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Report - Urbane Fahrradmode

Bikewear City Berlin

Berlin hat die höchste Dichte an Mode-Unternehmen in Deutschland. Die Stadt steht bei Lifestyle-Anhängern für die Trends von morgen. Auch im urbanen Radbekleidungs-Bereich? Wir haben zwei kleine, aber innovative Unternehmen besucht.

Berlin zur Zeit der Modemesse Fashion Week – Hauptveranstalter: Mercedes Benz – in den Abendstunden. 14-Meter-Limousinen besetzt mit Models, Designern und Geldgebern gleiten durch die breiten Boulevards der Stadt. Schillernde Sterne und Sternchen, Champagner, Glamour, Pomp und Achtzylinder-Bollern überall.
Tages darauf, in den Kiezen, fernab von Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, zeigt sich eine andere Realität, weitgehend ohne Stretchlimos und schwarze Edel-Audis. Das Blech auf den Straßen glänzt erheblich weniger. Auffällig ist dagegen ein hoher Radverkehrsanteil in dieser Stadt der weiten Wege. Trotz Kopfsteinpflaster und deutlichem Mangel an geeigneter Verkehrsführung. Und: Eine Dreiviertelstunde zur Arbeit innerhalb Berlins ist normal. Da ist ans Radfahren angepasste Kleidung sinnvoll. Doch Menschen in Sport-Funktionskleidung sieht man selten. Das liegt auch daran, dass der Berliner an sich, wie gesagt wird, knallige Farben nicht schätzt. Wie man durchaus feststellen kann, wenn man sich in der Stadt umsieht.

Eleganz und Bike zusammenbringen

»Der Bedarf an funktioneller Kleidung fürs Rad ist da«, sagt die Designerin Tanja Krüger vom Unternehmen Formatoren ( www.formatoren.de ). »Aber es gibt noch viel zu wenig Angebot an Bekleidung, die dazu auch noch schick und alltags- oder Business-tauglich ist.« Dem will Sie abhelfen, zusammen mit ihrem Kollegen Malte Hassenstein, der nebenher auch Möbel und Interieur entwirft. Zum Beispiel mit der Rose: Diesen Namen haben die beiden einer selbst entwickelten Mischung aus Rock und Hose gegeben. »Sie erlaubt es Frauen endlich, mit Rock elegant Fahrrad zu fahren«, so Krüger, die auch als Grafikerin für einen Fernsehsender arbeitet. Richtig fein sieht die Rose aus: Von vorn wie ein schmal geschnittener Bleistiftrock im klassischen Stil der 60er Jahre. Hinten gleicht er bei genauem Hinsehen einer Kniebundhose. Elegant eben, aber auch zeitlos. Genau dies soll der Markenname Schnieke – Berlinerisch für chic, elegant – auch zum Ausdruck bringen. An der Vorderseite sorgt eine mittige so genannte Kellerfalte bis zur halben Rockhöhe für Bewegungsfreiheit, der Stoff verläuft aber tatsächlich in einer Bahn. Dabei ist es bestens um die Fahrrad-Funktion des feinen Stücks bestellt: Selbstredend gibt es im Schritt keine Naht, der »Hosenboden« ist separat eingesetzt, wo nötig werden Funktionsmaterialien wie Coolmax verwendet.

Die feine englische Art

Die Materialien der Formatoren liegen im Trend: Echter Tweed aus England ist für die feinsten Modelle aus dem Hause Schnieke selbstverständlich. »Die klimatisierende Funktion von Woll-Materialien reicht hier voll aus«, meint die Designerin. »Bei uns geht’s nicht um Sportlichkeit, Schnieke steht für zügigen Alltag auf dem Rad«, fügt Hassenstein hinzu.
Für die Sitzhaltung auf dem Bike sind auch die Ärmel der zur Rose passenden Kostümjacke und deren Rückenteil länger geschnitten. Dort öffnet sich in Radhaltung eine ansonsten fast unsichtbare Falte und gibt dem gebeugten Oberkörper mehr Platz. Praxistauglichkeit überall: Die Tascheneingriffe sind schräg geschnitten, sodass sie auch bei sportlicher Haltung nicht aufklaffen oder gar etwas herausfällt. Und der schick-schnieke Kragen lässt sich als Windschutz hochklappen.
Die Formatoren fertigen die ersten Muster grundsätzlich selbst – und zwar in real. »Computer sind dabei zweite Wahl«, erkärt Hassenstein, »wir können den Menschen und die Radfahr-Haltung damit nicht authentisch simulieren«. Ein angemessener Nähmaschinenpark ist dazu vorhanden, das handwerkliche Geschick auch. Die weitläufige Atelieretage mit etwa 300 Quadratmetern teilen sich die beiden mit etwa zehn anderen Kreativen. Sie liegt in einem riesigen Industriebau vom Beginn des letzen Jahrhunderts, dritter Hof, zweiter Treppenaufgang – eine stilechte Szenerie, wie es sie vielleicht nur noch in Berlin-Wedding geben kann. Das Tweedkostüm wird derzeit bei einem Partner in Berlin gefertigt, Jacke und Rose aus anderen Materialien werden auch in der Türkei genäht. »Aber es ist sehr schwierig, für geringe Stückzahlen Produktionsorte zu finden. Das hat manchmal auch finanzpolitische Gründe: In der Türkei dürfen zum Beispiel nur Stoffe aus dem eigenen Land verarbeitet werden«, erklärt Hassenstein. Aber auch schon die Stoff-Beschaffung ist extrem schwierig. Wer nicht gleich tausende von Metern kauft, hat schlechte Karten – und das schiebt die Preise nach oben. Derzeit erhält man die Tweedjacke bei Schnieke für 700 Euro; dafür bekommt frau ein sehr individuelles, elegantes Kleidungsstück. »Wir werden die Preise in Zukunft aber deutlich nach unten korrigieren können«, ist sich Krüger sicher. Und außerdem gibt es die Modelle ja noch in anderen Materialien.

Sicherheit mit Stil

Aber es gibt noch ganz andere Bikewear-Produkte aus dem schnieken Hinterhaus: Damenstrümpfe mit einer feinen Ziernaht an der Hinterseite, die sich bei Dunkelheit als raffinierter Reflektorstreifen entpuppt – wofür die Formatoren sogar eine eigene Maschine zum Verschweißen der Reflektor-Partikel entwickelten. Diese Madame Blitz gibt es in diversen Berliner Boutiquen zu kaufen. Detailverliebtheit zeigt sich auch an den reflektierenden Knöpfen der Jacken: Das spezielle Reflexmaterial wird per Hand übergezogen.
Nicht zu vergessen der Cyclonaut: Der Lifestyle-Helm, der 2013 auf den Markt kam, wurde in diesem Berliner Hinterhof zusammen mit Abus entwickelt. Eine tolle Geschichte für sich: »Wir wandten uns nicht zufällig an Abus: Für uns war wichtig, dass es ein Helmhersteller ist, der schon eine gewisse Nähe zum Alltagsrad hat und nicht nur für Sportler da ist.« Für Abus war es laut Schnieke ein Präzedenzfall, sich kreative Mitarbeit von außen zu holen und Urban Lifestyle quasi ganz authentisch ins Produkt mit hineinzubringen. »Und wir konnten enorm viel bei dieser sehr angenehmen und effektiven Zusammenarbeit lernen«, so die fahrradbegeisterte Designerin Krüger, »zum Beispiel, wie unglaublich viel man bei einem sicherheitsrelevanten Produkt beachten muss. Optisch haben wir uns von der klassischen Schiebermütze inspirieren lassen«, erzählt sie. Den Cyclonauten gibt es in verschiedenen Designs. Und in puncto Styling passt er perfekt zum Schnieke-Kostüm . »Eleganz ins Fahrradfahren bringen« ist schließlich die allumfassende Devise von Schnieke.

Was auf die Ohren

Eine andere Kopfbedeckung gibt es dagegen bei Dress to Move (DTM) nahe Kottbusser Damm in Berlin Neukölln: Denise Puri hat eine Winter-Mütze für Radfahrer entwickelt. Sie sieht auf den ersten Blick nicht viel anders aus als andere Strickmützen. Dickes Wollgarn, verschiedene Größen, individuelle Muster. Doch unter der Wolle ist ein Fleece-artiger Stoff, der auch bei Minustemperaturen warm hält und dafür sorgt, dass der kalte Berliner Wind nicht durchpfeift. Das Entscheidende: Die Mütze hat im Nackenbereich eine Aussparung, hier werden einige Zentimeter Material eingespart. Der Grund: Bei geradem Mützenschnitt sitzt die Mütze nur dann richtig, wenn kein Schal oder Kragen im Nacken sie nach oben drückt – vor allem in gebeugter Fahrradhaltung ist das typisch. Der schöne Effekt der Aussparung von Puris Mützen ist: Sie bleiben auch bei Schalträgern im Nacken und – noch wichtiger – infolgedessen auch über den Ohren.
Auch bei Dress to Move arbeiten zwei Kreative nachhaltig an der Urbanisierung der Fahrradmode. Puris Partner Klaus Bortoluzzi ist ursprünglich Landschaftsarchitekt und kümmert sich vor allem um die Stoffbeschaffung und das Kaufmännische. Kreative und Künstler mit vielerlei Talenten sind sie beide.

»Klugheit, die in den Händen steckt«

Der vordere Raum des Ateliers ist zugleich ein Ausstellungsraum, der regelmäßig von anderen Künstlern angemietet wird. Ein Haus weiter gibt es noch das Büro der beiden. »Wir leben zu hundert Prozent von Kunst und Kreativität«, strahlt Denise Puri stolz. Und schon die Fassade des Hauses an der Reuterstraße erzählt davon, dass hier Fantasie groß geschrieben wird. Puris eigener Schaffensdrang scheint sich ohnehin gar nicht bremsen zu lassen. Unter anderem malt und zeichnet sie sehr viel, wie ihr Angebot im Laden zeigt. Die gesamte Produktion von Dress to Move entsteht in ihren Händen. Das ist auch eine taktische Entscheidung: »Ich schätze einfach das Unikat zu sehr. Alles, was man bei mir kauft, ist individuell. 100-mal dieselbe Jacke in zig Größen machen zu lassen, das würde mir nicht gefallen.« Natürlich hat sie trotzdem praktisch alle Modelle laufend in ihrem Laden hinter der Galerie in mehreren Größen. Also neben den Mützen, fahrradtaugliche Jacken, Mäntel und sogar warme Wintershirts für drunter. Nicht zu vergessen – Hosenröcke! »Die laufen am besten«, sagt sie über das Bike-Bekleidungsstück mit dem Dress to Move 2011 aus der Taufe gehoben wurde. Ähnlich wie bei Schnieke sind an dem halblangen Rock erst auf den zweiten Blick die Hosenbeine zu erkennen. Auch hier wird Bekleidung durch einen eigenen Ergo-Schnitt – hinten höher, vorne tiefer – ans Radfahren angepasst. Puri verzichtet weitgehend auf Funktionsmaterialien. »Die Materialien sind eher Lowtech, von Tencel einmal abgesehen«, sagt sie, »die Funktion kommt durch den besondern Schnitt und für den zügigen Alltagsradler ist die Atmungsfunktion eigentlich ausreichend.« Trotzdem gibt es bei ihr auch Regencapes mit Schöller-Membranen, doch Wollstoff-Produkte sind in der Mehrzahl. »Für den Business-Alltag sind sie besonders praktisch, man muss sie nicht bügeln«, so Puri. Und man legt auf natürliche und ökologisch verträgliche Materialien großen Wert. Das Nähen, erzählt sie, hat sie schon mit elf Jahren angefangen. »Und ich glaube an die Klugheit in den Händen, die wächst und wächst, wenn man sehr lange ein Handwerk betreibt.« Wohl deshalb gibt sie auch Integrationskurse für Frauen mit Migrationshintergrund, »das funktioniert super, die kommen ganz einfach, um Nähen zu lernen; der pädagogische Effekt läuft ganz automatisch mit.«

Paris ist chic, London stylisch, Berlin cool

Bortoluzzi musste erfahren, dass der Stoffeinkauf eine heikle Angelegenheit ist. »Der Bekleidungsmarkt ist gnadenlos – beim Einkauf zählt die Größe des Unternehmens beziehungsweise der Abnahme, und wir sind nun mal so klein wie wir sind.« Da gibt es aber noch das Netzwerk von Frau Puri, die gelernte Kostüm- und Bühnenbildnerin. Und so erzählt sie davon, wie sie gelegentlich Stoffe auftreiben kann, die beispielsweise 1980 gekauft, aber nie verwendet wurden. Eine echte Fundgrube.
Bei DTM gibt es immer einige Bahnen auf Reserve, und wer in der Reuterstraße vorbeischaut und ein Kleidungsstück bestellt, kann sich oft den Stoff dafür aussuchen. Klassiker wie Flanell oder Loden sind bei den radelnden Frauen besonders beliebt, Puri selbst schätzt aber auch Vintage-Stoffe.
Jacken und Hosenröcke von Dress to Move sind keine Mode im Sinne des Dernier Cri. »Ich mag das, wenn Sachen klassisch sind, sodass man sie länger als nur ein Jahr tragen kann, ohne altmodisch zu wirken. Das ist hochwertige Alltagskleidung, mit der man aber gut angezogen ist, nicht so leger wie beispielsweise mit einem Parka.« Und, ganz wichtig für Puri: »Die Frauen, die so etwas brauchen, sollen es sich auch leisten können!« 85 Euro kostete ein Hosenrock bislang bei DTM, allerdings werden die Preise 2014 etwas anziehen. Gut nachvollziehbar, immerhin arbeitet Puri an einem Mantel anderthalb Tage – Materialbeschaffung nicht eingerechnet.

Mit Kunst das Zielpublikum erreichen

Werbung machen die beiden nicht. Oft haben die Kunden durch Mundpropaganda von den Dress to Move-Produkten erfahren. Aber nicht nur: Jeden Monat gibt es im Ausstellungsraum eine Vernissage, und mit den vielen verschiedenen Künstlern kommen viele verschiedene potenzielle Kunden in den Laden. Außerdem nehmen die beiden auch an Festivals teil – »da sind dann 1000 bis 2000 Leute an einem Wochenende hier«, erzählt Brotolucci. Und interessanterweise ist das eine sehr heterogene Klientel, aber viele davon haben eines gemeinsam: Sie sind Alltags-Radfahrer.
Diese Selbstläufer-Kundenakquise reicht für DTM voll und ganz aus. »Wir sind sehr entspannt damit, wie sich unsere Produkte entwickeln«, so die Radmodemacherin. »Wir wollen hier ja kein Imperium aufbauen.«

Berliner Schick statt Schnickschnack

Egal ob für die extravagant-elegante Radfahrerin mit Chefgehalt oder für die praktisch veranlagte, stilbewusste Alltagsradlerin mit klassischem Anspruch: In Berlin entsteht fernab der großen Mode-Labels nicht nur eigenständige Fahrradmode, diese Bike-Bekleidung könnte für Pendler und Alltagsfahrer in puncto Individualisierbarkeit und Nachhaltigkeit sogar richtungsweisend sein. Wir gehen jedenfalls demnächst auf die Suche nach einem exklusiven Herren-Radbekleidungsschneider.

24. Februar 2014 von Georg Bleicher
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