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In der taiwanischen Metropole Taipeh feierte der Radverkehrskongress des ECF seine Asien-Premiere.
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Report - Velo-city Global 2016

Velo-city mit gelungener Asien-Premiere

Das erste Gastspiel der Velo-city Global-Konferenz in Asien ging unmittelbar vor der Taipei Cycle Show in der Hauptstadt Taiwans über die Bühne. Von der Anzahl der Teilnehmenden über die Qualität der Referate bis zur sonntäglichen Ausfahrt für alle war diese Konferenz ein voller Erfolg.

Vom 500-Meter-Wolkenkratzer Taipei 101 über die städtische Metro mit mittlerweile 117 Stationen bis zum Hochgeschwindigkeits-Zug, der die Hauptstadt im Norden mit Kaohsiung im Süden verbindet, richtet Taiwan gerne mit der großen Kelle an. Das zeigte sich auch beim ersten Gastspiel der Velo-city Global-Konferenz in Asien, die vom 27. Februar bis zum 1. März in Taipeh über die Bühne ging. Als Veranstaltungsort diente das zentral gelegene International Convention Center. Bestens per Metro erschlossen, bot dieses ideale Räumlichkeiten für eine Konferenz mit über 1000 Teilnehmern. Diese stammten aus 43 Ländern, und dazu kamen nochmals 162 Sprecher und Experten. Bedingt durch die lange Anreise befanden sich die Präsentationen durchgängig auf einem hohen Niveau. Dies und der strikte Zeitplan führten zu einem hoch effizienten Ablauf der Konferenz.

Industrie und Stadtverwaltung mit an Bord

Bei der Organisation der vierten Velo-city Global-Konferenz konnte sich die europäische Radfahrer-Vereinigung ECF auf tatkräftige Hilfe durch die Verwaltung der Metropole Taipeh sowie einiger Schwergewichte von Taiwans Fahrradindustrie verlassen. Das zeigte sich bei der offiziellen Eröffnungszeremonie im riesigen Plenarsaal: Nach einer Kungfu-Show begrüßten neben ECF-Präsident Manfred Neun auch Giant-Gründer und Vorstandschef King Liu sowie Taipehs stellvertretender Bürgermeister Charles Lin und Anne Chung als Bevollmächtigte des Transport-Departments der Stadt Taipeh die internationale Schar der Konferenz-Teilnehmer. Taipehs populärer Bürgermeister Ko Wen-je besuchte die Konferenz erst am dritten Tag, da er während der ersten beiden Tage der Veranstaltung selbst im Fahrradsattel saß – und dabei in 28 Stunden eine symbolträchtige Strecke von 520 Kilometern abspulte.
Dass die Velo-city Global-Konferenz nach Stopps in Kopenhagen, Vancouver und Adelaide 2016 in Taipeh Halt machte, war kein Zufall. Einerseits hatte sich die Stadtregierung Taipehs zusammen mit der Lohas-Vereinigung Taiwans (Lohas = Lifestyle of Health and Sustainability) und der im Lande stark verwurzelten Fahrradindustrie intensiv darum bemüht, den Zuschlag für die Veranstaltung der globalen Konferenz zu erhalten. Aus Sicht der Europäischen Radfahrer-Vereinigung ECF drängte sich Asien als Veranstaltungsort nach den ersten drei Veranstaltungen in Europa, Nordamerika und Australien auf. Denn die Metropolen dieses Erdteils stellen Verkehrsplaner vor nochmals ganz andere Probleme und Herausforderungen als etwa in Europa. Und angesichts rasch wachsender Städte und entsprechend anschwellender Pendlerströme sind kreative Lösungen gefragt, um die Pendlerströme in Bewegung zu halten.

Aufrufe zu mehr Engagement fürs Fahrrad

Mit vierzehn Teilnahmen an Velo-city Konferenzen verfügt ECF-Vizepräsident Piotr Kuropatwinski über eine Menge Erfahrung – und war in Bezug auf die Austragung in Taipeh voll des Lobes: »Die Präsenz von Teilnehmenden aus Asien war schon in Vancouver beachtlich und dann nochmals stärker in Adelaide. Es ist großartig, das global gestiegene Interesse an der Konferenz zu sehen: Das Thema Fahrrad und dessen Förderung ist weltweit gefragt, und Taipeh ist zumindest in Asien eine der Metropolen, die sich am aktivsten für den Radverkehr einsetzt.« Als Entwicklungs-Direktor des ECF fügte Kevin Mayne an: »Die ganze Konferenz war von taiwanischer Gastfreundschaft geprägt, und zudem war alles bestens organisiert. Ein großes Plus war zudem, dass die wirklich großen Namen der Branche als Referenten vor Ort waren – und interessante Denkanstöße geliefert haben.« Für Aufsehen sorgte besonders Trek-CEO John Burke, der andere Kapitäne der Fahrradindustrie in einem leidenschaftlich vorgetragenen Referat dazu aufforderte, sich stärker für die Förderung des Fahrrads als Verkehrsmittel einzusetzen.
Neben John Burke und King Liu fanden sich zahlreiche weitere Entscheidungsträger der Fahrradindustrie zum Leadership Panel ein, etwa Giant-CEO Tony Lo, der Leiter von Bosch E-Bike Systems Claus Fleischer, PON-CEO Armin Landgraf oder Tern-Gründer Josh Hon. Von Seiten der Politik war zum Beispiel Wiens Vize-Bürgermeisterin Maria Vassilakou vor Ort, und neben den Lobbyisten vom ECF war auch der Präsident des dänischen Fahrrad-Bunds Klaus Bondam zugegen. Dazu kamen Verkehrplanungs-Experten aus Dänemark, den Niederlanden und Deutschland. Sie zeigten dem internationalen Publikum, dass eine fahrradfreundliche Stadt nicht von selbst entsteht, sondern das Resultat bewusster Entscheidungen und mittel- bis langfristig angelegter Maßnahmen ist. Bei den Diskussionen wurde schnell klar, dass Großstädte auf jedem Kontinent eigene Besonderheiten aufweisen und daher auf maßgeschneiderte Lösungen angewiesen sind.

Infrastrukur und Bike-Sharing als Schwerpunkte

Bezüglich der Vorträge der Experten aus aller Welt dominierten zwei Themen: Einmal Fragen der Infrastruktur im weitesten Sinne, von Abstellanlagen über die Planung und bauliche Umsetzung sicherer Fahrrad-Routen bis zu diversen konkreten Beispielen aus der ganzen Welt und deren vorläufige Resultate. Mit den im Laufe des vergangenen Jahres eingerichteten Radstreifen entlang der breitesten Hauptverkehrsachsen konnte Taipeh als Veranstaltungsort selbst Beispiele liefern, von deren Funktionsweise sich die Teilnehmenden vor Ort einen Eindruck verschaffen konnten. Das galt so auch für das zweite Thema, das in vielen Präsentationen in den Vordergrund rückte. Denn mit YouBike hat Taipeh seit einigen Jahren ein eigenes Bike-Sharing-System am Start, das inzwischen in fünf weitere Städte Taiwans expandiert hat.
Seit in der Stadt Kopenhagen 1996 erstmals Leihräder mit Kronen-Münzen ausgelöst werden konnten, haben sich Bike-Sharing-Programme über fast den ganzen Globus verbreitet. Neben bekannten Beispielen wie dem Vélib-Programm in Paris und den »Boris Bikes« in London zählt das größte Bike-Sharing-System der Welt im chinesischen Hangzhou 84100 Fahrräder, die auf 3336 Stationen verteilt sind. Besonders rasch ist die Anzahl solcher Systeme in den vergangenen Jahren in Asien gewachsen, und Südamerika und Afrika weisen noch ein enormes Entwicklungspotential auf. Entsprechend groß sind die Erwartungen kommerzieller Anbieter in diesem Bereich. Neben YouBike stellten mit Bewegen und PBSC auch zwei frankokanadische Akteure ihre automatisierten Leihrad-Systeme vor. Aus deutscher Sicht markierte Nextbike in Taipeh Präsenz. Diese Firma hat bereits Leihrad-Systeme in München, Warschau, Glasgow, Budapest und Dubai aufgebaut und stellt jeweils auch die Leihrad-Flotte an der Eurobike-Messe.
Eines der Highlights der Velo-city Konferenz war am Sonntagnachmittag die Bike Parade. Mit dieser gelang es den Organisatoren, die Begeisterung fürs Fahrrad als Transportmittel in der Stadt von der Konferenz in die Bevölkerung hinauszutragen. Denn nicht weniger als 5000 Teilnehmende machten sich bei Sonne und 25 Grad auf einem eigenen oder geliehenen Fahrrad auf die 17 Kilometer lange Strecke durch Taipeh. Nicht wenige davon erschienen kostümiert und trugen damit zur ausgelassenen Stimmung auf der Strecke bei. Diese führte zum Teil über gesperrte Stadt-Autobahnen und zum Teil über Radwege, etwa entlang dem Keelung River.

12. April 2016 von Laurens van Rooijen

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