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Report - Nachhaltige Velo-Verpackung

Verpackungskünstler

Das vielleicht nachhaltigste Verkehrsmittel kommt immer öfter auch nachhaltig verpackt in den Fachhandel oder zur Endkundschaft. Was ist
in puncto Sicherheit und Komfort für den Handel und die Industrie derzeit möglich?

Die nachhaltigste Verpackung ist keine Verpackung. Dass ein Produkt wie das E-Bike allerdings kein Fall für den Unverpackt-Laden ist, sondern den Schutz einer zweiten Haut braucht, darüber muss nicht gestritten werden. Dazu kommt, dass eine gute Verpackung auch Versender und Empfänger nicht allzu viel Umstände oder Arbeit machen sollte. Schnell wird so ein vermeintlich simples Produkt zum potenziellen Alleskönner.

In der »Garage« verreisen

»Nachhaltigkeit muss sich durch sämtliche Bereiche der Herstellung ziehen, und daran arbeiten wir mit einer Arbeitsgruppe aus allen Abteilungen« sagt Christof Reitemeier, Marketingleiter bei AT-Zweirad. Der Hersteller der Marke Velo de Ville machte im August 2021 mit einer Verpackung auf sich aufmerksam, die sich von den handelsüblichen stark unterscheidet, die »Wintergarage«. Das ist eine robuste, halbtransparente Folie, die über das Fahrrad gestülpt wird und das E-Bike in der nach AT-Zweirad Vorgaben produzierten Umverpackung schützt. Die Idee dahinter: Der Händler gibt die Innenverpackung an den Endkunden zur Nutzung weiter – als »Garage«. Verbleibt sie im Handel, wird sie ab gesammelten 20 Stück vom Hersteller abgeholt und wiederverwendet.


Sparsam und effektiv verpacken: Velo de Ville will diesen Spagat mit der Bike-Garage schaffen.

Vorteile gibt es auch in der Nutzung. In die dazugehörige Kartonage kann das Rad über ein Schiffchen, das die Bodenwanne bildet, hineingeschoben werden, das Anheben des E-Bikes entfällt. »Der Druck für die Umstellung kommt von der Kundschaft«, sagt Reitemeier. »Wer ein E-Bike kauft, will wissen, wie der Hersteller mit der Umwelt umgeht.« Das erfährt der Kunde oder die Kundin jetzt unter anderem im Nachhaltigkeits-Blog
auf der Herstellerseite.

Alleskönner Verpackung

»Verpackungen müssen viel mehr können, als Produkten eine Hülle zu bieten. Sie müssen zuverlässig schützen, nahtlos in ›leane‹ Produktionsabläufe integrierbar, einfach und schnell anwendbar sein, wenig Lagerfläche beanspruchen, das Transportgut eng umfassen und recycelbar und biologisch abbaubar sein«, sagt Florian Kühne, Manager Digital Communication von Smurfit Kappa. Das Unternehmen produziert für Fahrradhersteller individuelle Verpackungslösungen. »Die schönste und smarteste Verpackung im Versand muss nicht die beste in der internen Logistik sein. Es kommt auf die gesamte Performance an.« So wird möglichst Monomaterial verwendet, das aus nachhaltig geführten und kontrollierten Quellen stammt. Dabei ist man sich sicher, dass nachhaltig hergestellte Verpackungen, die individuell auf das Unternehmen zugeschnitten sind, Kosteneinsparungen mit sich bringen. Im oben zu öffnenden Versandkarton wird das Hinterrad mit zwei Führungen aus Pappe gehalten und das ausgebaute Vorderrad separat von einer Kartonumfassung geschützt.

Auch gebraucht noch brauchbar

Thimm, ein anderer europaweit agierender Verpackungshersteller, hatte auf der Eurobike 2021 seine nicht nur nachhaltige, sondern auch komfortabel zu handhabende E-Bike-Verpackung vorgestellt und für sie eine Auszeichnung erhalten. Sie kommt komplett ohne Kunststoff aus. Alles, was das Rad vor dem Verrutschen und Umkippen sichert, ist aus Pappe, inklusive Lenker- und Sattelstützenfixierung. Auch hier kann das Rad zur Seite entnommen werden. Drei bis vier Transporte hält die Pappe nach Angaben des Herstellers aus.

Echte Transporter transportieren

Das Lastenrad ist verpackungstechnisch weit jenseits des Standardrads und für Hersteller eine Herausforderung. Bei Riese & Müller, die zu den größten Anbietern dieser Gattung gehören, hat man 2019 auf Händlerfeedback reagiert und die Verpackung ganz neu konzipiert. »Wir haben uns mit allen beteiligten Teams zusammengesetzt und, auch im Rahmen unseres Projekts Zero Waste, ein neues Verpackungssystem ausgearbeitet«, erzählt Catrin Vollhardt vom Sales Projektmanagement. Basis sind zwei Euro- paletten, auf denen das Lastenrad steht. Diese Norm gehört in vielen Ländern zum Standard, fast überall sind Paletten in einen Nutzungskreislauf eingebunden. Die eigentliche Verpackung steht auf den Paletten. Auf einer Bodenwanne aus Wellpappe nehmen zwei Papp-Schienen die Laufräder auf und sichern das E-Bike so gegen Verrutschen. Die Pappe besteht aus 80 Prozent Recycel-Material und 20 Prozent Frischfaser-Anteil. »Alles ist recycelbar«, erklärt Hannah Müßener vom Riese & Müller Sustainability Management. Nur an wenigen Stellen bekommen die E-Bikes Klebefolie verpasst, bei bestimmten Rädern muss beispielsweise das Schutzblech-Ende beklebt werden, sonst schabt dort der Karton. »Wer ein E-Bike für 7000 Euro kauft, der will nicht schon durch den Transport den ersten Kratzer haben«, so Müßener. Kunststoffverpackungsmaterial ist, wo nötig, grundsätzlich wiederverwendetes Material von Zulieferern wie etwa die Luftpolsterfolie, die zum Schutz von Komponenten nötig ist. »Wir kaufen kein Kunststoff-Verpackungsmaterial zu«, erklärt die Sustainability-Managerin.


Je nach Fahrradgattung fallen die Verpackungen mitunter sehr aufwendig aus. Platzsparende Lösungen bedeuten für den Handel oft höheren Montageaufwand.

Übrigens gibt es auch eine Home-Delivery-Variante für normale E-Bikes des Herstellers. Diese werden auf einer einzelnen Einweg-Palette geliefert, anders als bei E-Bikes für den Handel ist der Umkarton zweiteilig – linke und rechte Seite können abgenommen werden und das Rad muss nicht, wie im Fachhandel, aus dem Karton gehoben werden. Bei Riese & Müller werden E-Bikes übrigens per Kran in die Verpackungen gehievt.

Fortschritte beim Zubehör

Natürlich zählt Nachhaltigkeit auch für die Verpackung kleinerer Produkte wie Komponenten und Zubehör. Hier sind Zulieferer schon länger umweltbewusst unterwegs. XLC etwa liefert manche Anbauteile in abbaubaren Pergaminverpackungen, der Hersteller schickt aber auch viele Produkte, die nicht unbedingt durch eine Verpackung geschützt werden müssen, unverpackt in größeren Gebinden zum Händler. BySchulz brachte vor zwei Jahren eine Verpackungsgeneration auf den Markt, die gänzlich auf Kunststoff-Klarsichtfolien und Blister verzichtet. Längere Produkte sind nur teilverpackt und können in der Verpackung auch haptisch erfasst werden. Ähnlich ist die Vorgehensweise von Hartje, wo Pergamin seit 2020 vielfach Klarsicht-Kunststoff und nicht abbaubares Füllmaterial ersetzt hat.
Bei Komponenten, die über den Aftermarket an Endverbraucher gehen, ist also durch nachhaltige Verpackungen ein Imagegewinn für Handel und Industrie möglich und auch relativ einfach zu erreichen.
Doch grundsätzlich zählt natürlich, dass, je größer die Verpackungsmasse, umso höher der Gewinn für die Umwelt sein kann, der bei der Nutzung von nachhaltiger Verpackung möglich ist.

Umweltschutz mit Mehrwert für den Handel

Cannondale führte im Oktober 2020 einen neuen Verpackungsstandard ein. Bei dem Premiumhersteller muss man die Veränderung im großen Zusammenhang sehen, der sich auch auf den Workflow bei Versender und Empfänger auswirken sollte. »Wir hatten drei Ziele im Blick«, so Daniel Häberle, Marketingmanager D/A/CH bei Cannondale. »Wir haben damit einen höheren Vormontage-Standard manifestiert, sodass die Händler deutlich weniger Aufbauzeit benötigen. Außerdem sind die Räder durch diese Verpackung noch besser geschützt. Und das System ist ein Beitrag zum Umweltschutz, denn alles ist komplett recycelbar.«
Das Rad wird in einem FSC-zertifizierten Karton verschickt, der ohne Cutter zu öffnen ist. Die Zertifizierung bestätigt die Herstellung der Pappe aus nachhaltiger Waldwirtschaft. Auch zur Sicherung und zum Schutz des Rads werden nur recycelbare Materialien verwendet, vor allem Schablonen und Abstandhalter aus Pappe. Das Klebeband ist aus faserverstärktem Papier und biologisch abbaubar. »Wir haben nur positives Feedback von den Händlern bekommen«, so Häberle. »Cannondale übernimmt soziale Verantwortung, auch das nimmt man positiv wahr.« Die Mehrkosten, die eine solche Umstellung mit sich bringt, sind laut Häberle gut investiert. »Natürlich kostet eine solche Umrüstung Geld, vor allem die Zuschnitte, aber wir sehen auch großen Nutzen darin.“

Händlers Traum: keine Verpackung

Lothar Könekamp, dem Co-Geschäftsführer des Kölner Fachgeschäfts Radlager, geht Nachhaltigkeit in Sachen Verpackung noch lange nicht weit genug. »Wir brauchen Mehrwegsysteme«, schlägt Könekamp vor. Er verweist auf Kunststoff-Boxen, in denen man schwere Komponenten wie Fahrradschlösser »viel nachhaltiger« liefern könnte als in Kartons. »Oder eben verpackungsfrei liefern.« Dazu könnten zum Beispiel im E-Bike-Bereich Lkws mit Fahrrad-Aufbauten die einzelnen Abholstationen in benötigter Reihenfolge abfahren und von dort aus die Händler beliefern. Die Fahrräder könnten an speziellen Vorrichtungen hängen ohne Verpackungen, vielleicht mit einer Decke geschützt. »Wie man das von Schweinehälften kennt“, meint der Kölner plastisch.
»Wir müssen hier sehr viel Pappe und Kunststoff wegwerfen beziehungsweise dem Recycling zuführen, wobei man ja weiß, dass bei Weitem nicht alles Recycelbare an Kunststoff auch recycelt wird. Also besser Mehrweg oder verpackungsfrei.«
Derzeit scheint das allerdings eine noch ferne Vision zu sein. Andererseits kann man auch fragen: Wenn man sich nicht in einer solchen Boom-Phase damit beschäftigt, Nachhaltigkeit zu verbessern, wann dann?

10. Februar 2022 von Georg Bleicher

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