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Neuer Schub fürs Rennrad
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Report - E-Rennrad

Neuer Schub fürs Rennrad

Rennräder mit E-Motor? Macht das Sinn? Die Frage stellt sich inzwischen sicher bei fast jeder Fahrradkategorie. Stellt man die aus dem MTB-Bereich bekannten emotionalen Aspekte und Vorurteile aber kurz beiseite und konzentriert sich auf die aktuellen Potenziale, dann kann man schnell zu einem eindeutigen Schluss kommen: Die nähere Beschäftigung mit dem Thema und den dazugehörigen schicken neuen Bikes lohnt.

Eines muss ich zum Einordnen sicher vorausschicken: Als klassischer Alltagsradler war das sportliche Biken nie meine Sache und auch zum (E-)Mountainbike bin ich erst spät gekommen. Trotzdem, oder vielleicht ja gerade deswegen, juckt es mich das ein oder andere Mal, wenn ich wieder vor einer dieser High-Tech-Rennmaschinen stehe. Das wäre doch was…
Mag es die Selbstachtung sein, die einen davon abhält sich altersgemäß mit ein paar Kilos zu viel in ein hautenges windschlüpfriges Trikot zu zwängen, die Angst in der Gruppe schon beim ersten ernsten Anstieg nicht mehr mithalten zu können oder das dumme Gefühl sich die Fahrbahn auf ewig mit Autos und Lkws teilen zu müssen: Subjektiv gesehen war und ist der Einstieg in den Straßenradsport alles andere als niedrigschwellig. Aber das scheint sich momentan zu ändern: Gerade die neuen Räder aus dem Gravel-Sektor versprechen plötzlich deutlich mehr, als nur das Powern auf der Straße. Bis hin zu allerlei Packtaschen für das Mikro-Abenteuer mit Lagerfeuerromantik. Obwohl, mit Gepäck wäre doch eigentlich auch ein Motor gut. Und schon sind wir beim Thema.

Beim E-Rennrad geht es nicht um Rennen

Die Zeiten des Rennrads in seiner klassischen Ausprägung scheinen mit dem Aufkommen von Endurance Bikes, modernisierten Cyclo-Crossern und Gravel Bikes angezählt. Zumindest fächert sich die Kategorie auch ohne Motor immer weiter auf. Warum auch nicht? In Zeiten, in denen sich persönliche Vorlieben und Rollen im rasanten Tempo, manchmal mehrfach täglich ändern und neue Produkte und schnell über soziale Medien zusammengestellte Gruppen diese Veränderungen ermöglichen, alles kein Problem. Natürlich geht es bei Vielen auch immer noch um den Sport, den Vergleich und die Challenge. Aber das findet vielleicht ja eher in der via App vernetzten Community statt, als in der realen Bike-Gruppe.
Genau hier könnte auch ein großer Vorteil der Motorunterstützung liegen. Denn er bietet gleich mehrere unschätzbare Vorteile: Zum einen gleicht er Leistungsunterschiede aus. Während die Stärkeren am Berg ihr normales Tempo fahren, kann der Schwächere mit Unterstützung immer noch mithalten. Bislang wenig Beachtung findet bislang der zweite Vorteil: Der Motor hebt das Leistungsniveau. Denn so kann der Stärke sich auspowern ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Er fühlt sich durch den motorisierten Partner vielleicht sogar herausgefordert und zusätzlich motiviert. Und auch der Schwächere kann sich nach Wunsch verausgaben, ohne befürchten zu müssen bei der nächsten Steigung vollends einzubrechen. Der Motor macht es ja möglich. Und last, but not least: Ohne Motorunterstützung oder mit ausgebautem Antrieb und Akku – möglich zum Beispiel bei Fazua – fährt sich das Rad ganz normal.
Für alle, die es eher ruhiger und damit auch gesünder angehen lassen (oder müssen), bietet die Motorunterstützung ebenfalls einen wichtigen Vorteil: Man kann konstant im gesunden »aeroben Bereich« bei ca. 60 bis 75 Prozent der maximalen Herzfrequenz fahren. Den empfehlen Sportmediziner für das Training von Hobbysportlern sowieso und gerade Älteren wird immer wieder geraten, in diesem Bereich zu bleiben.

Performance-Hersteller setzen auf Motorunterstützung

Kein Wunder also, dass immer mehr Hersteller den Motor entdecken. Egal, wohin man schaut: Fast jede Performance-Marke, die Rennräder führt, hat inzwischen auch Bikes im Programm, die sich unter dem Begriff E-Road oder, wie bei Lapierre, in der neuen Kategorie »Hybrid« zusammenfassen lassen. Dabei geht es lange nicht mehr um Studien, Bling-Bling-Bikes für die PR oder Nischen in der Nische, sondern ganz solide um neue Modelle, mit denen man den Markt ausloten und Erfahrungen sammeln will. »Bei den Kundengruppen im Bereich E-Rennrad sind wir gespannt, wohin die Reise genau geht«, erläutert Moritz Failenschmid, Brand Director bei Focus Bikes im Gespräch. »Besonders, wenn wir an konkrete Zielgruppen und die Nutzung in der Praxis denken.« Interessant sei zum Beispiel die Frage, ob die Räder verstärkt beim Fahren mit dem Partner beziehungsweise in der Gruppe genutzt würden. Mehr Klarheit gibt es aktuell bei den Designs: Bei Focus geht man davon aus, dass die neuen E-Rennräder nah am normalen Rennrad gebaut sein müssen. Wobei man hier eher den Travelcharakter mit komfortableren Endurance-Geometrien und breiteren, profilierten Reifen im Auge habe, wie Moritz Failenschmid betont. Generell sieht er bei E-Rennrädern auch kein Imageproblem. »Gedanklich muss sich der Markt aber noch an sie gewöhnen.«

Neue Gattung: Gravel- Alltags-E-Bike

Ein gutes Beispiel für die neue Spreizung der Gattungen, Begriffe und Zielgruppen ist das neue »All-Urban-Bike« Ten Torino von Coboc. Das Label, das schon immer schon auf die unsichtbare Integration von Motor und Akku als Alleinstellungsmerkmal setzte, will eigenen Worten nach den »Spagat zwischen einem sportlichen Gravel-Bike und einem Alltagsrad« schaffen. Angefangen bei der Optik, über den Komfort und die Rahmengeometrie bis zum Hinterradnabenantrieb. Schläge und Unebenheit sollen hier großvolumige, 50 mm breite Reifen (Schwalbe G-One Speed) wegbügeln. Für Alltagstauglichkeit sorgen eine optional erhältliche teilintegrierte Beleuchtung, unauffällige Schutzbleche und ein Gepäckträger. Et voilà: Zumindest äußerlich sollten sich wohl ebenso Fans von Gravel-, Cross- und schnellen Trekkingrädern angesprochen fühlen. »Das Ten Torino ist kein E-Rennrad, eher ein Bike, mit dem man alles machen kann«, erläutert uns Annalena Horsch, neben David Horsch Geschäftsführerin von Coboc. »Ein schnelles Pendlerrad, das auch zur Tour abseits des Asphalts einlädt.«

Neuer Schwung für ältere Generationen?

Im letzten Jahr sind die Verkaufszahlen in der Kategorie Rennmaschine / Flat Handlebar / Cross laut Statistik des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) von ehemals soliden 4 Prozent leicht auf 3,5 Prozent zurückgegangen. Kein Beinbruch, aber angesichts vieler Innovationen und neuer Gattungen auch kein wirklich erfreuliches Ergebnis.
Kritisch erscheint mit Blick auf die demographische Entwicklung zudem der statistische Einbruch bei den Ü60-Rennradlern, den die Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse für das Jahr 2018 ermittelt hat: Demnach sind in der Klasse der 14-19-Jährigen 700.000 häufig oder ab und zu gerne mit dem Rennrad unterwegs. Bei den nachfolgenden Klassen sind es bei den 20-29-Jährigen rund eine Million mit leicht steigender Tendenz, bis hin zu den 40-49-jährigen mit 1,19 Millionen. Bei den 50-29-jährigen lässt das Interesse mit 1,14 Millionen leicht nach, bis es bei den 60-69-Jährigen auf 550.000 einbricht und bei der Generation 70plus weiter auf 360.000 absinkt.
Angesichts dieser Zahlen liegt es auf der Hand, dass die Motorunterstützung nicht nur neue Kundengruppen erschließen, sondern auch einen wesentlichen Beitrag dazu leisten könnte, ältere Rennradler länger in der Gruppe und im Radsport zu halten.

Mike Kluge: Fest von den Vorteilen des Motors überzeugt.

{b}Mike, wie stehst du als Ex-Profi zu Rennrädern mit Motor?{/b}
Ich muss sagen, als die Kollegen vor rund dreieinhalb Jahren zum ersten Mal über E-Rennräder redeten, da habe ich erst mal den Kopf geschüttelt. Das war zu der Zeit für mich zu viel und es machte auch keinen Sinn, weil man ja relativ schnell mit dem Rennrad oberhalb von 25 km/h ist. Was ich bis dahin nur kannte, waren Motorsysteme, mit denen man oberhalb dieser Geschwindigkeit in den gebremsten Bereich hineinfährt.

{b}Wie siehst du die Produkte aktuell?{/b}
Mit dem neuesten Stand der Technik ist das heute ganz anders: Die geringere Unterstützung ist angenehmer, also natürlicher, mit einem besseren Ausfaden. Man merkt kaum, ob der Motor noch unterstützt, oder ob man schon im freien Modus fährt. Das Focus Paralane2 kommt mit 35 mm-Reifen. Somit hast du die Möglichkeit das Ding auch zum Graveln zu benutzen und kannst zum Beispiel im Park, auf der Straße und auf leichten Waldwegen unterwegs sein. Außerdem ist ein Gewicht um die 15 Kilogramm deutlich besser zu handeln, wenn man es irgendwo drüber heben oder in den Keller tragen muss.

{b}Werden die E-Rennräder in der Szene angenommen?{/b}
Meine Erfahrung: Jeder, der sich auf so ein Bike gesetzt hat und es gefahren ist, kommt mit einem positiven Feedback wieder. Es gibt natürlich immer ein paar Puristen, die von vorneherein sagen: Das brauchen wir noch nicht! Ich will da niemanden überzeugen oder überreden. Aber ich möchte ihnen zumindest die Möglichkeit geben eigene Eindrücke zu erfahren. 50 Prozent probieren es aus, 50 Prozent gehen dann einfach. Für mich ist es eine Einstellungssache: Entweder man hat dafür einen offenen Horizont, oder eben nicht.

{b}Nutzt du gerne Bikes mit Motorunterstützung?{/b}
Wenn ich in der Gruppe unterwegs bin, dann fahre ich auch unmotorisiert. Aber wenn ich selber mal kurz fahren möchte, dann ist für mich das E-Bike der pure Motivationsfreund. Das E-Bike hat mich schon einige Male aufs Rad gebracht, wo ich mich sonst mit Händen und Füßen dagegen wehre rauszufahren – also zum Beispiel bei richtig schlechten Witterungsbedingungen. Mit dem E-Bike ziehe ich einfach Regensachen an und fahre mit großer Lust richtige Muddystrecken.

{b}Wie schätzt du die künftige Marktentwicklung ein?{/b}
Das E-Bike verleitet mich einfach dazu aktiv zu sein, raus zu gehen, mich zu bewegen. Und wenn es bei mir so funktioniert, dann funktioniert es bei anderen Menschen sicher genauso. Deshalb ist es für mich auch einfach ein tolles Motivationstool, was sich gut verkaufen lässt und sich in Zukunft auch gut verkaufen wird.

In den 1980er und 1990er Jahren war Mike Kluge mehrfacher Deutscher Meister, Weltmeister im Cyclocross und Gesamtsieger beim Mountainbike Weltcup. Als Berater und Botschafter der Marke Focus ist er viel mit Gruppen unterwegs. Zum Beispiel bei der Focus Men’s Week – einer E-MTB Sport-, Genuss- und Schrauberwoche Ende Juni in den Südtiroler Alpen. //

6. Mai 2019 von Reiner Kolberg

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