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Die Cyclingworld steigerte die Besucherzahl auf 20.000.
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Cyclingworld in Düsseldorf

Lifestyle wird Standard

Man kann es sehen wie man will: Das Fahrrad ist ein Imageträger geworden. Das kommt nicht zuletzt vom Erfolg des E-Bikes und daher, dass sich „Haben-Wollen“ bei florierender Wirtschaft immer mehr von „Brauchen“ abkoppelt. So wundert es auch nicht, dass Fahrradmessen wie die Cyclingworld in Düsseldorf

Die Cyclingworld steigerte die Besucherzahl auf 20.000.Eduard Krömer an der Feile: Messestand als WerkstattTechnibike: Hinter der Marke steht ein großer KonzernEinstimmung auf Ostern bei KMC/MessingschlagerNeuling aus Monaco will auch in Deutschland landen: StajveloE-Falter die Erste von Vello aus ÖsterreichE-Falter die Zweite von Ahooga aus BelgienMike Ehling und Thorsten Krüger vertraten Herrmans in DüsseldorfAitor Quesada präsentierte das Carmela von Oh!bike aus Spanien.

unter anderem Lifestyle-Messen sind – oder sein müssen. Wer kann sich heute noch eine Messe vorstellen wie es die Kölner IFMA damals war? Riesige Messeräume wie leere Bilderrahmen, Stände, die oft aus nicht mehr als ein paar Alu-Trägern bestanden, und einem Schild mit Markennamen.

Die Düsseldorfer Messe jedenfalls, die am 23. und 24. März in ihre dritte Runde ging, hat viele Aussteller präsentiert, die sich in einer lifestylig-wertigen Atmosphäre wie der Schmiedehalle des Areals Böhler wohlfühlten. 240 Aussteller waren es laut Messemacher Stefan Maly und Thorsten Abels. Um die 20.000 Besucher wurden vom Messeteam gezählt. Auf dem Testparcours, der Brose Demo World, fanden 3.000 Testfahrten statt. Wie letztes Jahr wurden die Schmiedehalle und die Kaltstahlhalle im Areal Böhler bespielt – Industriekultur-Ambiente trifft Bike-Kultur, so der Tenor, der in der Schmiedehalle auch intensiv zu spüren war.

Insgesamt 14.000 Quadratmeter standen zur Verfügung. Mit 300 Marken aus zwanzig Ländern wurde geworben, dazu kamen eine fast durchgehend bespielte Vortragsbühne und der durchwegs sehr stark genutzte Probeparcours. E-Bikes aller Couleur waren für das Publikum der Renner. „Endlich“ wolle er sich eines anschaffen, sagt der 70-jährige vor dem Außenstand eines Ausstellers. Die Entscheidung falle noch heute, nach dem Testfahren. Und der Mann in den späten Dreißigern meint: „Natürlich gibt’s da auch Oma-Räder, aber mittlerweile sind viele Pedelecs so cool, dass ich mir dieses Jahr auch eines zulegen möchte."

Trendy: Kreativ sein vor Ort

Auf der Berliner Fahrradschau, deren Wegfallen viele der vertretenen Aussteller bedauern, wäre er ein typischer Aussteller gewesen. Hier in Düsseldorf ist Eduard Krömer vielleicht kein Paradiesvogel, aber doch auffällig, so wie er in der Ecke seines Standes sitzt und an einem Fillet-Braze-Rahmen feilt. Mit seinen handgefertigten Stahlrahmen – Einstiegsklasse mit Columbus Zona-Rohr – deckt er nahezu alle Rad-Genres ab, vom Genießer-Tourer über das Gravelbike bis hin zum waschechten Renner. Im heimischen Frankfurt habe er seine Kunden, sagt er. Aber er will seinen Erfolg in der Heimatregion ausbauen und deutschlandweit bekannter werden – „und hier auch zeigen, wie Fahrräder wirklich gebaut werden“, sagt er. Er verkauft direkt an Endkunden, arbeitet aber auch mit Händlern zusammen; auf der Cyclingworld will er vor allem seinen Bekanntheitsgrad steigern. Er bilanziert die Messe sehr positiv: „Tolle Kundengespräche, man musste keine blöden Sprüche wie auf der Berliner Fahrradschau hören, wo es immer um die Preise ging. Man merkt: In Düsseldorf gibt es bessere Kaufkraft. Auch das Drumherum mit der Anlieferung – sehr entspannt.“

Kommen die Konzerne?

Um gleich die andere, etablierte Seite zu zeigen: Das neue E-Bike-Unternehmen Technibike ist Teil der Techniropa Holding, die wiederum durch den Unterhaltungstechnik-Hersteller Technisat bekannt ist. Der Bike-Bereich stellt auf der Messe unter anderem die erste Serie an Trekking-E-Bikes vor, die 2019 auf den Markt kam. Unterstützt werden die Räder von Conti-Motoren. Auch ihr Unternehmen fühlte sich auf der Messe wohl, bestätigte Geschäftsführerin Claudia Thielen. Und meinte hinterher: „Wir waren sehr zufrieden, hatten guten Zulauf, vorinformiertes Publikum – ich denke schon, dass wir nächstes Jahr wieder dabei sein werden.“

Dabei sein ist alles

Eine Premiere auf der Cyclingworld feierte Campagnolo: „Das Feedback unserer Partner, die in den letzten Jahren auf der Messe waren, war sehr gut. Daher sind wir jetzt selbst hier“, erklärt Sandro Antoniol von der Niederlassungsleitung in Leverkusen. Ein Rad mit der gerade erst in Auslieferung befindlichen neuen EPS-Schaltung war zu sehen, aber leider nicht zu fahren. Antoniol, der den Stand am Samstag betreute, war nach dem Wochenende sehr positiv gestimmt: „Für uns ist diese Messe auch nächstes Jahr durchaus ein Thema – das ist qualitativ unsere Zielrichtung, wir treffen hier Endkunden, regionale Händler und auch OEMs. Der Fokus liegt natürlich im Publikumsbereich, und da wollen wir sowieso mehr unternehmen.“ Von der Tendenz wird man also 2020 wieder dabei sein.

Serienreife Kunststoff-Kreation

Aus Monaco kommen die Composite-Kunststoffräder von Stajvelo. Letztes Jahr als Prototypen vorgestellt, gibt es jetzt die RV01-Serie, darunter auch eine Trekkingbike-Variante mit tiefem Durchstieg. Der Rahmen soll 100 Prozent recycelbar sein. Der 48-V-Conti-Motor wird mit einer reichweitenstarken 610-Wattstunden-Batterie bestückt. Die Laufräder sind einseitig aufgehängt und ebenfalls aus Composite-Material, angetrieben wird per Riemen. Neben Endverbrauchern hat Stajvelo auch Unternehmen als Abnehmer im Visier. Man darf gespannt sein auf die ersten Fahrberichte – und Labortests. Auch bei Stajvelo fühlte man sich auf der Cyclingworld durchaus an der richtigen Stelle dafür, etwas mehr Öffentlichkeit zu generieren.

An Lifestyle muss man sich erst gewöhnen

Manche traditionellen Aussteller sah sich mit der Selbstdarstellung auf einer Messe herausgefordert – oder sie nahmen die Messe nicht wirklich ernst. So wirkte es bei Conti, die auf einem ansonsten quasi leeren, nüchternen Stand lediglich zwei Räder mit Conti-Motor aufgestellt hatten. Auch Pexco, mit den Marken Husqvarna und Raymon vertreten, ließ sich auf der Cyclingworld sehen – angeregt von Händler Benjamin Tack aus Angermund bei Düsseldorf (Crank Toys). „Voll war es – im Vergleich zu meinem Besuch 2017 ein Riesenunterschied“, meinte er nach der Messe. Man habe sehr gute Gespräche geführt und das Feedback zu den neuen Marken sei „gigantisch“ gewesen, so Tack. „Interessanterweise sind vor allem die Tiefeinsteiger toll angekommen, die vermisste das Publikum auf den anderen Ständen.“ Und was den doch recht nüchternen Auftritt anbelangte, habe Pexco zugesagt, dass man im nächsten Jahr atmosphärisch aufrüsten wolle. „Die Cyclingworld ist in der Hinsicht ja schon eine besondere Messe“, zitiert Tack Pexco-Sales Manager Bernd Lesch.

Neue Mobilität auf der Cyclingworld

Die sehr breit angelegte Messe präsentierte sich in Sachen neuer Mobilität überraschend übersichtlich. Zwar war mit Evolve ein Hersteller motorisierter Skateboards mit einem großen Stand vertreten, ansonsten war Micro Mobility kein großes Thema. Mit Ahooga und Vello konnte man zwei nicht mehr ganz unbekannte Hersteller von (E-)Faltbikes treffen: Das hier vorgestellte Ahooga Folding Bike mit E-Unterstützung kommt laut Hersteller auf gerade mal 13 Kilogramm und wird mit einem sehr kleinen Heckmotor aus asiatischer Herstellung befeuert. Die Energie dazu steckt im flaschengroßen 168-Wattstunden starken Akku. Gefaltet wird, was das Heck angeht, wie die Falt-Klassiker per nach vorne geschwungenem Hinterrad, das Vorderrad wird für kleinstes Packmaß aus der Gabel genommen und seitlich angesteckt. Dadurch ist das Packmaß des Zwanzigzöllers recht klein, das Rad ist dank eines geringen Gewichts – „das leichteste E-Faltrad!“ behauptet das Unternehmen – tatsächlich noch gut tragbar. Der Einstiegspreis mit kleinem Akku liegt bei 2.200 Euro – der Schub dürfte dann wohl nur für eine Strecke von vielleicht 25 Kilometer in der City reichen. Mit 252 Wattstunden ist man bei etwa 2.600 Euro. Individualisierbar ist es mit vielen praktischen Sicherheits- und Transportkomponenten.

Auch das österreichische Vello soll das leichteste E-Faltrad sein – ab 12.9 Kilogramm ist es zu haben, dann allerdings als Titan-Version. Diese Variante zeigt schon, dass man hier eher auf Hochwertiges setzt, denn darauf, auf der Faltrad-Welle einfach nur dabei zu sein. Gesteuert wird der klassische Pedelec-Antrieb per Smartphone mit Bluetooth-Koppelung, das Unternehmen weist besonders auf die sehr effiziente Rekuperation hin, die bis zu 100 Prozent Rückgewinnung ermöglichen soll. Der Einstiegspreis liegt bei knapp 2.600 Euro, das Rad ist aber sehr variantenreich spezifizierbar.

Kompakt statt faltbar

In der Kaltstahlhalle, die atmosphärisch eher der eingangs genannten Ifma näher steht, stellte sich ein neues Kompakt-E-Bike aus Spanien vor: Mit dem Carmela bringen die Spanier von Oh!bike erstmals ein Ebike mit City-Reichweite (280 Wattstunden), Dreigang-Schaltung und Zahnriemenantrieb auf den deutschen Markt. Man zielt aber auf den gesamteuropäischen Markt. Das Rad soll genau auf die Bedürfnisse des Großstadtmenschen und seine Mobilitätsansprüche zugeschnitten sein. Mit 15 Kilogramm ist es leicht, dank kurzem Radstand und 20-Zöllern wendig, viel Zubehör macht das Rad auch zum Transporter. Derzeit ist Aitor Quesada vom Marketing und Vertrieb auf Händlertour in Deutschland und konnte von gutem Feedback erzählen. Er sprach nach dem Messe-Wochenende von vielen gut vorinformierten Besuchern und deren Verständnis für die Detailliebe an seinem Produkt. 2020 will man wieder dabei sein.

Stadler und kleine Stände

Zahlreich vertreten waren auch diesmal wieder Bekleidungs- und Accessoires-Aussteller. Vor allem die Retro-Schiene brachte hier wieder eine Extraportion Klassiker-Feeling in die Messehalle. Es war wirklich für jeden etwas dabei. Wer in der zweiten, der Kaltstahlhalle, seinen Stand hatte, war klar im weniger Design-orientierten Viertel gelandet – was natürlich nichts über Qualität oder Wertigkeit der ausgestellten Produkte sagte. Doch ein großer, gelb-schwarzer Stadler-Stand kennzeichnete vermeintlich den Wechsel in eine andere Welt – vielleicht die Schnäppchen-Welt. Schade ist diese optische Trennung für die meist kleinen Aussteller in dieser Halle, das Publikum dürfte sich allein des Ambientes wegen im Design-orientierten Bereich der Messe wohler gefühlt haben. Rad-Kultur wurde überall geboten – in den verschiedensten Nuancen, vom großen historischen Rad-Skurrilitäten-Kabinett bis hin zum Selbsttest auf Wahoo-Smarttrainern.

Weiterentwicklung: Noch breiter, noch größer

„Auf lange Sicht wollen wir das gesamte Areal Böhler bespielen“, erklärt Messemacher Maly. Der diesjährige Erfolg spricht jedenfalls für weiteres Wachstum. Das Publikum war vielleicht noch gemischter als bei den ersten beiden Ausgaben. Und man will ja auch noch breiter werden, auch wenn der lifestylige Charakter der Messe dadurch etwas abgemildert wird – was gefühlt schon etwas im Gange ist.

Auch die vielen verschiedenen Ausfahrten und Rennen im Rahmen der Messe haben sicher dazu beigetragen, dass auch Besucher aus dem Sportbereich recht stark vertreten waren: Von der Frauen-Ausfahrt über Gravel-Runden gings bis hin zu Klassiker-Ausfahrten. Hierzu waren viele Partner der Messe wieder im Einsatz, voran der hippe Radladen Schicke Mütze. Das Wetter spielte mit, war zwar kühl, doch blieb es die zwei Tage lang weitgehend trocken.

Dass bei so viel Event auch Dinge schief laufen, versteht sich. Schade für den einen oder anderen Aussteller war, dass er keine Räder vom Stand nach draußen zum Testen geben durfte: Es war neu hinzugekommenen Ausstellern wohl teils nicht kommuniziert worden, dass man Testräder speziell anmelden musste. Sie sollten bei Messebeginn an den Außenständen positioniert sein.

Das Fazit der Messe kann man nur als durchwegs positiv ansehen. Wen man auch ansprach – niemand zog eine schlechte Bilanz.

Die Cyclingworld dürfte wohl in der nächsten Ausgabe nochmals wachsen, vielleicht etwas an speziellem Charme verlieren, aber viel für die Branche und das Fahrradfahren in der Region gewinnen.

27. März 2019 von Georg Bleicher

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