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Markt - Junge E-Bike-Marken

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Wer auf der Eurobike neue, innovative E-Bike-Hersteller suchte, die sich auch optisch abseits ausgetretener Pfade bewegen, für den war die Fachmesse am Bodensee in diesem Jahr ein Fest. Hier vier Beispiele von jungen Eurobike-Ausstellern, die bei Design und Konstruktion von E-Bikes neue Wege gehen.

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Südtiroler Design – niederländischer Look

Neue Räder erfordern neue Konstruktionen. Diesem Grundsatz scheint Armin Oberhollenzer zu huldigen. Der Südtiroler gründete 2013 in Bozen die Leaos GmbH, um ein ziemlich einzigartiges E-Bike auf den Markt zu bringen: Das Leaos Pure hat einen flächigen Carbonrahmen, der damals bereits Mittelmotor und Akku vollständig integrierte. Das nun auf der Eurobike 2018 vorgestellte Pressed Bike steigt wiederum mit einem Fast-Alleinstellungs-Merkmal in den Markt ein: Sein Rahmen besteht aus gepresstem Aluminium; zwei Hälften werden zu einer Form zusammengefügt. Charakteristisch dabei sind die schalenartigen Überlappungen der beiden Hälften, die dem Rahmen eine sehr eigenständige Form mit runden Abschlüssen geben. Oldtimer-Freunde erinnert das Bike an die Pressstahl-Rahmen im Mopedbau der 1970er Jahre. Auch wer diese Fahrzeuge nicht parat hat: Retro-Charme hat das Leaos für jeden Betrachter in Hülle und Fülle – Everybody‘s Darling will es optisch dennoch nicht sein.
Das Pressed Bike hat den Akku im etwas kräftiger ausgelegten Oberrohr – damit erinnert es manchen an die Fahrräder von Van Moof – allerdings ist der Stromspeicher beim Leaos mit 362 Wattstunden herausnehmbar und das Fach abschließbar. »Wir wollten eine ganz eigene Form mit funktionalen Vorteilen schaffen«, so Oberhollenzer, der ursprünglich aus dem Energiesektor kommt. Neben dem charakteristischen Oberrohr über den elegant-zierlichen Hinterbaustreben ist auch Integration ein Riesenthema – eines, das sich bei dieser Fertigungsart geradezu aufdrängt: Die Züge und Kabel verschwinden kurz hinter dem Steuerrohr im Hohlraum des Unterrohrs. Für den Hersteller hat das Rad den Vorteil der relativ einfachen und damit auch kostengünstigen Produktion. »Die Automotive-Branche ist mittlerweile sehr offen für neue Anwendungen, auch aus dem E-Bike-Bereich.«
Am Messestand von Leaos auf der Eurobike stellte sich auch der Designer des Pressed Bike vor, Harry Thaler. Sein Design des bekannten »Pressed Chair« nach derselben Fertigungsmethode war Ausgangspunkt für das E-Bike. »Eigentlich wollte ich schon immer ein Fahrrad machen«, so Thaler. »Als Armin Oberhollenzer, der auch den Stuhl kannte, auf mich zukam, war ich schnell dabei.« Bisher hatte Thaler, der auch eine Design-Professur in Bozen innehat, vor allem Möbel und architektonische Elemente entworfen. »Natürlich musste ich mich in den Fahrrad-Bereich erst einarbeiten«, erklärt er. »Die Geometrie war die größte Herausforderung. Vom ersten Entwurf bis hin zum serienfertigen Prototypen auf der Eurobike war aber eigentlich kaum mehr eine Veränderung notwendig. Ich musste kaum Kompromisse machen – eine sehr schöne Zusammenarbeit!« Etwa eineinhalb Jahre dauerte es vom ersten Entwurf bis zum fertigen Modell. Zu dem gehört – heute schon fast obligatorisch – eine App, mit der viele Parameter des Motors eingestellt werden können.
Angetrieben wird das Pressed Bike von einem Bafang-Heckmotor mit klassischen 250-Watt Dauerleistung. Konzipiert ist das Rad als reine Singlespeed-Maschine. Diese kleine, aber feine Nische, die vor einigen Jahren von Coboc in den Markt gedrechselt wurde, vereint leichtes Gewicht und eine Optik wie ein normales Sportrad mit den Vorzügen des E-Bikes. Eine kurze Probefahrt bestätigte: Das Pressed Bike passt da gut rein. Es fährt wie ein flottes Urban Bike mit Tendenz zum Geradeauslauf, der leise Motor passt zur der Sportrad-Charakteristik. Gerade mal 14 Kilogramm soll das Pressed Bike auf die Waage bringen. Das Einstiegsmodell – es gibt nur eine Rahmenhöhe, die für Körpergrößen von 1,70 bis 1,95 Meter passen soll – soll 2990 Euro kosten, das City-Modell mit Schutzblechen, breiteren Reifen, Licht und Träger 3235 Euro. Für mehr Reichweite wird gerade ein Solar-Panel mit 20 bis 25 Watt Leistung entwickelt. Im Rahmendreieck untergebracht, soll es während der Fahrt nachladen und die Reichweite vergrößern. Übrigens ist das Pressed Bike auch ohne Unterstützung erhältlich und soll dann um die neun Kilogramm wiegen.

Klassischer Auftritt mit inneren Werten

Viele ungewöhnliche Eigenschaften vereint der Eurobike-Award-Gewinner Geos in einem fast klassischen optischen Auftritt. Auch dieses E-Bike, das ab Anfang 2019 ausgeliefert werden soll, ist ursprünglich als Singlespeed konzipiert. Wahlweise kann es allerdings auch mit einer Tretlagerschaltung mit zwei oder drei Gängen bestellt werden. Wer das Geos mit klassischer Kette haben will, hat auch Kettenschaltungs-Option. Auch dieser Neueinsteiger kommt nicht aus der Branche: Geos-Gründer Peter Hanstein ist Geologe und war nach Aussage des Unternehmens Coboc ein »Coboc-Fahrer der ersten Stunde«. Sein Ziel: eine perfekte, aber puristische Synthese aus klassischem Fahrrad und E-Bike. Das vielleicht wichtigste Detail am Geos: Im fast normal dimensionierten Ober- und Unterrohr aus Stahl stecken jeweils Batteriezellen, die sich zu einem Akku von 378 Wattstunden summieren. Auch die komplette Steuerung ist dort geschützt aufgehoben. Für Wartung oder Austausch lässt sich die Technik durch die Öffnung am Steuerrohr entnehmen, die ansonsten vom Frontlicht verdeckt wird. Wie beim Pressed Bike läuft das Oberrohr nach hinten gerade aus und beherbergt ein Rücklicht. Es wird dort mit Magneten befestigt, dahinter befindet sich die Ladebuchse. Der Rahmen selbst wird nicht lackiert, sondern von einer Nickelschicht geschützt. Dieses ungewöhnliche Verfahren soll laut Hanstein Korrosion und Kratzer fast ausschließen. Für die Rahmenentwicklung war Flo Haeussler zuständig, der vor drei Jahren mit der eigenen Reiserad-Marke Fern in den Markt trat. Gebaut werden die Rahmen bei Fort in Tschechien.
Fast schon selbstverständlich: Auch hier sind nahezu alle Kabel und Züge integriert. Für die Gabel wird auf Carbon zurückgegriffen. Auf der integrativen, klaren Optik lag laut Hanstein ein besonderer Fokus. So sind selbst Front- und Heckleuchte optisch sehr harmonisch integriert. Allerdings bietet Geos als »echtes« Vorderlicht ein Supernova-Produkt an. Die integrierte Leuchte decke eher das Gesehen-Werden ab. Grundsätzlich soll das Rad beides perfekt beherrschen: Das Fahren ohne Unterstützung soll genauso Spaß bringen wie der Einsatz als E-Bike. Das Geos soll es ab Januar 2019 als Gravel-Variante mit leicht profilierten Reifen oder als Urban-Variante geben. Reifengrößen: 37-622 oder 50-584. Schutzbleche und Träger sind optional erhältlich. Die Einstiegsvariante wird 4750 Euro kosten und in drei Rahmenhöhen erhältlich sein.

Oh là là Coleen

Es gab mal eine Zeit, da kamen die schönsten Fahrräder, die man für Geld kaufen konnte, aus Frankreich. Audrey Lefort and Thibault Halm, die Gründer von Coleen, wollen mit ihrer Marke an diese Tradition anknüpfen. Und tatsächlich ist das jüngst erstmals auf der Eurobike vorgestellte E-Bike-Modell des 2014 im südfranzösischen Bayonne gegründeten Unternehmens ein Blickfang für velophile Menschen. Der Fahrrad-Historiker erkennt im Coleen eine Reminiszenz an das Arbeiter-Fahrrad aus den 1940er Jahren des französischen Designers Jean Prouvé. Doch wer nun glaubt, dass hinter dem Retro-Look des Coleen nur optische Effekthascherei steckt, urteilt vorschnell: Als Grundlage für die klassische Optik dient eine Fahrradkonstruktion, in der Hightech und vor allem viel Liebe zum Detail stecken. Am nur 1,9 Kilogramm schweren Rahmen aus Carbon sind rund 75 Bauteile montiert, die nicht aus dem großen Komponentenregal der OEM-Industrie stammen, sondern von den Franzosen selbst entworfen und in Kleinserie gefertigt werden. Selbst an die Bremshebel für die hydraulischen Scheibenbremsen haben die Coleen-Macher Hand angelegt.
Bereits im letzten Jahr feierte Coleen im Heimatland Premiere mit einem Modell ohne Elektroantrieb. Als prämierter Beitrag zum Eurobike Award wurde nun auch eine Version mit Elektroantrieb vorgestellt. Sowohl den Nabenmotor als auch die im Rahmen integrierte, entnehmbare Batterie mit 529 Wh Kapazität lässt Coleen nach eigenen Vorgaben in Frankreich fertigen. Kunden können künftig zwischen zwei E-Bike-Varianten wählen: mit 250-Watt-Motor und 25 km/h oder als Speed-Version mit 500-Watt-Motor und 45 km/h.
Am vergleichsweise niedrigen Gesamtgewicht der E-Bikes von 18 kg hat nicht nur das für Rahmen und Gabel verwendete Carbon maßgeblichen Anteil, sondern auch der leichte Nabenmotor (2,5 kg) und die Batterie (2,7 kg).
Dass so viel Liebe zum Detail nicht zum Schnäppchenpreis zu haben ist, liegt auf der Hand: Die in zwei Rahmengrößen angebotenen E-Bike-Modelle sollen im Fachhandel ab 4650 EUR aufwärts kosten. Ab dem kommenden Frühjahr, so der Plan der Franzosen, sollen die ersten E-Bikes zu den Kunden rollen. An einem Vertrieb für den deutschsprachigen Markt wird dabei gerade noch gearbeitet. Ein Exemplar des Original-Fahrrads von Jean Prouvé wurde übrigens vor ein paar Jahren in einer Kunst-Auktion für 72.400 Euro versteigert. So gesehen ist Coleen sogar ein Schnäppchen.

Der Reiz des Einfachen

Ebenfalls schick, aber mit Verkaufspreisen ab 2499 EUR nicht ganz so teuer, rollen die neuen E-Bikes von Cooper in der kommenden Saison in den Handel. Die Lizenz der Markenrechte im Fahrradsegment der nach dem englischen Mini-Tuner John Cooper benannten Marke wurde bereits im vergangenen Sommer von der Technibike GmbH übernommen, hinter der bekanntermaßen mit Technisat ein größerer Marktteilnehmer im Segment der Unterhaltungselektronik steckt.
Das E-Bike-Modell heißt bei Cooper einfach nur Cooper E. Und auch sonst zelebriert der anglophile Fahrradanbieter aus der Pfalz hier die Eleganz der Schlichtheit: Alle E-Bike-Komponenten, also Akku, Motor (mit Rekuperation) und Steuerung, stecken beim Cooper in der Hinterradnabe, die der italienische E-Bike-Ausrüster Zehus beisteuert. Schalthebel für die nicht vorhandene Gangschaltung und ein E-Bike-Display sucht der Cooper-Besitzer am aufgeräumten Lenker vergebens. Ansonsten gibt sich das Cooper E »very british«: Der Rahmen ist aus 520er Stahlrohren von Reynolds, der Sattel kommt von Brooks, Tretlager und Kette von Sturmey Archer. Als Neuheit stellte Technibike auf der Eurobike zudem das Cooper E Disc (VK: 2799 EUR) vor, das sich nicht nur durch die (Shimano-)Scheibenbremsen vom Cooper E unterscheidet, sondern auch durch den Gates-Riemenantrieb.
So schlicht und auf die pure Funktion konzentriert die E-Bikes von Cooper auftreten, so niedrig ist ihr Gewicht: Mit nur 13,5 kg zählen die Cooper-Bikes zu den leichtesten Vertretern ihrer Art.

13. August 2018 von Georg Bleicher

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