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Foto: Georg Bleicher - Guter Zulauf bei der Fahrrad Essen.
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Messebericht Fahrrad Essen

Schnäppchen ade?

Wer in der 2026er Ausgabe der wohl größten Ruhrgebietsmesse ein Stimmungsbarometer sieht, könnte folgern, (…)

Foto: Georg Bleicher - Alles außer gewöhnlich  - Adi BikeFoto: Georg Bleicher - einer der auffälligsten Messestände der Industrie - HephaFoto: Georg Bleicher - Fahrradhersteller KTM präsentierte sich in Essen Foto: Georg Bleicher  -. Mobilitätslösung E.comfort MobilityFoto: Georg Bleicher - Fahrradhändler PottbikesFoto: Georg Bleicher - EMQ

(…) dass es trotz teilweiser Zurückhaltung der Verbraucher einen langsamen Aufwärtstrend und eine gewisse Hinwendung der Verbraucher vom Wunsch nach Schnäppchen zum hochwertigen, aber günstigen Qualitätsrad oder Qualitätszubehör gibt. Aber: Es bleibt kompliziert!

Zusammen stark

Traditionell ist die Fahrrad Essen an die größere Reise + Camping angegliedert. Zusammen hatten beide Messen im Jahr 2026 laut Schlussbericht 750 Aussteller, die Fahrradmesse liegt bei „gut 200“ – wobei es gefühlt weniger waren. 83.000 Besucher wurden insgesamt gezählt, gut 2000 mehr als 2025. Tatsächlich war schon am Donnerstagmorgen wie am Sonntagvormittag die Messe teils unerwartet voll. Eine Aufschlüsselung der Besucherzahlen ist nicht möglich, Tickets gelten für beide Veranstaltungen und viele Besucher und Besucherinnen „gucken einfach mal“, was die andere Branche zu bieten hat. Die Umfrage der Messe hatte allerdings festgehalten, dass mehr als die Hälfte der Besucher gekauft, etwas gebucht haben oder dies im Nachgang planten. Das kann ein Fahrrad, aber auch ein Helm oder ein Stück Fahrrad-Zubehör wie ein Schloss, Taschen oder Beleuchtung gewesen sein. Auffällig war dieses Jahr der Platz, den die Erlebnis-Parcours hatten: Neben zwei großen Testfeldern für Bike und E-Bike gab es viel Raum für den Kinder-Parcours und einen vom ADAC betriebenen Pumptrack- und Bobbycar-Parcours für die Kleinsten. Dazu kam das „Fette Schnecken Rennen“ der Aktion FahrRad für Schulklassen. Tatsächlich sehr viel Raum für Spiel und Spaß, der den der Aussteller bei weitem übertraf. Dazu kam der Veranstaltungs-Truck des ADAC mit Vorträgen von Radroutenplanung über Navigation bis zu Reise-Storys, aber auch der Präsentation von Marken.

Günstige Preise sind nicht (mehr) alles


Während in Halle 5 vor allem größere Händlerstände mit günstigen E-Bikes und den entsprechenden knalligen Preisschildern die Optik mitbestimmten, fand man im Halle 4 („Trend-Arena“) mehr Vertreter der Industrie mit ihren Markenpräsentationen. Wer sich als Herstellermarke mit klarem Erscheinungsbild in Halle 5 platziert hatte, stellte entsprechend eine kleine Oase der Eigenständigkeit dar. So sah das auch Wolfgang Wappenschmidt auf dem Hepha-Stand, der Sonntagabend sehr zufrieden war mit den Ergebnissen der Messe. „Das passte gut für uns: Das waren vier gute Tage, die Planung für Essen ´27 läuft schon“, erklärt er. „Wir hatten mehr Kontakte als erwartet und unsere relativ neue Marke ist beim Publikum schon bekannter als vermutet.“ Direktverkauf gab es am Stand nicht.

Schick und praktisch aus der Zeche


Aber auch viele Händler machten sich Gedanken um eine stilvolle Positionierung, optisch entfernt vom Schnäppchen. Das Fachgeschäft Pottbikes aus Essen brachten mit einem gut zwei Meter hohem Förderturm-Modell eine eigene Atmo in die Halle. Daniel Bohne erzählte gern von den Zechenhallen, in denen das Fachgeschäft residiert. Gefragt waren diesmal auf der Messe das neue Lemmo-E-Bike, ein leichtes Faltrad in sehr cleanem Design. Weniger gefragt waren die Range an sport-orientierten Rädern mit Preisnachlass. Ein Umdenken bei Messebesuchern? Jedenfalls will man sich bei Pottbike darauf einstellen und die Schnäppchen vermehrt zuhause lassen, wenn man 2027 wiederkommt, „denn Schnäppchen ist vorbei!“

Markenaufbau inklusive

Zuversichtlich ist man auch bei Yuccie Bike. Branchen-Urgestein Matthias Faber, Marketing-Mensch am Stand der Räder aus Hamburg, freut sich: „Hier ist viel mehr los als die letzten Jahre. Die Besucher sind teils gut vorinformiert und kaufen mehr als bislang!“ Derzeit haben tendenziell leichte, minimalistisch auftretende E-Bikes ohne viel Schnickschnack Konjunktur. Außerdem bieten die Yuccies auch ein GPS-Tracking an, das sich bislang nur bei Premium-Bikes durchgesetzt hat. „Natürlich sind wir auch hier, um unsere Marke aufzubauen“, so Faber. „Da können wir hier gut noch etwas zulegen.“

Hersteller als Aussteller: „der Hammer!“


Den Aufbau der Marke haben die Österreicher nicht mehr nötig, auch wenn sie oft fälschlich mit der gleichnamigen Motorrad-Marke in einen Topf mit Angebranntem geworfen werden. „Wir wollten es einfach mal ausprobieren, hier direkt und nicht über Händler vertreten zu sein“, so Harald Renner vom KTM-Marketing. Ist gelungen: „Es kommen sehr viele Besucher, um sich bei uns in Sachen Modelle beraten lassen. Vor allem die Trekking- und die neue Gravellinie sind im Fokus. Am Sonntagnachmittag gibt’s das klare Fazit: „Es war der Hammer, wir sind sehr zufrieden. Hoffentlich kommen in Zukunft noch mehr Aussteller aus der Industrie, das bringt diese Messe auch weiter!“

Das erste Mal


„Das Publikum hier ist sehr erfrischend“, sagt Chris Jan Reitsma ein paar Stellwände weiter. „Sie wollen unser Rad ganz genau erklärt bekommen.“ Das faltbare EMQ E-Bike ist in den Niederlanden kein Unbekannter mehr, dort gibt es das Rad schon seit drei Jahren. In Essen stellt Reitsma, Geschäftsführer des Unternehmens, aber zum ersten Mal aus. Es gibt immerhin schon 27 Händler, die das kleine 16-Zoll-Faltrad mit Vorderrad-Motor, optionalen Tragegriff und drei bis 9 Gängen verkaufen und warten. Alleinstellungsmerkmal des Rads: das Gewicht von unter 13 Kilogramm inklusive 240-Wattstunden-Akku.
Die Messe findet Reitsma von Donnerstag an sehr effizient und entsprechend kann er am Sonntagabend ein gutes Fazit ziehen. „Die erste Messe in Deutschland mit diesem Produkt, und wir konnten es den Verbrauchern gut näherbringen. Und wir haben sehr gut verkauft!“

Mein erstes Fahrrad – und gleich Kunst!


Nahe dem Eingang von Halle 5 steht ein Fahrrad-Unicum, das man nicht erwartet: Das Adi Bike. „Ich wollte das Fahrrad neu denken“, sagt der Designer Adi Schubert. „Ich habe zum ersten Mal ein Fahrrad gebaut.“ Ein Stahlrahmen, der in seiner runden Bauchigkeit ganz anders aussieht als alle anderen Rahmen. Vorn rollt ein 36er Rad, hinten hechelt ein 26er hinterher. Der Rahmen ist doppelzügig in linke und rechte Hälfte aufgeteilt, die beiden Teile sind stellenweise, etwa am Steuerkopf oder Tretlageransatz, miteinander verbunden. Der Ledersattel mit Spiralfedern ist auf einer Blattfeder befestigt. Natürlich kann man das Rad auch mit E-Motor ausstatten. Schön oder mutig? Nach dem Design-Grundsatz „form follows function“ wurde hier eher nicht kreiert, aber für die Messe ist dieses strategisch günstig positionierte Adi Bike eine eindrucksvolle Imagepflege im Sinne von „hier gibt’s auch Besonderes!“

Sicherheit: Kleiner Wink genügt!

Sicherheit ist Trend – vor allem Blinker schießen aktuell geradezu aus dem Boden. Fabian Woeckl vom Hersteller Flasher ist mit den gleichnamigen Flasher-Blinkern zum ersten Mal auf der Messe, manchem aber vielleicht aus der Höhle der Löwen bekannt. Die Idee: an den Oberarmen befestigte LED-Leuchtelemente. Durch die ausgefeilte Sensorik erkennen die Module Gestensteuerung und fangen an zu blinken. Bremslicht wird durch einen Beschleunigungssensor ausgelöst. Noch ein Sicherheitsfeature: Durch Vibration der Module an der einen oder anderen Seite kann das Gerät in Verbindung mit Handy und entsprechender App auch als Navi verwendet werden. Sales Manager Fabian Woeckl kann ein sehr gutes Fazit ziehen: „Das Publikum hier war breitgefächert und sicherheitsbewusst, unser Produkt daher schnell erklärt, und wir konnten überraschend gut verkaufen – was auch daran lag, dass der Flasher auf den Seiten der Messe schon angekündigt worden war.“

Niederländischer Frohsinn?


Zurück zu den Händlern: E.Comfort Mobile aus Isselburg an der holländischen Grenze definiert Rad-Mobilität breit: Vom Auto mit Pedelec-System über Dreiräder für Menschen mit Einschränkungen bis hin zu E-Bikes von Van Moof ist alles im Programm. „Wir sind zum sechsten Mal hier“, sagt Geschäftsführer André van der Hoeven, der auch E-Autos aus Asien selbst importiert. „80 Prozent des Umsatzes generieren wir durch Räder für Menschen mit Behinderung. Es läuft hier immer gut, wir wollen 2027 einen wesentlich größeren Stand haben.“ Und er bringt im Gespräch einen interessanten nationalen Unterschied auf das Tableau: „Wir stellen fest, dass die Deutschen derzeit zurückhaltend sind, während die Holländer sich schon lange von der Krise verabschiedet haben. Die Deutschen haben Zukunftsangst, die bei den Holländern nicht zum Tragen kommt.“ Doch auch er sieht für die Zukunft wieder steigende Umsätze kommen.

Das neue Erfolgs-Rad: Gebraucht!

„Wir sind dieses Jahr zu sportlich ausgerichtet“, sagt Daniel Kortwittenborg auf dem großen Stand von Bob, einem Fachgeschäft mit großem Refurbished-Anteil mit Sitz in Wuppertal. „Vielleicht haben wir die falschen Räder mitgenommen. Die Tiefeinsteiger gehen gut. Aber grundsätzlich sitzt die Geldbörse bei den Besuchern weniger locker als in den letzten Jahren,“ meint auch der Serviceleiter. „Trotzdem verkaufen wir mit als einer der besten hier“, schiebt er schnell hinterher. Neben dem klassischen freien Refurbishing von Leasing-Rückläufer wird bei Bob auch für Händler im Auftrag aufbereitet. Und das Geschäft läuft gut, auch jetzt. Die Perspektiven sind in Ordnung – auch in Sachen Messe, sodass man wohl auch nächstes Jahr wieder hier sein wird.

Die wollen nicht nur gucken

Menschen jenseits der 55 Jahre stellten auf der Messe sicher den größten Anteil, wobei vor allem am Sonntag auch Kinder deutlicher in den Fokus der Wahrnehmung kamen. Oft waren es aber auch ältere Pärchen, die, ausgehend von der Reise + Camping, noch „in die Fahrradabteilung“ guckten. „Wir sind Wohnmobilfans und haben uns da umgesehen, meint der 50-jährige, der gerade mit einem Kaffee in einem der vielen Pausenzonen sitzt. „In dem Bereich gibt’s aber nicht so viel Neues; jetzt schauen wir, ob es interessante Falträder gibt, die unsere großen E-Bikes am Wohnmobil ersetzen. Und ein anderes Paar: „Wir wollen nur über neue E-Bikes informieren und sehen uns um, haben aber keine direkten Kaufabsichten – außer es lockt uns ein ganz tolles Rad“ so die Frau lächelnd.

Glaskugel Fahrradmesse

Die Fahrrad Essen hatte 2026 nicht die besten Voraussetzungen inmitten einer Zeit, in der die Verbraucherzurückhaltung noch spürbar und die allgemeine politische und soziale Atmosphäre eher angespannt ist. Trotzdem, und auch weil die Kombi mit der Reise-Messe für viel Laufpublikum sorgt, bauen die Hersteller und auch einige Händler am Sonntagabend zufrieden ihre Stände ab. Das Interesse von Kunden an neuen Modellen und Neuheiten war hoch. Verkäufe bei namhaften Herstellern, auch ohne Preisnachlass: in Ordnung bis gut. Die meisten Aussteller wollen nächstes Jahr wiederkommen. Vielleicht werden dann etwas weniger Händler hier sein. Doch eher werden sie den Fokus wieder etwas vom Schnäppchen nehmen (können) und die Beratung wieder mehr in den Mittelpunkt stellen. Unter Umständen ist eine gehörige Portion Glaskugel in diesem Stimmungsbarometer, das die Messe abliefert. Die Tendenz „es gibt einen – besonnenen – Weg nach oben“ lässt sich aber wohl ablesen.

4. März 2026 von Georg Bleicher

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