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Schöpferische Erneuerung
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Report - Start-ups

Schöpferische Erneuerung

Die Fahrradbranche ist in Bewegung. Neue Trends wie Elektrifizierung, Vernetzung und Digitalisierung bringen neue Unternehmen hervor. Einige Start-ups der letzten Jahre haben sich bereits erfolgreich etabliert, andere sind gescheitert. Dabei können ganz unterschiedliche Wege zum Durchbruch führen – oder in den Untergang.

Der Ökonom Joseph Schumpeter prägte den Begriff der schöpferischen Zerstörung. Damit ist gemeint, dass durch eine Neukombination von Produktionsfaktoren, die sich erfolgreich durchsetzt, alte Strukturen verdrängt und schließlich zerstört werden. Für die wirtschaftliche Entwicklung sei dieser Prozess sogar notwendig. Die Digitalisierung in allen Wirtschaftszweigen und die Elektrifizierung in der Mobilität bringen durchaus Merkmale einer Neukombination von Produktionsfaktoren mit. Die alten Strukturen in der Fahrradbranche bestehen zwar weitgehend noch, werden aber durch diese neuen Entwicklungen und junge Unternehmen bereits verändert.

Deutsche Start-up-Szene hat Nachholbedarf

Die Voraussetzungen für Start-ups in Deutschland könnten besser sein. Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Studie, in der die Deutsche Börse gemeinsam mit der Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young die Start-up-Szenen in Deutschland, Israel, Großbritannien und Kalifornien vergleicht. Zwar habe das »Start-up-Ökosystem« in Deutschland in einzelnen Bereichen große Fortschritte erzielt, im globalen Vergleich liege es aber noch zurück. »In Großbritannien sind über 600 Acceleratoren und Inkubatoren aktiv, in Kalifornien werden 65 Start-ups mit über 1 Mrd. USD – sogenannte Einhörner – bewertet und in Israel gibt es sogar eine eigene staatliche Innovationsbehörde«, zählt die Studie einige Vorzüge der Vergleichsländer auf. Bei »Acceleratoren und Inkubatoren« handelt es sich um Einrichtungen, die Unternehmer in der Phase der Existenzgründung auf verschiedene Art und Weise unterstützen. Bekanntester Inkubator in Deutschland dürfte Rocket Internet von den Samwer-Brüdern sein. In der Fahrradbranche ist dieses Unternehmen bisher allenfalls indirekt vertreten: Zu den Beteiligungen von Rocket Internet gehört Delivery Hero mit dem Lieferdienst Foodora, der vornehmlich auf Fahrradkuriere für die Essensauslieferung setzt.
Die Voraussetzungen für Start-ups in der Fahrradbranche könnten schlechter sein. Die genannten Trends wie Elektrifizierung und Digitalisierung bieten auch jungen Unternehmen Einstiegsmöglichkeiten in die 200 Jahre alte Branche. Bekannte Beispiele sind die Technologieunternehmen Cobi und Bloks, die dem Start-up-Status inzwischen eigentlich schon entwachsen sind. Da die Softwareentwicklung in beiden Fällen eine große Rolle spielt, war entsprechendes Startkapital notwendig. Geldgeber zu finden und zu überzeugen, ist in Deutschland allerdings gar nicht so einfach, lässt jedenfalls die Studie von Börse und Ernst & Young vermuten. »Wenn Start-ups aus Deutschland abwandern, dann liegt das oft daran, dass sie an anderen Standorten bessere Finanzierungsmöglichkeiten vorfinden«, erklärt Eric Leupold, Leiter Pre-IPO & Capital Markets bei der Deutschen Börse.
Cobi und Bloks sind in Deutschland geblieben und haben ihre Firmensitze weiterhin an ihren Gründungsstandorten Frankfurt und München. Beiden gelang es also, Investoren zu gewinnen, die im Fall von Bloks lieber anonym im Hintergrund bleiben. Cobi absolvierte eine erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform Kickstarter, die 400.000 EUR einbrachte. Zudem haben etablierte Venture-Capital-Geber wie Creathor, Capnamic oder Munich Venture Partners in das Frankfurter Unternehmen insgesamt rund 12 Mio. EUR investiert.

Bootcamps und Seed-­Finanzierung

Dem Thema Connectivity am Fahrrad hat sich das 2014 gegründete deutsch-estnische Unternehmen Comodule verschrieben. In der Anfangsphase wurde das Unternehmen vom Berliner Accelerator Startupbootcamp unterstützt und erhielt anschließend eine sogenannte Seed-Finanzierung in Höhe von 500.000 EUR durch den High-Tech-Gründerfonds (HTGF). Bei diesem speziellen Fonds handelt es sich um eine sogenannte Public-Private-Partnership, die durch das Bundeswirtschaftsministerium, die KfW Bankgengruppe und derzeit 26 Wirtschaftsunternehmen, darunter Bosch, finanziert wird.
Inzwischen setzt Comodule verstärkt auf Kooperationen innerhalb der Fahrradindustrie. Zu den Partnern gehören etablierte Konzerne wie Brose und BMZ sowie seit kurzem auch ein weiteres Jungunternehmen mit dem Münchner Antriebshersteller Fazua. Dessen Wurzeln liegen in der Hochschule München. Unterstützt wurde das Unternehmen zunächst von der SCE-Gründungsförderung des Strascheg Center for Entrepreneurship und das Exist-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Beim Münchener Businessplan Wettbewerb 2013 erreichte Fazua den mit 10.000 EUR dotierten zweiten Platz. Anfang 2014 folgte die Seed-Finanzierungsrunde beim HTGF, an der sich auch Bayern Kapital, die Venture-Capital-Gesellschaft des Freistaats Bayern, beteiligte. Gemeinsam mit Privatinvestoren investierten HTGF und Bayern Kapital 2015 erneut in Fazua, und zwar insgesamt einen siebenstelligen Euro-Betrag. Auch bei der bisher letzten Finanzierungsrunde Anfang dieses Jahres über 3 Mio. EUR waren die beiden Altgesellschafter mit im Boot.

Scheitern inbegriffen

Diese Beispiele zeigen, dass es trotz vergleichsweise schwieriger Finanzierungsbedingungen in Deutschland für Start-ups aus dem Fahrrad- und E-Bike-Bereich durchaus möglich ist, Investoren zu gewinnen – seien es Privatleute aus der »Crowd« oder professionelle Investoren. Ein langfristiger Erfolg für Unternehmen und Geldgeber ist dadurch natürlich noch nicht garantiert. Das zeigt die Pleite des deutsch-österreichischen E-Bike-Start-ups Freygeist Anfang dieses Jahres. Die Investoren der Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform Companisto dürften wohl vergeblich darauf hoffen, auch nur einen Teil der insgesamt rund 1,5 Mio. EUR wiederzusehen, die sie 2015 in das Unternehmen gesteckt hatten. Damit wäre es vermutlich der bislang größte Ausfall in der jungen Geschichte des Crowdfundings in Deutschland. Das Start-up Drive & Innovation GmbH & Co. KG, Anbieter des E-Bike-Nachrüstantriebs Relo, musste kürzlich ebenfalls Insolvenz anmelden. Externe Investoren waren in diesem Fall wohl nicht betroffen, werden aber nun gesucht, um den Fortbestand des Unternehmens zu sichern.
Das Risiko des Scheiterns ist bei jungen Unternehmen in allen Branchen gegeben. Selbst professionelle Investoren wie Venture-Capital-Geber kalkulieren mit ein, dass ein Teil ihres eingesetztes Kapital verloren gehen wird. Wer privat in eine Crowdfunding-Kampagne investiert, sollte das Ausfallrisiko ebenfalls berücksichtigen. Der Markt in Deutschland wächst dennoch weiterhin, laut der Plattform crowdfunding.de im ersten Halbjahr 2017 um 270 Prozent auf ein Volumen von 73,5 Mio. EUR. Ein Großteil davon fließt allerdings in Immobilienprojekte. Auf der anderen Seite sind ausländische Plattformen wie Kickstarter, die deutschen Start-ups natürlich ebenso offenstehen, bei diesen Zahlen gar nicht berücksichtigt.
Crowdfunding ist auch nach wie vor eine beliebte Methode für junge Unternehmen der Fahrradbranche, um Kapital einzusammeln. Das beschränkt sich keineswegs auf Software- und Digitalisierungsspezialisten. Das Unternehmen Texlock lässt sich beispielsweise absolut nicht in diese Kategorien einordnen, wobei der Ansatz eines auf textilen Materialien basierenden Fahrradschlosses durchaus innovativ ist. Die Crowdfunding-Kampagne brachte dem jungen Unternehmen Anfang des Jahres rund 280.000 EUR an frischem Kapital ein, womit das ursprüngliche Ziel von 50.000 EUR deutlich übertroffen wurde.

Nächste Herausforderung Markteintritt

Wenn die erste Finanzierung steht, gilt es für junge Unternehmen, sich den Markt zu erobern – eine mindestens ebenso herausfordernde Aufgabe. Dabei kann ein Messeauftritt eine wichtige Funktion einnehmen. Auf der Eurobike oder einer anderen Fachmesse können Start-ups ihre Produkte oder ihre Dienstleistung häufig erstmals einem breiten Fachpublikum präsentieren. Der persönliche Austausch mit Branchenexperten und die direkte Rückkopplung vom Markt bieten den Newcomern auf der Fachmesse jedoch nochmals eine andere Qualität als die Rückmeldungen der »Crowd« bei einer entsprechenden Kampagne.
Bei Texlock fand die Messepremiere sogar vor dem Crowdfunding statt. »Wir haben auf der Eurobike 2016 einen Prototyp unseres Schlosses an einem Gemeinschaftsstand präsentiert«, berichtet Alexandra Baum, Gründerin und Geschäftsführerin der Texlock GmbH. »Wir konnten in die Messe und die Branche hineinschnuppern. Das hat uns erste Aufmerksamkeit verschafft«, fügt Baum hinzu. »In der Folge haben wir uns so positiv weiterentwickelt, dass wir auf der diesjährigen Eurobike mit einem eigenen Stand vertreten sein werden.«
Auch bei Bloks erinnert man sich gerne an den ersten Messeauftritt: »Die Eurobike war für uns die ideale Plattform, um in der Fahrradbranche an Fahrt aufzunehmen«, sagt Gründer und Geschäftsführer Daniel Meermann. »So konnten wir bereits in unserem ersten Jahr mit vielen Fahrradherstellern ins Gespräch kommen und unsere Produkte und Lösungen erfolgreich präsentieren.«
Die Messe Friedrichshafen heißt Start-ups natürlich gerne willkommen. Bei den Eurobike Awards wurde für dieses Jahr sogar erstmals eine Kategorie für Start-ups eingeführt. »Es freut uns sehr, dass es so viele junge Player auf die Eurobike zieht«, sagt Bereichsleiter Stefan Reisinger. »Viele marktprägende Trends und Marken der letzten Jahrzehnte sind mit der Eurobike groß geworden.«
Auch wenn so manche etablierte Unternehmen der Fahrradbranche in den letzten Jahren von der Eurobike oder gleich ganz vom Markt verschwunden sind, handelt es sich bei der aktuellen Entwicklung noch um keine schöpferische Zerstörung im Sinne Schumpeters, wohl aber um eine schöpferische Erneuerung.

21. August 2017 von Oliver Bönig
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