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Wie und Wann?
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Report - Zukunft der Eurobike

Wie und Wann?

Es ist als Diskussionsthema ein Dauerbrenner in der Branche: Zukunft und Konzept der Fachmesse Eurobike. Mit mutigen Schritten, früherem Termin und neuem Konzept ab 2018, wollen die Eurobike-Macher den zunehmend kontroversen Diskussionen begegnen. Dennoch beinhaltet das Thema Messe in der Fahrradbranche noch einige Fragezeichen.

Die Situation mutet mitunter paradox an. Gemessen an der Ausstellerzahl ist die Eurobike als Fachmesse so erfolgreich wie noch nie. Auch lief der Fahrradmarkt in Deutschland selten besser. Zwar tritt der Fahrradabsatz – also die verkauften Stückzahlen – hierzulande auf der Stelle, doch die Durchschnittspreise und somit die Ergebnisse in der Kasse schrauben sich dank E-Bikes in immer neue Höhen. Zuletzt hat vor allem im Süden Deutschlands der Erfolg der E-Mountainbikes das Preisniveau im Fachhandel nochmal deutlich nach oben verschoben.
Wer von außen auf den Fahrradmarkt blickt, würde der Eurobike somit wahrscheinlich ein ideales Marktumfeld und ein weitgehend sorgenfreies Leben unterstellen. Die Realität sieht indes anders aus. Kommt man derzeit in Branchenkreisen auf die Zukunft der Eurobike zu sprechen, setzen selbst die überzeugtesten Messe-Befürworter eine besorgte Miene auf.
Man könnte meinen, dass in einer Welt, in der wichtige Entscheidungen in Unternehmen mit immer höherer Schlagzahl und vor allem vor dem Hintergrund eines zunehmend digitalen Umfelds getroffen werden, das Konzept einer Fachmesse auch außerhalb der Fahrradbranche infrage gestellt würde. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Der deutsche Verband der Messegesellschaften AUMA meldet für die von ihm vertretene Branche in 2016 bei fast allen Kennzahlen Rekordergebnisse. 192.000 Aussteller buchten auf deutschen Messen im vergangenen Jahr fast 7,6 Mio. Quadratmeter Standfläche, das ist jeweils rund ein Prozent mehr als im ohnehin schon starken Vorjahr. »Die letztlich anonyme Onlinewelt stößt offensichtlich zumindest in der Business-to-Business-Kommunikation an Grenzen. Deshalb bleibt genug Raum für die weitere Entwicklung des Mediums Messe, dem wichtigsten Instrument der persön­lichen Kommunikation. Von Krisenstimmung gibt es in der Messewirtschaft gegenwärtig keine Spur«, sagt dazu der AUMA-Vorsitzende Walter Mennekes.
Die Gründe für die kontroversen ­Diskussionen um die Eurobike müssen also wohl vor allem in der Fahrradbranche selbst gesucht werden. Dabei ist die kritische Auseinandersetzung der Marktteilnehmer mit ihrer Fahrradmesse am Bodensee kein neues Phänomen. Vielmehr ist die Eurobike ein Punkt, über den die Branche schon seit Jahren leidenschaftlich diskutieren kann und dies auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit tut. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erregten sich die Gemüter jedoch vor allem am Standort am Rande der Republik und dem ländlichen Umfeld am Bodensee, nun drehen sich die Gespräche eher um Sinn und Zweck einer Fachmesse ganz generell. Auch wenn die angespannte Hotelsituation und der überlastete Verkehr rund um die Eurobike so manchen Messeteilnehmer über die Jahre viele Nerven gekostet haben, war die Messe selbst lange Zeit über alle Zweifel erhaben. Das hat sich geändert: Unternehmen, die in den vergangenen Jahrzehnten keine Eurobike als Aussteller ausgelassen haben, fragen sich nun vermehrt, ob man die nicht unerheblichen Kosten einer Messeteilnahme einsparen könnte. Und so mancher prominenter Anbieter hat diese Frage für sich inzwischen bejaht.
Nachdem in den vergangenen Jahren unter anderem schon Trek, Specialized, Kona und Cube als Aussteller Abschied von der Eurobike genommen hatten, werden die Messebesucher in diesem Jahr zum Beispiel auch Rotwild, Cannondale, Biketec (Flyer), ­Canyon, Mavic, Hebie, Giant und die ZEG mit ihren Marken Bulls, Kettler und Hercules auf dem Messeparkett vermissen.

Ursachenforschung

Die Auslöser für diese Entschei­dungen mögen ganz unterschiedlicher Natur sein. Bei manchem Namen, der nicht mehr im Ausstellerverzeichnis der Eurobike zu finden ist, kann man sich durchaus vorstellen, dass schlicht kein Interesse mehr besteht, neue Händlerkontakte zu generieren. Das Händlernetz dieser Unternehmen hat keine weißen Flecke mehr auf der Landkarte und die vorhandenen Handelspartner lassen sich mit eigenen Veranstaltungen vielleicht intensiver und günstiger betreuen. Andere Unternehmen wiederum, die das so natürlich nicht zugeben würden, haben schlicht nicht mehr die Relevanz für den Fahrradmarkt wie in vergangenen Jahren. Den Gesichtsverlust, statt vielleicht wie früher große Messestände auf dem Friedrichshafener Messegelände nun nur noch überschaubare Standgrößen zu bespielen, umgeht man, indem die Eurobike zum Auslaufmodell erklärt wird, auf das der jeweilige Anbieter durchaus verzichten könnte.
Dazu kommt für manche Unternehmen noch ein ganz profaner Grund: Am boomenden E-Bike-Markt als Hersteller teilzunehmen, erfordert enorme finanzielle Ressourcen. Und für manches Unternehmen, das sich vielleicht nicht zu den Top-Ten der Branche zählen kann, ist eine Messeteilnahme, die selbst bei überschaubaren Standgrößen in der Gesamtsumme schnell mal einen hohen fünf- bis sechsstelligen Betrag verschlingt, finanziell einfach nicht mehr drin.
Vor allem dieser Kostendruck in der Branche erklärt vielleicht auch den Eiertanz, den das Messekonzept der Eurobike in den jüngsten Jahren unternommen hat. Seit dem Umzug der Eurobike auf das neue Messegelände vor den Toren Friedrichshafens vor 15 Jahren war das Konzept der Fachmesse im Kern kaum verändert worden. Bis dann im vergangenen Jahr die Eurobike – nicht zuletzt auch auf Druck durch die Branche – mehr Richtung Publikum ausgerichtet werden sollte. Weniger B2B, mehr Event lautete das Motto, als die Eurobike 2016 um einen Publikumstag verlängert und um viele Side-Acts, wie Demo-Area und Konzerte von Pop-Stars, erweitert wurde. Das Konzept floppte jedoch beim anvisierten Publikum so gründlich, dass der eigentlich durchaus vielversprechende Ansatz eilends wieder beerdigt wurde. Nach einer Denkpause in diesem Jahr, in dem die Messe quasi nochmal ihr jahrzehntelang erprobtes, altes Konzept durchzieht, marschiert die Eurobike 2018 konzeptionell nun in die entgegengesetzte Richtung: Nur noch an drei Tagen, somit ohne Publikumstag, dafür aber schon Anfang Juli soll die Eurobike im nächsten Jahr stattfinden.
Als die Entscheidung für dieses ­Konzept im vergangenen Jahr gefällt wurde, hatten die Macher der Eurobike dabei wohl vor allem auch die zahl­reichen Stimmen von Ausstellern im Ohr, die sich über die von Jahr zu Jahr wachsenden Kosten der Messeteilnahme beklagten. Dabei sind die ­reinen Kosten für die Miete der Standfläche auf der Eurobike in den ver­gangenen Jahren nur vergleichsweise moderat gestiegen. Was für die meisten Aussteller viel mehr ins Gewicht fällt, ist beispielsweise ein immer aufwendigerer Standbau, größere Messestände, die darüber hinaus mehr Personal erfordern, und nicht zuletzt auch die Hotelbetreiber rund um Friedrichshafen, die selbst für entlegene mittelklassige Unterkünfte inzwischen ganz selbstverständlich Preise um 300 Euro für die Nacht aufrufen.
Mit dem neuen, nur noch dreitägigen Konzept, das im vergangenen Oktober angekündigt wurde, soll nun den Ausstellern eine Möglichkeit geboten werden, an der Kostenschraube zu drehen. Drei Tage Messe ohne Publikumstag erzeugen weniger Personal- und Übernachtungskosten, so das ­Kalkül. Zudem könnte bei einer reinen B2B-Messe auch beim Standbau der finanzielle Aufwand etwas gedrosselt werden.

Neuer Termin, neue ­Diskussionen

Den zweiten, wahrscheinlich noch größeren Schritt geht die Eurobike mit der Verlegung des Termins auf die zweite Juli-Woche. Dahinter steht der Wunsch, die Messe wieder an den Anfang des Zeitraums zu stellen, in dem die Industrie ihre Neuheiten für das kommende Modelljahr präsentiert. Mit ihrem traditionellen Spätsommer-Termin lag die Eurobike bisher eher am Ende dieser Periode.
Das hatte zur Folge, dass sich in den vergangenen Jahren immer mehr Marktteilnehmer mit der Präsentation ihrer Neuheiten zeitlich zum Teil weit vor die Eurobike schoben. Fahrradhändler und Presse tingeln seitdem ab Ende Juni gefühlt jedes Wochenende von einer Hausmesse und Produktpräsentation zur nächsten. Wenn dann in der ersten September-Woche die Eurobike ihre Tore für die Fachwelt öffnet, gibt es dort kaum noch echte Neuheiten zu sehen. Der Messebesuch hat somit für Marktteilnehmer eher den Charakter, sich nochmal einen Überblick zu verschaffen und vielleicht noch einige Details zur nächstjährigen Sortimentsplanung mit den Lieferanten zu besprechen.
Eurobike-Chef Stefan Reisinger sagte zu dieser Entwicklung im vergangenen Jahr bei der Bekanntgabe des neuen Termins für 2018: »In zahlreichen Gesprächen mit Herstellern, mit und ohne aktuellem Messestand, Fachhändlern und Medien kristallisiert sich mehr und mehr heraus, dass eine weitere Defragmentierung der Branche in einzelne Haus- und Ordermessen kein nachhaltiges Konzept ist. Mit strategischem Weitblick und in zwei Stufen drehen wir in den kommenden beiden Jahren an den Stellschrauben des Messekonzepts und stärken so die Bedeutung der Eurobike als Innovationstreiber der globalen Fahrradbranche.«
Ob das Kalkül der Messe Friedrichshafen, mit dem neuen Termin ab 2018 einige wichtige Marktteilnehmer als Aussteller auf die Eurobike zurück zu locken, aufgeht, muss sich unterdessen erst noch beweisen. Bislang hat nur Derby Cycle seine Rückkehr als Eurobike-Aussteller angekündigt. 2017 wird sich der Fahrradhersteller mit seinem Messeauftritt noch auf die Marken Raleigh und Univega konzentrieren, die insbesondere dem Einkaufsverband Bico nahestehen. Für 2018 ist dann die Rückkehr mit dem vollen Programm geplant.
Derby-Sprecher Arne Sudhoff erklärt im Gespräch mit velobiz.de den Kurswechsel im Unternehmen: »Die Eurobike war für unsere Performance-Marke Focus bisher schlicht zu spät. Alle wichtigen Prozesse im sportiven Segment finden inzwischen deutlich früher im Jahr statt.« Für den zur Pon-Gruppe gehörenden Fahrradhersteller passt das neue Eurobike-Konzept nun wieder besser ins Konzept: »Wir haben als Fahrradanbieter inzwischen sehr vielfältige und auch sehr gute Möglichkeiten, den Endkunden mit unseren Marken anzusprechen. Die Zahl der entsprechenden Veranstaltungen hat in den letzten Jahren sogar noch zugenommen. Daneben haben unsere Hausmessen und ähnliche eigene Veranstaltungen, wie beispielsweise die Pon.Bike Perfomance-Days in Morzine, für Derby eine sehr hohe Wertigkeit. In dieser Melange muss die Eurobike ihren Platz in der Branche finden, und das ist aus unserer Sicht vor allem der eines globalen B2B-Treffpunkts. Die Ansprache der Endkunden steht für uns hingegen auf der Eurobike nicht im Vordergrund. Die Richtung der Eurobike mit Blick auf 2018 passt jetzt wieder«, sagt Sudhoff.

ZIV plädiert für neuen, alten Termin

Beifall von der einen Seite, Kritik von der anderen: Während bei Derby Cycle die Eurobike-Zeichen für 2018 auf Grün stehen, formiert sich in den Reihen des Branchenverbands ZIV offenbar deutlicher Widerstand gegen das neue Messekonzept. Mit offiziellen Statements hält man sich in der Verbandszentrale mit Hinweis auf die noch laufenden Gespräche mit der Messegesellschaft zwar zurück, es ist aber in Branchenkreisen kein Geheimnis, dass es bei der letzten Mitgliederversammlung in Mannheim ein starkes Votum der ZIV-Mitglieder für die Beibehaltung des bewährten Eurobike-Konzepts gab. Also: Termin im Spätsommer mit Publikumstag.
Hintergrund ist nicht nur die Sorge, dass viele Marktteilnehmer ihre Neuheiten für 2019 nicht bis Anfang Juli 2018 fertigbekommen könnten. Darüber hinaus ist aus ZIV-Kreisen auch die Befürchtung zu hören, dass der Juli-Termin keine Lösung für die immer früheren Produktvorstellungen sein wird, sondern das Problem sogar noch verschlimmern könnte. Nämlich dann, wenn einige Marktteilnehmer versuchen, ihre Präsentationen und Hausmessen auch noch vor den neuen Eurobike-Termin zu schieben.
Bleibt also 2018 doch alles beim Alten? Oder kommt es zur Kompromisslösung mit einem Termin Anfang August? Die Position der Messe Friedrichshafen ist in dieser Frage (bislang noch) eindeutig: »Das 2018er Konzept inklusive des Verzichts auf eine Endkundenansprache zu diesem frühen Termin ist im Schulterschluss mit der Branche erarbeitet worden und wird kommendes Jahr auch genauso umgesetzt«, sagt Eurobike-Chef Stefan Reisinger im nebenstehenden Interview.

»Klares Votum«

{b}Interview mit Stefan Reisinger{/b}

{b}Die Messe Friedrichshafen will mit dem früheren Termin in 2018 wieder mehr Marktrelevanz für die Eurobike erzeugen. Wie zuversichtlich sind Sie, dass diese Entscheidung wieder für mehr Marktteilnehmer ein Auslöser sein wird, als Aussteller auf die Eurobike zurückzukehren?{/b}
Wir leben in schnelllebigen Zeiten und auch in der Fahrradbranche ist vieles im Umbruch. Die Zeiträume, in denen Neuheiten präsentiert werden und die kommende Saison eingeleitet wird, haben sich stark nach vorne verschoben. Stichwort Hausmessen im Juli/August. Einen gemeinsamen, starken Auftritt der Branche im Rahmen der Eurobike fordern unisono Handel, Industrie und Medien. Dieser Auftritt kann nur zu einem frühen Termin stattfinden, es gäbe sonst keine Chance auf die Rückkehr wichtiger Marken. Uns erreicht nach wie vor ein großes globales Interesse für die Eurobike 2018 und demzufolge blicken wir zuversichtlich in die weitere Zukunft. Gewissheit darüber werden wir jedoch erst nach der anstehenden 2017er Messeauflage erhalten, denn direkt danach beginnt das Anmeldeprozedere für das nächste Jahr.

{b}Der frühere Termin, vor allem aber auch der Verzicht auf einen Publikumstag wird in der Branche kontrovers diskutiert. Ist das ein Thema, dass auch bei der Messe Friedrichshafen noch nicht abgeschlossen ist oder wird am 2018er Konzept nicht mehr gerüttelt?{/b}
Das 2018er Konzept – inklusive des Verzichts auf eine Endkundenansprache zu diesem frühen Termin – ist im Schulterschluss mit der Branche erarbeitet worden und wird kommendes Jahr auch genauso umgesetzt. Wir verstehen die Enttäuschung der B2C-Befürworter, zumal wir ja auch 25 Jahre lang gute Erfahrungen mit der Endverbraucheransprache gemacht haben. Bedingt durch den frühen Termin gab es ein ganz klares Votum seitens Industrie und Handel für eine reine Fachveranstaltung.

{b}Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen um Termin und Konzept habe ich den Eindruck, dass das klassische Streitthema »Friedrichshafen als Eurobike-Standort« in den Hintergrund getreten ist. Entspricht das auch Ihrer Wahrnehmung?{/b}
Die intensiven Diskussionen werten wir auch als positives Zeichen. Schließlich sind sie ein Indiz dafür, dass die Notwendigkeit einer Leitmesse, wie es die Eurobike ist, nach wie vor immens ist. Dass die Standortfrage nicht mehr vordergründig erscheint, mag auch an dem sich wandelnden Wettbewerb liegen: Während früher eine klassische ­Messegesellschaft an einem Standort X unser Haupt-Wettbewerber war, konkurrieren wir heute mit Dutzenden Hausmessen, Händlertagen und Festivals. Nichtsdestotrotz sind wir uns unserer Standort-Chancen und -Herausforderungen sehr bewusst und werden auch hier im kommenden Jahr mit weiteren Verbesserungen und Neuerungen punkten können.

21. August 2017 von Markus Fritsch

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