der App.
Natürlich hätte es auch die deutlich einfachere und günstigere Möglichkeit von Wechselakkus gegeben. Doch auch die Nachhaltigkeit sollte bei der Entwicklung nicht zu kurz kommen. Außerdem entspricht die tatsächliche Lösung mehr dem Stil unserer Zeit: Jetzt ist der Akku entnehmbar, aber unsichtbar und diebstahlgeschützt im Rahmen integriert. Viele Passanten dürften damit das Rad zunächst gar nicht als E-Bike erkennen.
Die Entwicklung ist nicht statisch: »Unsere Fahrräder erleben eine ständige Weiterentwicklung«, sagt Clemens Kircher. Praktische Anwendungserfahrungen der Nutzer sind dazu die wertvollste Basis.

Elektro-Leihe – nur ein »Spezialfall«

»In Bilbao geht das ab wie Schmidts Katze«, sagt Rauchhaus zum Erfolg des neuen E-Bike-Verleihs in der spanischen Stadt. »Wir haben zweistellige Ausleihen pro Rad und Tag.« Bis zu zwanzigmal wird ein und dasselbe E-Bike geliehen. Das heißt einerseits, dass auch die E-Bikes vor allem für Kurzstrecken genutzt werden. Und andererseits, dass die Räder praktisch nicht stillstehen und optimal ausgelastet sind. Da bleibt kaum noch Zeit mehr für den Service und das Laden. Die Notwendigkeit, nachzuladen, bedeutet auch: Die Räder müssen an einer Station ausgeliehen und an einer abgegeben werden.
Macht man grundsätzlich dem eigenen Haus Konkurrenz? »Nein, das analoge Fahrrad wird von der E-Bike-Leihe nicht verdrängt – es ist ein zusätzlicher Markt«, sagt Rauchhaus. Was natürlich auch vom Einsatzort abhängt: Werden Leih-E-Bikes nur dort eingesetzt, wo Menschen aufgrund der Topografie nicht daran denken, Fahrrad zu fahren – wie in Bilbao – ist das analoge Leihrad ohnehin nicht vorhanden. Die Preise sind zivil. Kosten Nextbike-Räder die ersten 30 Minuten nichts und dann pro halbe Stunde einen Euro (komplettes Monatsabo 10 Euro), kostet bei der RVK (Köln/Eifel-Region) die halbe Stunde zwei Euro, das Monatsabo 15 Euro, also nur 10 Euro mehr als ein Rad mit Bio-Antrieb.

8. Juli 2019 von Georg Bleicher

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