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Der E-Mountainbike-Markt bietet Unternehmen die Chance, die Klaviatur von Produkt und Marke neu  zu spielen.
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Report - E-Mountainbikes

Spaß-Allrounder mit Statusversprechen

Nicht nur dem Kunden machen E-Mountainbikes enormen Spaß, sondern auch dem Handel und manchem Hersteller. Bei einigen Modellen heißt es auch zu Beginn dieser Saison wieder einmal »sorry, leider ausverkauft«. Was ist dran am neuen Boom?

Das größte Wachstumssegment im Pkw-Markt ist das sogenannte Sport Utility Vehicle, kurz SUV. Im Jahr 2014 entfielen 20,1 Prozent aller Neuzulassungen in Europa auf das Segment, mit einem Absatzwachstum von 18,6 Prozent gegenüber 2013. Mit Blick auf den Fahrrad- bzw. E-Bike-Markt werden diese Zahlen interessant, wenn man die Beweggründe und Befindlichkeiten dieser nicht gerade kleinen Kundengruppe genauer unter die Lupe nimmt. Hier zeigt sich klar, dass beim Kauf in erster Linie nicht praktische Erwägungen die Hauptrolle spielen, sondern vor allem der Wunsch nach einem sportlichen Image und einem Status-Versprechen, das diese Fahrzeugkategorie frei Haus liefert. Damit ergibt sich sicher auch ein guter Grund über das Für und Wider und den rein praktischen Nutzwert eines »Motor-Mountainbikes« hinauszudenken.

Wie sportlich ist ein E-MTB?

Hannes Neupert vom ExtraEnergy e. V., der bereits seit Jahren den Durchbruch des elektrischen Antriebs in allen Fahrradkategorien prophezeit, benutzt bei seinen Vorträgen gerne den Vergleich zu anderen Produkten, Branchen und Entwicklungen. Seine Antwort auf die »Sportlichkeit von Pedelecs« verbindet er dabei gern mit einer Gegenfrage: »Wie sportlich sind eigentlich Autos?«
Sind Pkws, die heute oft aussehen wie Familienkutschen auf Steroiden, bzw. wie in der aktuellen Fiat-Werbung, auf Viagra, tatsächlich »sportlich« oder gar »offroad- oder abenteuertauglich«? Trotz tiefem Griff in die Designkiste und einer Vielzahl von Fahrassistenten und weiterem elektronischem Schnickschnack wohl eher nicht. Keine Mogelpackung, und damit kommen wir zum Punkt, sind dagegen die neuen E-MTBs. Zumindest dann, wenn sie gut gemacht sind und sport­liche Nutzung nicht nur suggerieren, sondern auch ermöglichen. Tatsächlich gibt es inzwischen eine ganze Menge dieser Räder, mit denen man nicht nur unterstützt wird, sondern die darüber hinaus einen geradezu unverschämt großen Fahrspaß mit sich bringen.

Akzeptanz bei Kunden größer als in der Branche?

Betrachtet man den E-MTB-Markt, so drängt sich der Eindruck auf, dass Teile der Branche der Entwicklung wohl (noch) nicht richtig trauen und Hersteller und Händler sich auch selbst ab und an ein Stück weit im Weg stehen. »Die Akzeptanz für E-MTBs war am Anfang beim End­kunden größer als im Handel«, stellt jedenfalls Niko Lindner, Produktmanager für das E-Bike-Segment von Cube Bikes, fest. Auch wenn sich das seiner Ansicht nach inzwischen stark geändert hat, Ressentiments finden sich ausgesprochen oder unbewusst noch in ganz vielen Köpfen. Diese Vorurteile kann Niko Lindner nur schwer nachvollziehen. »E-MTBs sind echte Allrounder: Gleichermaßen fürs Gelände oder die City geeignet. Jeder kommt gut damit zurecht und hat unmittelbar richtig viel Spaß. Selbst aus unserem ‚Action-Team‘ bekommen wir eine tolle Resonanz. ‚Das Beste, was ich je gemacht habe‘ heißt es hier von gestandenen Mountainbikern.«
Auch in Zahlen ausgedrückt machen E-Mountainbikes bei Cube mit einem Absatzplus von rund 350 Prozent in den letzten beiden Jahren inzwischen richtig Spaß. Besonders positiv an der Marktentwicklung: Es werden nicht nur Marktanteile verschoben, sondern auch neue Kundengruppen erschlossen. »Unsere Feststellung ist, dass das E-MTB nicht den normalen Mountainbike-Markt kannibalisiert. Aktuell ist es vielmehr so, dass der Kuchen wächst; das heißt der Kreis der potenziellen Kunden hat sich stark vergrößert.«
Klar ist dabei, dass die neuen Kunden nicht nur aus dem Segment der Radtrainierten und höhenluftgewöhnten »Bergziegen« kommen können. Warum auch? Dass sich Sportlichkeit nicht an der Fähigkeit messen muss, Berge mit Muskelkraft zu bezwingen, beweisen Ski- und Snowboardfahrer genauso wie Downhill-Biker.

E-Turbo fürs Marketing

Mit dem Blick auf andere Branchen lässt sich schnell feststellen, dass jenen Marken und Modellen die größte Aufmerksamkeit gewidmet wird, die technisch und optisch die Nase vorn haben und denen es gelingt, sich mit ihren Flaggschiffen erfolgreich vor der Konkurrenz zu positionieren. Übertragen auf den Fahrradmarkt kommt man heute nicht daran vorbei zu fragen, wo die neuen Flaggschiffe hier eigentlich zu finden sind. Im Leichtbau bei Rennrädern? Bei Carbon-Bikes? Vieles, was vor einigen Jahren noch für Aufmerksamkeit sorgte, ist, vielleicht abgesehen von Nischen- oder Trendprodukten wie Fatbikes oder Single-Speed-Rädern, inzwischen vom Massenmarkt absorbiert worden. Platz für Differenzierung über Technik, Design und Markenimage bietet heute vor allem das E-Bike. Spätestens mit dem Erfolg von Haibike spricht inzwischen zudem vieles dafür, dass sich in diesem Segment E-MTBs an die Image­spitze gearbeitet haben. Stolz zeigen E-Bike-Besitzer ihre neuen Räder auf Facebook und sich selbst als treue Anhänger und Botschafter der Marke.
Nicht ganz zu dieser Entwicklung passen will dagegen die Tatsache, dass viele renommierte Mountainbike-Hersteller den Trend weder in ihren Modellen, noch in der dazugehörigen Kommunikation adäquat abbilden. Aber der Markt ist ja noch jung und Luft nach oben ist in der Fahrradbranche ein bekanntes Phänomen. Zudem bietet sich so Platz für Unternehmen, die die Klaviatur von Produkt und Marke neu spielen, ihren Kunden gegenüber auf­geschlossen sind und gezielt neue ­Kundengruppen ansprechen.

Frischer Wind mit neuen Unternehmen und alten Bekannten

Neben dem derzeit wohl bekanntesten E-MTB-Hersteller Haibike mischen inzwischen auch viele andere Unternehmen den Markt gehörig auf. Dazu gehören Neuzugänge wie der Carbon-Spezialist M1 Sporttechnik und die bislang auf dem deutschen Markt wenig bekannte Marke Moustache. Aus dem breiten Anbieterfeld der E-MTB-Hersteller sticht inzwischen auch die Marke Cube heraus. So war das »Cube Reaction Hybrid HPA Pro 29« in der aktuellen Händlerbefragung von Bikeshops.de hinter dem Haibike-Modell »SDuro Hardnine SL« das zweitwichtigste E-Bike-Modell für den Fachhandel.

M1 Sporttechnik / Spitzing

Mountainbiker mögen mit dem Modell Spitzing des Carbon-Spezialisten M1 Sporttechnik etwas fremdeln. Dafür finden sich unter Liebhabern eines bullig-rasanten Produktdesigns und Freunden der Motorradwelt sicher umso mehr Anhänger. Für ein MTB recht martialisch und mit 25 kg auch relativ schwer, aber für ein Geländemotorrad eine hervorragende Alternative. Und wo bitte kann man heute in Deutschland und Europa noch eine benzingetriebene Enduro im Gelände fahren? Für druckvollen Schub sorgt auch hier ein Mittelmotor. Allerdings kein Bosch-Modell, sondern ein Antrieb von Cleanmobile, mit dem sich M1 ebenfalls von anderen Herstellern abhebt. »Wir merken, dass wir zwei Gruppen mit dem Spitzing ansprechen: einerseits den Racer, der etwa sucht, das die Grenzen verschiebt, andererseits den Lifestyle-Kunden, der von der normalen Optik und dem Alu-Allerlei die Nase voll hat«, erläutert ­Thomas Seidelmann, verantwortlich für Marketing und Vertrieb bei M1. Auch mit dem Preis von 6.199 Euro für das »Race Pedelec« verschiebt das ­Spitzing das gewohnte Preisgefüge ­deutlich nach oben.

Moustache Bikes / Samedi FS 27/9

Die junge französische E-Bike-Marke Moustache (Schnurrbart) punktet bei der Konzeption der Räder, beim Design und im Marketing mit vielen frischen Ideen. Nach einigem Erfolg im Urban-Sektor entwickelt sie sich inzwischen zu einem echten Geheimtipp bei E-MTBs. So sticht das Modell »Samedi FS 27/9« aus der nach Wochentagen benannten Serie vor allem durch die Kombination eines 29-Zoll Vorderrads mit einem 27,5-Zoll Hinterrad hervor. Tolle Fahreigenschaften attestiert das Magazin »E-Bike« und verleiht auch gleich einen Preis (bike tipp E-Enduro) für das mit 5.519 Euro nicht gerade günstige High-End-Modell. »Bereits zu den Anfängen unserer Firma, als wir die ersten E-MTBs getestet haben, sahen wir sie als Zukunft des Mountainbikes«, so Emmanuel Antonot, Gründer und Geschäftsführer von Moustache Bikes. »Wir entschieden
uns als einer der Ersten E-MTBs zu ent­wickeln – zu einer Zeit, als nicht viele Unternehmen an E-MTBs glaubten.« Heute bietet das im Jahr 2000 gegründete Unternehmen insgesamt neun MTB-Modelle, Hardtails wie Fullys an, die inzwischen 30 Prozent des Verkaufs ausmachen. »Für uns sind E-MTBs ein unglaubliches Tool um neue Möglichkeiten zu eröffnen. Egal ob du Anfänger oder Sportler bist, du kannst viel mehr machen – und immer mit Spaß!«

Cube Bikes / Reaction Hybrid HPA Pro 29

Cube ist mit seinen sportlichen Rädern seit Jahren eine feste Größe im MTB-Bereich. Aber auch bei den E-MTBs setzen die Bayern inzwischen Maßstäbe. Zum Beispiel mit dem Modell Elite Hybrid, das verschiedenste Preise abräumte. Unter anderem den Eurobike Gold Award, den Design und Innovation Award, den Red Dot Design Award und reihenweise Auszeichnungen von Bike-Magazinen. Genauso wichtig wie die Kompetenz im High-End-Bereich ist aber auch Leistungsfähigkeit bei den Brot-und-Butter-Modellen. Genau hier punktet das Reaction Hybrid HPA Pro 29, eine gelungene Kombination aus 29er-Hardtail und Bosch Antriebstechnologie für unter 2.000 Euro mit dem zweiten Platz bei E-Bikes im bundesweiten Fachhändler-Ranking von Bikeshops.de. »Unser Vorteil ist, dass Cube das Thema im Jahr 2011 schon sehr früh und mit großem Ernst angegangen ist«, erläutert Niko Lindner von Cube den Erfolg der Marke. »Denn letztlich geht es nicht darum, an ein bestehendes Rad einen Motor zu bauen. Die Räder mussten im Hinblick auf ihre Kinematik und ihr Fahrverhalten ganz neu konstruiert werden.«

22. April 2015 von Reiner Kolberg

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