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Wie tickt der  Bike-Nachwuchs?
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Interview - Rob Heran und Tibor Simai

Wie tickt der Bike-Nachwuchs?

Wie ticken Kinder und Jugendliche, die sich mit dem Bike-Sport beschäftigen? Zwei, die es wissen müssen, sind Tibor Simai und Rob Heran: Die beiden Freeride-Profis sind bei Jugend-Camps in der Bike-Szene regelmäßig als Veranstalter und ­Trainer zu finden. Im Gespräch mit den beiden wird rasch klar: Viele Marktteilnehmer müssen aufpassen, dass sie nicht den Anschluss an die kommende Biker-Generation verlieren.

{b}Tibor, du hast deine Jugend in den Achtziger Jahren erlebt, Rob du deine in den Neunziger Jahren. Wie oft denkt ihr: Als ich noch so alt war, waren wir ganz anders?{/b}
Tibor: Wenn ich auf die Straße gehe und mir die Kids ansehe, denke ich mir natürlich schon manchmal, so würde ich vielleicht gerade nicht rumlaufen. Aber sonst realisiere ich den Altersunterschied gar nicht so sehr. Meistens erst dann, wenn ich in den Spiegel schaue und wieder ein paar neue graue Haare entdecke. Die Arbeit in den Jugend-Camps gibt einem viel Energie und hält dich jung.

{b}Habt ihr also den Eindruck, dass die Kids gar nicht so viel anders sind, als ihr damals?{/b}

Rob: Ich glaube, die Kinder sind heute selbstbestimmter als wir früher. Die Kids sind heute in vielen Dingen mehr auf sich selbst gestellt. Und sie haben auch mehr Ehrgeiz, etwas voran zu bringen. Natürlich sind Kinder und Jugendliche immer noch ein stückweit abhängig von ihren Eltern. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die Kids heute eine stärkere eigene Meinung haben und deutlichere Vorstellungen, was sie mir ihrer Jugend anstellen wollen. Das mag nicht für alle gelten, aber gerade bei den Kids, die sich mit dem Radsport beschäftigen, trifft dies sicherlich zu. Diese Entwicklung hängt bestimmt auch mit dem Internet zusammen: Die Kids sind heute besser informiert und suchen sich dadurch genau ihre Nische, wo sie dazu gehören wollen.

{b}Durch das Internet hat wahrscheinlich auch die Zahl der Einflüsse und Reize auf die Jugend zugenommen…{/b}
Tibor: Die sozialen Netzwerke mit Facebook, Twitter und so weiter sind hier ganz klar zu einer Macht geworden. Ich denke aber, dass gerade auch wir, die mit dem Radfahren ihr Geld verdienen, davon profitieren. Es gibt kaum einen besseren Weg, um sich als gesponserter Sportler in der Zielgruppe darzustellen. Und dies trifft insbesondere zu, je jünger das angesprochene Publikum ist.
Rob: Das ist aber auch für die Kids super. Wie werden beispielsweise oft von denen angeschrieben und gefragt, welches Bike sie sich kaufen sollen. Daran sieht man, dass es heutzutage für die Kids viel einfacher ist, mit ihren Idolen und Helden direkt in Kontakt zu kommen. Die schreiben uns einfach auf Facebook.
Als ich mit dem Biken angefangen habe, da war der Tibor mein Held. Damals musste ich erst zu den Rennen fahren, um ihn und andere Heroes zu treffen. Tibor habe ich dann kennen gelernt, als es mich bei einem Rennen aufs Maul gehaut hatte, und Tibor als erster angelaufen kam, um zu schauen, ob mit mir alles in Ordnung ist. Für die Kids heute ist das alles viel einfacher.

{b}Wobei dies bestimmt auch charakteristisch für die Freeride-Szene ist, nämlich dass die Vorbilder zugänglicher sind. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass es ein fußballbegeisterter Jugendlicher schwerer hat, mit seinen Idolen in Kontakt zu treten.{/b}
Tibor: Das ist auch immer die erste Reaktion, die wir von den Kids hören: »Find ich Wahnsinn, dass du zurück schreibst.« Früher sind die Kaufwünsche der Kids häufig vor dem Schaufenster von einem Radhändler entstanden. Das passiert halt heute nicht mehr so oft. Und deshalb fragen die Kids auch mehr bei uns nach Rat.

{b}Ihr seid beide viel in der Jugendarbeit aktiv, leitet Camps und ähnliche Aktivitäten. Gefällt euch die Jugend von heute?{/b}
Tibor: Die Kids, die wir in den Camps erleben, auf jeden Fall. Wenn du es schaffst, die Kids auf eine ehrliche und authentische Art zu erreichen, dann bekommst du ganz viel zurück. Ich frage mich manchmal schon, ob ich für die Arbeit in den Jugend-Camps nicht langsam zu alt werde. Aber immer, wenn ich gerade wieder von einem Camp zurückkomme, merke ich, wie viel mir diese Arbeit gibt.
Rob: Die Teilnahme an unsere großen Camps kostet rund 550 EUR. Und das Material ist ja auch nicht ganz billig. Da merkst du dann schon, dass die Kids, die Bikesport treiben, eher selten aus schwierigen Verhältnissen kommen. Die Kids, die zu uns kommen, gehen häufig auf höhere Schulen und machen auch sonst viel Sport. Viele sind zum Beispiel auch Wintersportler oder gehen Skaten. Und auch das Modebewusstsein ist da sehr ausgeprägt, die Kids kommen oft top gestylt zu den Camps. Die wissen genau, was sie tragen wollen und was nicht.

{b}Bilden denn die Teilnehmer eurer Camps ein typisches Bild der jungen Generation ab?{/b}
Rob: Ich denke schon, dass wir in den Camps ein repräsentatives Beispiel sehen, wie die junge Generation tickt.

{b}Durch die vielen elektronischen Ablenkungen hat man aber manchmal auch den Eindruck, dass gerade eine Generation von Couch-Potatoes heran wächst. Stimmt dieser Eindruck?{/b}
Tibor: Das hat sich auch schon wieder gewandelt. Als Couch Potatoe im Freundeskreis akzeptiert zu werden, ist ja auch schwierig. Da hat sich was getan, die Jugend ist wieder aktiver und will raus.
Rob: Ich glaube aber schon, dass da noch eine Schere ist, die immer weiter auseinander geht. Auf der einen Seite hast du die Kids, die aus Familien kommen, in denen viel Sport getrieben wird und die ihre Kinder sehr fördern. Und es gibt viele Familien, in denen die Eltern ihren Kindern kein sportliches Vorbild sind und die ihre Kinder vielleicht auch eher mal vor dem Computer abstellen. Mein Eindruck ist, dass diese beiden Extreme zunehmen.

{b}Apropos elektronische Ablenkungen: Gerade bei Kindern und Jugendlichen sind die Veränderungen beim Medienkonsum besonders deutlich. Was bedeutet das aus eurer Sicht für das Marketing der Radbranche?{/b}
Tibor: Das bedeutet zunächst, dass das Marketing für diese Zielgruppe zunehmend online stattfindet. Wenn ein junger Konsument heute eine Kaufentscheidung fällt, ist dem fast immer eine Entscheidungsfindung vorausgegangen, die online stattgefunden hat.
Rob: In den MTB-Foren findet du ja heute nahezu jede Information, die du dir vorstellen kannst. Wenn du heute ein Magazin aufschlägst, dann sind zumindest die aktuellen Produktinformationen darin eigentlich schon alt.

{b}Schauen sich die Kids dann überhaupt noch Magazine an?{/b}
Rob: Doch, schon noch. Die Kids ­wissen es immer noch zu schätzen, ein gutes Magazin in der Hand zu haben. Das lässt sich auch mit Freunden in der Schule leichter teilen. Viele Eltern tolerieren es zudem nicht, wenn ihre Kinder stundenlang vor dem Computer sitzen. Mit einem Print-Magazin gibt es da hingegen keine Probleme.
Tibor: Ich glaube aber schon, dass sich auch diese Form des Medien­konsums noch verändern wird. Die Tablets werden hier noch an Bedeutung gewinnen.

{b}Junge Käufer sind auch eher geneigt, im Internet zu bestellen. Was muss der stationäre Fachhandel tun, um nicht den Anschluss an diese Generation zu verlieren?{/b}
Rob: Die Händler müssten sich endlich mal mit den Jugendlichen und dem Sport, den diese treiben wollen, auseinander setzen. Das findet viel zu wenig statt. Wenn du dir das Sortiment von einem typischen Fahrradhändler anschaust, dann findest du in erster Linie Brot-und-Butter-Produkte, sprich normale Mountainbikes, Trekking- und City-Räder. Du findest aber nur ganz selten auch Produkte, die einen Jugendlichen ansprechen. Die meisten Händler sagen dir dann, dass der Markt oder die Szene dafür nicht da ist. Aber der Markt ist da. Die Kids, die solche Räder fahren wollen, sind überall da.

{b}Was muss ich als Händler machen, um diese Kids zu erreichen?{/b}
Rob: Erstens muss ich mich als Händler auskennen. Wenn die Kids zu mir in den Laden kommen, und ich kenne mich mit Freeride- oder Dirt-Bikes nicht aus, dann lachen die mich aus. Denn die Kids sind durch das Internet inzwischen besser informiert als die meisten Händler…
Tibor: …wesentlich besser…
Rob: Du musst als Händler wissen, worauf die Kids stehen. Was wird getragen, was wird gefahren?

{b}Ist das nicht vielleicht auch ein bisschen ein Generationen-Problem, nämlich dahingehend, dass die Mitarbeiter und Inhaber in den Fahrradläden oft schon etwas älter sind?{/b}
Tibor: Das mag sein. Aber wenn du dich nicht fortbildest und nicht auf neue Trends eingehst, dann verlierst du den Anschluss an den Markt. Egal ob du Facharzt oder Fahrradhändler bist. Ich denke aber, dass es für Fahrradhändler darüber hinaus auch ganz wichtig ist, sich in Projekte mit einzubinden. Wenn du als Händler zum Beispiel einen Pump-Track in der Nähe hast, dann wäre es doch eine coole Sache, ein paar Helme zu stiften. Der Shop Rocky Mountain and Friends hier im Münchner Glockenbachviertel hat das zum Beispiel gemacht. Wenn die Kids an dem Pumptrack vorbeikommen und Lust bekommen auf eine schnelle Runde, dann finden sie jetzt in einer Kiste 15 Helme. Das ist doch eine geile Sache. Und für solche Ideen muss man auch nicht Marketing studiert haben.
Rob: Du musst dich halt mit der Szene auseinandersetzen. Bei mir war es so, dass ich als Jugendlicher durch das Radfahren auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe erreichen wollte. Und da war der Radladen der Szene-Treff. Als Jugendlicher habe ich mir dann ausgemalt, dass der Mechaniker in der Werkstatt bestimmt jede freie Minute im Sattel sitzt.
Wenn die Kids in einem Laden vor Ort und nicht im Internet einkaufen, dann auch weil sie vielleicht zu diesem Laden und dessen Kultur dazugehören wollen. Weil sie genauso so coole Typen sein wollen, wie die Mitarbeiter, die im Laden stehen, zehn Jahre älter sind und ihnen das Zeug verkaufen. Das ist ja in der Skate- und Snowboard-Szene noch viel extremer ausgeprägt.
Tibor: Aber es gibt leider nur noch wenige Läden, die so cool sind, dass du dieses Feeling bekommst. Die meisten Händler stellen ihren Laden voll bis unters Dach mit Fahrrädern und geben dabei ihre Identität auf. Und dann stimmt leider oft auch, was jüngst im Süddeutschen Magazin geschrieben wurde: Wenn du mal wirklich blöd angesprochen werden willst, dann gehst du am besten in einen Fahrradladen.

{b}Tibor, du bekommst als Wertungsrichter verschiedener Freeride-Events oft Sachen zu sehen, die lebensgefährlich enden können, wenn sie schief gehen. Kann man da gerade bei jungen Fahrern immer völlig sorgenfrei zusehen?{/b}
Tibor: Die Frage, ob die heutigen Freeride-Events noch sicher sind, wird mir in den letzten Jahren öfter gestellt. Der Sport ist zwar extremer geworden, aber auch die Trainingsmöglichkeiten haben sich entsprechend entwickelt. Heute kannst du als Jugendlicher in Hallen gehen und Sprünge in Schaumstoff- Schnitzelbecken oder mit stoßabsorbierenden Landezonen üben. Das ist etwas, was wir in unserer Jugend noch nicht hatten. Und wenn du da die Bewegungsabläufe verinnerlicht hast, dann ist die Umsetzung im Bike-Park wesentlich weniger gefährlich.

{b}Müsst Ihr die Kids trotzdem manchmal noch bremsen? Ich kann mir vorstellen, dass viele Kids extreme Bilder im Kopf haben, wenn sie in den Bike-Park oder auf den Dirt-Track gehen und ihre eigenen Fähigkeiten dann überschätzen.{/b}
Rob: Die merken meistens selber ganz schnell, wenn die mal in einem Park unterwegs sind, dass mehr dazu gehört, die großen Drops etc. zu meistern. Aber es ist schon auch so, dass du dich als Veranstalter von einem Camp oder als Coach auf einem schmalen Grat bewegst. Einerseits wollen wir den Kids viel Spaß bieten und auch ihre Grenzen ausloten lassen, auf der anderen Seite müssen wir die aber auch einbremsen. Gerade innerhalb einer Gruppe würden sich die Kids sonst oft voll zerfahren. Die pushen sich gegenseitig enorm hoch und wollen den anderen Kids zeigen, was sie können.
Ich sehe aber in unserer Branche auch immer wieder Erwachsene, die so einer Verantwortung nicht gerecht werden. Ein Beispiel, das mich stinksauer gemacht hat, war letztes Jahr der Cash for Tricks Contest in Winterberg. Da wurden die Kids animiert, für Geld bestimmte Tricks vor 15.000 Zuschauern zu machen. Es hieß dann zum Beispiel, wer als nächstes einen Front-Flip steht, bekommt 500 Euro. Das ist für Kids wahnsinnig viel Geld. Und einige probieren es dann auch tatsächlich aus. Da hätten sich einige Kids den Rücken brechen können. Das verantworten dann Leute, die selber schon mehrmals mitbekommen haben, dass sich Biker bei dem Sport richtig weh getan haben. So was geht nicht, passiert aber leider immer wieder. Da werden Kids zu einer Leistung gepusht, bei der sie sich nicht bewusst sind, was sie da gerade riskieren. Der Sport ist potenziell gefährlich und funktioniert sicher nicht, wenn du dein Hirn ausschaltest.
Die Top-Athleten in der Freeride-Szene sind sehr smarte Leute, die sehr genau wissen, was sie können und was sie nicht können. Und das musst du den Jugendlichen vermitteln.
Ich sehe aber auch leider viel zu oft, dass sich junge angehende Profis überhaupt nicht mehr mit ihrem Körper auseinandersetzen. Die wissen gar nicht, was sie ihrem Körper antun, wenn es sie ständig aufs Maul haut. Nach fünf Jahren im Profi-Sport sind dann nur noch am Rumhumpeln und müssen ihre Karriere vorzeitig beenden. Gott sei Dank gibt es in unserer Szene aber auch Leute wie Tibor oder Timor ­Pritzel, die den Kids immer wieder ­eintrichtern, dass sie auf ihren Körper achtgeben müssen, die den Kids zum Beispiel beibringen, dass sie sich dehnen und aufwärmen. Dann haben die Kids Spaß beim Biken und lernen gleichzeitig, auf sich und ihren Körper acht zu geben.

15. Februar 2013 von Markus Fritsch
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