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»Eigentlich müsste hier ein Kind stehen«, räumte der ADFC-Bundesvorsitzende Ulrich Syberg in seiner Begrüßungsrede ein. Der ADFC verstehe sich als Platzhalter für diejenigen, um die es in der Veranstaltung eigentlich gehe.
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Report - ADFC-Kongress Kindermobilität

Wenn ­Radfahren zur Mutprobe wird

Radfahren ist für Kinder hierzulande oft ein Abenteuer. Die Städte sind autogerecht, der Verkehr zu schnell und die Kreuzungen sind oft unübersichtlich. Kinder sind mit diesen Bedingungen schnell überfordert. Höchste Zeit, das zu ändern, forderten die drei Referenten der ADFC-Fachveranstaltung »Radfahren für alle – auch für Kinder?« jüngst in Dresden.

Die Experten waren sich auf dem ADFC-Kongress Anfang November einig: Die Erwachsenen machen die Kinder hierzulande zunehmend immobil. Während in Fahrradnationen wie den Niederlanden die Kinder mit ihren Eltern erst mitradeln und später nach und nach ihre Wege allein zurücklegen, etabliert sich in Deutschland immer mehr das Elterntaxi.
Seit Jahren schlagen einige Schulleiter Alarm. Sie appellieren an Eltern, ihren Kindern mehr zuzutrauen und sie selbstständig zur Schule zu schicken. Das Problem ist bekannt: Die Eltern haben Angst um ihre Kinder. Aber das eigentliche Problem sind nicht die Kinder, sondern die Infrastruktur.
»Die Welt des Verkehrs ist nicht für Kinder gemacht«, sagt Susann Richter von der TU Dresden. Sie seien keine kleinen Erwachsenen und von den komplexen Verkehrsregeln und den hohen Geschwindigkeiten des Auto­verkehrs schnell überfordert. Das Potpourri an Fähigkeiten, das sie brauchen, um in Sekundenschnelle auf komplexe Verkehrssituationen adäquat zu reagieren, entwickeln sie erst im Laufe ihrer Grundschulzeit.
Bis dahin haben sie eine sehr eigene Sicht auf die Welt. Beispielsweise gehen sie davon aus, dass das Auto und damit der Fahrer, sie auch sieht, wenn sie es sehen. Und nicht nur das. Sie glauben auch, dass der Wagen auf der Stelle anhalten kann. Kinder haben Urvertrauen, sie glauben: »Die Großen werden schon aufpassen.«

Verkehr einschätzen

Dabei überschätzen die Erwachsenen oft den Nachwuchs auf der Straße. Allein aufgrund ihrer Körpergröße haben Kinder ein bedeutend kleineres Sehfeld. Es ist etwa ein Drittel kleiner als das von Erwachsenen. Außerdem ist ihre Sehfähigkeit noch nicht vollständig entwickelt. Deshalb können sie Geschwindigkeit nicht richtig einschätzen. Das dafür nötige Tiefensehen, dass sie für die Raumwahrnehmung brauchen, entwickeln sie laut Richter erst, wenn sie etwa acht Jahre alt sind. Und selbst dann dauere es nochmal etwa zwei Jahre bis sie Geschwindigkeiten richtig einschätzen können.
Deshalb müssen Autofahrer besonders auf Kinder achten. »Sie sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer«, sagt die Wissenschaftlerin. Und sie sind leicht ablenkbar. Deshalb sollten erwachsene Verkehrsteilnehmer immer mit Fehlern und Patzern rechnen. Erst im Alter von etwa 14 Jahren sei die Aufmerksamkeit von Jugendlichen mit der von Erwachsenen vergleichbar. Dann haben sie laut Richter gelernt, vorbeugende Verhaltensweisen bewusst einzusetzen, um Gefahren zu reduzieren.
Das heißt allerdings nicht, dass Kinder und Jugendliche erst mit 14 Jahren Radfahren sollen. Im Gegenteil: »Kinder brauchen Lernmöglichkeiten«, sagt Richter. Und zwar nicht im Schonraum, sondern in einer ­Infrastruktur, die für sie sicher und ­fehlertolerant ist.
In Deutschland ist das noch die Ausnahme. »Die Situation in unseren Städten behindert die eigenständige Mobilität unserer Kinder«, sagt Juliane Krause vom Planungs- und Beratungsbüro Plan & Rat. Sie fordert eine einheitliche Infrastruktur mit wiederkehrenden Mustern, die Kinder leicht wiedererkennen. Dazu gehört für sie in Wohngebieten beispielsweise die Rechts-vor-Links-Regel und flächendeckendes Tempo 30.

Fahrradstraßen geben ­Sicherheit

Außerdem plädiert sie für eine ­systematische Einführung von Fahrradstraßen. In diesem Zusammenhang lobt sie München. Die Stadt hat die Zahl an Fahrradstraßen seit 2013 mehr als verdoppelt. Das ist für alle Radfahrer in München komfortabel – besonders für Kinder und Jugend­liche. Denn in einer Fahrradstraße wird die ganze Fahrbahn zum ­Radweg.
Das Nebeneinanderfahren sei ausdrücklich erlaubt – sogar in Gruppen, was Kinder gerne tun auf dem Weg zur Schule, heißt es dazu auf der Webseite der bayerischen Landeshauptstadt. Zudem weist die Stadt ausdrücklich darauf hin, dass Kraftfahrzeuge dort langsam fahren und Rücksicht nehmen müssen. In Fahrradstraßen gilt für alle Verkehrsteilnehmer generell Tempo 30. München ist zurzeit die Stadt mit den meisten Fahrradstraßen in Deutschland.
Aber Krauses Vortrag zeigt auch ganz klar: Wenn die Empfehlungen für den Radverkehr (ERA) der Forschungsgesellschaft für das Straßen- und Verkehrswesen eingehalten würden, wäre bereits viel gewonnen. Die dort festgelegten maximalen Wegebreiten bieten Kindern in der Regel recht viel Sicherheit. Allerdings enden gute Weg immer noch häufig plötzlich im Nichts.
»Wichtig ist es, dass die Verbindungen durchgängig sind«, betont Krause. Damit die Nachwuchsradler ebenso sicher selbstständig morgens zur Schule kommen wie am Nachmittag zum Sport oder zu ihren Freunden. Daraus folgt, dass beispielsweise Fußgängerzonen zeitlich begrenzt geöffnet werden oder auch Radwege durch Sackgassen weitergeführt werden.
Gerade dieser Vorschlag hat jedoch einen Haken. Um diesen Schritt zu gehen, müssen die Planer die Wege der Kinder und Jugendlichen erst einmal kennen. Das ist in der Regel nicht der Fall. Für Juliane Krause aber eine entscheidende Voraussetzung für eine bedarfsgerechte Verkehrsplanung. »Kinder müssen einbezogen werden«, sagt sie. Die große Frage sei nicht mehr das Ob, sondern ganz allein das Wie. Denn die Kinder und Jugendlichen müssen sich auch ernst genommen fühlen. In den Schulen kann das gemeinsame Erstellen von Radschulwegeplänen ein erster Schritt sein.
Mit ihrer Meinung ist Krause nicht allein. Martin Dulig, Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr in Sachsen, fand ebenfalls klare Worte: »Wir haben einen großen Nachholbedarf beim Bau von fahrradfreundlicher Infrastruktur«, stellte er fest. Radverkehr sei kein Nischenthema und auch kein grünes Thema, sondern Teil der Kommunalpolitik. Kinder sind für den Vater von sechs Jungen und Mädchen besonders gefährdete Verkehrsteilnehmer. Insbesondere weil sie ihre Entscheidungen nicht immer rational treffen, sondern häufig spontan.
Deshalb sei es wichtig, Kindern früh die Kompetenz zu vermitteln, sich mit dem Rad im Straßenverkehr sicher zu bewegen.

Fahrradprüfung führt zu ­Fehleinschätzung

Ein Teil dieser Verkehrserziehung findet in der Schule statt. Die Erstklässler üben den Schulweg und die Verkehrsregeln mit ihren Lehrern. Später, gegen Ende der Grundschulzeit, übernimmt die Schule in der Regel die Fahrradsozialisation in Form von der Fahrradprüfung oder dem sogenannten Fahrradführerschein.
Hier gibt es in den einzelnen Bundesländern große Unterschiede. Hamburg leistet sich 72 Verkehrslehrer, die täglich ausschließlich in den Schulen der Hansestadt unterwegs sind. Sie besuchen jede Klasse von der ersten bis zur zehnten; in der Grundschule jede Klasse einmal jährlich, anschließend auf Anfrage.
In die ersten beiden Klassen kommt der Verkehrskasper, in Klasse drei und vier bereiten die Verkehrserzieher die Fahrradprüfung vor. Das ist Luxus und bundesweit in dem Umfang eher die Ausnahme.
Dennoch beurteilt Matthias Dehler vom Referat Mobilitäts- und Verkehrserziehung in Hamburg den Fahrradführerschein eher skeptisch. Denn der Schein trügt. Er suggeriere den Eltern, die Kinder können Radfahren und seien fit für den Verkehr, sagt er. Das ist oft so, muss aber nicht immer der Fall sein. Einige Kinder beherrschen anschließend das geübte Stück des Weges, aber mehr nicht. Im schlimmsten Fall überschätzen die Eltern das Können ihrer Kinder. Sie schicken sie alleine los, obwohl sie mit dem Verkehr überfordert sind. Dehler und auch die anderen Referenten nehmen die Eltern in die Pflicht. Sie müssen mit ihrem Nachwuchs Radfahren üben. Insbesondere den Schulweg. Dass dies nicht der Fall ist, kann man jeden Tag zu Schulbeginn vor Schulen beobachten.
Das sogenannte Elterntaxi ist dort vielerorts zum Alltag geworden. Morgens um kurz vor acht chauffieren Mütter und Väter ihre Kinder mit dem Auto bis zum Schultor. Damit verhinderten sie nicht nur eine eigenständige Mobilität ihrer Kinder, sondern gefährdeten auch die anderen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommen, sagt die Referentin Sabine Kluth, stellvertretende Bundesvorsitzende des ADFC. Denn die kämen nicht vorbei, weil Autos den Gehweg oder die Möglichkeit, die Straße zu überqueren, blockieren oder ihnen die freie Sicht auf die Fahrbahn nehmen.
Gründe für die Wahl des Elterntaxis gibt es viele. Manchmal passt es einfach perfekt in den Tagesablauf: Die Eltern fahren zur Arbeit und lassen das Kind an der Schule heraus. Andere trauen ihrem Kind nicht zu, den Weg allein zurückzulegen, oder sie misstrauen den übrigen Verkehrsteilnehmern.
Ein Cartoon von Michael Ammann, den Kluth während ihres Vortrags auf dem ADFC-Kongress zeigt, illustriert das gut. »Was, du willst zu Fuß in die Schule?! Denk doch an die vielen Autos, mit denen die Kinder in die Schule gebracht werden, das ist viel zu gefährlich … Ich bring dich mit dem Auto hin«, sagt in der Zeichnung eine Mutter, mahnend den Zeigefinger hebend, zu ihrem Kind.
Die Aussage ist keineswegs eine überspitzte Einzelmeinung. Immer häufiger werden an Schulen oder auf Schulwegen Banner und Schilder mit dem Spruch »Achtung Kinder, hier fahren eure Eltern!« aufgehängt. Eine Grundschule in Wattenscheid hat schon 2009 eine Aktion unter diesem Titel veranstaltet, um auf das Problem aufmerksam zu machen, im vergangenen Jahr eine Grundschule in Düsseldorf.

Eltern-Kind-Radfahrkurse

Sabine Kluth plädiert für eine Bannmeile für Autos um Schulen herum, in einem Radius von mindestens 250 Metern. Dann würden die Kinder wenigstens einen kurzen Schulweg zurücklegen und das Ankommen werde für alle Kinder sicherer, sagt sie. Außerdem vermisst die ADFC-Expertin eine fehlertolerante Infrastruktur. Darunter versteht sie beispielsweise ausreichend Platz und eine gute Übersicht an Knotenpunkten, damit Kinder die gesamte Straße überblicken können. Platz sei in Städten zwar Mangelware. Gerade an Kreuzungen könne die freie Sicht aber durchaus verbessert werden. Oft reiche es schon, die Anzahl der parkenden Autos am Fahrbahnrand zu verringern.
Durchgängige Radwege – oder Kinderwege, wie Kluth sie nennt – sind hier besonders wichtig. Sie sind insbesondere für Kinder auf weiterführenden Schulen relevant. Die Älteren brauchen eine klare und sichere Infra­struktur. Schließlich werden sie im Gegensatz zu Grundschülern selten von ihren Eltern begleitet und sollen auch nicht mehr auf dem Gehweg ­fahren.
Um die Kinder fit fürs Radfahren zu machen, hat Kluth eine ungewöhn­liche Idee: Radfahrkurse für Eltern und Kinder. »In der Schweiz gibt es sie bereits«, sagt sie. In dem gemeinsamen Kurs frischen die Erwachsenen ihr Wissen auf, und die Kinder lernen die Fertigkeiten fürs Radfahren auf dem Weg zur Schule. Der Vorteil: Kind und Eltern sind auf einem einheitlichen Wissensstand. Die Eltern sehen in der Gruppe, was sie von ihrem Kind erwarten können und wo sie noch üben müssen. Das kann für die Kinder hilfreicher sein als die Fahrradprüfung in der Grundschule.

15. Februar 2016 von Andrea Reidl

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