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Das Zubehör fühlt mit
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Report - Smartes Zubehör

Das Zubehör fühlt mit

Effizienter trainieren und gesünder leben einfach dadurch, dass man sich etwas Bestimmtes anzieht? Das ist nicht die Zukunft, sondern bereits jetzt schon Realität, wenn man die Entwickler von smarter Bekleidung und vernetzten Accessoires fragt.

Bei der sportlichen Ausfahrt mit dem Rennrad misst das Trikot die Herzfrequenz, beim Pendeln ins Büro dudelt im Fahrradhelm über Bluetooth die Lieblingsmusik vom Handy auf einem integrierten Lautsprecher, über die Fernbedienung am Lenker lassen sich Anrufe tätigen und fürs Schloss braucht man weder einen Schlüssel noch muss man sich eine Zahlenkombination merken. Auf- und zugesperrt wird mittels App, die auch gleich noch Alarm auslöst, wenn jemand versucht, das Rad zu knacken. Das klingt wie aus einem James-Bond-Film, ist aber Realität.
Vor etwa drei Jahren rückten Smart Clothes, also intelligente Kleidung, in die öffentliche Wahrnehmung. Damals hatten laut einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom 25 Prozent der Befragten theoretisch Interesse an solch schlauer Sportswear, die mit Sensoren, Touchpanels und intelligenten Fasern ausgerüstet ist. In der Praxis ist deren Anteil am Wearables-Gesamtmarkt, so eine Studie der kalifornischen Berkeley Universität, mit nur einem Prozent noch ziemlich klein, der Bereich schlauer »Mitnehmgegenstände« insgesamt aber satte 28 Milliarden US-Dollar schwer. Egal, ob Trikot, Helm, Schloss oder Uhr – intelligent vernetzte Technologien sind gefragt. Immer mehr auch im Sport- und Gesundheitsbereich. Aus Verbrauchersicht beruht dieses Interesse zunächst auf ganz pragmatischen Gründen, denn: »Im Grunde ist das Ziel smarter Technologien, das Leben einfacher, sicherer, gesünder und komfortabler zu machen«, sagt Marius Janta. Er ist Senior Project Manager bei Wearable Technologies in Herrsching bei München, einem Unternehmen, das seit 2006 unter anderem Firmen in puncto tragbarer Technologien und Digitalisierung berät und auch selbst Gesamtsysteme (Plattformen, Nutzerschnittstellen/API’s und Sensorennetzwerke) entwickelt und implementiert. Er sieht den Nutzen smarter Technologien im Bereich Bekleidung und Accessoires darin, dass der »eigentliche Zweck von Alltagsgegenständen durch neue Funktionen erweitert« wird. Meist geschieht das über elektronische Komponenten und Datenübertragungstechnologien, die Informationen über tragbare (Wearables) oder integrierte Systeme (Embedded Systems) und deren Nutzerschnittstelle an den Träger übermitteln. Das heißt: Ist lediglich das Jackendesign für beispielsweise ein integriertes Kopfhörerkabel oder eine wasserdichte Tasche fürs Smartphone angepasst, ist das zwar praktisch, aber noch kein smartes Trikot.
Daran, Textilien intelligent zu machen, tüfteln derzeit nicht nur dutzende Start-ups. Auch Institute wie die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich, die Technische Universität Eindhoven oder Eurac Research in Bozen forschen im Bereich Wearable Technologies. Letztere arbeiten mit dem Radbekleidungshersteller Q36-5 gerade an Bikewear, die einerseits mittels eines »verkabelten Prozessors in der Lage ist, das Niveau des Komforts während des Radfahrens zu erkennen, andererseits über ein drahtloses System Daten für die Nachbearbeitung sammelt, die am Ende abgerufen werden können«, erklärt Wissenschaftler Abraham Mejia das Projekt, an dem er gerade arbeitet. Oder, anders ausgedrückt: Das System soll erkennen, dass der Radfahrer überhitzt oder unterkühlt ist, noch bevor er es selbst merkt. Solche Erkenntnisse könnten mittel- bis langfristig Bekleidungsherstellern dabei helfen, bessere Trikots und Hosen zu entwickeln, aber auch die Radfahrer selbst unterstützen, indem das System Vorschläge macht, welche Bekleidung sich für die Fahrt am jeweiligen Tag am besten eignet.
Sogar Suchmaschinenriese Google interessiert sich für smarte Bekleidung: Im Zuge seines »Jacquard Projects« hat das Unternehmen zusammen mit dem Modelabel Levi’s eine Jeansjacke mit Touchärmel entwickelt, über den der Träger sein Smartphone bedienen kann, auch wenn er gerade auf dem Rad unterwegs ist. Athos aus Kalifornien stattet seine Sportbekleidung mit Sensoren aus, die die Muskelaktivität messen und die Tops von Hexoskin aus Kanada ermitteln die Herzfrequenz und bewerten auch gleich noch, wie intensiv das Training war und wie viel Schlaf ihr Träger bekommen hat. Außerdem verbinden sie sich via Bluetooth direkt mit iPhone oder Android.
»Die Möglichkeiten smarter Textiltechnologien sind zurzeit kaum begrenzt. Es werden ständig neue Ideen und mögliche Trends vorgestellt«, weiß Sebastian Zeller vom Institut für Bewegungs- und Neurowissenschaften der Deutschen Sporthochschule Köln. Er hat diverse Tests mit Funktionsbekleidung durchgeführt und kennt den Markt und dessen Entwicklung. Er sieht Potenzial in den schlauen Stoffen – allerdings momentan noch nicht in der Breite: »Die immer noch hohen Anschaffungskosten und die Haltbarkeit sind aktuell noch ein Hinderungsgrund für Hobbysportler und Endverbraucher. Zudem liegt deren Fokus zurzeit auch in der Nutzung von Smartwatches, deren Funktionen stets erweitert werden«, so Zeller. Immerhin wissen laut Untersuchung der US-Uni Berkeley 86 Prozent, dass es Smartwatches gibt, aber nur 20 Prozent kennen Smart Garments. Vielleicht, weil es derzeit häufig noch an der Alltagstauglichkeit von schlauen Stoffen hapert. Die Verbindung von Technik und Textil stellt die Entwickler auch vor neue Herausforderungen. Die Waschbarkeit ist zum Beispiel ein Problem, das die Hersteller lösen müssen. Und auch, die elektronischen Komponenten ähnlich belast- und dehnbar zu machen wie Baumwolle oder Polyester ist nicht einfach.

Helme: Schutz und Steuerzentrale

Herausforderungen, mit denen sich Hersteller von Helmen nicht auseinandersetzen müssen. Entsprechend floriert der Markt für smarten Kopfschutz. Poc hat zum Beispiel 2013 den ICEdot in seine Helme integriert, ein System das über Sensoren einen Sturz registrieren und mittels App Hilfe verständigen kann.
Cratoni hatte mit dem C94 ebenfalls schon sehr früh einen smarten Helm im Programm. Dieses Jahr stellte ­Cratoni dessen Nachfolger vor, den »Smartride«, der sich mit dem Smartphone koppeln lässt und der ebenfalls einen Crash Sensor hat. Aber nicht nur: Der Helm verfügt über Blinker, Lautsprecher, Sprecheinrichtung und lässt sich über eine Fernbedienung am Lenker sowie über App steuern. Musikhören, Telefonieren – Cratoni macht den Helm zu einer Multifunktionszentrale. Die in erster Linie natürlich immer noch schützen soll. »Smarte Technologien, wie unter anderem unser Crash Sensor, sind in puncto Sicherheit eine große Weiterentwicklung. Im Notfall wird automatisch Hilfe zum aktuellen Standort angefordert, selbst wenn man nicht mehr in der Lage dazu ist«, sagt Produktmanagerin Viktoria Buchmann. »Selbstverständlich empfehlen wir, dass der ­Nutzer die Lautstärke von Musik/Telefongesprächen immer so wählt, dass er in der Lage ist seine Umgebung wahrzunehmen.«
Ähnliche Produkte offerieren die Start-ups Livall mit dem BH51M Helmetphone, ein Helm mit Bluetooth­verbindung zum Smartphone, Notruf, Navi-Ansage und LED-Beleuchtung oder Lumos, deren Helm via Crowdfunding finanziert wurde und dessen LEDs über AppleWatch und Handbewegung zu Blinkern oder Bremslicht werden sowie die Fahrdaten gleich in Strava oder Apple Health einpflegt.

Schlösser: Sicherheit ohne Schlüssel

Bei den Fahrradschlössern finden sich ebenfalls immer öfter smarte Technologien. Zwar ist vieles noch »schlaue Theorie«, doch besonders auch durch den Boom bei den E-Bikes, die prinzipiell sowieso Strom an Bord haben, eröffnen sich neue Möglichkeiten der Wegfahrsperre. Nachdem sich diverse Start-ups an digital bedienbaren Schlössern versucht haben, ziehen nun auch Hersteller wie Trelock oder Abus nach. Erstere stellten dieses Jahr das »Smartlock SL 460« vor, ein Fahrradschloss, das per Smartphone-App entriegelt wird und »hohen Bedienkomfort mit dem bekannten Sicherheitsniveau« kombinieren soll.
»In erster Linie muss auch ein smartes Fahrradschloss nach wie vor mechanisch sicher sein«, bestätigt Torsten Mendel von Abus. Deshalb startete der Hersteller zunächst mit einer cleveren, aber mechanischen Lösung und stattete in der vergangenen Saison das Fahrradschloss »Bordo« mit einer Alarmfunktion aus, eine Technik, die sich bereits seit vielen Jahren im Segment der Motorradschlösser etabliert hat. Ein 3D-Sensor nimmt bei dieser smarten Technologie Erschütterungen und kleinste Bewegungen wahr und löst einen 100 Dezibel lauten Alarm aus. Das ist ungefähr so laut wie eine Motorsäge und sicherlich abschreckend. Aber noch nicht »smart« im Sinne von »keyless«. Ein solches Modell stellte Abus dann dieses Jahr mit dem Bügelschloss »770A SmartX« auf der Fachmesse Eurobike vor. Es wird per App und Bluetooth-Verbindung geöffnet und geschlossen, auf Wunsch von mehreren Handys aus. Diese Sharing-Option macht das Schloss besonders attraktiv für Familien, Freundeskreise oder Fahrradverleiher. Für den Fall, dass das eigene Smartphone mal keinen Akku mehr haben sollte, müsste dieses kurz nachgeladen werden. Denn »wir haben zwar ein Kunden-Servicecenter, das bei Problemen hilft. Von extern können wir dieses Schloss aber ebenso wenig öffnen wie ein herkömmliches«, erklärt Torsten Mendel. Dass sich Abus trotz aktiver Nachfrage seitens der Konsumenten bis 2018 Zeit gelassen hat, um ein Smart Lock fürs Fahrrad zu präsentieren, liegt auch daran, dass das Unternehmen das Schloss erst wirklich auf einem marktreifen Niveau haben wollte und dies durch ausgiebige Forschungs- und Entwicklungsarbeit und umfangreiche Tests sicherzustellen versuchte. Dass das Smart Lock herkömmliche Fahrradschlösser irgendwann komplett verdrängen könnte, glaubt Torsten Mendel trotz gestiegener Nachfrage nicht. Je nach Anwendungszweck und Preissegment werden rein mechanische Schlösser nicht vollends vom Markt verschwinden. Allerdings, so Mendel, werden digitale Produkte die Produkte der Zukunft sein.
Das sieht auch Marius Janta von Wearable Techno­logies ähnlich im Bereich Bekleidung. Er geht davon aus, dass smarte Hardware wie Fitnessarmbänder und Smart Garments sich nicht verdrängen, sondern ergänzen und je nachdem, wo »es praktisch Sinn ergibt, eingesetzt werden.«

Die Chancen smarter Parts

Sinn, hier sind sich die Experten einig, ergeben smarte Lösungen zumindest im Bekleidungsbereich aktuell hauptsächlich noch lediglich im medizinischen und Profisportbereich. »Für die breite Masse werden die Daten noch nicht verständlich genug aufbereitet, sodass sie nicht aussagekräftig und damit von Nutzen für den Anwender sind«, erklärt Sportwissenschaftler Sebastian Zeller. Aber auch, wenn das Segment momentan noch klein ist, ist es auch eines, das sich immer weiter und teils sehr schnell entwickelt. Hürden wie Energiever­sorgung, Waschbarkeit und Haltbarkeit werden immer ­besser gelöst, so dass der Kundenanspruch an Prakti­kabilität immer besser erfüllt wird, ist Marius Janta überzeugt. Es lohnt sich also, den Bereich der smarten Bekleidung und Accessoires aufmerksam zu verfolgen. Schon allein, weil mit wachsender Präsenz solcher Technologien die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Kunden im Verkaufsgespräch aktiv danach fragen.

15. Oktober 2018 von Carola Felchner

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