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Ob in der sportlichen Gruppe im Gelände oder beim entspannten Radeln – Bikes mit Motor bieten Touristen am Ziel neue Möglichkeiten.
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Report - E-Bike-Tourismus

E kommt auf Touren

E-Bikes als Tourismustreiber: Die Vorzüge elektrifizierter Räder lassen sich nutzen, um Gäste auf neue Wege zu locken, neue Zielgruppen anzusprechen und neue Wertschöpfung zu erzielen. Das haben auch die Hersteller längst erkannt – und fördern den Tourismus.

Mag sein, dass man bei der Begriffspaarung »Fahrrad« und »Mallorca« zunächst reflexhaft an sportliche Rennradler denkt. Doch im Hotspot für Trainingslager an der Bucht von Alcudia gedeiht jetzt auch das touristische Angebot mit Motorantrieb. »Die Nachfrage ist sehr groß«, sagt Marco Lindemann, der gemeinsam mit einem Geschäftspartner im Vorjahr das »E-Bike Center Mallorca Nord« ins Leben rief. Dort, in Can Picafort, halten die beiden 36 Räder mit Motor für Kunden bereit, sowohl Komfort-Tourenräder als auch Mountainbikes. Für Lindemann ist der Einstieg in den touristischen E-Bike-Verleih eine logische Konsequenz.
Seit 15 Jahren bieten Lindemann und sein Geschäftspartner Etappen-Radreisen auf Mallorca an, traditionell mit 21-Gang-Trekkingrädern. Dass immer mehr Touristen bei solchen Fahrten gern Motorunterstützung hätten, merkte Lindemann an entsprechenden Anfragen. Und so ergab der Einstieg in die E-Mobilität schon Sinn, um dieser Zielgruppe etwas zu bieten. Doch darüber hinaus hat man mit dem »E-Bike Center Mallorca Nord« neue Kunden erreicht – und zwar ganz unterschiedlicher Couleur. Da sind die Partner oder Partnerinnen, die ihre sportlichen Angehörigen auf Mallorca begleiten möchten. Da sind die Tagesausflügler, die sich am Ziel spontan für eine Radtour entscheiden und dabei gern auf Unterstützung zurückgreifen. Und es gibt die Neugierigen, die beispielsweise für einen Tag auf die Bulls Six 50 E2-Mountainbikes steigen, um das einmal auszuprobieren. Lindemann ist sicher: Die Zahl von 36 Leih-Bikes wird rasch steigen.
Für den Tourismus sind Pedelecs und E-Mountainbikes ein spannendes Thema. Es gibt einen regelrechten Boom: Der Anteil der Personen, die im Radurlaub ein Pedelec nutzen, stieg zwischen 2011 und 2018 von 4 Prozent auf 18 Prozent – das ergab die ADFC-Radreiseanalyse. »Anspruchsvollere Destinationen werden so auch für Radfahrer zunehmend attraktiv«, fasst ADFC-Sprecherin Stephanie Krone zusammen.

E erweitert Zielgruppe

Die rasante technische Entwicklung im Fahrradmarkt bietet für Touristiker vielerlei Möglichkeiten, neue Kunden zu gewinnen und ihr Angebot zu erweitern. »Durch die Reichweite der E-Bikes hat sich das Alter sowie das Bewegungsfeld der Radler verändert«, erklärt Sarah Müllinger, Projektmanagerin Aktiv bei der Chiemsee-Alpenland Tourismus. Ihre Region hat einen guten Ruf in Sachen E-Bike-Tourismus, kein Wunder: Die Infrastruktur in dem bayerischen Idyll ist rasch gewachsen – auf der Basis einer anerkannten Fahrradtourismus-Destination. Heute gibt es hier 130 E-Bike-Tankstellen, 80 E-Bike-Verleihe, 20 zertifizierte Bett+Bike-Betriebe speziell für diese Zielgruppe. Schon seit Jahren widmen sich die Touristiker hier dem Trend – und erkannten etwa, dass die Anhänger an den Bussen der Chiemseeringlinie an die neuen Platzbedürfnisse der Touristen mit Motor am Rahmen angepasst werden mussten. Dazu macht man es den Touristen einfach: In allen Print- und Web-Publikationen sind Ladestationen vermerkt – das komme in der Branche gut an, sagt Müllinger.
Das Gute für Tourismus-Destinationen: Der Einstieg und der Erfolg im E-Bike-Tourismus ist keine Wissenschaft. Das war vor ein paar Jahren noch anders, als die Reichweite der Akkus vor allem enorme Anforderungen an die Lade-Infrastruktur stellte. Doch heute, wo die Räder mehr als 100 Kilometer ohne Nachladen kommen, haben sich viele Zweifel der Tourismus-Planer erübrigt.
Maren Hauke, Marketingleiterin bei dem auf touristische Gesamtlösungen spezialisierten Anbieter Movelo in Bad Reichenhall, weiß um die Kraft, die stärkere Akkus auch für den Fremdenverkehr haben: »Dank der modernsten Technik und der hohen Reichweiten ist das Movelo-Angebot regionsunabhängig umsetzbar. Miet- und Ladestationen können den Gästen unabhängig von einer E-Bike-Lade-Infrastruktur sowie einer touristischen Region das E-Biken anbieten.« So ist es heute denkbar, dass ein Hotel allein in guter Lage ein eigenes E-Bike-Angebot aufzieht – Movelo stellt die Räder, die Ladestation, kümmert sich um Logistik, Service, Versicherungen und auch Marketing.
Das Unternehmen gehört zu den Pionieren im Aufbau von E-Bike-Tourismusangeboten. Seit 2005 bietet Movelo seine Dienste für den Aufbau von E-Bike-Vermietungen an. Gerade in Regionen, die bereits als Raddestinationen etabliert sind, sei die Integration eines E-Bike-Angebots »ganz einfach«, sagt Hauke.
Das Unternehmen arbeitet mit Regionen zusammen, die sich erfolgreich als E-Bike-Ziele entwickelt haben, etwa das Berchtesgadener Land, die Olympiaregion Seefeld oder das Stubaital. Je nach E-Bike-Modell betrage die Investition zwischen 750 Euro und 1100 Euro pro Saison und Fahrrad, erklärt Hauke – und mindestens zwei Räder muss man bei Movelo buchen. Damit ist der Einstieg in den E-Bike-Tourismus auch kleinen Betrieben möglich, denn der Dienstleister kümmert sich um die komplette Abwicklung.
Das Unternehmen bietet auch ein Portal im Netz, das touristische Angebote für E-Biker bündelt: E-Bike Holiday. Dort finden Besucher Informationen über Mietstationen, Reiseangebote, Touren und Regionen. »Die Nutzerzahlen nehmen kontinuierlich zu«, sagt Hauke. Nicht nur Kunden von Movelo, die über das Unternehmen den Radverleih organisieren, sondern zunehmend auch andere Regionen ließen sich auf dem Portal listen. Man merke auch, dass immer mehr Nutzer nicht aus dem deutschsprachigen Raum kommen – und so gibt es das Angebot nun auch auf Englisch.

Hersteller werden Touristiker

Während Movelo an seinen Leihstationen Fahrräder der Derby-Cycle-Marken Kalkhoff und Focus anbietet, treibt auch die ZEG in Kooperation mit Bosch die touristische Vermarktung voran. Über das Internetangebot Travelbike finden die Nutzer Informationen über Zielregionen und die Möglichkeit, E-Bikes von Zemo, Bulls und Kettler sowie in Österreich von KTM zu mieten.
Für Bosch ist das Tourismus-Thema von großer Bedeutung, das Unternehmen engagiert sich in verschiedenen Kooperationen mit Tourismusregionen und Pilotprojekten zum Thema E-Bike-Reisen. »Mit solchen Angeboten möchten wir noch mehr Menschen auf das Pedelec bringen – und damit Interessierte, noch Unentschlossene oder vielleicht sogar Skeptiker erreichen«, sagt Tamara Winograd, Leiterin Marketing und Kommunikation Bosch eBike Systems. Die touristischen Angebote sind demnach eine gute Gelegenheit, um die technischen Produkte an mögliche Kunden zu bringen, ihnen das Fahrgefühl zu vermitteln und somit auch für den späteren Verkauf etwas zu tun. Das Engagement im Tourismus hat aber noch einen weiteren Aspekt, erklärt Winograd: »Neben dem Fahrerlebnis geht es uns aber auch darum, eine angemessene und nachhaltige Infrastruktur mitzugestalten« - mit Service, Wartung, Lade- und Verleihstationen, Routen und Guides. Da möchte sich Bosch als Marke platzieren – zumal es natürlich auch einen Wettbewerb unter den Herstellern gibt. Fest steht für Winograd: »Bei der Marktentwicklung wird der Tourismus sicherlich eine große Rolle spielen, denn die Nachfrage wächst.«

Gewaltiger Schwung

Wer sich unter Touristikern umhört, findet jedenfalls schnell Begeisterung. Etwa bei Michaela Zingerle, der Chefin des Hotelverbundes BikeHotel in Südtirol. Sie betont insbesondere den gewaltigen Schwung, den das E im Mountainbike-Sektor bringe. Zingerle und ihre Mitstreiter haben erkannt, dass sich dieses Segment ausbauen lässt – gerade auch wenn es um Einsteiger geht. Hier schnürt man Anfängertouren, führt in die Technik des E-MTB ein, organisiert Runden mit schönen Panoramastrecken. Dank des Antriebs kämen heute viel mehr Touristen auf Strecken, auf denen man vor ein paar Jahren noch allein unterwegs gewesen sei. Für Zingerle ist das noch kein Problem – die allgemeine Akzeptanz sei groß. Wichtig sei, dass es bei den BikeHotels Guides gebe, die den »Neo-Mountainbikern« bei der Fahrtechnik ebenso zur Seite stehen wie beim Umgang mit dem technischen Gerät – auch gibt es spezielle Broschüren und Touren für E-Biker. »Aus touristischer Sicht steckt das E-Mountainbike voller Chancen«, findet sie. Und die große Furcht, dass es gerade bei Fahrten über anspruchsvolles Gelände zu Akku-Engpässen kommen würde, habe sich auch nicht bewahrheitet. Denn: Die meisten Hütten und Gastronomiebetriebe, sagt Zingerle, stellten ihren Gästen reibungslos Strom zur Verfügung – weil sie derweil Essen und Trinken verkaufen können.

Urlaub wird digitalisiert

Nahezu euphorisch über die Chancen der E-Bikes im Tourismus zeigt sich Hans-Peter Engelhart, Leiter der Touristik-Information in Münsingen auf der Schwäbischen Alb und Projektpartner von Bosch. 2016 errichtete die Stadt in einem ehemaligen Kiosk am Bahnhof einen Radverleih, der sich als besonders zukunftsweisend herausstellen sollte. Da hatte Engelhart Bosch auf der Eurobike des Vorjahres als Partner bereits gewonnen. Eine halbe Million Euro steckte die Gemeinde in den Umbau – und schuf das neue »Mobilitätszentrum«. »Das ist nicht ein weiterer E-Bike-Verleih«, sagt Engelhart, »das ist etwas Besonderes«. Es gibt hier 25 Fahrräder – vom sportlichen Tiefeinsteiger bis zum Hardtail. Aber auch das ist noch nicht der Clou – vielmehr nutzen die Touristiker in Münsingen die digitale Technik konsequent, um das touristische Erlebnis zu fördern. Engelhart hat es der »Nyon« angetan, der Radcomputer von Bosch, der die touristischen Routen mit wertvollen Zusatzinformationen über Gastronomie und andere interessante Ziele verknüpft. Die Digitalisierung schlage im Tourismus extrem durch, hier gebe es viel Raum zur Entfaltung. »Das bringt enorm viel Wertschöpfung vor Ort«, sagt Engelhart.
Er sieht das, was die Touristen am Mobilitätszentrum in Münsingen erleben, in einem größeren Zusammenhang: »Hier wird das Radfahren neu erfunden.« Wer sich hier beraten lasse, wer das E-Bike für ein Erlebnis auf der Alb nutze, der werde sich womöglich davon auch für den Alltag anstecken lassen. »Es gibt ein extremes Bedürfnis nach Mobilität«, erkennt Engelhart – und sein Projekt biete eine Mobilität, die diesem Bedürfnis gerecht werde. Für die Touristiker vor Ort bedeutet das viel Denkarbeit, digitale Routen müssen gepflegt, die Technik auf Vordermann sein – aber es zahlt sich aus, davon ist Engelhart überzeugt. Und er bekommt auch die Rückmeldung aus der Branche. Immer wieder erkundigen sich Tourismus-Förderer aus anderen Regionen bei ihm in Münsingen. »Das ist ein Riesenthema«, sagt Engelhart.

4. Juni 2018 von Tim Farin
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