
Digitalisierung - Produktdatenstandard
Perfekte Produktdaten für die ganze Branche
Wer als Händler eine eigene Datenbasis aufbauen wollte, um etwa sein verfügbares Produktsortiment auch online zu zeigen, musste bisher unglaublich viel Arbeit investieren. Es gibt viele Beispiele in Betrieben, wo jedes Jahr das gleiche Spiel von vorne beginnt und umfangreiche Datensätze von Hand erstellt und eingepflegt werden. Jeder dieser Betriebe macht dabei im Kern genau das Gleiche. Die Fahrradbranche leistet sich eine gigantische Doppelarbeit, weil ihre Produktdaten in keinem gemeinsamen Format vorliegen.
Eine Branche tippt ab
Dabei ist eine Lösung für das Problem im Kern längst vorhanden, nur eben nicht im Fahrradhandel. »Ein Intersport-Händler hat mit seinen Klamotten und Schuhen kein Datenproblem, weil es dort seit zwanzig Jahren einen durchdefinierten Standard gibt«, sagt Daniel Hülsmeyer, Head of Innovation bei der ZEG IT. »Die Fahrradbranche kreist seit zehn Jahren um das Thema Produktdaten, löst es aber nicht, weil die Standardisierung fehlt, auf die sich alle verpflichten.«
Genau das ändert sich gerade. Seit Juni 2025 bauen die ZEG und die Bidex GmbH gemeinsam einen Datenstandard, der erstmals alle Warengruppen abdecken will, die in einem Fahrradladen verkauft werden. Zum Jahresende 2026 soll er als Version Bidex Basics 1.8 vollständig vorliegen.
Der mögliche Nutzen durch diesen Standard ist bemerkenswert hoch.
Was wirklich fehlte
Wer einwendet, solche Produktdatenstandards gebe es doch längst, wird von Hülsmeyer korrigiert. »Es gab keinen Standard. In der Branche existierte mit Bidex Basics nur ein Standard für Kompletträder. Für Teile, Zubehör und Bekleidung gibt es nichts Vergleichbares.«

Die Produktdaten in der Fahrradbranche sind bisher ein undankbares Fass ohne Boden. Das soll sich schon sehr bald ändern.
Im Fahrradladen fällt das Fehlen eines Standards für alles Übrige zunächst kaum auf. Eine kommagetrennte Merkmalsliste im Warenwirtschaftssystem reicht für den Verkauf über die Theke aus. »Das Problem entsteht immer dann, wenn ein Händler online verkaufen oder informieren will und eine saubere Filterbarkeit sowie gute Produktbilder braucht«, sagt Bidex-Geschäftsführer Lars Röttger. »Deshalb haben alle, die online verkaufen, eigene Teams, die die Daten noch einmal übertragen.« Auch die Industrie zahlt drauf. Manche Hersteller mussten zeitweise über fünfzig unterschiedliche Datenformate bedienen, für große Abnehmer ebenso wie für einzelne Ländermärkte.
Warum die ZEG das Thema an sich zieht
Für die ZEG war die Datenfrage lange ein Dilemma. Rund fünfhundert selbstständige Händler gehören der Genossenschaft an, und jeder von ihnen entscheidet frei über sein Sortiment. Neben den ZEG-Marken stehen dort viele fremde Marken im Laden, die Produktdaten dazu erwarteten die Händler trotzdem von ihrer Zentrale. »Die Optionen waren, dass entweder die ZEG alles bereitstellt oder die Händler es manuell eintragen«, sagt Hülsmeyer. Die zweite Variante verbietet sich von selbst. »Dreihundert Händler tragen dieselben Daten dreihundertmal in das gleiche System ein, jeder für sich allein. Das ist offensichtlich unsinnig.« Also blieb die Aufgabe an der ZEG hängen.
Damit übernahm die Genossenschaft eine Rolle, die sie nicht gut ausfüllen konnte. Sie pflegte Daten für ein Sortiment, das jedes Jahr wächst und zu großen Teilen aus Marken besteht, mit denen sie geschäftlich nichts zu tun hat. Vollständigkeit konnte sie so nie garantieren, und nicht einmal über die Richtigkeit der Daten urteilen. »Der Lieferant schickt uns fehlerhafte Daten, wir räumen auf, der Händler reklamiert, wir fragen wieder beim Lieferanten nach. Wir standen in der Mitte eines Teufelskreises«, so Hülsmeyer. Daraus hat die ZEG zwei Schlüsse gezogen. Die Klärung, ob Daten stimmen, gehört dorthin, wo sie beurteilt werden kann. »Die Kommunikation darüber muss zwischen Lieferant und Händler laufen.« Und die Verteilung der Daten gehört zu einem neutralen Dienstleister, der diese Arbeit ohnehin leistet.
Die neue Arbeitsteilung sieht deshalb so aus: Die ZEG kümmert sich um ZEG-Artikel, Bidex gemeinsam mit den Lieferanten um alles andere und verteilt die Daten an den Handel. Dass die ZEG dabei kräftig mitentwickelt hat, begründet Hülsmeyer unverblümt mit den Vorteilen, die man selbst davon hat. »Je näher der neue Standard an unserem aktuellen Standard liegt, desto weniger müssen wir investieren, um unsere Daten anzupassen.« Es gehe aber nicht darum, der Branche einen ZEG-Stempel aufzudrücken. Im Gegenteil werde sich auch die Genossenschaft deutlich bewegen müssen: Die ZEG will ihren eigenen Datenstandard vollständig auf den Bidex-Basics-Standard überführen, die eigene, vorhandene Basis ist nur der Ausgangspunkt.
Zwanzigtausend Attribute
Grundlage des neuen Standards ist der über Jahre gewachsene Warengruppenschlüssel der ZEG, der um die Anforderungen aus der Zusammenarbeit mit Bidex erweitert wurde. Herausgekommen sind rund zwanzigtausend Produktattribute, die der Branche nun einheitlich definiert zur Verfügung stehen. Die schiere Zahl bildet ab, wie vielfältig das Produkt Fahrrad geworden ist. Antrieb, Laufräder, Cockpit, Motor und Akku, dazu Bekleidung und Zubehör, jede Warengruppe bringt ihre eigenen Merkmale mit, und jedes davon ist jetzt eindeutig beschrieben.

»Die Zeit der digitalen Visitenkarte ist vorbei. Niemand geht mehr in ein Geschäft, ohne vorher zu wissen, was ihn dort erwartet.«
Lars Röttger, Geschäftsführer Bidex
Erfasst wird dabei deutlich mehr, als eine Produktseite im Onlineshop benötigt. Zu jeder Warengruppe ist festgelegt, welche technischen Merkmale und Maße abgefragt werden. Diese Detailtiefe ist kein Selbstzweck. »Angeschlossene Systeme können damit Kompatibilitätsszenarien durchspielen, und in Zukunft geht es darum, per KI automatisiert das richtige Produkt zu finden.«
Gepflegt wird der Standard zentral. Händler legen keine eigenen Attribute an, neue Werte werden bei Bidex gemeldet, auf Plausibilität geprüft und dann eingearbeitet.
Warum sich dieser Standard durchsetzen wird
An Standardisierungsversuchen hat es der Branche nie gemangelt, wohl aber an Durchsetzungskraft. Genau hier liegt der Unterschied dieses Anlaufs, und Röttger sieht deutlich die neue Durchschlagskraft. »Wenn Bidex bei einem großen Marktteilnehmer anruft, heißt es öfter ›mal sehen‹. Steht ein Schwergewicht wie die ZEG dahinter, sieht die Sache ganz anders aus.« Eine kleine GmbH kann bitten, der größte Handelspartner vieler Hersteller hat da deutlich mehr Gravitas. Dazu kommt der Druck aus der Fläche. »Wenn uns Daten einer relevanten Marke fehlen, schreiben Hunderte Händler diese Marke an und fordern die Lieferung an Bidex ein. Diese Situation ist neu.«
Auch die Verbände stehen hinter dem Projekt, wenn auch in unterschiedlicher Tiefe. »Die Bico hat den Standard sehr früh unterstützt, aber nicht operativ. Die ZEG ist darüber hinaus wirklich ins Operative gegangen«, sagt Röttger. Der ZIV wiederum hat gemeinsam mit dem VSF die Non-Profit-Gesellschaft Dibike gegründet, die digitale Standards in Europa betreuen soll. Bidex ist dort Gesellschafter und hat der Dibike ein Mitentwicklungsrecht eingeräumt.
»Wer wie etwa Abus oder Trelock in Schnittstellen investiert, braucht diese Sicherheit«, so Röttger. Der Standard bliebe damit selbst dann erhalten, wenn es die Bidex GmbH eines Tages nicht mehr geben sollte.
Für die Industrie kommt als Argument dazu, dass die neue Produktdatenstruktur nicht nur in Deutschland relevant sein wird. Der Standard ist von Beginn an europäisch angelegt. »Aus dem Bidex-Basics-Standard lässt sich der niederländische Standard generieren, ebenso der Schweizer. Statt einem Lieferanten fünfzig Aufgaben zu geben, bleibt ihm eine einzige, und die gilt europaweit«, sagt Hülsmeyer.
Vierzehn Monate nach dem Start ist die konzeptionelle Arbeit abgeschlossen. Warengruppen, Mapping und die Zuordnung der Attribute stehen. Derzeit ist Bidex dabei, alle Bereiche in die europäisch relevanten Sprachen zu übersetzen.

»Für den Händler heißt das bessere Datenqualität, deutlich frühere Daten und ein größerer Umfang an verfügbarem Sortiment und Marken.«
Daniel Hülsmeyer, Head of Innovation, ZEG IT
Ganz geradlinig verlief der Weg nicht. »Bei zwanzig oder dreißig Prozent des Projekts gab es Phasen, in denen wir uns auf beiden Seiten gefragt haben, worauf wir uns da eingelassen haben«, räumt Röttger ein. Die Komplexität hatte beide Partner überrascht. Davon ist heute keine Rede mehr. Hülsmeyer legt Wert auf die Feststellung, dass die noch übrige Arbeit keine essenziellen Aufgaben mehr beinhaltet. »Die verbleibenden zehn Prozent sind Feinschliff. Echte Showstopper sind nicht mehr dabei.«
Die Vorteile für den Handel
Bleibt die Frage, die sich jeder Händler stellt: Was habe ich davon? Die Antwort beginnt bei der Datenlogistik. »Für den Händler heißt das bessere Datenqualität, deutlich frühere Daten und ein größerer Umfang an verfügbarem Sortiment und Marken«, fasst Hülsmeyer zusammen. Auch Korrekturen kommen zuverlässiger an. »Ein Lieferant meldet Fehler mit viel höherer Wahrscheinlichkeit, wenn er nur Bidex informieren muss statt einhundertfünfzig Adressaten. Das gilt für Attribute genauso wie für Preise.«
Eine Verschiebung findet womöglich auch im Wettbewerb statt. »Die großen Online-Händler sind nicht zuletzt durch die unstrukturierte Datensituation groß geworden«, sagt Hülsmeyer. »Jeder, der möchte, kann sich jetzt diese Schaltgruppe auf die eigene Seite holen, mit Bildern, Video und sauberen Attributen.« Dass man nun online mehr machen könnte, bedeutet noch nicht, dass nun jeder einen Onlineshop eröffnen sollte, macht Röttger klar. »Der Wettbewerbsvorteil der Großen, die Daten mit riesigen Teams selbst aufbereiten konnten, fällt weg. Ob sich der Markt dann für jeden lohnt, wird sich zeigen.«
300.000 Euro Entwicklungskosten sind bisher in die Ausgestaltung des Produktdatenstandards geflossen.
Für den stationären Fachhandel steckt vermutlich mehr Wert darin, dass er nun eine andere Wahrnehmung und Sichtbarkeit erreichen kann. Mit dem Standard wird das gesamte Sortiment ohne großes Zutun des Händlers online sichtbar, bis hinunter zum Kleinstteil. »Der kleinste Adapter für 1,95 Euro steht vollautomatisiert auf der Seite des Händlers. Genau dort muss er stehen, damit der Kunde weiß, ob sich die Fahrt in den Laden lohnt.«
Denn das Kaufverhalten hat sich längst geändert. »Die Zeit der digitalen Visitenkarte ist vorbei. Niemand geht mehr in ein Geschäft, ohne vorher zu wissen, was ihn dort erwartet«, sagt Röttger. Sein Rat an die Händler: »Ich rate jedem Händler, keinen Onlineshop zu bauen, aber online zu zeigen, was er hat. Ein Onlineshop bedeutet Packstraße, Retouren, Zahlungssysteme, Rezensionen und Suchmaschinenmarketing. Wer einfach sein Sortiment beispielsweise über einen Online-Katalog sichtbar macht, fährt als lokaler Händler richtig gut.«
Dazu kommen noch die Anwendungen, an die zu Projektbeginn niemand dachte. Kompatibilitätsprüfungen, Werkstattservices, Antragsportale von Dienstrad-Anbietern, die dem Kunden die Radauswahl erleichtern. »Mit diesem System werden komplett neue Geschäftsmodelle möglich, von Reparaturservices bis zu Auswahlhilfen im Dienstrad-Leasing«, ist Röttger überzeugt.
Was der Zugang kostet
Der Bidex-Basics-Standard selbst, also Warengruppen, Attribute und Markenverzeichnisse, ist für alle kostenlos. Kostenpflichtig ist der Bezug der Produktdaten über einen Tarif. Der Online-Katalog als Widget für die eigene Website kostet 59 Euro monatlich, ohne Nutzung der Daten in Warenwirtschaft, Onlineshop oder per Schnittstelle. Der ZEG-Kombi-Tarif für 149 Euro monatlich enthält alle Produktdaten zur Nutzung in allen Systemen sowie die Verfügbarkeitsanzeige auf Online-Plattformen. Außerhalb der ZEG liegt der vergleichbare Tarif bei rund 298 Euro. »59 Euro? 149 Euro? 298 Euro? Im Monat? Sind die völlig verrückt geworden?«, wird vermutlich jeder Händler-Sparfuchs an dieser Stelle sagen. Dass sich die Preise rechnen, begründet Hülsmeyer, der das Abo gar nicht verkaufen muss, mit einer einfachen Gegenrechnung. »Wer eine eigene Datenbasis aufbauen wollte, musste einhundert bis dreihundert Manntage im Jahr investieren. Jeder, der auch nur einen Artikel im Monat in die Warenwirtschaft eingetragen hat, hat schon mehr Arbeit investiert, als das Abo kostet.« Entsprechend rät er dazu, diese Preise nicht mit dem eigenen Streaming-Abo zu vergleichen. »Wir müssen SaaS-Leistungen in Zukunft mit Arbeitswerten vergleichen. Wie viel Arbeitsleistung spart mir das? Das ist die Rechnung der Zukunft.« Trotzdem: Wer dieses Geld pro Monat für Produktdaten ausgibt, muss sich vorher vergewissern, dass er dieses Commitment für langfristiges Online-Engagement auch durchhalten wird, wie die eigenen Online-Pläne konkret aussehen sollen und was genau er oder sie an Vorteilen durch diese verfügbaren Produktdaten realisieren kann. So mancher Betrieb wird nun ins Grübeln kommen. Arbeitszeiten sparen ist eine Sache, erweiterte Online-Sichtbarkeit, ganz neue Geschäftsmodelle und Marketing-Optionen stoßen das Tor auf in eine Zukunft mit bislang ungeahnten Möglichkeiten. //
Verknüpfte Firmen abonnieren
für unsere Abonnenten sichtbar.