
Interview - Paul Walsh, European Cycling Industries
»Wir brauchen in Brüssel eine starke Stimme für die gesamte Branche«
Herr Walsh, die Verbandsstruktur der europäischen Fahrradindustrie hat sich grundlegend geändert. CONEBI und CIE sind zur neuen Organisation »European Cycling Industries« (ECI) verschmolzen. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Veränderungen, die dieser Zusammenschluss mit sich bringt?
Bisher hatten wir zwei Verbände, die teilweise unterschiedliche Aspekte derselben Branche vertraten. In Brüssel führt eine solche Fragmentierung oft dazu, dass die Industrie mit verschiedenen Stimmen spricht. Das schafft Verwirrung und gibt politischen Entscheidungsträgern die Möglichkeit, die Verbände gegeneinander auszuspielen. Das Ziel der Fusion, das wir seit fünf oder sechs Jahren verfolgt haben, ist eine einheitliche Stimme für die Branche. Wir führen nun die Stärken beider Organisationen zusammen: Die technische Expertise und das starke Lobby-Netzwerk der CONEBI trifft auf den Fokus der CIE, die das Fahrrad als Teil eines modernen Ökosystems aus Innovationen und Dienstleistungen wie Bikesharing, Leasing und digitaler Technologie versteht. Damit sprechen wir nun mit einer wirklich starken Stimme für die gesamte Branche in Brüssel.
Die Ursprünge der beiden Verbände waren sehr verschieden: Die CIE kam eher aus dem Bereich der Mobilitätspolitik, während die CONEBI klassische Industriepolitik und Regulierung betrieb. Werden diese beiden Aspekte in der neuen ECI gleichberechtigt nebeneinanderstehen?
Absolut, beide Seiten sind in unserer Struktur gleich gewichtet. Wir haben zwei zentrale Gremien: Das »Industry Growth Committee« führt die Arbeitsgruppen der ehemaligen CIE fort, während das »Product Legislation Committee« die technischen und regulatorischen Themen der CONEBI übernimmt. Auch unser Vorstand ist paritätisch besetzt, mit jeweils sieben Vertretern aus beiden Lagern. Natürlich entwickeln sich Themen mit der Zeit, aber grundsätzlich behalten wir sowohl die Mobilitätsaspekte als auch die technischen Industriefragen gleichermaßen im Blick.
Die Mitgliederstruktur der ECI ist nun ziemlich gemischt: Es gibt nationale Verbände, für die ECI der europäische Dachverband ist, aber es gibt auch direkte Unternehmensmitglieder wie Pon.Bike, Decathlon und Bosch. Ist das für einen europäischen Dachverband ein gängiges Modell?
In Brüssel gibt es alle erdenklichen Strukturen. Es gibt reine Dachverbände nationaler Organisationen, sogenannte Föderationen, und Verbände, die ausschließlich aus Direktmitgliedschaften von Unternehmen bestehen.

Paul Walsh ist ein Profi auf dem Brüsseler Verbandsparkett mit Erfahrungen unter anderem aus der Luftfahrtbranche.
Wir nutzen eine Kombination aus beidem, was durchaus üblich ist. Derzeit haben wir bereits über 100 Unternehmensmitglieder, aber wir sehen hier definitiv noch deutliches Wachstumspotenzial und planen,
diesen Bereich weiter auszubauen.
Ein Großteil der Radverkehrspolitik – insbesondere der Infrastrukturausbau – findet auf kommunaler Ebene statt. Je höher die politische Ebene, desto geringer scheint der direkte Einfluss. Welche Hebel haben Sie auf europäischer Ebene in Brüssel überhaupt, um die Infrastruktur vor Ort zu verbessern?
Die »European Declaration on Cycling« war ein wichtiger Meilenstein, da sie den Rahmen schafft, in dem die EU die Mitgliedstaaten zu mehr Radverkehr ermutigen kann. Ein entscheidender Hebel ist dabei die Finanzierung. Wir müssen sicherstellen, dass es spezifische Fördermittel für den Radverkehr gibt oder dass bestehende Töpfe diesen priorisieren. Zudem müssen die Mitgliedstaaten nun nationale Strategien mit mess-baren Kennzahlen vorlegen, was zu einer stärkeren Harmonisierung führt. Auch wenn die Entscheidungen oft lokal getroffen werden, kann die EU so durch ihre Anreize einen maßgeblichen Rahmen setzen.
Gibt es denn bereits genügend Fördermittel für den Radverkehr in Europa?
Genauso wichtig wie die Forderung nach mehr Geld ist die Tatsache, dass die vorhandenen Mittel auch tatsächlich genutzt werden. Das erfordert eine bessere Koordination zwischen der Industrie, den Kommunen und den lokalen Behörden bei der Einreichung von Projektvorschlägen. Wir wollen eine Brücke schlagen: Unsere nationalen Industrieverbände müssen eng mit zivilgesellschaftlichen Organisationen wie der ECF (European Cyclists‘ Federation) zusammenarbeiten. Nur wenn alle Akteure über die verfügbaren Finanzierungsmechanismen informiert sind und gemeinsam Anträge stellen, schöpfen wir das Potenzial voll aus.
»Wenn man für das Fahrrad lobbyiert, stehen einem viele Türen offen.«
Paul Walsh, ECI
Sie sind seit Mai 2025 im Amt und waren zuvor in anderen Branchen tätig, etwa in der Luftfahrt. Was ist Ihr wichtigstes Learning aus Ihrem ersten Jahr in der Fahrradindustrie?
Was mich beeindruckt hat, ist der Reichtum an Argumenten. Wenn man für das Fahrrad lobbyiert, stehen einem viele Türen offen, weil man neben dem industriellen Wachstum und Arbeitsplätzen auch Umweltvorteile, gesundheitliche Aspekte und die Lebensqualität in Städten anführen kann. In anderen Branchen geht es hingegen fast ausschließlich um Wettbewerbsfähigkeit und BIP-Wachstum.
Doch genau hier sehe ich auch eine Herausforderung: In der Vergangenheit ist das rein industrielle Argument – also die Bedeutung der Fahrradproduktion als europäischer Wirtschaftsfaktor – manchmal hinter den ökologischen und sozialen Argumenten zurückgetreten. Ich möchte das Gespräch umkehren: Wir müssen zuerst über die Sicherung einer starken europäischen Industrie, über Innovation und industrielles Wachstum in Europa sprechen. Die ökologischen und gesellschaftlichen Vorteile kommen dann als großartiger Zusatz obendrauf. Wir müssen verdeutlichen, dass Europa der Weltmarktführer bei Fahrradinnovationen bleiben muss. //
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