Coras Messe-Eindrücke
Wie das Fahrrad Menschen bewegt
Die meisten Besucher und Aussteller sind auf dieser Messe, weil ihnen das Thema Fahrrad am Herzen liegt. Fahrrad – das ist nicht nur ihr Beruf, sondern auch ihre Berufung.
Mein erstes Erlebnis, das mich zu dieser Erkenntnis bringt, habe ich am Vorabend der Messe. Markus, Jürgen, Urs Rosenbaum und ich sitzen Eis schleckend am Friedrichshafener Fährhafen, als jemand in unserem Rücken ein Fahrrad vorbeischiebt. Meine drei Begleiter können mir ohne genau hinzusehen sagen, um welches Modell es sich dabei handelt. Im ersten Moment bin ich mir etwas unsicher, ob ich mich darüber wundern soll, dass der Vorbau eines Fahrrads mehr Aufmerksamkeit bekommt, als der der Fahrradbesitzerin.
Zur Überzeugung, dass Menschen, die sich mit Fahrrädern beschäftigen, das aus und mit Liebe tun, komme ich dann aber endgültig, als ich nach dem ersten Messetag auf einer Herstellerparty einer quirligen Frau gegenübersitze und mir von ihr erzählen lasse, wie sie ihr Weg in die Fahrradbranche geführt hat. Diese Frau ist die Geschäftsführerin von Velokonzept und Ex-VSF-Geschäftsführerin Ulrike Saade: „Das war reiner Zufall“, sagt sie. „Ich war früh mit meinem Studium fertig und habe mit 22 schon als Lehrerin gearbeitet. Zu diesem Zeitpunkt besaß ich nicht einmal ein Fahrrad und konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass man seinen Arbeits- oder Einkaufsweg per Rad überhaupt zurücklegen kann. Ich fuhr jeden Kilometer mit dem Auto. Ein Lehrerkollege, mit dem ich eine Fahrgemeinschaft zur Schule hatte, wollte dann aufs Rad umsteigen und hat mich so dazu gebracht, mir auch ein Fahrrad zu kaufen.“
„Und wann kam dann die Fahrradbranche ins Spiel?“, frage ich. „Durch die Nachwehen der 68er-Revolte hatte ich meinen Studienabschluss so gut wie ohne Prüfungen bekommen. Darum beschlich mich mit Mitte 20 das Bedürfnis, noch einmal richtig was zu lernen.“ Ulrike Saade bewarb sich dann kurzer Hand in einem Fahrradladen, dessen Besitzer eine rosafarbene Latzhose trug, und absolvierte eine Mechaniker-Lehre. Dort lernte sie nicht nur das Schrauben, sondern auch, dass alternative Fahrradhändler, die schon Anfang der 70er Jahre wert auf Ergonomie und Komfort legten, nur schwer Ware bekommen. So war sie live dabei, als sich diese Händler zu einem Verband zusammenschlossen, dem es so gelang, im Kollektiv bei einem holländischen Hersteller die benötigten Teile zu beschaffen. Der VSF (Verbund selbstverwalteter Fahrradhändler) war geboren … Und heute ist Ulrike Saade Chefin ihres eigenen Unternehmens Velokonzept, das sie gegründet hat, um Messeflächen mit Ausstellern rund ums Fahrrad zu bestücken. Seit 1980 besitzt sie kein Auto mehr und weiß auch nicht, was gerade ein solches kosten würde, denn heute ist sie von ganzem Herzen Fahrradfahrerin.
„Das muss Liebe sein“, denke ich bei mir. Aber diese Liebe muss doch eine Grenze haben. Vielleicht, wenn es ums Geld geht? Da kommt, während ich diese Zeilen schreibe, unser Standnachbar und Bikeshops.de-Inhaber Lars Röttger zu uns an den Stand, plaudert ein bisschen mit Markus und zerstört meine gerade zurecht gelegte Theorie mit dem Satz: „In einer anderen Branche wäre ich längst Millionär …“
für unsere Abonnenten sichtbar.