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Wo bleibt der Nachschub?
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Handel - Lieferproblematik 2019

Wo bleibt der Nachschub?

Ein Jahr, in dem es keine Lieferschwierigkeiten vor und während der Saison gäbe, wäre ein Novum für die Branche. Folgerichtig gibt es auch in diesem Jahr viel Gesprächsbedarf, um aus den aktuellen Pannen, Pleiten und Problemen die richtigen Lehren zu ziehen. Insbesondere der Umsatzbringer E-Mobilität bereitete Kopfzerbrechen.

Velobiz.de Magazin befragte kurz vor Erscheinen dieser Ausgabe rund exemplarische 100 Fahrradhändler, inwiefern Lieferprobleme ihren unternehmerischen Erfolg in dieser Saison beeinflusst haben. Das Bild, das die Antworten zeichnen, ist uneinheitlich: Während manche Händler gar keinen Grund zu klagen hatten, brachten Lieferverzögerungen andere in eine schwierige Ertragslage. Insgesamt hat knapp ein Viertel der Umfrageteilnehmer den Herstellern ein sehr gutes Zeugnis ausgestellt, indem sie zu Protokoll gaben, dass alle vorgeordeten Räder entweder vor dem oder pünktlich zum vereinbarten Liefertermin zugestellt wurden. Weitere knapp 17 % der Umfrageteilnehmer erreichten die Räder mit zwei- bis vierwöchiger Verspätung. Das dürfte immer noch als hinnehmbare Verzögerung akzeptabel sein. Der Großteil der Händler in dieser Umfrage musste allerdings noch länger auf die vorgeorderte Ware warten: Zwanzig Prozent monierten Verspätungen von ein bis zwei Monaten. Mit einem Anteil von ziemlich genau einem Drittel stellten jene Händler die größte Gruppe, die zwei bis vier Monate länger auf ihre vor Jahresfrist bestellten Räder warten mussten. Nach unten komplettiert wird das Feld von Händlern, die klagten, dass vorgeorderte Ware überhaupt nicht geliefert wurde.

Licht und Schatten bei ­Vororderlieferungen

Da diese Umfrage nicht repräsen­tativ ist und die Antworten anony­misiert wurden, hat es keinen Sinn, einzelne Marken und Hersteller zu benennen. Aus den Antworten lässt sich aber herauslesen, dass sowohl kleinere wie größere Marken mit Lieferproblemen kämpften.
Mitunter hatten die nicht vorhandenen Räder zum Saisonstart massive Auswirkungen auf Händler: »Uns fehlten aufgrund der Lieferschwierigkeiten bei normalen Trekkingbikes über 100 Stück im Abverkauf. Unsere anderen Lieferanten konnten dies nicht auffangen. Im April habe ich schon ganz schwarz gesehen. Die Situation hat sich wieder entspannt und einen Teil der verlorengegangenen Umsätze haben wir wieder aufgeholt. Das Plus hätte jedoch deutlicher ausfallen können. Dennoch war die Saison mehr als nervenaufreibend. Kundenwünsche konnten nicht erfüllt werden, trotz reichlicher Vororder. Ich habe absolut kein Verständnis dafür, dass Vorordern nicht pünktlich ausgeliefert werden. Man merkt immer noch, dass der Branche ein Minimum an Professionalität fehlt«, berichtete ein Händler in der Umfrage.
In das gleiche Horn stößt ein Händler aus Kassel: »Wir hatten viele Verkäufe, die nachträglich storniert wurden weil vorher angefragte Lieferzeiten teilweise um Monate nicht eingehalten wurden. Es gab viele Kundenkontakte mit Nachfragen, wann die Räder endlich geliefert werden. Viele Hersteller verhalten sich extrem unprofessionell und haben noch nicht verstanden das wir jetzt (E-)Räder für bis zu 10.000 Euro verkaufen und nicht mehr bei 799 Euro Schluss ist und die Kunden gerechtfertigterweise entsprechend andere Ansprüche sowohl an den Handel und auch an die Hersteller haben.«
Einen drastischen Fall erlebt gerade ein Händler, der besonders spät beliefert wurde: »Vor vier Wochen habe ich Räder aus der Vororder 2019 geliefert bekommen, die Räder sind noch nicht verkauft. Heute hat der Hersteller seine noch lagernden, gleichen Modelle reduziert. Ich verliere hier tagtäglich Geld. Würde ich meinen Laden vermieten, hätte ich einen deutlich besseren Ertrag.«
Auch andere Händler beklagten sich, dass Kunden angesichts der unwägbaren Wartezeiten auf das neue Fahrrad vom Kauf im eigenen Radladen wieder abgerückt sind. Es sollen aber nicht die Stimmen unter den Tisch fallen, die in diesem Jahr mit den Lieferungen zufrieden waren. Mit »die Lieferfähigkeit war ausgezeichnet« und »alles perfekt, trotz diverser kleiner Probleme«, finden sich auch einige Händler, die in dieser Saison keinen Grund zur Klage hatten.

Nachlieferfähigkeit lässt zu wünschen übrig

Durchaus ähnlich durchwachsen wie die Auslieferung der Vororder bewerteten die Händler die allgemeine Nachlieferfähigkeit der Hersteller in der Branche. Fast 22 Prozent vergaben die Schulnoten gut und sehr gut für ihre Marken. Noch einmal so viele ­fanden die Nachliefermöglichkeiten befriedigend, weitere 15 Prozent ausreichend. Die größte Gruppe waren aber jene Händler, die ihre Nachorder-optionen mangelhaft fanden. Fast ein Drittel der Händler vergab diese Note. Knapp 10 Prozent klagten über überhaupt nicht vorhandene Nachlieferfähigkeiten ihrer Lieferanten.
Da die Vororder keine exakte Wissenschaft ist und die konkrete Situation in der Saison kaum vollständig absehbar ist, wünschen sich Händler, bei besonders gut laufenden Modellen und Segmenten ihren Bestand wieder auffüllen zu können. »Wir hätten von allem mehr verkauft, wenn was lieferbar gewesen wäre«, lautet die typische Klage eines Umfrageteilnehmers, wenn diese Option nicht ausreichend gegeben ist. Natürlich ist es dem Betriebsergebnis zuträglich, wenn man auf unverhoffte Nachfragespitzen der Kunden kurzfristig eingehen kann. Die Vielfalt der Antworten zeigt, dass in diesem Jahr manche Marken mehr Probleme hatten als andere, ihren Händlern diese Gelegenheit zu geben.
Unter den fehlenden Nachlieferoptionen litten auch die kleineren Händler: »Als kleiner Händler mit ebenso kleinem Lager ist man schon ziemlich abhängig von dem, was gerade lieferbar ist. Kaum ein Kunde möchte inzwischen mehr als drei Wochen warten. Aussagen der Kunden, wie ‚sind wir denn in einem Entwicklungsland oder in der DDR‘, hat man dieses Jahr schon sehr häufig zu hören bekommen. Ich hoffe, dass sich das auch die Hersteller langfristig nicht leisten können und wir viele kleinen Händler die Macht besitzen, endlich von den Vorordern wegkommen. Die Hersteller verdienen, indem sie uns ihren Lagerbestand inklusive aller Gefahren aufdrücken und dann nicht mal selbst irgendwelche Lieferengpässe überbrücken.«

Elektroräder betroffen

Die Kritik an verspätet gelieferten Fahrrädern konzentrierte sich vor allem auf die E-Segmente. 71 Prozent der Umfrageteilnehmer beklagten Verspätungen bei Trekking- und Citybikes mit Elektromotor, nicht viel besser sah es in dieser Saison mit E-MTBs aus, deren späte Lieferung von 65 Prozent der Händler bemängelt wurde. Da aber fast 30 Prozent der Umfrageteilnehmer auch bei Trekking- und Citybikes ohne Motorunterstützung Lieferverzögerungen notierten, lässt sich festhalten, dass es beim klassischen Fahrrad ebenfalls haperte. Der relative Newcomer Lastenrad (mit und ohne E-Motor) wurde von knapp 23 Prozent als verspätet beanstandet.

Wer bekommt den schwarzen Peter?

Die Gründe für die Verspätungen sind bekannt und auch der Handel weiß um die dahinterstehenden Prozesse, wie ein Umfrageteilnehmer erklärt: »Das Thema bezüglich Nichtlieferung liegt ja meistens nicht am Hersteller der Fahrräder, sondern an der Lieferfähigkeit von Antrieben, Akkus, Gepäckträger- und Teileherstellern.« Es ändert nichts an der komplexen Situation, dass Hersteller eine frühere Vororder wünschen für mehr Vorlaufzeit, während der Handel nicht das gesamte Warenrisiko übernehmen will und mehr Möglichkeiten, kurzfristig auf eine sich ändernde Nachfrage zu reagieren, sehr zu schätzen wüsste. Soll man die Teilehersteller zu mehr Professionalität anmahnen oder die Hersteller zu sorgfältigerer Lieferantenauswahl? Welche besseren Vorhersageinstrumente als Bauchgefühl und Glaskugeln kann der Handel nutzen, um die nächste Saison präziser zu planen? Die Situation rund um die Lieferfähigkeit war in der Branche schon immer ein großer Reibungspunkt, da hier die sich teilweise widersprechenden Interessen zusammentreffen. Die vorhandenen Lieferverzögerungen dürfen vor allem als Aufgabe an die Hersteller gelten, haben sie doch am direktesten Einfluss auf die Prozesse. In einer allen Unkenrufen zum Trotz kompetenten Branche sind die Ansprüche auf allen Seiten inzwischen hoch. Die Nichterfüllung dieser schadet allen gleichermaßen. Zuerst würde es der Handel zu spüren bekommen, wie ein Händler bemerkt: »Wir müssen immer mehr die Last der Warenbevorratung ­tragen. Und dies bei ständig erneuerten Produkten. Solange es boomt, können die Händler vieles ausgleichen. Wehe der Boom lässt nach. Dann hauen wir uns die Preise um die Ohren.«

27. August 2019 von Daniel Hrkac
Velobiz Plus
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