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Händlerreise - Italien

Auf nach Bella Italia

In der Reihe der Reisedestinationen der velobiz.de-Händlerreise hat Italien noch gefehlt. Dass sich der Weg über den Brenner lohnt, war eigentlich von vornherein klar. Die dortige Fahrradbranche bietet viele lohnenswerte Ziele, die im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne ihren Platz gefunden haben.

Dass ein Radsportland wie Italien auch eine bemerkenswerte Zweiradindustrie vorweisen kann, ist vielleicht nicht selbstverständlich, aber doch naheliegend. Natürlich weiß man in der Branche, dass auch jenseits der Alpen eine sehr umtriebige Fahrradindustrie das Produkt nach vorne zu bringen sucht. Höchste Zeit also, nach dem aktuellen Stand der Dinge zu sehen. Es fand sich eine schön durchmischte Gruppe an Fahrradhändlern, die ebenfalls Lust hatte, die italienischen Produzenten zu besuchen und auch ein bisschen Dolce Vita zu genießen. Möglich wurde die Händlerreise 2025 zudem durch die Unterstützung folgender Sponsoren: Abus, Bidex, Business Bike, und Enra.
Die ausgebuchte Reise nahm für die meisten mit der Fahrt im Bus über München nach Bergamo ihren Start. Dort stieß noch das fliegende fehlende Drittel dazu, für die München kein optimaler Startpunkt war. Nach einem gemeinsamen Essen am Sonntag begann dann am Montagmorgen das geplante Programm.

Es folgten viele sehenswerte Stationen, die die ganze Vielfalt der Branche zeigten. Nach der Station bei Abus folgte der letzte Ortswechsel nach Venedig. Nach der kurzen Fahrt in die Lagunenstadt blieb den Reisenden in den restlichen eineinhalb Tagen genügend Zeit, um dann abseits von Fahrradpfaden in dieses einzigartige Ambiente einzutauchen. Ob Glasbläser, Gondoliere oder Gastronomie, die Stadt ist nicht umsonst ein Tourismusmagnet.
So fand die Reise, bei der auch das Wetter perfekt mitgespielt hatte, ihren entspannten Ausklang. Erst kurz vor der Rückfahrt fielen die ersten Regentropfen. Traurig war niemand deswegen, eine sehr angenehme gemeinsame Woche ging vorüber, wofür auch das velobiz-Team allen Teilnehmenden sehr herzlich dankt.

Pirelli



Die erste Station der Reise war Pirelli. Der Reifenhersteller, heute besonders als exklusiver Ausrüster der Formel 1 weltbekannt, hat seine nicht vergessenen Wurzeln in der Herstellung von Fahrradreifen. Allerdings hatte man sich lange Jahre aus diesem Feld zurückgezogen. Das neue, alte Werk in Bolate produziert erst seit wenigen Jahren wieder Fahrradreifen. Der Schwerpunkt liegt auf den hochwertigen Reifenlinien, die in der Nähe von Mailand produziert werden. Es war ein erstes Highlight, zu sehen, wie hoch die Standards sind, unter denen gearbeitet wird. In jedem Fahrradladen riecht es stärker nach Fahrradreifen als beim Hersteller direkt. Die Verantwortlichen vor Ort konnten gut zeigen, was alles für die Reifenproduktion zusammengeführt werden muss. Ein ausführliches Porträt zu Pirelli findet sich übrigens auch in der velobiz.de-Ausgabe 7/2025.

Masciaghi


Ganz anders ist man beim Fahrradhersteller Masciaghi aktuell aufgestellt. Das Unternehmen hat turbulente Zeiten hinter sich und sieht nun mit neuem Management hoffnungsvoll der Zukunft entgegen. Die 30.000 Quadratmeter Firmenfläche sind eindrucksvoller Beleg dafür, dass Masciaghi einst der größte Fahrradhersteller Italiens war. Man arbeitete damals im Agenturverfahren, was bedeutet, dass im Unternehmen nur die Teile zusammengeführt wurden, um sie dann außerhalb produzieren zu lassen von lokalen Betrieben. Doch davon ist man derzeit noch ziemlich weit entfernt.
Beim Besuch war erkennbar, dass die neue Führung ein großes Interesse an den Gästen aus Deutschland hatte. Mit der eigenen Marke Coppi, einst verbunden mit der Radsportlegende Fausto Coppi, erwägt man, den deutschen Fahrradmarkt zu betreten. Entsprechend aufmerksam hörte man zu, was Händler sich wünschen und welche Herausforderungen bestehen.

Santini


Der nächste Tag begann bei Santini. Bikewear genießt im Fahrradhandel offenbar doch viel mehr Wertschätzung, als üblicherweise angenommen wird: Mit großer Aufmerksamkeit zog die Händlergruppe durch die Produktion des italienischen Familienunternehmens, das heute von den zwei Töchtern des Firmengründers Pietro Santini geleitet wird. Der modische Anspruch des Unternehmens wird fein kombiniert mit funktionalen Materialien und optimierten Schnitten. Nicht umsonst stellt die Marke seit langer Zeit das gelbe Trikot der Tour de France her und blickt auch sonst auf eine Radsporthistorie zurück, während der wohl schon jedes Rennen in Santini-Stoffen gewonnen wurde. Im direkt neben der Produktion angesiedelten Flagship-Store konnte die Reisegruppe dann nicht widerstehen und legte eine bemerkenswerte Shopping-Laune an den Tag. Es war allerdings auch sehr einladend: Die beiden Geschäftsführerinnen Monica und Paola Santini halfen selbst bei der Produktauswahl und auch Seniorchef Pietro ließ sich samt Ehefrau sehen.

3T


Zumindest als Fahrradhersteller ist 3T eine noch junge Marke. Allerdings sind die Ambitionen nicht zu übersehen. Die hochwertigen Carbonrahmen werden vor Ort im Werk in Bergamo gefertigt. Dort zeigte man der Reisegruppe, wie die Rahmen hergestellt werden. Knapp ein Kilometer Carbonschnur wird zu einem Rahmengeflecht gewebt und schließlich in verschiedenen Prozessen mit Harz und Hitze zu einem edlen Rennrad beziehungsweise Gravelbike verbacken. Deutlich wurde auch, dass der Optimierungsprozess in der Produktion immer weiter vorangetrieben wird. Die Verantwortlichen machten klar, dass man noch viel Potenzial sehe.
Einer der Vorteile der Rahmenproduktion in Italien besteht darin, dass nicht auf Vorrat gewickelt wird, sondern erst nach Auftragseingang. Für die Besucher war 3T ein schönes Beispiel, dass eine eigene Rahmenfertigung doch ein bemerkenswerter Reputationsgewinn sein kann, wenn man es so professionell und detailverliebt betreibt, wie es hier gezeigt wurde.

Campagnolo


Am Mittwochnachmittag, nach einem ausgedehnten und entspannten Zwischenstopp in Sirmione am Gardasee, ging es dann in die heiligen Produktionshallen von Campagnolo. Die Marke hat aktuell vielleicht nicht die Verkaufszahlen der Vergangenheit, arbeitet aber an ihrem Comeback. Der Klang der Marke, das Prestige und auch die hochwertige Anmutung sind keineswegs verloren gegangen. Im Hauptquartier in Vicenza versprüht die Produktion immer noch ihren Industriecharme. Es werden dort mitunter aus massiven Metallblöcken die verschiedensten Fahrradkomponenten gefräst.
Ketten, Felgen, Laufräder oder Kurbeln, im Hauptquartier werden viele der wichtigen Komponenten für die hochwertigen Campa-Gruppen hergestellt. Beim Besuch war zugleich auch eine bemerkenswerte Aufbruchstimmung zu spüren. Man zeigte stolz, was man hat und macht. Gleichzeitig gab es einige Dinge, die das Unternehmen noch unter Verschluss hielt. Man darf also gespannt sein, was demnächst aus Italien wieder an Fahrradkomponenten auf den Markt kommen wird. Der Besuch war eine schöne Erinnerung, dass man die Schaltungen von Campagnolo nicht abschreiben sollte.

Selle Royal


Einen Szenenwechsel gab es dann am nächsten Tag bei Selle Royal. In Pozzoleone, in der Region Veneto, produziert das Unternehmen einen Großteil seiner Sättel. Dort zeigte sich, dass man bemerkenswert viel High-Tech einsetzt. Vom Zuschnitt der Sattelbezüge über das Aufschäumen bis zum Feinschliff geschehen alle Arbeitsschritte vor Ort, die mal mehr, mal weniger viel Handarbeit erfordern.
Im Betrieb werden auch die Sättel von Fizik hergestellt. Manches Mitglied der Reisegruppe verspürte große Lust, einen eigenen Sattel herzustellen, aber dafür ist die Herstellung dann doch schon viel zu automatisiert. Auf jeden Fall konnte man mitnehmen, dass der Sattel nicht umsonst so viel Aufmerksamkeit am Rad bekommt. Zu Selle Royal gehören inzwischen auch die Marken Brooks, Crankbrothers und die Bikewear-Marke Pedaled, deren Produkte aber an anderen Standorten produziert werden.

Ursus


Besonders sympathisch präsentierte sich Teilehersteller Ursus, wo man nicht nur mit einer beeindruckenden Produktion, sondern auch charismatischen Persönlichkeiten im Unternehmen zu überzeugen wusste. »Wir sehen uns als Problemlöser für die Branche«, formulierte es Firmenchef Mirko Ferronato, der das Unternehmen in zweiter Generation führt. 1966 entwickelte sein Vater Sergio Ferronato einen Sattelschnellspanner und gründete im Jahr darauf sein Unternehmen. Heute steht das Geschäft von Ursus steht auf drei Standbeinen: Automotive, Fahrrad und Industrie. Gerade der Automotive-Bereich führt dazu, dass man auch in der Fahrradteileproduktion nach dem Automotive-Standard IATF 16949 arbeitet. Das ist eine absolute Seltenheit in der Branche.
Für viele in der Reisegruppe war es neu zu hören, für wie viele prominente Fahrradmarken Ursus Teile herstellt. Auch die eigenen Carbonlaufräder haben das Interesse von einigen Händlern in der Gruppe geweckt. Auch diese Station war also ein Win-Win für alle Beteiligten.

Abus


Die letzte Etappe der Werksbesichtigungen war bei Abus. Tatsächlich werden die Topmodelle der Sicherheitsexperten nicht in Fernost produziert, sondern in Norditalien. Der langjährige Partner Maxi Studio gehört seit einigen Jahren direkt zu Abus und hat seinen Fokus auf dem Helmsegment. Der gesamte Prozess der Helmherstellung findet am Standort Vanzo Nuovo statt. Dort werden die Helme entwickelt, die einzelnen Bestandteile hergestellt und samt Helmriemen miteinander verbunden. Qualitätskontrolle bis Verpackung sind ebenfalls vor Ort und waren weitere Beispiele dafür, dass es bei Fahrradprodukten doch einiges an Handarbeit braucht. Auch ein Prüfstand vor Ort wird herangezogen, um die eigenen Ansprüche in Tests zu verifizieren.
Wie wichtig die Helme für Abus sind, zeigt sich auch daran, dass derzeit der Bau eines neuen Standorts läuft. Im Jahr 2027 soll dann auf einer Fläche von 8000 Quadratmetern die Helmproduktion weiterhin in der Nähe, aber dann mit deutlich mehr Kapazität laufen. Auch die Baustelle war eine kleine Zwischenstation des Abus-Besuchs, bevor es dann zum gemeinsamen Mittagessen ging.

19. Dezember 2025 von Daniel Hrkac

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