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Markt - Mountainbikes

Das MTB ist tot, lang lebe das MTB

Es ist offensichtlich: Das Mountainbike-Segment hat sich innerhalb weniger Jahre tiefgreifend verändert. Wie der aktuelle Stand der Dinge aussieht und welche künftige Entwicklung zu erwarten ist.

Wenn man sich die Wandlungsfähigkeit der Fahrradwelt vor Augen führen will, dann lohnt sich immer wieder ein Blick auf das Mountainbike. Dieses Segment hat bei seiner ersten Inkarnation ab Ende der Achtzigerjahre und bis Ende der Neunziger eine neue Art der Zweiradmobilität eingeführt und einen riesigen Boom im Markt ausgelöst, der zu einem neuen Hoch in der Fahrradwirtschaft geführt hat.
Nach einem lange währenden Reife- und Sättigungsprozess wurde es etwas stiller um das Mountainbike. Die Evolution des Marktes führte zu immer besseren Bikes und einem ausdifferenzierten Angebot, aber zumindest aus Marktsicht waren Mountainbikes nur noch ein Segment unter anderen. Bis dann diese Sache mit den Elektromotoren aufkam.
Ein Hilfsmotor für Sportler? Wer braucht denn so was? So und ähnlich klangen die vielen Vorbehalte gegenüber E-Mountainbikes. Doch der Widerstand bröckelte nach und nach, bis schließlich der große Spaßfaktor akzeptiert wurde. In den letzten fünf bis sechs Jahren sind dann alle Dämme gebrochen: Kaum jemand dürfte erwartet haben, dass sich E-MTBs mit so durchschlagender Kraft in derart kurzer Zeit etablieren, nein: durchsetzen würden. Wer länger nicht mehr auf die Marktzahlen geblickt hat, dürfte sich verwundert die Augen reiben: Das E-MTB ist die beliebteste Ausführung des Bergrades, und das mit großem Abstand.
Vergangenes Jahr wurden laut ZIV allein in Deutschland 736.000 Mountainbikes verkauft. Von diesen hatten bereits 585.000 einen Motor verbaut. Damit gehören fast 80 Prozent der in dieser Statistik erfassten Räder zu einem neuen MTB-Typus, den es vor wenigen Jahren noch gar nicht gab.
Der schnelle Aufstieg des E-MTBs ist letztlich der Beleg, dass für die große Masse das elektrounterstützte Mountainbike das bessere MTB ist. Aus eigener Kraft mehr oder weniger hohe Berge hochzupedalieren bleibt das, was es schon immer war: eine sportlich eher anspruchsvolle Betätigung, auf die man auch keine Lust haben darf. Es hat sich inzwischen herumgesprochen: Die modernen Elektromotoren eröffnen einen neuen Zugang zur Natur, den es so vorher nicht vergleichbar gab. Ist das noch der gleiche Mountainbike-Sport wie in der Vergangenheit? Letztlich ist diese Frage egal. Wer die sportliche Herausforderung auf dem Bike liebt, der findet sie nach wie vor jeden Tag. In der Breite bevorzugen Biker heute die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie schwierig es wird, auf Strecken, die vorher immer schwierig waren.


Gipfelstürmer: Das E-MTB bietet viel Fahrspaß, ohne konditionelle Höchstleistung zu fordern. Das überzeugt die Masse der Bikerinnen und Biker.

E-Sport noch nicht angekommen

Der eigentliche Mountainbike-Sport, also das wettkampfmäßige Fahren auf unmotorisierten Mountainbikes jeder Couleur ist laut Friedemann Schmude, Teammanager beim Team Bulls, vom E-MTB bisher nicht wesentlich beeinflusst.

»Zumindest was den Rennsport angeht, ist der Einfluss gar nicht so groß.«

Friedemann Schmude, Team Bulls

Zwar haben sich in der Vergangenheit einzelne Hersteller aus dem unmotorisierten Rennsport zurückgezogen, um sich stärker ihrem Elektrogeschäft zu widmen, doch das ist die Ausnahme. Die Rennsportszene hält stabil ihre Bedeutung. Umgekehrt hat das E-MTB zumindest bislang noch keine neuen Optionen für ambitionierte Rennfahrer geschaffen, wie Schmude feststellt. »Es gibt auch E-Sport, aber letztlich hat es noch keiner geschafft, das E-Bike im Rennsport zu etablieren.« Zwar gibt es verschiedene Konzepte und erste Rennen und Serien, doch diese sind allesamt bestenfalls in der Aufbauphase. »Noch ist nichts geeignet für Profis«, sieht Schmude. Das liegt auch an ganz handfesten praktischen Fragen. Wer etwa an einer international stattfindenden Rennserie teilnehmen wollte, müsste im Flugzeug nicht nur das eigentliche Bike, sondern auch mehrere Akkus mitführen. Dieses Gefahrgut geht aber nicht so einfach mit an Bord. Und auch die eigentliche Technik müsste sich von Serien-Bikes unterscheiden. Bekanntlich erlaubt der Gesetzgeber eine Toleranz von bis zu 10 Prozent bei der unterstützten Höchstgeschwindigkeit. Während also das eine Bike bei 27,5 km/h den Motor abschaltet, passiert das beim anderen schon viel früher. Es ist offensichtlich, dass letzteres Bike eine Niete im Rennsport wäre. Natürlich würden alle Bestrebungen darauf hinauslaufen, das Maximum herauszukitzeln, es ist schließlich Rennsport. Aber eine Tuning-Szene im E-MTB-Segment ist nicht gerade das, was dem Elektrofahrrad mittel- und langfristig hilft.
Auch das Limit von 25 km/h an sich ist für ambitionierte Bikerinnen und Biker wenig hilfreich: »Da fährt jeder die meiste Zeit darüber«, stellt Schmude lapidar fest.
Dieses einträchtige Nebeneinander von E-Breiten- und Nicht-E-Spitzensport ist vielleicht nicht von Dauer, denn das E-Mountainbike hat den klassischen MTB-Markt ziemlich gebeutelt. So sind die Verkaufszahlen von nicht motorisierten Mountainbikes innerhalb von sechs Jahren um runde 60 Prozent gefallen (laut ZIV von 382.000 in 2015 auf 151.200 verkaufte Einheiten in 2020).


Von 42.800 auf 585.000 verkaufte E-MTBs ist der jährliche Absatz binnen sechs Jahren gewachsen. Eine außerordentliche Dynamik, für die noch kein Ende in Sicht ist. Die Kundschaft steigt vom MTB um, während der Gesamt-MTB-Markt stark wächst.

Der rapide Niedergang wird zumindest von der Fahrradwirtschaft eher wenig bedauert, denn er wird mehr als kompensiert durch den rasanten Anstieg der elektrifizierten Bike-Variante, die auch noch meist eine kostspieligere Anschaffung ist. Das, was auf der unmotorisierten Seite wegfällt, wird auf der elektrifizierten also mehr als wettgemacht. Der Gesamtmarkt Mountainbike ist innerhalb von sechs Jahren bei Stückzahlen um über 57 Prozent gewachsen, vom wertmäßigen Zuwachs ganz zu schweigen. Wenn man sich also vor Augen führt, dass der E-MTB-Markt sich in nur sechs Jahren verdreizehnfacht hat, versteht man die leuchtenden Augen der Händler, die früh auf diesen Trend gesetzt haben.
Bei allem Jubel über diese Entwicklung fällt daneben auf, dass sich der motorisierte MTB-Markt vom unmotorisierten in allerhand Eigenheiten unterscheidet. So gibt es die verschiedenen MTB-Segmente in ihrer klaren Differenzierung und mit großer Produktvielfalt in dieser Form bislang eigentlich nur unmotorisiert. Wo dann doch eine Differenzierung stattfindet, verläuft sie entlang ganz anderer Linien: Leichte versus Allround-Antriebe, reine Gelände-E-MTBs versus komplette Alltagsausstattung samt Licht und Schutzblechen.

Gravity bleibt oft noch ohne Antrieb

Insbesondere fällt auf, dass die Gravity-Produkte wie Downhill und Enduro tendenziell noch eher selten in den Sortimenten der Hersteller zu finden sind. »Dass im Gravity-Sport noch einige Marken ohne Motor auskommen, liegt vor allem daran, dass diese Marken keine entsprechenden Mengen verkaufen und so für die relevanten OEM-Hersteller kaum interessant sind beziehungsweise dann auch preislich nicht mit der großen Konkurrenz am Markt mithalten können. Außerdem gibt es natürlich im Gravity-Bereich auch die Infrastruktur an Bikeparks, in denen dank Lift kein Motor am Rad benötigt wird«, erklärt Thorben Kriener, der als Marketing Manager bei Sports Nut mit der Marke NS Bikes im eigenen Portfolio die Strukturen sehr genau kennt. Doch zumindest an dieser Front sind Veränderungen in Sicht. Die Angebote wachsen in diesem Jahr deutlich und auch NS Bikes wird schon in diesem Jahr ein erstes E-Bike im Portfolio haben.
Auch Ole Jes Wittrock von Rotwild sieht, dass in dieser Hinsicht ein Auf- und Nachholprozess stattfindet.

»Das Angebot an E-Mountainbikes für unterschiedliche Einsatzbereiche und Anwendungsfälle wird weiter zunehmen.«

Ole Jes Wittrock, Rotwild

Gab es bisher grundsätzliche Fragen zu beantworten, folgen nun die nächsten Schritte hin zu noch mehr Fahrspsaß. »Das Segment gibt es erst seit wenigen Jahren und die Kinderkrankheiten sind beseitigt.
Nun entstehen neue Konzepte wie das Light-E-MTB.« So gehe es vermehrt darum, die Fahreigenschaften zu verbessern. »Bisher standen Akku und Motor im Vordergrund, jetzt geht es verstärkt auch um das Fahrerlebnis.«
Der Anspruch der Kunden laute, das E-Bike müsse sich »wie ein klassisches Mountainbike« fahren.


Das E-MTB hat seinem unmotorisierten Pendant innerhalb weniger Jahre den Rang abgelaufen.


Die Ansprüche an E-MTBs nehmen schon jetzt immer weiter zu. Das Fahrgefühl eines klassischen MTBs wird verlangt.

Wittrock weist darauf hin, dass gerade im High-End-Bereich die Federgabel und Dämpfer einen ebenso großen wie unterschätzten Einfluss auf den Preis haben wie Motor und Akku – und das völlig zu Recht. »Akku und Motor entscheiden, wie entspannt und wie weit man den Berg hochkommt. Fahrwerk, Kinematik und Geometrie entscheiden, wie man wieder runterkommt.«
Was sagt das alles über den Mountainbike-Sport insgesamt aus? Die Radfahrerinnen und Radfahrer lieben die Ausfahrt in die Natur, den Trail, das Gelände mehr denn je. Aber den Berg hochfahren und sich dabei verausgaben, das finden die wenigsten so richtig erstrebenswert. Die moderate Version mit E-Antrieb und dosierbarer Unterstützung trifft den Geschmack der Mehrheit offensichtlich auf den Punkt. Ist das klassische Mountainbike damit dem Tode geweiht? Nein, auch dafür wird es immer eine attraktive Zielgruppe geben. Sportliche (Höchst-)Leistung ist ein Reiz an sich. Mountainbike will never die, aber es könnte sein, dass der Sound nun deutlich anders klingt als früher.

3. Juni 2021 von Daniel Hrkac

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