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Olivier Cantet, CEO von Moustache.
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Moustache Interview

"Sei darauf vorbereitet, nicht vorbereitet zu sein"

Moustache hat als Fahrradmarke einige Besonderheiten vorzuweisen: Das Unternehmen ist noch jung (2012 gegründet) und hat sich als eines von wenigen im Markt durchsetzen und etablieren können. Das gelang nur wenigen anderen Newcomern. Dazu kommen noch die französische Perspektive, ein eigenständiger Designansatz und die jüngst schwierige Branchensituation. CEO Olivier Cantet, seit 2022 im Amt, erklärt, wie sich das Management auf all diese Merkmale eingestellt hat, mehr noch: welche Ansätze man im Management braucht, um auch unruhige Fahrwasser durchfahren zu können. Steffen Krill, Market Manager für Deutschland und Österreich bei Moustache, gibt zusätzlich einen Einblick, wie es für die Marke hierzulande läuft.

Die Produktion in den Vogesen bei Moustache.Die Produktion in den Vogesen bei Moustache.Die Produktion in den Vogesen bei Moustache.Steffen Krill, Market Manager Deutschland und Österreich für Moustache.Olivier Cantet, CEO von Moustache.

Als Sie 2022 das Ruder bei Moustache übernahmen, war das auch der Beginn für einen Stabwechsel: Die Gründer Emmanuel Antonot und Greg Sand zogen sich mehr und mehr aus dem operativen Geschäft zurück. Was war davon so geplant, was ergab sich im Prozess?

Olivier Cantet: Der Übergang war von Anfang an geplant und wurde über mehrere Jahre sorgfältig vorbereitet. Emmanuel Antonot und Greg Sand wollten sich bewusst aus dem operativen Geschäft zurückziehen, um sich stärker auf die strategische Ausrichtung zu konzentrieren. Wir haben gemeinsam einen klaren Fahrplan entwickelt, der Kontinuität sicherstellt und gleichzeitig Raum für neue Energie und Ideen schafft. Die Organisation hat sich durch eine Kombination aus internen Veränderungen und neuen Erfahrungen aus externen Rekrutierungen weiterentwickelt. Die Verantwortlichkeiten wurden schrittweise übertragen, wie vor vier Jahren definiert.

Warum wollten die Gründer aus dem operativen Geschäft aussteigen? Was war ihre Motivation? Welche Rolle spielten dabei die Investoren?

Olivier Cantet: Als Emmanuel Antonot und Greg Sand mir 2021 anboten, als CEO zu Moustache zu kommen, befanden sie sich in einer erfolgreichen, intensiven, aber auch herausfordernden Phase des Übergangs von einem Start-up zu einem Scale-up-Unternehmen mit über 150 Mitarbeitern, die in ganz Europa tätig sind. Sie wollten sich aus der täglichen operativen Führung zurückziehen, um mehr Zeit für sich selbst zu haben und sich auf die strategische Ausrichtung, die Vision und Innovationen zu konzentrieren.
Zwei Jahre zuvor, im Jahr 2019, hatten Greg und Manu beschlossen, Moustache mit der Unterstützung des führenden europäischen Private-Equity-Fonds LBO France zu stärken. Dieser Mehrheitsaktionär unterstützte den Vorschlag von Greg und Manu, die Führung an eine neue Generation von Managern zu übertragen und das Unternehmen neu zu strukturieren. Dies wurde Schritt für Schritt über einen längeren Zeitraum von vier Saisons und über verschiedene Kollektionen bis heute hinweg umgesetzt.

Die Gründer sind immer noch Mitgesellschafter bei Moustache. Wie bringen sie sich heute im Unternehmen ein?

Olivier Cantet: Greg und Emmanuel sind weiterhin als Anteilseigner und Mitglieder unseres Beirats aktiv. Operativ sind sie nicht mehr eingebunden, aber ihre Erfahrung und ihr Blick für die Marke sind nach wie vor ein wichtiger Teil unseres Erfolgs.

Anfang 2022 war die Krise noch nicht im Markt angekommen. Wie haben sie die Entwicklung seitdem wahrgenommen? Würden Sie Dinge gerne anders gemacht haben, als sie nun gelaufen sind?

Olivier Cantet: Die vergangenen Jahre waren für die gesamte Branche herausfordernd. Anfang 2022 war die Dynamik noch positiv, doch die Marktveränderungen kamen schneller und intensiver als erwartet. Wir haben früh reagiert, indem wir unsere Strukturen gestärkt und die Kollektion erneuert haben. Ich habe sicher viele Fehler gemacht, war manchmal zu langsam, manchmal auch zu schnell. Ich dachte, wir würden in 24 Monaten aus dem Loch herauskommen. Schlechte Prognose!

Wie ist ihr eigener Management-Ansatz im Detail? Bereitet man sich schon auf Krisen vor, wenn sie noch gar nicht da sind? Geht es um resiliente Strukturen? Oder geht es um schnelle Reaktion, wenn sich das Marktumfeld dreht?

Olivier Cantet: Ich bin seit mehr als 25 Jahren Unternehmer in der Sport- und Fahrradbranche. Ich habe erlebt, wie Märkte durch die Decke gingen – genauso wie massive Abschwünge. Alle Marken, die ich geführt habe, sind durch diese Höhen und Tiefen gegangen, indem sie ihrem ursprünglichen Zweck und ihren Werten treu geblieben sind, ohne mitten in der Schlacht die Richtung zu ändern. Das bedeutet, glasklare Entscheidungen zu treffen, um das Kernziel, unseren Daseinsgrund, zu schützen, eine enge Verbindung zu unseren Händlern zu halten, um zuzuhören, zu verstehen, zu testen und zu verbessern, sowie mit den Mitarbeitenden zusammenzustehen, um ausgerichtet, fokussiert und stolz auf unsere Unternehmensmission zu bleiben.
Moustache Bikes hat seinen Start-up-Spirit bewahrt, ist nah an den Händlern und handelt mit schnellen Reaktionen. In solch unvorhersehbaren Zeiten sind schnelle, aber zugleich rigorose Prozesse entscheidend. Sie waren, sind und werden weiterhin gestärkt werden.

Was ist ihre größte Lehre aus den vergangenen Jahren?

Olivier Cantet: In Zeiten wie diesen gilt: Sei darauf vorbereitet, nicht vorbereitet zu sein auf das, was tatsächlich passiert! Ich bin stolz darauf, dass unsere 160 Mitarbeitenden in den vergangenen Jahren die entscheidende Rolle gespielt haben. Der ausgeprägte Teamgeist hat uns geholfen, Herausforderungen und Druck erfolgreich zu bewältigen. Gleichzeitig hat der Pioniergeist alle inspiriert, täglich Initiative zu ergreifen und auf allen Ebenen spürbare Veränderungen anzustoßen.

**Deutschland ist das einzige Land, für das Moustache eigene Strukturen außerhalb des Heimmarktes aufgebaut hat. Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Olivier Cantet: Deutschland ist für uns ein Schlüsselmarkt, und wir wollen hier mehr als nur präsent sein – wir wollen nah an unseren Partnern und Kunden sein. Deshalb haben wir 2023 eine deutsche GmbH gegründet und ein erfahrenes deutschsprachiges Team aufgebaut, das sich um die spezifischen Anforderungen des Marktes kümmert. Angeführt wird dieses Team von unserem Market Manager Steffen Krill, der gemeinsam mit seinem Team die Expansion vorantreibt. Eigene Strukturen geben uns die Möglichkeit, den Markt besser zu verstehen, schneller zu reagieren und echten Mehrwert zu bieten: vom maßgeschneiderten Produktportfolio über Schulungen und Marketingunterstützung bis hin zu exzellentem Service. Unser Ziel ist es, Moustache in Deutschland als erste Wahl für Premium-E-Bikes zu etablieren.

Steffen Krill: Dem kann ich nur zustimmen – wir haben uns in den ersten 2 Jahren mit der neuen Struktur gefunden und etablieren können. Jetzt gilt es mit der gewonnenen Basis und dem Blick nach vorne zu richten und unsere Präsenz mit unseren bestehenden Händlern, aber auch mit einem erweiterten Netzwerk zu verstärken.

Wie kommt eine französische Marke grundsätzlich im deutschen Markt an?

Steffen Krill: Grundsätzlich stoßen wir in Deutschland auf viel Offenheit gegenüber einer französischen Marke – vor allem, wenn Qualität, Design und Service stimmen. Deutsche Kunden schätzen unsere klare Identität und die Verbindung von französischem Design mit deutscher Ingenieurskunst, etwa durch unsere langjährige, sehr enge Partnerschaft mit Bosch. Natürlich braucht es Vertrauen und Nähe zum Markt, deshalb setzen wir auf lokale Strukturen und ein deutschsprachiges Team, um Erwartungen nicht nur zu erfüllen, sondern zu übertreffen. Wir haben durch unsere Partnerschaft mit der BIKE&CO sowie der Mitgliedschaft im VSF Verbindungen zu einem qualitativ hochwertigen Netzwerk an Fachhändlern, der Fachhandel liegt eindeutig in unserem Fokus. Qualitativ hochwertige Produkte brauchen einen qualitativ hochwertigen Support.

Dass unser Ansatz funktioniert, zeigen zahlreiche Auszeichnungen – sowohl international als auch in Deutschland, darunter der Eurobike Award, der German Design Award und regelmäßig sehr gute Produkttests in der Fachpresse.

Aktuell merken auch wir die angespannte Marktsituation beim Handel und die Kaufzurückhaltung bei den Verbrauchern, auch manchmal das Zögern eine neue Marke mit Moustache mit ins Portfolio aufzunehmen. Um erfolgreich zu sein, reicht es nicht mehr, nur ein gutes Produkt zu haben. Darum werden wir verstärkt Erlebnisse im Handel und für Verbraucher schaffen.

Wie sehen Sie die allgemeinen Aussichten für den deutschen Markt? Wo unterscheidet er sich vom restlichen Europa?

Steffen Krill: Die Aussichten für den deutschen Markt bleiben positiv, auch wenn die Dynamik sich verändert hat. Deutschland ist einer der reifsten und anspruchsvollsten E-Bike-Märkte Europas –Kunden erwarten höchste Qualität, zuverlässigen Service und starke Markenidentität. Wir stehen hier permanent im Wettbewerb mit vielen Marken, der Wettbewerb sowie die Markenvielfalt ist sehr hoch. Das unterscheidet ihn von vielen anderen europäischen Märkten, wo Preis oft stärker im Vordergrund steht. Es besteht auch der Wunsch auf langfristige und stabile Partnerschaften – gleich wie es auch unser Wunsch ist stabil & langfristig mit Partnerbetrieben zu arbeiten, die in unsere Marke vertrauen.

In Frankreich im speziellen hat Moustache eine komplette andere Stellung, hier haben wir unsere Händlernetz bereits sehr gut ausgebaut und Moustache ist eine absolute A-Marke. Wir sehen weiterhin großes Potenzial, vor allem im Premiumsegment und bei innovativen Lösungen für Alltag und Freizeit ohne dabei den Preis komplett aus dem Blick zu lassen.
Mit unserer klaren Positionierung und Nähe zum Markt sind wir überzeugt, dass wir hier weiter wachsen können.

19. Dezember 2025 von Daniel Hrkac

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