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Women in Cycling und IFH Köln:

Frauen bieten der Branche Wachstumspotenzial

Auf der Suche nach neuen Wachstumsimpulsen ergibt es für die Fahrradbranche laut einer neuen Studie Sinn, Frauen als bislang ungenutztes Wachstumspotenzial besser in den Blick zu nehmen. Auf der Eurobike wurde das Thema näher beleuchtet.

Indem die Branche weibliche Zielgruppen aktiviert, könnte sie bis 2030 zusätzliche Umsätze zwischen 520 Millionen Euro erschließen, bezogen auf den Fahrradmarkt inklusive Zubehör, Bekleidung und Service. Allein im Bereich Fahrräder soll das zusätzliche Potenzial bei bis zu 570 Millionen Euro liegen. Das zeigt eine Studie, die vor wenigen Tagen vom IFH Köln und Women in Cycling vorgestellt wurde. Katja Richarz, Projektmanagerin Customer Relationship & Retail First der Eurobike, erklärt: „Würden Frauen im Fahrradmarkt ein vergleichbares Konsumniveau wie Männer erreichen, ergäbe sich schon heute rechnerisch ein zusätzliches Marktvolumen von 3,3 Mrd. Euro.“

Laut der IFH-Prognose dürfte es für den Gesamtmarkt bis 2030 eine weitgehende Stagnation geben. Durch die stärkere Erschließung weiblicher Zielgruppen in diesem Segment solle ein zusätzliches Marktwachstum von zwei bis vier Prozent möglich sein. Frauen machen 51 Prozent der Bevölkerung aus, jedoch entfallen lediglich 38 Prozent des Umsatzes im Fahrradsegment auf weibliche Kundschaft. Bei Bekleidung und Reparaturen liegen die Anteile mit 28 beziehungsweise 32 Prozent noch niedriger. Daraus ergibt sich eine Summe von 4,46 Milliarden Euro, die Frauen anteilig am Gesamtmarktvolumen von rund 12,24 Milliarden Euro erwirtschaften.
„Die Fahrradbranche hat kein Nachfrageproblem, sie hat ein Zugangsproblem. Wer statt über Technik stärker über Sicherheit, Komfort und Alltagstauglichkeit spricht, erschließt erhebliches Wachstumspotenzial. Wer Frauen gewinnt, macht den gesamten Fahrradmarkt zugänglicher, verständlicher und wirtschaftlich erfolgreicher“, sagt Isabell Eberlein, Geschäftsführerin Velo_konzept, Gründerin von Women in Cycling Germany.

Mangelndes Interesse gebe es bei den Frauen nicht. Jedoch fühlt sich fast jede zweite Frau beim Radfahren im Straßenverkehr unsicher (49 Prozent). 56 Prozent sehen Sicherheit als wichtiges Kaufkriterium bei der Wahl eines Fahrrads. Bei Männern sind es nur 37 Prozent. Die Studie identifiziert Barrieren, die zwischen vorhandener Motivation und der tatsächlichen Nutzung stehen. „Wer den Markt vergrößern möchte, muss nicht nur Produkte weiterentwickeln, sondern das gesamte Ökosystem rund um das Fahrrad verbessern, insbesondere mit Fokus auf Infrastruktur und Sicherheit im Straßenverkehr, über Kommunikation und Marketing bis hin zu Beratung und Service“, so Eberlein.

Fünf Typen von Radfahrerinnen

Die Studie konnte auf Basis einer Clusteranalyse mit 1.000 Befragten fünf unterschiedliche Typen von Fahrradfahrerinnen identifizieren: von begeisterten Vielfahrerinnen („Passion Driven Riders“) über sicherheitsorientierte Alltagsfahrerinnen („Safety-seeking Riders“) bis hin zu serviceabhängigen Nutzerinnen („Service-oriented Riders“). Hinzu kommen die Typen „Inconsistent“ und „Low Involvement“.
Besonders relevant für die Branche sei, dass rund die Hälfte aller Frauen auf Segmente mit einem hohen Aktivierungspotenzial entfällt. Diese Frauen nutzen das Rad bereits oder wollen es häufiger benutzen.
Für die Branche selbst liegen die größten Hebel in verständlicher Kommunikation, niedrigeren Einstiegshürden, stärkerer Orientierung entlang der Customer Journey sowie einem konsequenten Fokus auf Sicherheit und reale Nutzungssituationen. Der Fachhandel ist dabei besonders wichtig. Frauen informieren sich überdurchschnittlich häufig über persönliche Empfehlungen, Beratungsgespräche und vertrauenswürdige Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner. Vertrauen, Orientierung und individuelle Unterstützung sind häufig wichtiger als technische Details. Es gelte seitens der Branche, Sicherheit stärker zu kommunizieren und den Fachhandel als Vertrauensanker zu stärken. Weiter sei es förderlich für die weibliche Kundschaft, Fahrrad, Zubehör und Service gemeinsam zu denken sowie Leasing sichtbarer und zugänglicher zu machen.

Eurobike-Panel mit weiteren Impulsen

Die Diskussion um Marktbarrieren wurde auf der Eurobike ebenfalls aufgegriffen, in einem von Isabell Eberlein moderierten Panel zu Frauen als Zielgruppe der Fahrradbranche. Mit dabei waren Amy Shih, Marketing-Leiterin von Nuvo, Vello-Mitgründerin Valerie Wolff sowie i:SY-CEO Jessica Schumacher.
Mit Blick auf den für Frauen entscheidenden Faktor Sicherheit sah Schumacher die Verkehrsinfrastruktur als wichtiges Handlungsfeld. Weiter sei es wichtig, Kundinnen auf Augenhöhe zu begegnen, auch im Fachhandel. Direkten Kontakt könne i:SY mit einem eigenen Show-Truck herstellen. „Frauen erschaffen bessere Produkte für Frauen“, sagte Schumacher und plädierte deshalb, den Frauenanteil in technischen Berufen noch gezielter zu fördern.
Nicht nur für weibliche Angestellte sei es mit Blick auf die Zielgruppe Frauen wichtig, sich Geschichten und Erfahrungen genau anzuhören, so Amy Shih. Für Frauen seien persönliche Empfehlungen ein wichtiger Faktor bei der Entscheidung zwischen verschiedenen Produkten, betonte sie zudem.
Für Valerie Wolff werde viel Potenzial dabei verschenkt, Produkte hinsichtlich ihrer Ergonomie auf Frauen zuzuschneiden. Weiter forderte sie die Branche dazu auf, die Produktnutzung wirklich zu verstehen, zuzuhören und inklusiv zu sein.

Inklusivität wurde bei dem Panel selbst im besten Sinne gelebt. Ein Stuhl blieb unbesetzt und Eberlein lud das Publikum auf, sich nach Wunsch auf der Bühne dazuzusetzen. Maria Boustead, Geschäftsführerin des New Yorker Fahrradtaschenherstellers Po Campo nutzte diese Gelegenheit sogleich und teilte Erfahrungen aus einem Unternehmen mit komplett weiblicher Belegschaft und 85 Prozent weiblichen Kundinnen. Boustead empfiehlt, Familien als Zielgruppen anzusprechen, Es sei aber auch wichtig, frauenspezifische Bedürfnisse abzubilden, was Po Campo zum Beispiel damit umsetzt, zumeist frauenspezifische Produkte wie Tampons oder Lippenstifte in die Bildsprache für ihre Taschen einfließen zu lassen. Hier sei es außerdem wichtig, nicht nur junge und fitte Frauen zu zeigen, sondern eine diversere Zielgruppe abzubilden. Weil Frauen unterwegs häufig eine Vielzahl an Gegenständen für sich und andere transportieren, seien Accessoires als Produktkategorie besonders wichtig.

Erfahrungen wie diese zu teilen und eine Community aufzubauen, lag Eberlein auf dem Podium am Herzen. Wer dies im Rahmen der Eurobike tun möchte, findet beim heutigen Frühstück von Women in Cycling an der Eurobike Stage von 9 bis 12 Uhr die Möglichkeit dazu.

Studienmethode

Für die Studie "Frauen -der unterschätzte Wachstumshebel” wurden Markt- und Umsatzanalysen des IFH Köln, Re-Analysen bestehender Verbraucher- und Mobilitätsstudien, qualitative Experten-Interviews mit Vertreterinnen und Vertretern aus Industrie und Handel sowie eine Clusteranalyse von 1.000 Frauen herangezogen. Die Studie lässt sich kostenfrei herunterladen

Heute um 06:18 von Sebastian Gengenbach

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