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Kolumne - Gegenwind

Tausend kleine Stiche

Es beginnt oft harmlos. Ein Satz zwischen Kaffeemaschine und Kalenderabgleich: Man hätte ja gern eine Frau auf dem Panel. Man findet nur leider keine. Ein kleiner Stich. Kaum spürbar.
Dann folgen...

... die anderen. Bemerkungen mit Beigeschmack, verpackt als Charme. Kommentare über Aussehen statt über Inhalte. Freundliches Unterbrechen im Meeting. Nicht aggressiv, nur ein bisschen schneller. Der Gedanke war fast fertig. Fast. Und irgendwann die Beförderung, die wieder an jemand anderen geht. Fachlich top, menschlich super, aber offenbar nicht ganz richtig verortet.
Das sind keine Ausrutscher. Es ist unbewusste Voreingenommenheit in Aktion. Unconscious Bias wirkt leise, beiläufig, oft gut gemeint. Und genau deshalb so zuverlässig.
Ein einzelner Mückenstich tut nicht weh. Man kratzt kurz, macht weiter. Aber nach Hunderten, nach Jahren wird aus dem Jucken Wut oder Rückzug. Nicht, weil Frauen weniger wollen oder weniger können, sondern
weil ständiges Abwehren Energie frisst.

Jede zehnte Frau will in Zeiten von Fachkräftemangel die Bike-Branche verlassen. Nicht wegen eines großen Skandals. Sondern wegen der Summe kleiner Vorkommnisse, die einzeln nie zählen, aber gemeinsam wirken.
Beim Women in Cycling Summit stehen 140 Frauen im Raum. 35 Expertinnen auf der Bühne. Werkstatt, Handel, Hersteller, Führung, Öffentlicher Dienst. Sichtbar, kompetent, präsent. Und wirtschaftlich relevant. Fast jede zweite Kundin im Fahrradmarkt ist weiblich. Wer diese Perspektive ausblendet, verzichtet nicht auf ein Nice-to-have, sondern auf Umsatz. Die Frauen sind da. Wer sie nicht sieht, schaut weg.
Was bremst, sind nicht Motivation oder Kompetenz, sondern fehlende Vorbilder, Strukturen und systemische Ungerechtigkeiten, die weit über die Fahrradbranche hinausreichen. Es hat System.
Was es braucht, ist ein gemeinsames Umdenken.
Veränderung entsteht nicht durch wohlmeinende Gesten, sondern durch konsequentes Handeln.

An die Frauen: Raus aus der Rolle der Einzelnen. Vernetzt euch. Traut euch. Nehmt Raum ein und haltet ihn füreinander offen. Er wird nicht von selbst frei.
An die Männer: Hört zu. Sorgt dafür, dass ihr auf Panels nicht unter euch bleibt. Raum schaffen ist kein Bedeutungsverlust, sondern Führungsstärke.
Denn wer heute noch im rein männlichen Besprechungsraum sitzt, hat kein Auswahlproblem, sondern ein Veränderungsproblem.
Der Gegenwind weht. Wer klug ist, nutzt ihn als Aufwind.

Karla Sommer verfügt über langjährige Branchenerfahrung. Sie betreibt mit Velokin ihre eigene Handelsagentur. Die Gastautorin für diese Ausgabe ist Dominique Lellek, sie ist CMO beim Fahrradversicherer Alteos.

Heute um 08:00 von Karla Sommer und Dominique Lellek
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