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Editorial

Reif für die Insel?

In der Süddeutschen Zeitung war jüngst eine Glosse über den Fahrradboom zu lesen. Deren Autor schrieb, er wünschte, er wäre Fahrradhändler. Dann würde er noch zwei bis drei Jahre E-Bikes verkaufen und dann mit dem Privat-Jet auf seine eigene Tropeninsel fliegen. Ich musste beim Lesen schmunzeln, dachte mir aber auch, dass diese Entwicklung leider nicht eintreten wird, weil Fahrradhändler gegenwärtig gar nicht so viele E-Bikes einkaufen können, wie sie eigentlich verkaufen könnten.

Es heißt, die Corona-Krise hätte bisherige Versäumnisse in Wirtschaft und Gesellschaft offengelegt. Bezogen auf den stationären Einzelhandel ist dabei meist von der Digitalisierung die Rede. Im Fahrradhandel macht Corona nun zudem noch deutlich, wie unflexibel das System aus Vororder, erst übervollen Lagern und dann geradezu verzweifelten Versuchen der Nachorder ist.
Seit Jahresanfang hat der Fahrradmarkt erst mit qualmenden Reifen eine Vollbremsung hingelegt, um nun mit durchgetretenem Gaspedal in kürzester Zeit den Tank leer zu fahren. Bitte verzeihen Sie mir diese Analogie zum Automobil, um den Fahrradmarkt zu beschreiben. Jede Maschine wäre mit dieser Fahrweise recht bald hinüber, nur die Fahrradbranche schafft es bisher irgendwie, damit durchzukommen. Aber fragen Sie mal einen beliebigen Marktteilnehmer, wie viel Kraft und Nerven die Lenkung des Warenflusses, der manchmal eine Sturmflut und manchmal nur ein Rinnsal ist, jedes Jahr kostet.
Dabei gibt es längst einige erkennbare Ansätze, wie es besser laufen könnte. Ein ganz wichtiger Hebel wäre, nicht mehr nahezu alle Fahrradmodelle jedes Jahr auszutauschen. Es scheint, dass Corona den Marktteilnehmern die Entscheidung zu einer entsprechenden Modellpolitik schon abgenommen hat. Mal sehen, ob wir als Branche auch in den nächsten Jahren ohne Corona-Not noch so schlau sind.
Das verhängnisvolle System, dass Fahrräder in großer Stückzahl auf Vorrat produziert werden, ohne zu wissen, ob diese auch einen Käufer finden, hinterfragt die Branche schon länger. Dieses Editorial wäre blauäugig ohne die Anmerkung, dass jede Änderung an diesem System in größeren Maßstab eine extrem harte Nuss ist, an der sich schon viele Marktteilnehmer die Zähne ausgebissen haben. Aber es geht voran, Schritt für Schritt. Vielleicht auch eine Lehre von Corona: Jene E-Bike-Anbieter, die schon vor 2021 ein flexibles Fertigungssystem eingeführt haben, sind offenbar besser durch die Krise gekommen als jene Marktteilnehmer mit starrer Vororder.
Welche Entwicklungen außerdem noch aktuell und in Zukunft den E-Bike-Markt prägen, darum geht es auf den folgenden Seiten von velobiz.de Magazin.

6. August 2020 von Markus Fritsch
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