
Kommentar - Eurobike
Dürfen die das?
Eine ganz grundsätzliche Frage, die in meiner Beobachtung bisher kaum jemand gestellt, geschweige denn beantwortet hat, lautet: Dürfen die das? Also, dürfen zwei Branchenverbände, von denen sich einer die Interessenvertretung der Dienstleister (und somit auch von Messegesellschaften) auf die Fahnen schreibt, zum Wettbewerber eines seit über 30 Jahren etablierten Marktteilnehmers werden? Und zwar in einer Form, die auf die Ablösung dieses Marktteilnehmers abzielt?
Die eher komplizierte juristische Antwort auf diese Frage will ich an dieser Stelle ausklammern. Mir geht es an dieser Stelle um die Frage der Legitimation und darum, welche Aufgaben ein Branchenverband hat und welche wirtschaftlichen Aktivitäten marktpolitisch vertretbar sind.
Die Branchenverbände werden sich diese Frage selbst schon gestellt haben, denn Gespräche mit deren Akteuren und Umfeld landen meist auch bei der Legitimation, die neben der Unzufriedenheit der Mitgliedsbetriebe mit dem bestehenden Messeformat auch mit Beispielen in anderen Branchen und Ländern hergeleitet wird.
Als prominentes Beispiel wird dabei der Automobilmesse IAA zitiert, aus deren Erträgen der Verband der Automobilindustrie einen Teil seiner finanziellen (Lobby-)Schlagkraft bezieht. Wesentlicher Unterschied: Der Vorläufer des VDA hat die IAA vor fast 125 Jahren selbst aus der Taufe gehoben. Auch der Vorläufer des ZIV hat schon mal eine eigene Fahrradmesse gegründet. Das war 1954, hieß IFMA und fand bekanntermaßen 2008 ein unrühmliches Ende. Die Eurobike hingegen hat die Messe Friedrichshafen 1991 selbst gestartet und – gegen jahrzehntelange Widerstände der Verbände – unabhängig zur Blüte gebracht. Wenn nun also der ZIV die "Ownership" an der Eurobike einforderte und das Scheitern der entsprechenden Verhandlungen als Grund für das eigene Konkurrenzformat ins Feld führt, finde ich diese Argumenation etwas befremdlich.
Beim Argument der Unzufriedenheit der Marktteilnehmer könnte Dienstleistern im Fahrradmarkt (...) etwas mulmig werden
Auch beim Argument der Unzufriedenheit der Marktteilnehmer könnte Dienstleistern im Fahrradmarkt, wie auch mir als Verleger, etwas mulmig werden. Denn mit demselben Argument ließe sich beispielsweise auch ein verbandseigenes Fachmedium begründen, wenn der Branche unsere Meinung nicht mehr gefällt oder wir einfach nur zeitweise einen schlechten Job machen würden. Oder ein Prüfinstitut, wenn deren Urteile nicht mehr auf Linie der Fahrradindustrie lägen. Oder eine Fahrradversicherung oder einen Leasing-Anbieter, wenn die Konditionen zu teuer werden. Entsprechende Präzedenzfälle lassen sich international übrigens auch finden.
Male ich hier ein unbegründetes Schreckgespenst an die Wand? Ja, vielleicht. Andererseits hätte ich mir auch Vorgänge, wie sie sich aktuell zwischen Verbänden und Eurobike abspielen, vor ein paar Jahren noch nicht vorstellen können. Finde ich es deshalb falsch, dass ZIV und Zukunft Fahrrad in einer wahrscheinlich fusionierten Zukunft mit ihrer Towards Tomorrow European Bike Show eine neue Leitmesse etablieren wollen?
Ich stecke da zugegebenermaßen noch in einem Meinungsdilemma. Grundsätzlich finde ich es bedenklich, wenn Branchenverbände einem etablierten Marktteilnehmer die Geschäftsgrundlage rauben wollen. Andererseits habe ich natürlich genauso wie viele andere Marktteilnehmer eine Sehnsucht nach einer großen Branchenleitmesse, unter deren Dach sich alle relevanten Player im Fahrradmarkt als Aussteller präsentieren. Daran wird sich die Towards Tomorrow European Bike Show künftig messen lassen müssen. Wird es ihr gelingen, die erste Liga der schon länger abwesenden Fahrradhersteller wie Cube, Trek, Giant, Corratec, Merida, Specialized, Scott, Stevens, PON und Accell auf ihr Messeparkett zu holen? Oder wird sie genauso wie die Eurobike an deren marktstrategischen Interessen scheitern? Werden neue Herausforderer wie Avinox oder Gobao genauso mit offenen Armen empfangen? Das sind wiederum neue Fragen, auf die wir bis zum 6. September 2027 Antworten erfahren werden.
Dieser Kommentar erschien zuerst in velobiz.de Magazin 8/26.
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