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Nachruf

Yoshizo Shimano 1934–2020

Bei Shimano erzählt man sich die Geschichte, dass Yoshizo Shimano an den Schwingungen des Bodens seines Büros ablesen konnte, ob das von ihm gelenkte Unternehmen florierte. Impuls­geber für die Bodenschwingungen waren die Kaltschmiedepressen in der benachbarten Werkshalle. Wenn diese ihr tonnenschweres Gewicht in gleichmäßigem Takt auf Aluminiumrohlinge krachen ließen, um daraus Fahrradkurbeln zu formen, dann spürte Yoshizo Shimano, dass in dem von seinem Vater gegründeten Unternehmen alles gut lief.
Doch nicht nur für Schwingungen des Bodens hatte Yoshizo Shimano einen stark ausgeprägten Sinn: Wenn man rückblickend beschreiben will, was Yoshizo Shimano als langjährige Führungspersönlichkeit ausmachte, dann ist sein Gespür für neue Entwicklungen im Fahrradmarkt wohl eine seiner zu nennenden besonderen Eigenschaften. (...)

(...) Es ist keine Übertreibung, dass ohne das Wirken von Yoshizo Shimano der globale Fahrrad­markt heute anders aussähe. In den über fünf Jahrzehnten, in denen Yoshizo Shimano eine Führungsrolle im Unternehmen innehatte, gab es bestimmt auch Entwicklungen, auf die der Komponentenhersteller zu spät reagiert hat. Bei den wirklich großen Weichenstellungen im Markt zeigte er zusammen mit seinen Brüdern Shozo und Keizo aber häufig mehr Mut und visionäre Qualitäten als die Mitbewerber.
Yoshizo trat im August 1958 nach einem Wirtschaftsstudium und einer kurzen Karriere als Lastwagenverkäufer bei Nissan in das 1921 von seinem Vater Shozaburo Shimano gegründete Unternehmen ein. Dieser war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank und starb wenige Wochen später. Im Alter von gerade mal 23 Jahren übernahm Yoshizo zusammen mit seinen Brüdern Shozo (damals 30) und Keizo (26) die Leitung des Familienunternehmens.
Der jüngste Shimano-Sohn war damals kein begnadeter Ingenieur wie sein Bruder Keizo und auch noch kein Stratege wie sein Bruder Shozo. Aber er war von den drei Brüdern vielleicht die weltoffenste und am vielseitigsten interessierte Persönlichkeit. Als Shimano in den 60-er Jahren zunehmend auch die internationalen Märkte und hier insbesondere die USA ins Auge fasste, war wohl relativ schnell klar, wer von den Shimano-Brüdern die Expansion außerhalb Japans anführen sollte.
Im Juli 1965 wurde Shimano USA mit drei Mitarbeitern und Yoshizo Shimano an der Spitze gegründet. Er war rückblickend der richtige Mann, mit dem richtigen Produkt am richtigen Ort zur richtigen Zeit: Erst im 10-Speed-Boom der frühen 70-er Jahre und später dann im BMX-Boom erklomm der Shimano-Umsatz mit dem USA-Geschäft bisher ungeahnte Höhen. 1972 gründete Yoshizo zudem in einer Doppelrolle als Präsident auch die Europa-Niederlassung von Shimano. Er war somit bei Shimano für die beiden international wichtigsten Fahrradmärkte zuständig.
In seiner Autobiografie »This Is My Road« erzählt Yoshizo Shimano, wie er 1979 den ersten Mountainbikes in den USA begegnete. Seine begeisterten telefonischen Berichte über diese neue Bewegung in Kalifornien führten schließlich dazu, dass sich seine Brüder Keizo und Shozo in den Flieger setzten, um sich selbst ein Bild von diesem neuen Trends zu machen. Was dann folgte, zählt längst zum Historienschatz der Fahrradbranche: 1981 stellte Shimano alle anderen Entwicklungsprojekte zurück, um die erste Komponentengruppe für Mountainbikes zu entwickeln. Das Ergebnis wurde ein Jahr später mit der Modellbezeichnung »Deore XT« vorgestellt. Von Gary Fisher ist dessen erste Einschätzung überliefert: »Ich glaube, das wird ein Hit.« Es sollte seitdem nicht der einzige Hit von Shimano bleiben.
Yoshizo Shimano schreibt in seiner Autobiografie, dass er sich Anfang der 90-er Jahre schon darauf eingestellt hatte, bald in den Ruhestand zu gehen und in den USA zu bleiben. Doch es sollte anders kommen. Als 1991 sein Bruder Shozo gesundheitliche Pro­bleme bekam und kurz darauf der andere Bruder Keizo überraschend starb, ereilte Yoshizo der Ruf, bei Shimano die oberste Führungsrolle als Präsident zu übernehmen. Auch wenn seine persönlichen Pläne ganz anders aussahen, war es für den pflichtbewussten Japaner wohl undenkbar, diesem Ruf an die Spitze des Unternehmens nicht zu folgen.
Yoshizo wurde nicht nur der neue Lenker an der Spitze von Shimano, er brachte auch eine neue Kultur mit. Wenn der neue Shimano-Präsident von internationalen Mitarbeitern mit einem herzlichen »Yoshi« angeredet wurde, war das für die japanischen Kollegen wohl mehr als nur gewöhnungsbedürftig. Doch Yoshizo führte nicht nur Englisch als konzernweite Unternehmenssprache und legere Umgangsformen ein, er legte vor allem auch die organisatorischen Grundsteine, dass Shimano auch nach dem Abflauen des Mountainbike-Booms einer der wichtigsten Player in der Fahrradwelt blieb.
Yoshizo Shimano sagte später, er habe sich nie gewünscht, Präsident des Unternehmens zu werden. Und die folgenden sechs Jahre an der Spitze von Shimano seien die härteste Zeit seines Lebens gewesen. Der lebenslustige Mensch Shimano musste in der neuen Rolle wahrscheinlich häufiger, als ihm lieb war, auch unbequeme Entscheidungen treffen. Doch rückblickend betrachtet wird offensichtlich, dass in den späten 90-er Jahren einmal mehr der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, um den Komponentenriesen für das nächste Jahrtausend wettbewerbsfähig aufzustellen.
Am 3. Juli 2020 ist Yoshizo Shimano im Alter von 85 Jahren an den Folgen eines chronischen Herzleidens gestorben. Die Fahrradbranche verliert damit nicht nur einen Menschen von visionärer Kraft, sondern auch einen besonders herzlichen und nahbaren Menschen. Auch wenn er der Chef des mit Abstand größten Unternehmens der Fahrradbranche war, konnte man Yoshizo Shimano auf Messen und ähnlichen Anlässen mit einem »Hi Yoshi« jederzeit in ein freundliches Gespräch verwickeln. Legendär sind auch seine vielen Besuche bei Fachhändlern überall auf der Welt, wo er nicht nur seine Zuneigung und Wertschätzung der Handelspartner zum Ausdruck brachte, sondern auch den Anregungen von der Verkaufsfront aufmerksam zuhörte.
Die Fahrradwelt hat Yoshizo Shimano viel zu verdanken.
Shimano-san arigato gozaimasu.

6. August 2020 von Markus Fritsch

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