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Unterwegs im Werk: Auf dem Betriebsgelände dürfen die Volkswagen-Mitarbeiter nur die werkseigenen Dienstfahrrädern benutzen. Das Angebot ist mit 7000 Rädern üppig.
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Report - Routenplaner

Mehr als nur eine Routing-App

Elektronische Radroutenplaner wie die App von Naviki sind weit mehr als ein cleveres Instrument zum Planen und Teilen von Fahrradstrecken. Mit den gesammelten Daten können Verkehrsexperten die Rad-infrastruktur in ihrer Stadt optimieren. Außerdem nutzen Konzerne wie Volkswagen in Wolfsburg die App inzwischen, um das Fahrrad als alternatives Verkehrsmittel bei ihren Mitarbeitern zu etablieren.

Rund 70.000 Mitarbeiter arbeiten am VW-Standort in Wolfsburg. Viele kommen mit dem Auto, einige mit Bus, Bahn oder Fahrrad zur Arbeit. Entsprechend eng wird es zum Schichtwechsel schon mal auf den Straßen rund um das Werk. Seit 2012 arbeiten deshalb Mitarbeiter von VW mit der Stadt Wolfsburg in der sogenannten Task Force Verkehr daran, den Verkehrsfluss in der Stadt zu verbessern.
Radfahren spielt bei den Mitarbeitern des Automobilkonzerns eher eine Nebenrolle. Nur rund 3000 schwingen sich zurzeit morgens aufs Fahrrad, um zur Arbeit zu radeln. Das ist ziemlich wenig im Vergleich zur gesamten Mitarbeiterzahl. Dabei leben laut Steffen Knipping, Leiter der strategischen Verkehrsplanung im Werk, rund 20.000 Beschäftigte in einem Fünf-Kilometer-Radius von der Autofabrik entfernt – eine optimale Distanz für Radfahrer. Weitere 30.000 Mitarbeiter haben zwar einen bis zu 20 Kilometer langen Anfahrtsweg, aber für Pedelec-Pendler wäre auch diese Entfernung ein Klacks.
Theoretisch ist das Potenzial an Umsteigern aufs Fahrrad bei VW in Wolfsburg also groß. Aber die Mitarbeiter seien naturgemäß autoaffin, wie Knipping feststellt. Um die Angestellten dennoch zu motivieren, aufs Rad zu steigen, wollte der Konzern ihnen den Umstieg versüßen. Deshalb startete das Unternehmen am 21. September das erste Werkradeln am Standort.
Dazu hat VW bei den Machern des Radroutenplaners Naviki eine App in Auftrag gegeben. Im Grunde ist es die Standard-Navigations-App von Naviki, aber auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter zugeschnitten: Neben den üblichen Funktionen eines Routenplaners gibt es noch die zusätzliche Funktion Wettbewerb. Über die melden sich die Mitarbeiter zum Kilometersammeln an. Sie können als Einzelfahrer starten oder als Team. Bis zum 9. Oktober sammeln die Teilnehmer Kilometer auf dem Weg zur Arbeit und im Werk.
Dabei kann sich das Radfahren schon alleine auf dem Betriebsgelände durchaus lohnen. Das Straßennetz in der Autofabrik ist 75 Kilometer lang. Dort dürfen die Mitarbeiter ausschließlich Dienstfahrräder benutzen. Private Fahrzeuge sind auf dem Gelände nicht zugelassen. Dafür ist das Angebot an Dienstfahrrädern üppig: Rund 7000 Fahrräder stehen zur Verfügung.
Sind die Teilnehmer erstmal beim Werksradeln angemeldet, können sie über die Funktion »Ranking« bei Naviki sofort sehen, auf welchem Platz sie sich befinden. Das soll den Wettbewerb interessanter machen und die Teilnehmer anspornen, sich noch häufiger aufs Rad zu setzen.

Service für Radfahrer

Über die Naviki-App können die VW-Mitarbeiter für ihren Arbeitsweg fünf verschiedene Varianten wählen – von der kürzesten Alltagsroute bis zur landschaftlich schönen Mountainbike-Strecke. Außerdem zeigt die App auf Wunsch auch für den Fahrer interessante Orte seiner Wahl an. Das An-gebot reicht vom Fahrradladen übers Kino bis zum Supermarkt. Diese Zusatzfunktion »interessante Orte« ist neu. Aber sie ist auch längst überfällig. Denn für Autofahrer ist dieser Service seit Jahren selbstverständlich.
Die App hat aber noch einen weiteren Nutzwert für die VW-Mitarbeiter. Sie zeigt sämtliche Fahrradabstellanlagen am Standort an, die Bushaltestellen des Werksverkehrs, nebst Fahrplan sowie den Fahrplan und die Haltestellen des ÖPNV. Diese Infos machen den Einsteigern die Entscheidung fürs Fahrrad etwas leichter und vor allem komfortabler.
Mit dem Wettbewerb will VW zum einen den Verkehr rund ums Werk entlasten, aber auch die Gesundheit seiner Mitarbeiter fördern, außerdem für weniger Emissionen sorgen und die Teambildung stärken.

Datenlieferant für Kommunen

Fahrrad-Routenplaner können inzwischen weit mehr als nur navigieren. Mit ihrer Hilfe können beispielsweise Städte und Kommunen die
Radinfrastruktur optimal an die Bedürfnisse der Radfahrer anpassen. Das geschieht mit sogenannten Heatmaps. Die erstellt Naviki, indem die Software die Bewegungsmuster der Radfahrer in einer Stadt aufzeichnet. Fährt beispielsweise ein Naviki-Nutzer vom Kölner Hauptbahnhof am Rhein entlang in die Südstadt ins Schokoladen-Museum, zeichnet die Naviki-App die Strecke auf, die er fährt.
Hat er die Route für die Öffentlichkeit frei gegeben, kann Naviki die Daten nutzen. Auf diesem Weg sieht das Unternehmen sehr genau, ob eine Strecke stark von Radfahrern genutzt wird, oder nicht. Für den Betrachter heben sich auf der Heatmap die stark frequentierten Strecken dick und tiefrot ab. Je seltener eine Route genutzt wird, umso heller und schmaler ist die Markierung.
»Verkehrsexperten sehen auf den Heatmaps genau, welche Wege Radfahrer in einer Stadt zurücklegen«, sagt Achim Hennecke von Naviki. Das müssen nicht zwangsläufig die Wege sein, die die Planer für sie vorgesehen haben. Manchmal weichen Radfahrer auf Wege aus, die ihnen sicherer erscheinen, oder nutzen Abkürzungen oder Routen, die landschaftlich attraktiver sind. Die Heatmaps zeigen das ebenso auf, wie Lücken im Radwegenetz. Damit ist zum einen eine mangelhafte Radinfrastruktur gemeint, die Radfahrer auf Umwege zwingt, aber auch Radinfrastruktur, die noch gar nicht vorhanden ist. Die wird erst durch die reine Suchanfrage der Naviki-Nutzer sichtbar.
»Dank der Heatmaps können Verkehrsplaner überprüfen, ob ihre Fahrradinfrastruktur so genutzt wird, wie es vorgesehen ist«, sagt Hennecke. Desweiteren können sie sie für die zukünftige Radroutenplanung nutzen. Strecken, die am häufigsten nachgefragt werden, können voranging gebaut werden.
Die Daten, die Naviki auf diesem Weg sammelt, sind durchaus aussagekräftig. Im Web hat der Routenplaner inzwischen 380.000 registrierte Nutzer, dazu kommen europaweit sechs Millionen Routenanfragen pro Monat.
Die Auswertungsmöglichkeiten sind mannigfaltig. Man kann sie ge-schlechtsspezifisch erstellen, um zu sehen, welche Wege Frauen meiden oder bevorzugen; man kann sie an Uhrzeiten koppeln, um zur Rushhour beispielsweise die Ampelschaltung für Radfahrer zu optimieren und oder man kann sie ans Wetter knüpfen, um den Anteil von Schönwetterradlern zu ermitteln.

Entfernungen werden sichtbar

Mit ihrer Idee, die Daten der Radroutenplanung für die Verkehrsplanung zu nutzen, ist Naviki nicht allein. In Österreich haben die beiden Fahrradkuriere Daniel Kofler und Andreas Stück die Navigations-App Bike Citizens (früher Bike City Guide) entwickelt, mit der sie Radfahrer abseits
viel befahrener Hauptrouten durch
die Stadt führen.
Sie haben in diesem Jahr ihren Routenplaner um die Funktion »5 Minuten am Rad« erweitert. Ab sofort zeigt das Programm auf der Webseite an, welche Strecken man in der Stadt innerhalb von 5 bis 30 Minuten zurücklegen kann.
Die Idee ist vor allem für Nicht-Radfahrer interessant – wer selten aufs Rad steigt, unterschätzt häufig die Distanzen, die er in der Stadt mit dem Rad bewältigen kann. Für die Umsteiger, wie jetzt etwa die VW-Mitarbeiter sind diese Informationen nützlich und motivierend.
Hat man einmal den Radtyp gewählt – Cityrad, Mountainbike oder Rennrad – und eines der drei Tempi – gemütlich, normal, schnell – angeklickt, färben sich die Straßen und Wege um den Startpunkt herum blau, die man je nach gewähltem Zeitfenster in 5, 10, 15 oder 30 Minuten fahren kann. Sie legen sich spinnennetzgleich über den Stadtplan.
Was auf den ersten Blick vielleicht wie eine nette Spielerei aussieht, hat für Einsteiger, aber auch für Alltagsradler einen hohen Nutzwert. Einsteiger stellen fest, dass sie in fünf Minuten eine weitere Strecke zurücklegen, als erwartet, oder dass sie gegebenenfalls auch mehr Zeit einplanen müssen als gedacht.
Auch Bike Citizens will mit den Nutzern ihrer App die Bedingungen für Radfahrer in den Städten verbessern. Wer zustimmt, dass seine Fahrzeiten und auch Standzeiten aufgezeichnet werden, liefert den Bike Citizens Daten, um die durchschnittliche Reisezeit von Radfahrern in den Städten zu optimieren.

Daten als Entscheidungshelfer für Politik

Theoretisch kann man mit den Radroutenplanern den Anteil von Radfahrern in einer Stadt ermitteln. Damit wäre ein Meilenstein in der Radverkehrsförderung erreicht. Den aktuellen Anteil des Radverkehrs in deutschen Städten kennt niemand. In Fahrradnationen wie den Niederlanden oder in Kopenhagen ist das unvorstellbar. Dort wird die Zahl der Radfahrer permanent erfasst. In den Niederlanden macht das die Radfahrervereinigung Fietsersbond für einzelne Städte, in Kopenhagen dagegen sind Zählstellen über die ganze Stadt verteilt.
Für politische Entscheidungen ist es wichtig, den genauen Anteil der Radfahrer in einer Stadt zu kennen. Diese Daten liefern die Grundlage für den Ausbau der Infrastruktur.
Laut Mikael Colville Andersen, den Fahrradbotschafter Kopenhagens, wird allein in Kopenhagen an über 240 Stellen der Radverkehr jeden Tag gemessen. Für ihn sind diese Daten Macht. Je höher der Anteil der Radfahrer ist, umso einfacher sind auch Ausgaben für den Radinfrastruktur politisch durchsetzbar.
In Deutschland sind die Zählstellen noch eher die Ausnahme. In einigen Städten wie in Köln gibt es sie vereinzelt – etwa an zentralen Plätzen der Stadt und den Rheinbrücken.
Theoretisch kann man mit den gesammelten Daten etwa von Naviki den Anteil der Radfahrer in den Städten mithilfe von Zählstellen in Relation setzen, um ihren aktuellen Anteil am Gesamtverkehr zu ermitteln.
Die Möglichkeiten, die elektronische Radroutenplaner den Verantwortlichen in Städten und Kommunen bieten, sind immens. Doch noch ist laut Achim Hennecke von Naviki die Resonanz auf die neuen Instrumente eher verhalten. Methoden wie Zählstationen sind derzeit etablierter. Das ist nachvollziehbar. Schließlich ist die Smartphone-Technologie noch sehr jung und die Möglichkeiten schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Aber Hennecke ist sich sicher, dass sich die Haltung der Experten langfristig ändert. Für
die ersten Kommunen erstellt Naviki bereits die ersten Heatmaps.

21. Oktober 2015 von Andrea Reidl

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