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New Kids on the Block
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Report - Junge Marken

New Kids on the Block

Der Markt für Kinderfahrräder in Deutschland war lange auch davon geprägt, dass es in der Anbieterlandschaft kaum Veränderungen gibt. Doch inzwischen gibt es auch unter den Kinderrad-Marken einiges frisches Blut.

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Die Britin Shelley Lawson ist 38 Jahre alt, begeisterte Fahrradfahrerin und Mutter. Als es soweit war, dass ihre Kids das Radfahren lernen sollten, stellten Sie und ihr Mann Jerry fest: Es gab in England kaum Kinderräder, die auch nur halbwegs dem Anspruch gerecht werden, den Eltern an sie haben. Einer der größten Kritikpunkte: Das Gewicht. »Die Bikes waren oft deutlich schwerer als die Sporträder meines Mannes«, erzählt Lawson. Ein internationales Problem: Es gab bis vor kurzem nur wenige Hersteller, die hochwertige und leichte Kinderräder herstellten.
Das Problem liegt auf der Hand: Der Verbraucher war bislang kaum bereit, für ein Rad, das vielleicht nur zwei Jahre im Einsatz ist, mehr als zweihundert Euro zu zahlen. Andererseits sollen Kinderräder in Hinblick auf Qualität, Gewicht und Robustheit ähnlichen Ansprüchen genügen wie Räder für Erwachsene. Auf den ersten Blick sieht der Kunde die geringere Größe – weniger Material, also weniger Kosten. Dass die (unwesentlich) geringeren Materialkosten kaum eine Rolle spielen, sieht er zunächst nicht.
Dabei sind Kinderräder nicht einfach kleine Erwachsenenräder, das entdeckte auch Jerry Lawson, Ingenieur und Radsportler, als er sich 2013 an die Entwicklung des ersten Rads setzte. Sie nahm ein Jahr in Anspruch.

Was heißt kindgerecht?

Ganz wichtig war für die von den Lawsons gegründete Firma Frog die genaue Anpassbarkeit der Räder an die Kinder. Auf die Kinderhände einstellbare Bedienelemente, für die Kleinen einfach zu handhabende Schaltungen und ähnliche Spezifikationen. So soll es bei Frog für die diversen Größen auch mehr Lenkerbreiten geben als bei anderen Kinderradherstellern. Neue Wege geht man auch mit der Größeneinteilung: Die Räder werden in der Außenkommunikation nicht wie üblich nach dem Alter der Kinder sortiert, sondern nach deren Innenbeinlänge in Zentimeter, und sie werden auch danach benannt. Das kleinste Frog-Rad mit Pedalantrieb ist das 43 – also für Kids ab 43 Zentimeter Innenbeinlänge. Neben wirkungsvollen Brems-Komponenten entdeckt man am 43 unter anderem einen Aheadset-Vorbau mit Spacern, wodurch die Lenkerhöhe angepasst werden kann. Das Gesamtgewicht kann sich sehen lassen: etwa 6,5 Kilogramm. Ab 2015 gibt es von Frog auch Rennrad und Cyclocrosser. Hier steigen die Engländer bei 57 Zentimetern Beinlänge und 20-Zoll-Rädern ein. An den Oberlenkern der schmalen Rennlenker finden sich zusätzliche Bremsgriffe, das ganze Rad wiegt gut acht Kilogramm. Was es nicht gibt: unterschiedliche Farben für Mädchen und Jungs. Schließlich soll der Bruder das Rad der älteren Schwester später fahren wollen – das erleichtert den Eltern die Kaufentscheidung.
Die Liebe zum Detail bemerkt man auch an den Laufrädern für die Kleinsten: Sie sind quasi das Larvenstadium des Fahrrads – und heißen entsprechend nicht Frog, sondern Tadpole – Kaulquappe.

Händlernetz: grobe Maschen, feiner Service

Auch in puncto Public Relation ist Frog nicht träge: Eine Kooperation mit dem erfolgreichen Rennrad-Team Sky bringt Aufmerksamkeit – und Rennfahrer-Optik sowie -Feeling bei den Kleinen. Sie können schon beim Laufrad auf Sky-gelabelten Rädern dahinbrausen – deren Radsponsor für die Erwachsenen übrigens Giant ist – man ist in guter Gesellschaft.
Wie findet man in Europa Händler für ein solches Produkt? »Wir haben uns vor allem nach tendenziell kleineren, besonders Service orientierten Händlern umgesehen. Unternehmen, die mit hochwertigen Rädern punkten, zuverlässige Wartung und viel Service bieten. Denn hier erwartet der Verbraucher auch viel Kompetenz in Sachen Kinderrad«, erklärt Shelley Lawson.
Discounter auf der grünen Wiese blieben außen vor. So haben die Engländer mittlerweile etwa 30 Händler in Deutschland, vorwiegend im südlichen Teil. Auch international waren die Insulaner erstaunlich fix: In Österreich, Deutschland, Frankreich, Finnland, Norwegen, Schweden, Südafrika und Hongkong gibt es bereits Frog-Handelspartner.

Kinderräder müssen cooler werden

Auch bei S’coolbike kann man sich bereits über Vertriebspartner in zehn Ländern freuen. Das Unternehmen von Axel Böse, Coolmobility, hat die Markenrechte zur Ispo 2013 übernommen. Bis dahin gehörte S’coolbike zu Stephan Hahns Unternehmen Development Engineering. Axel Böse, der schon seit 25 Jahren in der Branche mitmischt und unter anderem auch für die ZEG und Bike&Co tätig war, konnte quasi nicht widerstehen. »Während der Zeit bei der Bico drängte sich mir der Gedanke schon auf: Der Kinderrad-Markt ist quasi unbearbeitet. Neben Puky gab es kaum Unternehmen mit Qualiätsanspruch. Und vor allem: Die Kundschaft veränderte sich! Schon die Kinder wollen coolere Produkte. Die Spielwarenbranche traute sich kaum an den Bereich Kinder- und Jugendfahrräder heran, hatte vor allem auch Bedenken wegen des nötigen Service.« Im Herbst 2012 schied der Co-Geschäftsführer bei Bike&Co aus. »Das Konzept stand damals eigentlich schon«, erinnert er sich. Vor allem über die »Wilde Kerle«-Räder und das Renn-Rad waren die Bikes schon bekannt.
»Die Räder kommen nicht aus Deutschland«, erklärt Böse, »bei Kinderrädern ist das für den Endverbraucher nicht wirklich relevant.«
S’coolbike setzt stattdessen in Herstellung und Montage auf Flexibilität und gute Möglichkeiten bei der Preisgestaltung. Das zahlt sich aus: Die neuen Bikes kommen gut an. »Die Erstproduktion 2014 war sofort ausverkauft.« Die Erfahrung und das Netzwerk, auf die Böse beim Aufbau der Marke und des Händlerbestands zurückgreifen konnte, lässt sich dabei kaum überschätzen. »Schon 2013 waren wir in sieben Ländern vertreten.«

Mehr Fläche – mehr Kinderräder

»Aber natürlich ist Deutschland für uns der Kernmarkt«, so Böse. »Hierfür gibt es 35 Modelle. Wir liefern nur über den Fahrradfachhandel. Bislang.« Denn in naher Zukunft will man bei Coolmobility im Sektor Laufrad – der allgemein den größten Absatz in Sachen Kinderrad beschwert – auch im Spielwarenmarkt Fuß fassen. »Im Laufradsektor ist der Fahrradfachhandel einfach nicht der wichtigste Markt.« Viel Wert legt das Unternehmen auch darauf, als Streckenlieferant für die ZEG zu agieren. Grundsätzlich sieht der Geschäftsführer Händler mit großen Flächen als stärkere Partner für den Kinderradbereich an. »Erst allmählich kommt der kleine Händler mehr zum Zug, denn nur wo Fläche vorhanden ist, wird der Fachhändler dem Kinderrad auch seinen Platz einräumen. Er kann auch die Farbenvielfalt besser präsentieren.« Derzeit gibt es etwa 450 S’cool-Händler in Deutschland.

Günstig schlägt Gewicht

Die Produktpalette ist breit und vielfältig. Bei den Laufrädern zählt man sieben Modelle aus Alu und Holz, wobei zwei aus der früheren »Rennrad«-Serie stammen und auch so heißen. Hier kann ein Pedalantrieb montiert werden. Kostenpunkt des Rads: 199 Euro. Wer sein Kind erst später in den Sattel heben will – sprich ab etwa drei Jahren – findet in der Nixe 12 auch ein Rad mit den klassischen Stützrädern. In der 18-Zoll-Variante gibt’s bereits eine 3-Gang-Nabe, Gepäckträger und Schutzbleche für 249 Euro. Die Chix führen bis in den 26er-Bereich hinein und zielen voll auf urbanen Retro-Look und Hollandrad-Design ab. Hier bekommt man für 479 Euro ein Rad, das in Vollausstattung mit gut 17 Kilogramm (26er) allerdings auch schon fast auf klassischem Hollandrad-Gewichtsniveau ist – allerdings ist das Rad für Körpergrößen ab 1,49 Metern auch nahezu »ausgewachsen«.
Von 12 bis 26 Zoll gibt es mit XXlite eine große Bandbreite an voll ausgestatteten Rädern. Viele sind mit Federgabel ausgestattet – auch wenn das Gewichtszuwachs bedeutet. Glaubt man Böse, siegt hier einfach der Kunden-, also der Kinderwunsch. Mit hochwertigen Komponenten und Starrgabel kommt man aber auch beim voll ausgestatteten 18-Zöller auf gerade einmal gut elf Kilogramm.
Auch bei S’cool legt man großen Wert auf sportliche Modelle. Schon für die etwa Sechsjährige gibt es Rennräder mit Shimano Sora-Schaltung und auf Kinderhände zugeschnittene Rennbügel; das 26-er Modell wiegt gut neun Kilogramm. Neben dem Kinder-MTB gibt es sogar ein Fatbike in der S’cool-Reihe, darauf ist man hier stolz. Schließlich hat man sich Lifestyle auf die Fahnen geschrieben – und fährt gut damit.
Trotzdem: Der allgemeine Trend hin zum Rad als Lifestyle- wie Verkehrsmittel könnte sich auch bei Schulkindern noch besser durchsetzen. »Jahrelang haben Lehrer dafür plädiert, Kinder vermeintlich aus Sicherheitsgründen nicht mit dem Fahrrad zur Schule fahren zu lassen. Das war nicht gut fürs Fahrrad. Aber mittlerweile gibt es zum Glück einen leichten Gegentrend«, will Böse erkannt haben. S’coolbike unterstützt dazu die »Aktionfahrrad« an Schulen mit Sponsoring.

Riemen macht robust

Eine weitere in Deutschland relativ neue Kinderrad-Marke ist Early Rider. Andy Loveland gründete sie 2005, um hochwertige Räder für Kinder herzustellen. Das Konzept von Early Rider geht dabei ganz eigene Wege: Es gibt derzeit nur ein Modell mit Pedalantrieb. Das Belter Kinderrad mit 16-Zoll-Bereifung hat einen Rahmen aus gebürstetem und lackiertem Alu. Um sowohl leichte, als auch ergonomisch kindgerechte Räder zu ermöglichen, werden in der eigenen Manufaktur in Oxfordshire, Südengland, auch Komponenten wie Pedale, der Sattel, Ritzel, Vorbauten und sogar Naben und Achsen selbst entwickelt. Das Rad rollt auf Aluminium-Felgen mit 1,25 Zoll breiten Hochdruckreifen und wird mit einer V-Brake von Tektro am Hinterrad gebremst. Der Clou des Konzepts: Das Bike besitzt statt der Kette einen Gates-Riemenantrieb – ein Alleinstellungsmerkmal im Kinderrad-Bereich. Dabei ist diese Bestückung durchaus sinnvoll: Die Hose bleibt sauber und Wartung des Antriebs ist praktisch nicht nötig – sicher ein Vorteil, denn welcher Papi kümmert sich wirklich gerne regelmäßig darum? Die Carbon-Sattelstütze mag man hier als überkandidelt ansehen – sie hilft allerdings mit, das Gewicht auf niedrige 5,6 Kilogramm für das Rad ohne Radschützer und Licht zu senken.
Den hohen Aufwand begründen die Engländer unter anderem damit, dass es beim ersten Rad im Leben auf Perfektion ankommt. Beim deutschen Vertreiber Cosmic Sports kommt das Kinderrad auf 349 Euro – angesichts der Ausstattung durchaus überlegenswert. Und Preis-wert, wie die Verleihungen des Eurobike-Awards 2012 und des Red Dot Product Design Awards 2013 verdeutlichen.

Vom Sportvertrieb zum Kinderradpartner

»Eigentlich waren wir 2013 auf Konsolidierungskurs«, meint Daniel Gareus, Marketing-Leiter bei Vertreiber Cosmic Sports. »Aber als wir auf der Eurobike damals die Leute von Early Rider kennengelernt haben, kam die Idee auf, dass wir damit ja auch einen neuen Weg gehen könnten: Das Premium-Kinderrad war ein neues Segment, jenseits vom Sportiven.« Auch bei Cosmic Sports machte man sich über den Markt schlau und erkannte: Da steckt viel Potenzial drin! »Gerade Eltern, die viel Radfahren, suchen heute hochwertige Bikes für den Start ins Radfahrerleben ihrer Kinder. Und für die Kids zählt der Spaß an der Sache – und der ist mit stylischen, hochwertigen Rädern am größten.« Und für ein Großhandelsunternehmen, das sich im Sportbereich mit Komponenten wie Rädern einen Namen gemacht hat, kommt das wie gerufen. Es kooperiert mit den Händlern, deren Kunden zur Klientel »zahlungskräftige Eltern mit hohen Qualitätsansprüchen« gehören.
»Der Trend im Fahrrad- und E-Bike-Bereich geht zu höherer Qualität; und diesen Trend zeichnet jetzt auch das Kinderrad nach«, folgert Gareus. Seit 2014 ist also Early Rider mit derzeit acht Modellen im Programm.
Die meisten davon sind allerdings Laufräder aus Alu oder Holz. Letztere werden übrigens komplett in England hergestellt. »Neben der Qualität muss heute beim Kinderrad natürlich auch der Lifestyle-Faktor stimmen – sonst ist das fürs Rad ein Todesurteil.« Besonders kultig anmutend: das Spherovelo, ein Rutschgerät mit demontierbarer Balancehilfe, auf dem schon etwa acht Monate alte Kinder Körpergefühl und Gleichgewichtssinn entwickeln sollen.
Die Zukunft des Kinderrad-Marktes sieht man bei Cosmic Sports geradezu rosig: »Wir sind gerade am Anfang, hier gibt es noch enormes Wachs‑
tumspotenzial«, freut sich Gareus. »Im ersten Jahr konnten wir gar nicht so viel liefern, wie wir gerne gewollt hätten.« Es scheint, als rolle da noch einiges auf uns zu. Auf kleinen Rädern.

16. Februar 2015 von Georg Bleicher

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